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Auch nach dem sogenannten „Lockdown“ gibt die Mehrheit der Befragten Anfang Juni 2020 an, sich weiterhin über das aktuell grassierende Coronavirus sowie die allgemeinen Entwicklungen der Lage auf dem Laufenden gehalten zu haben –  Ältere mehr noch als Jüngere. Insgesamt zeigt die Bevölkerung sich gut informiert. Sie nehmen Fehlinformationen als weit verbreitet wahr und sind dafür, solche „Fake News“ zu kennzeichnen. Das sind die Ergebnisse einer jüngst vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und dem Robert Koch-Institut veröffentlichten Studie.

Das Coronavirus ist in den Medien wie in privaten Gesprächen im Familien- und Freundeskreis oder am Arbeitsplatz omnipräsent. Seit Beginn der Pandemie sind wir einer beispiellosen Informationsflut ausgesetzt: von täglichen Infektionszahlen, über Informationen zu Symptomen, Risiken, Verhaltensempfehlungen und öffentlich geltenden Regeln, bis hin zu persönlichen Erfahrungsberichten oder globalen Vergleichen. Unklar ist, wie die Bevölkerung mit dieser Informationsflut umgegangen ist und wie sich das Informationsverhalten mit dem Rückgang der Infektionszahlen und den Lockerungen der flächendeckenden Maßnahmen Anfang Juni veränderte. So musste die Bevölkerung Anfang Juni damit rechnen, dass Risiken sich regional unterscheiden und Maßnahmen punktuell an das aktuelle Infektionsgeschehen angepasst werden.

Forschende des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Robert Koch-Institutshaben sich deshalb mit dem Informationsverhalten der deutschen Bevölkerung während der ersten Monate der Corona-Pandemie beschäftigt. Dabei sind sie folgenden Fragen nachgegangen: (1) Wie informierte sich die Bevölkerung nach eigenen Angaben zu Beginn der Lockerungsphase Anfang Juni rund um das Coronavirus und wie hat sich das Verhalten nach eigenen Angaben im Vergleich zu Anfang März verändert? (2) Über welche Themen, aus welchen Gründen und über welche Quellen informierte sich die Bevölkerung? (3) Wie ging die Bevölkerung mit Fehlinformationen um? (4) Wie nahm die Bevölkerung Risiken rund um das Coronavirus wahr und wie gut war sie zu den beiden Zeitpunkten der Befragung informiert? Um diese Fragen beantworten zu können, führten die Wissenschaftler*innen im Juni 2020 eine querschnittliche Online-Studie durch. In dieser befragten sie 1.107 Teilnehmer*innen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren zu ihrem Informationsverhalten Anfang März und Anfang Juni. Die Daten der Stichprobe sind nicht repräsentativ, da die Internetnutzung von älteren Menschen im Allgemeinen geringer ist. Allerdings wurde die Stichprobe so gezogen, dass sie der Verteilung von Alter, Geschlecht und Bundesland in der deutschen Bevölkerung entspricht.

Der Anteil der Befragten, der angab, sich rund um das Coronavirus zu informieren, ist insgesamt hoch. Für die Lockerungsphase Anfang Juni war der Anteil mit 78 Prozent nur etwas geringer als für Anfang März mit 86 Prozent. Dabei gibt es allerdings deutliche Altersunterschiede: Von den 18 bis 29-Jährigen gab rund ein Drittel an, sich eher nicht oder überhaupt nicht rund um das Coronavirus zu informieren, aber nur 10 Prozent der 60 bis 69-Jährigen. „Das muss nicht zwangsläufig problematisch sein, da die allgemeine Informiertheit sehr hoch zu sein scheint. Es wird dann zum Problem, wenn die durch das Coronavirus weniger gefährdeten Jüngeren durch Uninformiertheit Risikogruppen wie Ältere oder Personen mit Vorerkrankungen gefährden oder wenn neue Erkenntnisse und Maßnahmen nicht mehr zu allen Bevölkerungsgruppen durchdringen. Das muss weiter beobachtet werden“, erläutert Erstautorin Christina Leuker. Sie ist assoziierte Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation am Robert Koch-Institut.

Anfang Juni informierten sich die Befragten vornehmlich über die allgemeine Entwicklung der Lage, wie zum Beispiel zu Änderungen öffentlich geltender Regeln (87%) oder zu Fortschritten medizinischer Behandlungs- und Testmethoden (78%). Informationen zum persönlichen Risiko und zum Umgang mit dem Virus sind Anfang Juni dagegen von geringerem Interesse als zu Beginn der Pandemie Anfang März. Während sich das Themeninteresse verschoben hat, blieben die Gründe sich zu informieren vor und nach dem sogenannten „Lockdown“ konstant: Die meisten Befragten informierten sich Anfang Juni wie Anfang März, um über Veränderungen der aktuellen Situation auf dem Laufenden zu bleiben und um von neuen Anordnungen zu erfahren.

Von einem Großteil der Befragten wurden dabei Fehlinformationen als weit verbreitet wahrgenommen: 59 Prozent der Befragten gaben an, mehrmals pro Woche bis mehrmals am Tag auf solche „Fake News“ zu stoßen. Als Quelle wurden am häufigsten die sozialen Medien genannt (73%). Das ist möglicherweise problematisch, da etwas über die Hälfte der Befragten angab, soziale Medien zu nutzen, um sich rund um das Coronavirus zu informieren. 75 Prozent der Befragten befürworteten es, falsche und irreführende Informationen zu kennzeichnen und auf eine Richtigstellung hinzuweisen. Aber auch das direkte persönliche Umfeld wurde als Quelle von Fehlinformationen wahrgenommen. Um unsichere Informationen zu prüfen, gab etwa die Hälfte der Befragten an, auf Suchmaschinen und entsprechende Webseiten zurückzugreifen. Dagegen fragten nur 23 Prozent jemanden aus ihrem Haushalt.

Gesundheitliche Risiken wurden je nach Altersgruppe unterschiedlich bewertet. Unter den Befragten zwischen 60 und 69 Jahren war die Sorge vor schweren gesundheitlichen Folgen im Falle einer Infektion im Vergleich zu den Befragten zwischen 18 und 29 Jahren deutlich höher (61% im Vergleich zu 24%). Zudem hält zum Zeitpunkt der Befragung über die Hälfte dieser jüngeren Altersgruppe eine Infektion bei einer Person ihres Alters und Geschlechts für unwahrscheinlich. Dies ist problematisch: Wenn die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren unterschätzt wird, können Jüngere zur Ansteckungsgefahr für andere werden.

Alle Altersgruppen verfügten über einen soliden Wissensstand zu den Themen „geltende Anordnungen“, „Infektion und Behandlung“, „Kontrolle der Epidemie“, „Risikogruppen” und „Übertragung” (71% bis 85% richtige Antworten je nach Themengebiet). Systematische Wissenslücken bestanden allerdings bei einigen Sachverhalten: 62 Prozent wussten beispielsweise nicht, dass stark übergewichtige Personen zur Risikogruppe zählen. Hier besteht nach Ansicht der Studienautor*innen weiterer Kommunikationsbedarf. Auch sollten passende Strategien für Personen entwickelt werden, die sich mit der Zeit weniger informieren oder nur bestimmte Quellen in Betracht ziehen, um einer möglichen Informationsermüdung entgegenzuwirken und aktuelle Maßnahmen weiterhin wirksam zu kommunizieren.

 

Noch im September soll es eine zweite Befragung zum Informationsverhalten geben. „Wir möchten herausfinden, ob die Menschen informationsmüde werden oder ob sie sich wieder vermehrt informieren – auch vor dem Hintergrund, dass sich das Leben im Herbst wieder vermehrt in Innenräumen abspielen wird und damit das Ansteckungsrisiko steigt“, sagt Studienautorin Nadine Fleischhut, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Die zweite Befragung wird aber auch neue Fragen behandeln, zum Beispiel wie sehr sich die Menschen an aktuelle Verhaltensregeln halten und wie sie das Verhalten anderer wahrnehmen.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung


Originalstudie

Leuker, C., Hertwig, R., Gumenik, K., Eggeling, L. M., Hechtlinger, S., Kozyreva, A., Samaan, L., Fleischhut, N. (2020). Wie informiert sich die Bevölkerung in Deutschland rund um das Coronavirus? Umfrage zu vorherrschenden Themen und Gründen, dem Umgang mit Fehlinformationen, sowie der Risikowahrnehmung und dem Wissen der Bevölkerung rund um das Coronavirus. Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. doi:10.17617/2.3247925 

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um einen Preprint, der noch nicht peer-reviewed ist. Die Studie ist Teil von mehreren Erhebungen, die dann gesammelt als wissenschaftliche Publikation eingereicht werden sollen. Alle Daten und Schlussfolgerungen sind als vorläufig zu betrachten und unterliegen ständiger Veränderung. Die aktuellen Auswertungen sind vor allem deskriptiv; es können keine Aussagen über Ursache und Wirkung getroffen werden.