VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Mon, 08 Jun 2026 12:45:46 +0200 Mon, 08 Jun 2026 12:45:46 +0200 TYPO3 news-39005 Mon, 08 Jun 2026 12:40:58 +0200 Biotechnologie-Branchenverband fordert mehr Tempo bei der Umsetzung finanzpolitischer Rahmenbedingungen https://www.vbio.de/aktuelles/details/biotechnologie-branchenverband-fordert-mehr-tempo-bei-der-umsetzung-finanzpolitischer-rahmenbedingungen Anlässlich des heute in Berlin stattfindenden Biotech Finanz-Gipfel fordert der Biotechnologie-Branchenverband BIO Deutschland e. V. die Regierung auf, jetzt die Umsetzung ihrer zahlreichen Strategien und Vorhaben energisch voranzutreiben.  Nach mehr als einem Jahr im Amt ist bei den finanzpolitischen Rahmenbedingungen bisher wenig passiert, was die Schlüsselindustrie Biotechnologie finanziell stärken würde. Stattdessen werden sogar Maßnahmen ergriffen, die dem Biotech-Standort schaden. In dem aktualisierten Positionspapier der Finanzexpertinnen und -experten des Verbands, welches heute beim Finanz-Gipfel vorgestellt wird, finden sich zahlreiche Vorschläge, wie Deutschland zu einem international führenden Biotechnologie-Standort werden kann. Roland Sackers, Vorstandsvorsitzender des BIO Deutschland, sagt: „Die Bundesregierung hat mit der Hightech Agenda Deutschland richtige und wichtige Weichen für die Schlüsseltechnologie Biotechnologie gestellt. Das alleine wird aber nicht reichen, um ausreichend Veränderungen hervorzurufen. Die kürzlich veröffentlichten Meilensteine der Roadmap der Hightech Agenda gehen beispielsweise nicht auf steuerliche oder finanzpolitische Rahmenbedingungen ein. Hier sind andere Bundesministerien, insbesondere das Bundesfinanzministerium, gefordert, schnellstmöglich steuerliche Rahmenbedingungen zu setzen, die wirklich etwas bewegen können.”

Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, ergänzt: „Wir brauchen dringend mehr Tempo bei der Umsetzung von wichtigen Vorhaben. So sind beispielsweise von den 25 Milliarden, die über die Initiative Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland, kurz WIN, von institutionellen Investoren in VC investiert werden sollen, gerade einmal 12 Milliarden zugesagt und erst 2,7 wirklich geflossen. Das reicht nicht, um Unternehmen mit hohem Kapitalbedarf in der Wachstumsphase, wie beispielsweise Therapieentwicklern, zu helfen. Andere Maßnahmen, wie die Reform zur Gesetzlichen Krankenversicherung, konterkarieren sogar die Bemühungen, Deutschland zu einem attraktiven und erfolgreichen Biotech-Standort zu machen. Die jüngsten Ankündigungen von internationalen Pharmakonzernen, geplante Milliarden-Investitionen in den deutschen Standort als Reaktion auf das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz zurückzufahren, sprechen für sich.”

Das aktuelle Positionspapier des BIO Deutschland bietet konkrete, umsetzbare Empfehlungen für Politik und Verwaltung, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Biotechnologie-Branche sichern können, um Venture Kapital zu mobilisieren, das Start-up Ökosystem zu stärken, die Projektförderung zu verbessern, die Steuerpolitik wettbewerbsfähig zu gestalten und auch auf EU-Ebene Rahmenbedingungen zu reformieren.

Das Finanz-Positionspapier kann hier heruntergeladen werden: www.biodeutschland.org/.../positionspapier-des-bio-deutschland-e-v-finanz-und-steuerpolitische-handlungsempfehlungen.html

Auf dem Biotech Finanz-Gipfel treffen sich Finanzvorstände, Geschäftsführer sowie Leiterinnen und Leiter Corporate Finance und Rechnungswesen von Biotechnologie-Unternehmen. In diesem Jahr werden auf der Veranstaltung zudem der EY-Biotech-Report 2026 mit den Biotechnologie-Branchenkennzahlen in Kooperation mit EY vorgestellt.

Hier geht es zum EY-Biotech-Report: Deutscher Biotechnologie-Report 2026 | EY - Deutschland

BIO Deutschland

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Politik & Gesellschaft Biobusiness Berlin
news-39004 Mon, 08 Jun 2026 12:19:55 +0200 Handbuch erschienen: "Citizen Science – Gemeinsam Forschen" https://www.vbio.de/aktuelles/details/handbuch-erschienen-citizen-science-gemeinsam-forschen Citizen Science gewinnt im Wissenschaftsbetrieb in Deutschland, der Schweiz und Österreich an Bedeutung. Soziale Medien, Apps oder mobile Sensorik eröffnen neue Möglichkeiten, interessierte Bürgerinnen und Bürger aktiv an Forschung zu beteiligen. Allerdings fehlte bislang ein praxistauglicher Überblick über Strategien, Strukturen, Arbeitsprozesse, Potenziale und Grenzen von Citizen-Science-Projekten. Diese Lücke schließt das Open-Access-Handbuch „Citizen Science – Gemeinsam forschen!“, das ein Gremium von Herausgeber:innen verschiedenster Institutionen veröffentlicht hat, darunter das UFZ und das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).  Aktuell gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als 300 Citizen-Science-Projekte, Tendenz steigend. Viele der Vorhaben sind in den Natur-, Gesundheits- und Umweltwissenschaften angesiedelt, doch auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften hat bürgerwissenschaftliche Forschung eine lange Tradition, etwa in Museen, Bibliotheken, Archiven und Wissenschaftsläden. Und auch das gesellschaftliche Interesse an der Teilhabe an Wissenschaft ist groß: So vermeldet das Wissenschaftsbarometer 2024, dass in Deutschland 43 Prozent der Befragten gerne einmal in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt mitforschen würden. Damit offenbart sich ein riesiges Potenzial, bei der Beschaffung dringend benötigter Forschungsdaten mitzuhelfen. Prof. Aletta Bonn, eine der Herausgeberinnen des Buchs und Biologin an UFZ/iDiv/Universität Jena, sieht darüber hinaus weitere Mehrwerte, etwa den Bildungsaspekt. „Bei den Teilnehmenden entwickelt sich durch die Einbindung in die Forschung oft ein deutlich vertiefteres Verständnis als beispielsweise durch einen Vortrag und sie ändern möglicherweise ihr Umweltverhalten. Zudem wird das Vertrauen in die Wissenschaft gestärkt“, sagt sie.

Mehr als 90 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Forschungsraum haben nun ihre Erfahrungen aus Citizen-Science-Projekten zusammengetragen, kuratiert durch sieben Herausgeberinnen und Herausgeber verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen – dem UFZ, dem iDiv, der Universität Oulu (Finnland), dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, der Universität Zürich, der Universität für Bodenkultur Wien und der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft. 

Das Handbuch stellt aktuelle Fallbeispiele und Forschungsansätze vor und beantwortet zentrale Fragen der Praxis: Wie beteiligt und organisiert man Freiwillige in einem Citizen-Science-Projekt? Wie lassen sich die Daten sichern und managen? Welche rechtlichen und ethischen Aspekte sollten beachtet werden? Welche neuen Technologien und KI-Anwendungen können genutzt werden? Wie kann Citizen Science in Wissenschaft, Bildung und politische Entscheidungsprozesse integriert werden? „Wir wollen mit dem Handbuch allen, die Lust auf Citizen-Science-Projekte haben, Tipps und Tricks an die Hand geben, wie diese gelingen können“, sagt Aletta Bonn. 

Deshalb bietet das Buch im ersten Kapitel sogenannten „Gelingungsfaktoren“ einen breiten Raum. Eine der wesentlichen Herausforderungen ist das Community Management, also die Frage, wie sich unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster von Bürger:innen, Wissenschaftler:innen und weiteren Stakeholdern im Forschungsprozess zusammenbringen lassen – und zwar von der Projektkonzeption, der Ansprache und Gewinnung von Bürgerforschenden über deren Aus- und Weiterbildung bis hin zu deren Betreuung und Anerkennung für deren Engagement. Wichtig ist dabei beispielsweise, mit gesellschaftlichen Partnern zusammenzuarbeiten, die eine hohe fachliche Kompetenz mitbringen. Im bundesweiten Projekt FLOW erfassen beispielsweise rund 1.000 Teilnehmende aus Umweltverbänden und Anglervereinen gemeinsam mit Schüler:innen und anderen Gruppen in kleineren Fließgewässern standardisiert Daten zur Gewässerstruktur, zur Wasserqualität und zu wirbellosen Tieren. Mithilfe eines Bioindikators lassen sich so Rückschlüsse auf die Pestizidbelastung der Bäche in Deutschland ziehen. Einen weiteren Ansatz verfolgt das UFZ im seit mehr als 20 Jahren laufenden Tagfalter-Monitoring-Deutschland, in dem bundesweit mehr als 500 qualifizierte Ehrenamtliche Tagfalter auf ausgewählten Strecken erfassen und ihre Beobachtungen in eine online-Plattform eintragen. Es hat seitdem nicht nur viele wertvolle Informationen über die Schmetterlingswelt geliefert – sondern auch dazu, wie Landnutzung und Klimawandel den Zustand der Natur insgesamt verändern. 

Weitere Kapitel des Handbuchs thematisieren fachliche Anwendungsfelder für Citizen Science wie neuerdings die Geschichtsforschung, die Kunst oder die Medizin sowie potenzielle Techniken, Instrumente und Werkzeuge und deren Integration in Forschung und Bildung. „Wichtig ist die wertschätzende Verankerung im Wissenschaftssystem mit Reputationskriterien und guten Rahmenbedingungen“, sagt Prof. Thora Herrmann von der Universität Oulu (Finnland). Einer der entscheidenden Aspekte ist dabei die Datenqualität: Viele Citizen-Science-Projekte haben den Anspruch, mit den Ehrenamtlichen neue Daten für die Wissenschaft zu gewinnen. „Deshalb braucht jedes Citizen-Science-Projekt genauso wie ein herkömmliches Forschungsprojekt das passende Versuchsdesign“ ergänzt Thora Herrmann. Projekte sollten klar festlegen, wie die Daten erhoben, auf ihre Plausibilität geprüft sowie über Datenplattformen aufbereitet und archiviert werden. 

Das Handbuch richtet sich an Menschen in Verbänden, Museen, Bibliotheken, NGOs, Bildung- und Forschungseinrichtungen sowie interessierte Einzelpersonen, die Citizen-Science-Projekte planen, aufbauen oder umsetzen möchten. Zudem enthält es wertvolle Impulse für Mitforschende von Citizen-Science-Projekten sowie für Wissenschaftler:innen in Forschungsorganisationen, die sich mit Fragen der Bürgerbeteiligung in wissenschaftlichen Prozessen auseinandersetzen.

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ


Originalpublikation:

Thora Herrmann, Miriam Brandt, Daniel Dörler, Florian Heigl, Christin Liedtke, Mike Martin, Aletta Bonn (Hrsg): „Citizen Science – Gemeinsam forschen! Ein Handbuch für Wissenschaft und Gesellschaft“, Springer Verlag Berlin, Heidelberg, https://doi.org/10.1007/978-3-662-69703-0

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Wissenschaft Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-39003 Mon, 08 Jun 2026 12:05:57 +0200 Wissenschaftsorganisationen in den USA warnen vor politischer Kontrolle statt Peer View https://www.vbio.de/aktuelles/details/wissenschaftsorganisationen-in-den-usa-warnen-politische-kontrolle-statt-peer-view Forscherinnen und Forscher in den USA schlagen Alarm: Ein neuer Vorschlag des Weißen Hauses könnte das Herzstück wissenschaftlicher Qualitätssicherung treffen – das unabhängige Peer‑Review‑Verfahren. Künftig sollen politisch ernannte Entscheidungsträger stärker darüber bestimmen, welche Projekte Fördermittel erhalten. Kritiker warnen, dies würde die wissenschaftliche Freiheit aushöhlen und jene Forschung gefährden, die in den vergangenen Jahrzehnten bahnbrechende Fortschritte hervorgebracht hat. Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Frage, wer in Zukunft entscheidet, welche Ideen verfolgt werden dürfen: wissenschaftliche Expertise oder politische Opportunität. Ein Eingriff mit potenziell weitreichenden Folgen für die Forschungslandschaft der USA – und darüber hinaus.

Mehr dazu unter cnn.com: Researchers say this new Trump rule could destroy American science as we know it. They’re fighting back

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Politik & Gesellschaft International
news-39002 Mon, 08 Jun 2026 11:43:04 +0200 Neue Einblicke in die Proteinproduktion von Bakterien https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-einblicke-in-die-proteinproduktion-von-bakterien Wie steuern Bakterien die Herstellung ihrer Proteine? Dieser Frage sind Forschende der Universität Hamburg gemeinsam mit internationalen Partnern nachgegangen. Dabei konnten sie zeigen, wie kleine Eiweißbausteine, sogenannte Peptide, die Proteinproduktion von Bakterien gezielt beeinflussen.  Proteine sind die zentralen Bausteine und Werkzeuge jeder Zelle. Hergestellt werden sie von den Ribosomen – winzigen molekularen Fabriken. Im Mittelpunkt der Untersuchungen des internationalen Teams stand ein enger Kanal im Ribosom. Durch diesen sogenannten Peptid-Ausgangstunnel verlässt das neu gebildete Protein das Ribosom. Die Forschenden konnten zeigen, dass Interaktionen von Peptiden mit diesem Tunnel zugleich als wichtiger Kontrollpunkt dienen, der darüber entscheidet, ob die Proteinproduktion fortgesetzt oder gestoppt wird.

Zu Beginn untersuchte das Team antimikrobielle Peptide, die Bakterienwachstum hemmen können, indem sie sich an den Tunnel binden und ihn so blockieren. Mithilfe von Genomdatenbanken identifizierten die Forschenden neue Vertreter dieser Molekülklasse. Obwohl sich viele dieser Peptide stark ähneln, können bereits kleinste Veränderungen ihrer Struktur dazu führen, dass sie die Proteinproduktion auf unterschiedliche Weise blockieren.

Anschließend nahmen die Forschenden das Peptid CliM genauer unter die Lupe, das in bestimmten Bakterien aus der Spezies Clostridien vorkommt. Eine Spezies, die auch immer wieder mit einer Dysbalance des Mikrobioms im Darm in Verbindung gebracht wird. Anders als die antimikrobiellen Peptide tötet es keine Bakterien ab. Stattdessen dient es als internes Warnsignal. Wenn wichtige Proteine nicht richtig in die Zellmembran eingebaut werden, kann CliM die Proteinproduktion vorübergehend stoppen und so helfen, das Gleichgewicht innerhalb der Zelle wieder herzustellen. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Ausgangstunnel des Ribosoms weit mehr ist als ein einfacher Durchgang für neu gebildete Proteine. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Proteinproduktion“, sagt Daniel N. Wilson, Professor am Fachbereich Chemie der Universität Hamburg und Mitautor der beiden Studien.

Die Forschenden sehen in den Ergebnissen eine wichtige Grundlage für das Verständnis bakterieller Regulationsmechanismen. Langfristig könnten die Erkenntnisse zudem dazu beitragen, neue antibakterielle Wirkstoffe zu entwickeln, die gezielt an den Ribosomen von Bakterien angreifen.

Universität Hamburg


Originalpublikationen:

Huang, W., Berger, M.J., Safdari, H.A. et al. Flipping antimicrobial peptides in the exit tunnel of the bacterial ribosome. Nat Commun 17, 4914 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-74007-x

Yoshida, M., Gersteuer, F., Berendes, O. et al. Diverse mechanisms of translation arrest by a Clostridia ribosome stalling peptide CliM. Nat Commun 17, 4202 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72673-5

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Wissenschaft Hamburg
news-39001 Mon, 08 Jun 2026 11:37:52 +0200 Ein neuronaler Rezeptorkomplex mit speziellen Eigenschaften https://www.vbio.de/aktuelles/details/ein-neuronaler-rezeptorkomplex-mit-speziellen-eigenschaften Nervenzellen im Gehirn kommunizieren über chemische Botenstoffe. Diese Botschaften werden durch vielfältige Rezeptorproteine interpretiert. An einem speziellen Rezeptorkomplex wurden überraschende Beobachtungen gemacht. Um erregende Signale weiterzugeben, nutzen Nervenzellen häufig Glutamat als Botenstoff. Für die Detektion dieses Botenstoffes können sie auf ein ganzes Repertoire an verschiedenen Glutamatrezeptoren zurückgreifen, was es ihnen ermöglicht, diese Signale unterschiedlich zu interpretieren. Die Funktion eines speziellen Rezeptorkomplexes haben Forscherinnen am Lehrstuhl Zelluläre Neurobiologie von Prof. Dr. Andreas Reiner an der Ruhr-Universität Bochum in enger Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern in New York (Department of Biochemistry and Biophysics, Weill Cornell Medicine) untersucht. Dabei machten sie einige überraschende Beobachtungen.

Aufbau aus verschiedenen Untereinheiten

Der Aufbau von ionotropen Glutamatrezeptoren, kurz iGluRs, die als Glutamat-aktivierte Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen fungieren, ist seit vielen Jahren bekannt. Alle iGluRs bestehen aus vier Untereinheiten, die eine gemeinsame Ionenkanalpore bilden. Jede der Untereinheiten besitzt eine Glutamatbindestelle. Wie sich aber die Bindung von Glutamat auf einzelne Untereinheiten auswirkt, und wie diese zusammen die Öffnung und Schließung des Rezeptors bewirken, ist weitgehend unklar. Untersucht hat das Forschungsteam dies an einem speziellen Glutamatrezeptorkomplex, dem sogenannten GluK2/GluK5-Kainatrezeptor, der sich aus zwei GluK2- und zwei GluK5-Untereinheiten zusammensetzt.

Eine wichtige Ausgangsbeobachtung war, dass allein die Bindung von Liganden an die beiden GluK5-Untereinheiten ausreichend ist, um den Rezeptor zu aktivieren. Mithilfe von schnellen Patch-Clamp-Messungen konnte Laura Moreno Wasielewski, eine der Erstautorinnen der Studie, zeigen, dass 5-Iodowillardiin, ein Agonist, der nur an den GluK5-Untereinheiten bindet, die Rezeptoren in einen dauerhaft geöffneten Zustand bringt. „Das ist bemerkenswert“, berichtet Laura Moreno Wasielewski, „da man aufgrund der Anordnung der Untereinheiten davon ausgegangen war, dass vielleicht nur die GluK2-Untereinheiten, die enger an die Ionenkanalpore gekoppelt sind, eine Aktivierung vermitteln würden“.

Strukturbiologische Untersuchungen bringen Aufklärung

Weitere Einblicke in den Schaltmechanismus dieses Rezeptorkomplexes brachten cryo-elektronenmikroskopische Strukturuntersuchungen, die im Labor von Prof. Dr. Joshua Levitz in den USA durgeführt wurden. Die Strukturen zeigten deutlich, dass die Ligandenbindung an die GluK5-Untereinheiten zu einer Verschiebung der benachbarten GluK2-Untereinheiten führt. „Dies war unerwartet; es erklärt aber, warum auch die strukturell ungünstiger positionierten GluK5-Untereinheiten die Kanalpore öffnen können“, fasst Andreas Reiner zusammen. Die Strukturen bestätigten ferner, dass eine Teilbesetzung der Untereinheiten zwar zu Verschiebungen führt, die für eine Aktivierung ausreichend sind, eine großflächigere Umstrukturierung, die für die anschließende Inaktivierung (Desensitisierung) der Rezeptoren verantwortlich ist, aber noch ausbleibt. Diese ist erst bei Besetzung von allen vier Untereinheiten zu beobachten.

Die Strukturen zeigten noch ein weiteres überraschendes Detail: So wurde deutlich, dass sich, anders als bei allen anderen Kainat- und den verwandten AMPA-Rezeptorkomplexen, eine ungewöhnlich enge Interaktion zwischen den gegenüberliegenden GluK5-Untereinheiten ausbildet. In begleitenden Patch-Clamp-Messungen fanden die Forschenden, dass diese Interaktion auch eine wichtige funktionale Rolle spielt. „Diese Kontakte scheinen bedeutsam für die ungewöhnlich langsame Deaktivierung der GluK2/GluK5-Rezeptoren zu sein, die sich etwa zehnmal langsamer abschalten als andere Kainatrezeptoren“, fasst Laura Moreno Wasielewski ihre Untersuchungen zusammen.

Funktion im Nervensystem

Welche Rolle die ungewöhnlichen Eigenschaften des Rezeptors für die Funktion des Nervensystems spielen, bleibt noch zu klären. Bekannt ist, dass der GluK2/GluK5-Rezeptorkomplex vor allem einen steuernden, modulatorischen Einfluss auf die Synapsen ausübt. Gerade dies macht den Rezeptor als Ansatzpunkt für pharmakologisch-therapeutische Zwecke interessant, zumal er der häufigste im menschlichen Gehirn vorkommende Kainatrezeptor sein dürfte. Da GluK2- und GluK5-Untereinheiten deutlich unterschiedliche Affinitäten für Glutamat haben, könnten gerade die hier untersuchten, teilbesetzten Zustände physiologisch bedeutsam sein – zum Beispiel indem sie zu langanhaltenden, nicht-desensitisierenden Strömen führen, die sonst eher ungewöhnlich sind. „Völlig unklar ist derzeit auch, inwieweit die langsame Deaktivierung des Rezeptors zu den synaptischen Signalen beiträgt. Die von uns identifizierten GluK5-GluK5-Interaktionen eröffnen nun die Möglichkeit, dies experimentell zu untersuchen“, führt Andreas Reiner fort. Die strukturellen Informationen könnten zukünftig auch die Entwicklung von spezifischen Wirkstoffen ermöglichen, die auf diesen speziellen Rezeptor zugeschnitten sind.

Ruhr-Universität Bochum


Originalpublikation:

Khanra, N.K., Strauss, A., Moreno Wasielewski, L. et al. Structures of partially occupied hetero-tetramers provide insight into kainate receptor activation and desensitization. Nat Commun 17, 3789 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72226-w

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-39000 Mon, 08 Jun 2026 10:07:17 +0200 Rat der Europäischen Union legt neuen Rahmen für Wissenschaftsdiplomatie fest https://www.vbio.de/aktuelles/details/rat-der-europaeischen-union-legt-neuen-rahmen-fuer-wissenschaftsdiplomatie-fest Der Rat der Europäischen Union hat eine Empfehlung zur Festlegung eines neuen Rahmens der Europäischen Union für Wissenschaftsdiplomatie angenommen. Damit soll die weltweite Führungsrolle der Union in Wissenschaft und Technologie gestärkt und die wissenschaftliche Zusammenarbeit genutzt werden, um ihre außenpolitischen Ziele voranzubringen. Wissenschaft als diplomatisches Instrument

In der Empfehlung wird betont, dass die Wissenschaft ein globales öffentliches Gut ist und dass die wissenschaftliche Zusammenarbeit Vertrauen schaffen und den Dialog mit Drittländern erleichtern kann. Bedeutend ist dabei eine offene und sichere internationale Zusammenarbeit in Forschung und Innovation, etwa auf der Grundlage der Assoziierung von Drittländern mit „Horizont Europa“ und anderen Initiativen wie „Choose Europe for Science“.

Im neuen Rahmen wird gefordert, die Wirkung der Wissenschaftsdiplomatie im Hinblick auf den Schutz und die Förderung der Werte der Union, einschließlich Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte, zu maximieren. Die Wissenschaftsdiplomatie spielt eine Rolle bei der Verfolgung der Wettbewerbsinteressen der EU, wobei wissenschaftliche Ziele mit außen- und sicherheitspolitischen Interessen in Einklang gebracht werden müssen. Dazu zählt auch, Risiken zu bewerten und Chancen zu nutzen, etwa bei der künstlichen Intelligenz und der Quantentechnologie.

Stärkere Partnerschaften

Der Rat bringt seine Entschlossenheit zum Ausdruck, die Partnerschaften mit dem globalen Süden zu stärken, um die Forschungskapazitäten zu unterstützen und gemeinsame globale Herausforderungen zu bewältigen. Insbesondere fordert er die Einrichtung eines Zentrums für Wissenschaftsdiplomatie im Mittelmeerraum.

Ferner werden die Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, Unterstützungsmaßnahmen für die Koordinierung der Wissenschaftsdiplomatie zwischen den Regierungen und mit Interessenträgern zu schaffen und Verbindungen zwischen ihren diplomatischen Diensten und Forschungseinrichtungen, Universitäten und anderen Hochschuleinrichtungen, einschließlich der Allianzen der Initiative „Europäische Hochschulen“, zu fördern.

Ein besonderer Schwerpunkt des heute angenommenen Textes ist die Einbeziehung der Wissenschaftsdiplomatie in Programme der allgemeinen und beruflichen Bildung, um jüngere Generationen zu sensibilisieren.

Zudem wird die Kommission aufgefordert, bahnbrechende globale Entwicklungen in Forschung, Technologie und Innovation, wie die verstärkte Nutzung von KI in der Wissenschaft, stärker zu überwachen und ihre Auswirkungen zu bewerten.

Nicht zuletzt wird hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Forschungssicherheit aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass die Bemühungen im Bereich der Wissenschaftsdiplomatie auf das auswärtige Handeln der Union abgestimmt sind.

Rat der Europäischen Union


Empfehlung des Rates über einen neuen Rahmen für Wissenschaftsdiplomatie 

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Politik & Gesellschaft International
news-38999 Mon, 08 Jun 2026 09:12:57 +0200 Versteckter Schalter für elastische Herzen https://www.vbio.de/aktuelles/details/versteckter-schalter-fuer-elastische-herzen Ein bislang unbekannter genetischer Schalter beeinflusst ein wichtiges Protein in den Zellen des Herzens: RBM20. Der Schalter könnte eine Zielstruktur für neue Medikamente sein, um Kardiomyopathien künftig präziser zu behandeln.  Das menschliche Herz muss sich an wechselnde Aufgaben permanent anpassen. Dies erfordert fein abgestimmte molekulare Veränderungen in seinen Zellen. Einer der wichtigsten Regulatoren solcher Prozesse ist das Protein RBM20. Es steuert das „alternative Spleißen“ – einen Vorgang, durch den eine Zelle aus demselben Gen unterschiedliche Boten-RNA herstellen kann. 

Zusammen mit anderen Proteinen im Herzen hilft RBM20, die Produktion des Riesenmoleküls Titin zu regulieren, das wie eine molekulare Feder wirkt und den Herzmuskel elastisch hält. Defekte im RBM20-Gen können die Elastizität des Herzmuskels beeinträchtigen und stehen im Zusammenhang mit schweren Kardiomyopathien und Herzschwäche.

Forschende der Arbeitsgruppe „Translationale Kardiologie und Funktionelle Genomforschung“ von Professor Michael Gotthardt am Max Delbrück Center haben jetzt gemeinsam mit Kolleg*innen entdeckt, dass das RBM20-Gen von verschiedenen Startpunkten aus aktiv werden kann. Dadurch können aus ihm unterschiedlich aufgebaute RNA- und Protein-Moleküle hervorgehen, die man als Isoformen bezeichnet. Die in „Nature Communications“ veröffentlichten Ergebnisse enthüllen eine unerwartete neue Ebene der Genregulation im Herzen.

„RBM20 ist als Krankheitsgen bekannt und schon jetzt eine wichtige Zielstruktur für Medikamente gegen Kardiomyopathien und Herzinsuffizienz“, sagt Dr. Michael Radke aus Gotthardts Team, einer der Erstautor*innen der Publikation. „Unsere Studie legt nahe, dass künftige therapeutische Strategien möglicherweise nicht nur berücksichtigen sollten, wie viel RBM20 produziert wird, sondern auch, um welche Isoform es sich handelt.“

Krankheitsspezifische Muster

Um den Mechanismus des unbekannten Genschalters zu verstehen, entwickelten die Forschenden ein Mausmodell, bei dem der genetische Code, der angibt, wo die Transkription des RBM20-Gens beginnen soll, verändert und durch ein Reportergen ersetzt wurde. Mit ihm lässt sich erkennen, wann und wo ein bestimmtes Gen gerade abgelesen wird. Das Team ging davon aus, dass dieser Eingriff die Produktion des RBM20-Proteins blockieren würde. Stattdessen entdeckten sie, dass die Mäuse weiterhin RBM20 herstellten, allerdings in einer kürzeren Isoform. „Das hat uns komplett überrascht“, sagt Radke.

Im nächsten Schritt analysierten die Wissenschaftler*innen Herzgewebe von Mäusen, Ratten und Herzpatient*innen mittels RNA-Sequenzierung, Ribosomen-Profiling und molekularer Bildgebung. Dabei stellten sie fest, dass das RBM20-Gen nicht wie angenommen nur eine, sondern mehrere Startpunkte für die Transkription besitzt. Außerdem entdeckten sie, dass das Gleichgewicht der RBM20-Isoformen um den Zeitpunkt der Geburt herum, wenn das Herz von fetalen zu adulten Funktionen übergeht, streng reguliert wird.

Im menschlichen Herzgewebe fand das Team krankheitsspezifische Muster. Bei der hypertrophen Kardiomyopathie – einer Erkrankung, bei der sich der Herzmuskel stark verdickt – war die Gesamtmenge an RBM20 in den Proben erhöht. Der Anstieg war größtenteils auf die kürzere Isoform zurückzuführen. Bei der dilatativen Kardiomyopathie, bei der sich das Herz vergrößert und an Pumpkraft verliert, waren die Konzentrationen beider Isoformen im Vergleich zu Gewebeproben gesunder Herzen höher. Die Unterschiede waren hier vor allem bei der längeren Isoform auffällig.

„Diese Ergebnisse zeigen, dass Herzzellen RBM20 auf weitaus komplexere Weise regulieren, als wir bislang gedacht hatten“, sagt Gotthardt, der Letztautor der Studie ist. „Es kommt nicht nur auf die Menge des hergestellten Proteins an, sondern auch auf die Isoform.“

Das Gleichgewicht gezielt verschieben

RBM20 hat sich bereits als vielversprechendes Ziel für neue Medikamente herausgestellt: Ändert es seine Aktivität, kann das den Herzmuskel flexibler machen. „Wenn wir nun das Gleichgewicht zwischen den beiden Isoformen gezielt verschieben, könnte das helfen, präzisere Methoden zu entwickeln, um die Herzmuskelsteifigkeit zu beeinflussen, und gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren“, sagt Gotthardt.

Weitere Studien sollen sich nun darauf konzentrieren, das Verständnis für die Funktionen der RBM20-Isoformen zu verfeinern und sie in größeren Patientenkohorten sowie in Krankheitsmodellen zu untersuchen.

Max Delbrück Center


Originalpublikation:

Radke, M.H., Badillo Lisakowski, V., Meinke, S. et al. RBM20 isoform regulation by independent transcription start sites adapts alternative splicing in development and disease. Nat Commun 17, 4607 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-73230-w

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Wissenschaft Berlin
news-38998 Fri, 05 Jun 2026 11:14:52 +0200 Europäisches Damwild vor 120.000 Jahren – dem Verlust genetischer Vielfalt auf der Spur https://www.vbio.de/aktuelles/details/europaeisches-damwild-vor-120000-jahren-dem-verlust-genetischer-vielfalt-auf-der-spur Europäische Damhirsche haben seit der letzten Warmzeit dramatisch an genetischer Vielfalt verloren. Dies enthüllen 120.000 Jahre alte Überreste der Tiere aus Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt, die Forschende der Universität Potsdam, des MONREPOS – Archäologisches Forschungszentrum und Museum in Neuwied sowie der Universität Leiden analysiert haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden nun im internationalen Journal „iScience“ veröffentlicht. Modernes Damwild repräsentiert demzufolge nur einen Bruchteil der Vielfalt seiner Warmzeit-Vorfahren. In ihrer Studie beleuchten die Forschenden zudem, wie Klima und menschliches Handeln eine einst diverse Art grundlegend umgestalteten und könnte daher auch für Schutzmaßnahmen hilfreich sein. Damhirsche waren während der vergangenen Warmzeiten weit über Mitteleuropa verbreitet, zogen sich in den kalten Perioden des Eiszeitalters jedoch immer wieder nach Süden zurück. Einzigartige Einlagerungsbedingungen in den Seesedimenten von Neumark-Nord – einem fossilen Biotop in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt – ermöglichten eine exzellente DNA-Erhaltung dieser Tierart unter den milden klimatischen Bedingungen Mitteleuropas. 

Dem Forschungsteam von der Universität Potsdam, vom MONREPOS Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied als Teil des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) und von der Universität Leiden (Niederlande) gelang es, alte DNA aus den Überresten von zehn Damhirschen aus Neumark-Nord zu extrahieren. Bei deren Analyse stellten die Forschenden fest, dass die warmzeitliche Population aus Neumark-Nord eine genetische Vielfalt aufwies, die vergleichbar ist mit der heutiger Damhirsche über ihr gesamtes europäisches Verbreitungsgebiet, von Spanien bis zur Türkei. Moderne Damhirsche zeigen zudem eine ungewöhnlich geringe genetische Variation im Vergleich zu verwandten Arten wie Rothirsch oder Sambarhirsch.
Stammbaumrekonstruktionen belegen, dass moderne Damhirsche genetisch eng mit der Neumark-Nord-Linie verwandt sind. „Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich in Mitteleuropa einst mehrere genetische Linien entwickelt oder diese Region kolonisiert haben, aber nur eine einzige nach der Eiszeit überlebte“, erklärt Alberto Rocha-Méndez, Paläogenetiker an der Universität Potsdam und Erstautor der Studie. 

Die Analysen datieren die Trennung zwischen modernen europäischen Damhirschen und jenen von Neumark-Nord auf etwa 200.000 Jahre vor heute, also inmitten der Klimaschwankungen des Eiszeitalters. Eiszeitliche Abkühlungsphasen löschten wahrscheinlich diverse mitteleuropäische Populationen aus, sodass Damhirsche nur in südlichen Rückzugsorten wie Anatolien und dem Balkan überlebten. Während des römischen Reichs, im Mittelalter und in der Neuzeit verbreitete der Mensch dann die wenig diverse Reliktpopulation aus Anatolien zu Jagdzwecken wieder in ganz Europa und später sogar weltweit.

Wegen ihrer abweichenden Anatomie, insbesondere der Form des Geweihs, wurden die Damhirsche aus Neumark-Nord lange als eigene Unterart Dama (dama) geiselana beschrieben. Die nun nachgewiesene geringe genetische Differenzierung zu modernem Damwild spricht jedoch gegen einen separaten Status. „Das Damwild zeigte einst eine hohe Variabilität im Erscheinungsbild, welche sich jedoch auf lokale Anpassung zurückführen lässt und eher nicht auf unterschiedliche genetische Abstammungslinien hinweist“, sagt Lutz Kindler, Archäologe am MONREPOS und Mitautor der Studie. Zukünftige Arbeiten an vollständigen Genomen könnten die demografische Geschichte der Art detaillierter klären, so die Hoffnung der Forschenden.

Hintergrund zur Ausgrabungsstelle: Am Fundplatz Neumark Nord 1 entdeckte der Geologe Matthias Thomae 1985 ein fossiles Seebiotop, das durch den Archäologen Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 geborgen und erforscht wurde. Seinen Ergebnissen zufolge bestand hier ein großes Seebecken, das in die letzte Warmzeit von vor 120.000 Jahren, dem sogenannten Eem, datiert wird. Ein Team des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) Mainz und der Universität Leiden untersuchte zwischen 2004 und 2008 ein weiteres Seebecken am Fundort Neumark-Nord 2. Die Forschungen an beiden Stellen erschlossen ein einmaliges Umweltarchiv. Die Funde werden im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verwahrt.

Universität Potsdam


Originalpublikation:
 Alberto Rocha-Méndez, Patrick Arnold, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Wil Roebroeks, Fulco Scherjon, Michael Hofreiter, Eemian palaeogenetics demonstrates loss of diversity in modern fallow deer (Dama dama), 2026, iScience 29, 116204, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.116204

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Wissenschaft Brandenburg
news-38997 Fri, 05 Jun 2026 11:09:24 +0200 Verborgene Vielfalt in der Tiefsee https://www.vbio.de/aktuelles/details/verborgene-vielfalt-in-der-tiefsee Neue Familie ungewöhnlicher Ruderfußkrebse im Nordatlantik entdeckt  Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung von Dr. Nancy Mercado Salas vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) hat eine neue Familie von Ruderfußkrebsen (Copepoda) beschrieben. Die Entdeckung stammt aus mehr als 2.500 Metern Tiefe im Irminger Becken südöstlich von Grönland und eröffnet neue Einblicke in die Evolution einer bislang wenig verstandenen Tiergruppe.

Die sogenannten Monstrilloida gelten als eine der ungewöhnlichsten Gruppen mariner Ruderfußkrebse. Ihre Larven leben parasitisch in anderen Meeresorganismen, während die erwachsenen Tiere frei im Wasser schwimmen und keine Nahrung aufnehmen. Aufgrund ihrer besonderen Anatomie – ihnen fehlen unter anderem die für Krebstiere typischen Antennen und Mundwerkzeuge – ist ihre stammesgeschichtliche Einordnung seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.

Seit 1852 war innerhalb der Ordnung Monstrilloida lediglich eine einzige Familie bekannt: die Monstrillidae. Die nun beschriebene Familie Thalassodoridae stellt daher eine außergewöhnliche Erweiterung des bekannten Stammbaums dieser Tiergruppe dar. Grundlage der Beschreibung waren sowohl detaillierte morphologische Untersuchungen als auch genetische Analysen.

Das einzige bislang bekannte Exemplar wurde in einer Tiefe von 2.537 Metern gesammelt. Es weist mehrere Merkmale auf, die sich deutlich von allen bisher bekannten Monstrilloiden unterscheiden. Dazu gehören außergewöhnlich lange, nach hinten gerichtete Antennen sowie bislang unbekannte Körperstrukturen, die neue Hinweise auf die Evolution und Lebensweise dieser Tiere liefern könnten.

„Die Entdeckung der neuen Familie Thalassodoridae zeigt, dass die Tiefsee der Ozeane noch immer Lebensformen beherbergt, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind“, sagt Dr. Nancy Mercado Salas vom LIB. „Sie eröffnet uns zudem neue Perspektiven auf die Biologie, Morphologie und Evolution dieser außergewöhnlichen Gruppe von Ruderfußkrebsen.“

Auch der wissenschaftliche Name verweist auf die Besonderheit des Fundes: Die neu beschriebene Art Thalassodoron bathyale bedeutet sinngemäß „Geschenk aus der Tiefsee“ – ein Hinweis auf die unerwartete Entdeckung dieses außergewöhnlichen Krebstiers.

Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels


Originalpublikation:

Suárez-Morales, E., Martínez, A., Martinez Arbizu, P., Khodami, S., Mercado-Salas, N. F. et al. (2026): A new family of the order Monstrilloida (Copepoda) from deep waters of the North Atlantic supported by morphological and genetic evidence. PeerJ 14. https://doi.org/10.7717/peerj.21176

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Wissenschaft Hamburg
news-38996 Fri, 05 Jun 2026 11:03:43 +0200 Forschung aus Jena entschlüsselt neue Form bakterieller Virusabwehr https://www.vbio.de/aktuelles/details/forschung-aus-jena-entschluesselt-neue-form-bakterieller-virusabwehr Krankheitserreger reagieren äußerst sensibel auf ihre Umwelt – etwa auf Stress, Nährstoffmangel oder die Dichte ihrer Population. Ein Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat jetzt gezeigt, dass auch Cholera-Bakterien solche Signale nutzen, um die Aktivität eines gefährlichen Virus in ihrem Inneren zu steuern.  Mikrobielle Krankheitserreger entwickeln sich kontinuierlich weiter, um sich an neue Umweltbedingungen und Wirte anzupassen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Bakteriophagen – Viren, die Bakterien infizieren und häufig neue genetische Eigenschaften übertragen. Im Fall des Cholera-Erregers Vibrio cholerae ist ein solcher Phage entscheidend für die Krankheitsentstehung: Der sogenannte CTXϕ-Phage trägt die Gene für das Cholera-Toxin und macht das Bakterium erst zu einem gefährlichen humanen Pathogen. Wie Bakterien die Aktivität solcher Viren kontrollieren, war bislang jedoch nur unzureichend verstanden.

Ein Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“ hat nun einen bislang unbekannten Regulationsmechanismus entdeckt. Im Zentrum der Studie steht ein kleines regulatorisches RNA-Molekül namens „CisR“, das direkt in den Lebenszyklus des Cholera-Phagen eingreift. CisR wirkt dabei wie eine molekulare Bremse: Es reduziert die Produktion eines wichtigen Phagenbestandteils und beeinflusst dadurch die Bildung neuer Viruspartikel.

„Unsere Ergebnisse zeigen erstmals, dass kleine regulatorische RNAs direkt die Vermehrung eines krankheitsrelevanten Phagen kontrollieren können“, erklärt Kai Papenfort. „Damit haben wir einen neuen Mechanismus identifiziert, mit dem Bakterien die Aktivität von Viren an ihre jeweilige Umwelt anpassen.“

Die Forschenden konnten nachweisen, dass CisR die Herstellung eines Hüllproteins des CTXϕ-Phagen hemmt. Dieses Protein ist essenziell für die Bildung und Freisetzung neuer Viruspartikel aus der Bakterienzelle. Besonders aktiv wird CisR unter Stressbedingungen sowie bei hoher Zelldichte oder eingeschränkter Nährstoffverfügbarkeit. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Vibrio cholerae die Vermehrung des Phagen gezielt reguliert, um auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren.

Für die Studie kombinierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler moderne RNA-Sequenzierung mit genetischen und molekularbiologisAlsi Herr Papenfort sagt im Zitat, chen Analysen. Zunächst kartierten sie systematisch RNA-Wechselwirkungen in Bakterienzellen unter virulenzfördernden Bedingungen. Anschließend konnten sie direkt zeigen, wie CisR an die RNA des Phagen bindet und deren Aktivität unterdrückt.

Die neuen Erkenntnisse liefern wichtige Einblicke in das komplexe Zusammenspiel zwischen Bakterien und ihren Viren. Dieses Forschungsfeld gewinnt zunehmend an Bedeutung, da Phagen nicht nur bakterielle Evolution antreiben, sondern auch die Gefährlichkeit vieler Krankheitserreger beeinflussen. Langfristig könnten solche Mechanismen neue Ansätze für antimikrobielle Strategien eröffnen – etwa indem nicht die Bakterien selbst abgetötet, sondern gezielt ihre krankheitsrelevanten Regulationsnetzwerke beeinflusst werden.

Die Studie entstand im Rahmen des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“. Dort untersuchen Forschende, wie Mikroorganismen miteinander und mit ihrer Umwelt interagieren. Im Mittelpunkt stehen mikrobielle Netzwerke, Kommunikationsmechanismen und deren Bedeutung für Gesundheit, Umwelt und biotechnologische Anwendungen. Die aktuellen Ergebnisse verdeutlichen, wie präzise molekulare Prozesse die Anpassungsfähigkeit und Krankheitsentstehung mikrobieller Erreger steuern.

Friedrich-Schiller-Universität Jena


Originalpublikation:

A. Lippegaus et al.: A 3’UTR-derived small RNA modulates the life cycle of the cholera toxin–encoding filamentous phage, CTXϕ, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (23) e2535142123, https://doi.org/10.1073/pnas.2535142123 (2026).

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Wissenschaft Thüringen