VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Mon, 13 Jul 2026 16:26:38 +0200 Mon, 13 Jul 2026 16:26:38 +0200 TYPO3 news-39257 Mon, 13 Jul 2026 12:04:22 +0200 Gene folgen präzisen Schaltregeln https://www.vbio.de/aktuelles/details/gene-folgen-praezisen-schaltregeln Im Zellkern müssen Gene präzise an- und ausgeschaltet werden, um biologische Prozesse zu steuern. Erste Modelle zur Genregulierung haben Forschende bereits in den 1960er-Jahren entworfen. Doch moderne Forschung findet immer wieder neue Ebenen, auf denen Zellen diese Prozesse kontrollieren. Eine neue Studie legt nun nahe: Gene folgen einem konstanten optimalen Schaltprinzip – zufällig im einzelnen Moment, aber präzise im statistischen Durchschnitt.  Eine Klimaanlage hat zwei Modi: aus und an. Draußen hat es 40 Grad. Ist die Klimaanlage aus, strömt die warme Luft durch den Raum. Ist sie aber eingeschaltet, feuert sie kalte 15 Grad. Wie lässt sich diese Klimaanlage nun aber so steuern, dass sie den Raum auf gemütlichen 25 Grad hält? Ingenieur:innen haben dafür eine Lösung, nämlich die sogenannte Pulsweitenmodulation. Dabei wechselt die Klimaanlage durch einen Schalter ständig zwischen „ganz an“ und „ganz aus“. Entscheidend ist, wie lange sie jeweils in einem dieser Zustände bleibt – der Durchschnitt macht die gewünschte Temperatur. 

Vor einem ähnlichen Problem stehen Zellen, wenn sie ihre Gene regulieren (Genexpression). Ein neuer theoretischer Ansatz von Professor Gašper Tkačik und Postdoc Alexis Bénichou vom Institute of Science and Technology Austria (ISTA), Benjamin Zoller und Thomas Gregor (Institut Pasteur und Princeton University) erklärt, wie dies funktionieren könnte. Dabei wurden die präzisen experimentellen Daten von Zoller und Gregor in diese theoretische Publikation einbezogen. 

Zufällig – aber nach Protokoll 

„Es gibt viele Modelle, die versuchen, zu erklären, wie Zellen exakt Gene ein- und ausschalten“, erklärt Gašper Tkačik. „Das Telegraf-Modell, beispielsweise, geht davon aus, dass die Gene in kurzen Ausbrüchen aktiviert werden. Gene ‚flackern‘ also zufällig zwischen an und aus – und bilden trotzdem in Organismen wie der Fruchtfliege extrem präzise Muster der Genregulation. Was aber nicht klar war: Warum sollte die Zelle die Genexpression überhaupt über so eine Strategie steuern? Wenn ein Gen zum Beispiel 80 Prozent aktiv sein soll, warum schaltet es dann nicht einfach dauerhaft auf 80 Prozent, sondern lässt es zwischen 0 und 100 Prozent flackern? Und selbst wenn genau das die Strategie ist, wie läuft dann dieses Schalten ab? Während Klimaanlagen auf technisch ausgefeilte Schalter zurückgreifen, die jederzeit präzise betätigt werden können, verfügen Zellen nicht über solche Komponenten. Sie können den genauen Zeitpunkt jedes Ein- oder Ausschaltvorgangs nicht festlegen, sondern lediglich die Wahrscheinlichkeit des Umschaltens modulieren.

Die neuen Forschungsergebnisse besagen, dass das Flackern der Gene nach einem bestimmten Prinzip organisiert ist, nämlich mit einer konstanten charakteristischen Zeitskala. „In der Physik bezeichnen wir dies als Korrelationszeit ‚Tc‘“, erklärt Tkačik. „Sie bleibt unabhängig vom gewünschten Expressionsniveau konstant und ermöglicht so eine sehr präzise Steuerung der Expression. Diese Entdeckung war eine große Überraschung, da sie im Widerspruch zu zuvor veröffentlichten Modellen steht.“ Das Schaltprogramm ist also, kurz gesagt, zufällig im einzelnen Moment, aber präzise im statistischen Durchschnitt. 

Präzision benötigt Energie 

Viele klassische Modelle gehen davon aus, dass Genexpression vor allem passiv angetrieben wird. Moleküle – sogenannte Transkriptionsfaktoren – docken mehr oder weniger zufällig an die DNA und lösen sich wieder. Dadurch wird ein Gen mal aktiver, mal weniger aktiv. Laut Tkačik ist diese passive Kontrolle im thermodynamischen Gleichgewicht, verbraucht also keine Energie, sondern ist im Equilibrium. Die beobachtete konstante Korrelationszeit in der Fruchtfliege lässt sich mit einfachen Gleichgewichtsmodellen aber schwer erklären. Bei eukaryotischen Zellen scheint es so zu sein, dass etwas komplexere Schemata benutzt werden. 

Die neue Studie der Forscher:innen zeigt dafür eine neue theoretische Vorgehensweise, welche nahelegt, dass diese passive Sicht alleine nicht ausreicht. Dieses System läuft nicht einfach im thermodynamischen Gleichgewicht, sondern wird aktiv angetrieben und verbraucht Energie. Der nächste Schritt ist, diese theoretische Vorhersage auch experimentell zu untersuchen. 

Laut Tkačik bleibt noch einiges zu tun, so etwa auch ein wirklich mechanistisches, physikalisches Rahmenmodell, in Form von Gleichungen, die an experimentelle Daten angepasst sind. Damit versuchen die Forschenden dann zu beschreiben, ob die stochastische Ein-Aus-Dynamik innerhalb einzelner Zellkerne dadurch verursacht wird, dass die Genregulation tatsächlich auf dem DNA-Polymer stattfindet. Zudem soll untersucht werden, wie eine solche Dynamik zu den hochpräzisen Genexpressionsmustern führen kann, die auf der Ebene eines gesamten Organismus beobachtet werden.

Institute of Science and Technology Austria


Originalpublikation:

Zoller et al. 2026. Invariant non-equilibrium dynamics in gene regulation optimize information flow. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2524855123, https://doi.org/10.1073/pnas.2524855123

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Wissenschaft International
news-39256 Mon, 13 Jul 2026 11:55:56 +0200 Nationale Forschungsdateninfrastruktur: DFG begrüßt Entscheidungen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz https://www.vbio.de/aktuelles/details/nationale-forschungsdateninfrastruktur-dfg-begruesst-entscheidungen-der-gemeinsamen-wissenschaftskonferenz Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) begrüßt die Entscheidungen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder (GWK) zur Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Nach Beschluss der GWK am 10. Juli sollen alle zehn Fach- und Methodenkonsortien, die mit der zweiten Ausschreibungsrunde der NFDI im Jahr 2021 etabliert wurden, weiter gefördert werden. Mit dieser Entscheidung folgt die GWK den Empfehlungen des von der DFG eingesetzten NFDI-Expertengremiums. Die Entscheidung ist Teil der zweiten Förderphase der NFDI, die vor allem auf die Konsolidierung der bislang für ein bedarfsgerechtes Forschungsdatenmanagement entwickelten Dienste und Strukturen zielt. „Die Weiterförderung aller zehn Konsortien der zweiten Ausschreibungsrunde stärkt die NFDI als wissenschaftsgeleitetes Netzwerk unterschiedlicher Communitys, Akteure und Dienste“, betont die Präsidentin der DFG, Professorin Dr. Katja Becker. „Sie festigt die Rolle der NFDI als disziplinübergreifendes Forum für die Erprobung, Etablierung und Fortentwicklung datenbasierter Methoden und Technologien. Auf diese Weise eröffnet die NFDI der Forschung neue Möglichkeiten und schafft zugleich eine wichtige Grundlage zur Sicherstellung digitaler Souveränität und Resilienz der Wissenschafts- und Infrastrukturlandschaft.“

Als größte Forschungsförderorganisation und zentrale Selbstverwaltungseinrichtung für die Wissenschaft in Deutschland steuert und organisiert die DFG den wissenschaftsgeleiteten Begutachtungs- und Auswahlprozess der Konsortien und legt Förderempfehlungen vor. Derzeit fördern Bund und Länder insgesamt 27 Konsortien aus allen Wissenschaftsbereichen, die sich mit ihren Angeboten nicht nur an Forscher*innen aus der eigenen Disziplin richten, sondern in engem Zusammenwirken auch fachübergreifende Dienste entwickeln und bereitstellen. Zu den Diensten der Konsortien gehören beispielsweise die Software-Entwicklung für elektronische Laborjournale, Fortbildungen in der fachgerechten Annotation von Daten oder die Unterstützung und Beratung bei der Sicherung und nachhaltigen Speicherung von vorhandenen und neu produzierten Daten. Zudem werden disziplinübergreifende Metadatenstandards entwickelt, um die Nachnutzbarkeit von vorhandenen Daten auch über Fächergrenzen hinaus zu steigern. Die neun Konsortien der ersten Auswahlrunde konnten sich bereits 2025 erfolgreich für eine weitere Förderung empfehlen.

Ferner verabschiedete die GWK am 10. Juli eine neue Bund-Länder-Vereinbarung zur NDFI. „Dass Bund und Länder sich darauf verständigt haben, die NFDI zunächst bis zum 31. Dezember 2038 weiter zu finanzieren, ist eine unverzichtbare Grundlage für das langfristige Vorhalten von Daten und Diensten für die gute digitale Wissenschaftspraxis und positioniert die NFDI klar als Knotenpunkt für effizientes Forschungsdatenmanagement in Deutschland und darüber hinaus“, konstatiert Dr. Heide Ahrens, die Generalsekretärin der DFG. Die in der BLV definierte Anpassung der Governancestruktur sei klar darauf ausgerichtet, die strategischen Ziele der NFDI zu erreichen. Das zeige sich unter anderem an der neu eingeführten Rolle des technischen Geschäftsführers in einem dreiköpfigen Präsidium.„Dabei wird es nach wie vor darauf ankommen, die NFDI im künftigen Zusammenwirken von Fachbereichen und Betriebsnetzwerk konsequent wissenschaftsgeleitet zu steuern. Mit einem von der DFG administrierten Innovationsprogramm können wir zudem der Dynamik sich stetig wandelnder wissenschaftlicher Bedarfe bestens Rechnung tragen“, fügte Ahrens hinzu.

DFG


Informationen der GWK:

Wegweisende Schritte für zentrale Forschungsinfrastrukturen in Deutschland vereinbart: Stärkung des Forschungsdatenmanagements, des Hochleistungsrechnens mit KI an Hochschulen sowie der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften PM_09_26 (nicht barrierefrei) 

Weitere Informationen zur NFDI: https://www.dfg.de/de/foerderung/foerderinitiativen/nfdi

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Wissenschaft Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-39255 Mon, 13 Jul 2026 11:36:59 +0200 Das Gehirn blinder Menschen reorganisiert sich anders als bisher angenommen https://www.vbio.de/aktuelles/details/das-gehirn-blinder-menschen-reorganisiert-sich-anders-als-bisher-angenommen Wie entwickelt sich das Gehirn eines Menschen, der noch nie gesehen hat? Mithilfe modernster bildgebender Verfahren untersuchte ein polnisch-deutsches Forscher*innen-Team vom Institut für Psychologie der Jagiellonen-Universität in Krakau und vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, wie sich die fehlende visuelle Erfahrung auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt.  Die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist einer der komplexesten biologischen Prozesse. In den ersten Lebensjahren finden im Gehirn enorme Veränderungen statt, die dazu beitragen, seine Funktionsweise zu optimieren. Allein im ersten Jahr vergrößert sich die Oberfläche der Großhirnrinde um etwa drei Viertel, während ihre Dicke um rund ein Drittel zunimmt.  Zu Beginn der Entwicklung bildet das Gehirn weit mehr Verbindungen zwischen Neuronen, als es tatsächlich benötigt. Im Laufe des Lebens werden häufig genutzte Verbindungen gestärkt, während andere in einem als „Pruning“ bezeichneten Prozess eliminiert werden.  

Gleichzeitig schreitet ein weiterer Prozess – die Myelinisierung – im gesamten Gehirn voran. Dabei werden die Nervenfasern von einer Fettschicht umhüllt, die ähnlich wie die Isolierung um elektrische Leitungen funktioniert und die Signalübertragung beschleunigt. Diese „Isolierung“ entwickelt sich je nach den Bedürfnissen der einzelnen Hirnregionen unterschiedlich. Neuronen in sensorischen Kortexen – wie dem visuellen und auditorischen Kortex – sind stark myelinisiert, während Neuronen im Frontallappen, der für höhere kognitive Funktionen zuständig ist, weniger Myelin aufweisen.  

„Aus Tierstudien wissen wir bereits, dass Sinneserfahrungen einen enormen Einfluss auf diese Entwicklungsprozesse haben. Die genauen Mechanismen hinter diesem Einfluss sind jedoch Gegenstand laufender Forschung,“ erklärt die Erstautorin der Studie, Anna-Lena Stroh vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. „Menschen, die von Geburt an blind sind, spielen in diesem Zusammenhang eine besonders wichtige Rolle, da sich ihr Gehirn ohne visuelle Reize entwickelt. So lassen sich die Auswirkungen von Sinneserfahrungen auf die Gehirnentwicklung gezielt untersuchen.“ 

Seit vielen Jahren beobachten Wissenschaftler*innen, dass der visuelle Kortex von Menschen, die von Geburt an blind sind, dicker erscheint als der von sehenden Menschen. Die vorherrschende Erklärung lautete, dass Blindheit den Pruning-Prozess stört, wodurch überschüssige neuronale Verbindungen im visuellen Kortex zurückbleiben. Um diese Idee direkt zu überprüfen, arbeiteten die Forschenden aus Polen mit einem Team in Leipzig zusammen, das über Fachwissen in der In-vivo-Histologie verfügt und Zugang zu modernster Bildgebungstechnologie hat, mit der sich Hirngewebe in außergewöhnlich hoher Detailgenauigkeit charakterisieren lässt.  Das Projekt war somit auch ein großes organisatorisches Unterfangen, das die die Rekrutierung und Koordination blinder Teilnehmender aus ganz Polen erforderte.Insgesamt reisten 24 von Geburt an blinde Personen nach Leipzig, um an bildgebenden Messungen des Gehirns teilzunehmen. Sie wurden mit sehenden Kontrollpersonen verglichen, die hinsichtlich Alter und Geschlecht vergleichbar waren. 

„Dank hochauflösender Daten unserer 7 Tesla und 3 Tesla-Connectom-Magnetresonanztomographen (MRT) konnten wir die Mikrostruktur des Gehirns im Submillimeterbereich abbilden und so mehrere wichtige Muster aufdecken“, betont Nikolaus Weiskopf, Direktor der Abteilung Neurophysik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. „Wie bereits in früheren Studien beobachteten wir, dass der visuelle Kortex bei blinden Teilnehmer*innen dicker erschien. Entscheidend ist, dass wir zeigen konnten, dass der visuelle Kortex von Menschen, die von Geburt an blind sind, weniger myelinisiert war. Dies könnte den scheinbaren dickeren visuellen Kortex erklären. Hinweise darauf, dass der Pruningprozess gestört ist, fanden wir hingegen nicht, auch wenn dieser Prozess weiterhin eine Rolle spielen könnte. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine verringerte Myelinisierung ein zentraler Faktor für die bei Blindheit beobachteten strukturellen Unterschiede im Gehirn ist.“  

„Eine verminderte Myelinisierung kann auch beeinflussen, wie die Grenze zwischen grauer und weißer Substanz in MRT-Aufnahmen erscheint“, erläutert Anna-Lena Stroh. „Dadurch kann die Großhirnrinde in MRT-Messungen dicker erscheinen.“  Zusätzliche Analysen zeigten, dass diese Veränderungen auch die weiße Substanz betrafen, die für die Informationsübertragung zwischen verschiedenen Hirnregionen zuständig ist. Gleichzeitig beobachteten die Forschenden keine vergleichbaren Unterschiede in Hirnarealen, die mit dem Hören oder Tasten in Verbindung stehen. Dies deutet darauf hin, dass die beschriebenen Veränderungen direkt mit dem Fehlen visueller Erfahrungen zusammenhängen.   

Die Forschenden betonen, dass diese Ergebnisse nicht als Hinweis auf ein „beeinträchtigtes“ Gehirn interpretiert werden sollten. Bei blinden Menschen ist der visuelle Kortex an Funktionen wie der Sprachverarbeitung, dem Arbeitsgedächtnis und der kognitiven Kontrolle beteiligt. Interessanterweise sind auch die Gehirnregionen, die diese Funktionen bei sehenden Menschen unterstützen, tendenziell weniger myelinisiert. „Daher stehen die Unterschiede, die wir bei blinden Menschen beobachten, völlig im Einklang mit dem, was dieser Kortex bei blinden Menschen tatsächlich leistet. Der visuelle Kortex bei blinden Menschen ist nicht beeinträchtigt – er ist nur anders organisiert“, bemerkt Marcin Szwed von der Jagiellonen-Universität in Krakau.

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften


Originalpublikation:

Anna-Lena Stroh, Luke J. Edwards, Daniel Haenelt, Fakhereh Movahedian Attar, Kerrin J. Pine, Robert Trampel, Marcin Szwed, and Nikolaus Weiskopf: "Congenital blindness reduces myelination in human visual cortex", Science Advances: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec2348

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Wissenschaft Sachsen
news-39253 Mon, 13 Jul 2026 11:11:19 +0200 Unterschätzte Wirkung von Temperaturschwankungen: Wie der Klimawandel Mikroalgen im Inneren umbaut https://www.vbio.de/aktuelles/details/unterschaetzte-wirkung-von-temperaturschwankungen-wie-der-klimawandel-mikroalgen-im-inneren-umbaut Forschende belegen erstmals, dass die Mikroalge Chlamydomonas reinhardtii schon bei moderaten Temperaturveränderungen die Aktivität von rund einem Drittel ihrer proteinkodierenden Gene verändert. Die im Fachmagazin The Plant Cell erscheinende Studie deutet auf weitreichende Folgen des Klimawandels für aquatische Ökosysteme und den Boden hin.  Mikroalgen sind unsichtbare Motoren des Lebens: Durch Fotosynthese binden sie einen erheblichen Teil des planetaren Kohlendioxids und bilden die Basis aquatischer Nahrungsketten. Doch wenn es zu heiß oder zu kalt wird, dann beginnt dieser Motor zu stottern. An der Grünalge Chlamydomonas reinhardtii sind diese Auswirkungen bestens untersucht. Denn die Mikroalge fungiert als Modellorganismus: Weil sie sich besonders gut kultivieren und mit genetischen Methoden untersuchen lässt, studieren Forschende an ihr allgemeinere biologische Prinzipien von Mikroalgen. Die Reaktionen der Grünalge auf besonders hohe oder niedrige Temperaturen wurden daher bereits mehrfach untersucht. Bislang fehlte jedoch der Blick auf geringere Temperaturveränderungen in Gewässern und Böden, den Lebensräumen von C. reinhardtii, außerhalb von Extremtemperaturen. Im Zuge des Klimawandels nehmen Temperaturverschiebungen im entsprechenden Bereich zwischen 18 und 33 Grad Celsius jedoch zu. Genau diese Lücke adressiert nun erstmals eine Studie von Forschenden des Exzellenzclusters »Balance of the Microverse« der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (Leibniz-HKI).

Moderate Veränderungen, deutliche Reaktionen

Bereits moderate Temperaturverschiebungen führen zu weitreichenden Veränderungen in der Genaktivität und dem Verhalten von C. reinhardtii. Vier Arbeitsgruppen im Cluster unter Koordination von Prof. Dr. Maria Mittag zeigen, dass etwa ein Drittel aller proteinkodierenden Gene der Alge auf Temperaturänderungen reagiert. Betroffen sind Gene aus fast allen Funktionsbereichen der Zelle, von Fotosynthese und Stoffwechsel bis zu Fortbewegung und der Interaktion mit Bakterien.

Die Folgen: Erhöht sich die Temperatur von 23 auf 28 Grad Celsius, erreicht die Algenpopulation eine um zwanzig Prozent höhere Zelldichte. Gleichzeitig verkürzen sich die Cilien, die fadenförmigen Fortbewegungsorgane der Mikroalge.

»Mikroalgen mögen für das bloße Auge weitgehend unsichtbar sein, aber sie sind eng mit ihrer Umgebung abgestimmt. Überrascht hat uns, dass sich bereits 15 Minuten nach Veränderung der Temperatur das Schwimmverhalten der Algen anpasst«, erklärt Dr. Prateek Shetty, Erstautor der Studie. »Noch bevor die Zellstruktur umgebaut wird, verringern sie ihre Geschwindigkeit und wechseln häufiger die Richtung.«

Doch auch der Stoffwechsel der Mikroalge verändert sich: Bei steigenden Temperaturen greift C. reinhardtii zunächst auf organische Kohlenstoffquellen zurück und verzögert so den Beginn der Fotosynthese um mehrere Tage. Auch die Fortpflanzung und die Interaktion mit anderen Mikroorganismen sind von Temperaturveränderungen betroffen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel

Methodisch untersuchte das Team die Algen auf mehreren Ebenen zugleich. Vier Forschungsgruppen des Microverse-Clusters brachten dafür ihre jeweilige fachliche Expertise ein. Durch die Zusammenarbeit der Forschungsgruppen von Prof. Dr. Maria Mittag, Dr. Markus Lakemeyer, Prof. Dr. Rosalind Allen und Prof. Dr. Miriam Rosenbaum entstand ein zusammenhängendes Bild von Genaktivität, Proteinzusammensetzung, Bewegungsverhalten und Fotosyntheseleistung der Algen.

»Dass schon graduelle Temperaturverschiebungen die Algenzelle tiefgreifend umsteuern, war bislang unklar. Diese Erkenntnis verdanken wir der engen und produktiven Zusammenarbeit im Cluster: Erst das Zusammenspiel mehrerer Gruppen mit verschiedenen methodischen Stärken hat das Bild sichtbar gemacht«, betont Prof. Dr. Maria Mittag, Arbeitsgruppenleiterin im Exzellenzcluster und Koordinatorin der Studie.

Kleine Schwankungen, große Wellen

Mikroalgen wie Chlamydomonas reinhardtii stehen am Anfang vieler aquatischer Nahrungsketten und tragen erheblich zur Bindung von Kohlendioxid und zur Sauerstoffproduktion bei. Die nachgewiesenen Reaktionen der Alge auch auf geringe Temperaturverschiebungen lassen daher weitreichende Auswirkungen für die damit verbundenen Ökosysteme vermuten. Besonders relevant könnte die beobachtete Verzögerung der Fotosynthese sein. Falls sich dieser Effekt auch unter natürlichen Bedingungen bestätigt, könnte dies die CO₂-Bindung und Sauerstoffproduktion in sich erwärmenden Böden und Gewässern beeinflussen.

»Um die Auswirkungen globaler Phänomene wie des Klimawandels grundlegend zu verstehen, müssen wir bei den kleinsten Akteuren unserer komplexen Ökosysteme ansetzen. Die vorliegende Studie zeigt hervorragend, wie die kombinierten Forschungsperspektiven unseres Exzellenzclusters dieses unsichtbare Zusammenspiel sichtbar machen«, betont Prof. Dr. Kirsten Küsel, Sprecherin des Exzellenzclusters »Balance of the Microverse«.

Universität Jena


Originalpublikation:

P. Shetty et al.: Multiomics studies reveal how ambient temperature changes govern cellular responses of Chlamydomonas, Plant Cell, koag136, https://doi.org/10.1093/plcell/koag136 (2026).

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Wissenschaft Thüringen
news-39251 Mon, 13 Jul 2026 10:25:31 +0200 Bakterien überführen Uran in stabile chemische Verbindung: Reduzierung des Gefährdungspotentials für Mensch und Umwelt https://www.vbio.de/aktuelles/details/bakterien-ueberfuehren-uran-in-stabile-chemische-verbindung-reduzierung-des-gefaehrdungspotentials-fuer-mensch-und-umwelt Forschende konnten erstmals zeigen, dass Bakterien in der Lage sind, in Wasser gelöstes Uran in eine stabile chemische Verbindung zu überführen, wenn ihnen als Nahrungsquelle Glycerin zur Verfügung steht. Dabei nimmt Uran einen chemischen Zustand an, der bislang nur als kurzzeitiger Übergangszustand bekannt war. Die Ergebnisse der aktuellen Studie sind interessant für weitere Untersuchungen zur Nutzung von Bakterien für Umweltsanierungsmaßnahmen.  Bakterien in der Umwelt, etwa in Böden oder Gewässern, spielen für Ökosysteme eine wichtige Rolle. Unter ihnen gibt es auch Bakterien, die darauf spezialisiert sind, Schadstoffe abzubauen. „Das Schwermetall Uran, das für uns Menschen toxisch ist, können manche Bakterienarten für ihren Stoffwechsel nutzen“, sagt Dr. Evelyn Krawczyk-Bärsch, Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe Terrestrische Mikrobiologie des des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf  (HZDR) und Co-Autorin der Studie. „Aus Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe war bereits bekannt, dass Bakterien in Wasser gelöstes Uran für ihren Stoffwechsel nutzen können, wenn ihnen als Nahrungsquelle Glycerin zur Verfügung steht.“ Glycerin ist ein Grundbestandteil von pflanzlichen und tierischen Fetten. In der Natur entsteht Glycerin zum Beispiel beim Abbau von Holz durch Pilze. Doch in welchem Maße können Bakterien die Menge des im Wasser gelösten Urans verringern? Und in welche chemischen Verbindungen wird freies Uran durch die bakteriellen Stoffwechselprozesse überführt? Diesen Fragen gingen die Forschenden in der vorliegenden Studie nach.

Uran in der Zellmembran

Für ihre Untersuchungen nutzten sie das Grubenwasser einer gefluteten Urangrube der Wismut GmbH im Erzgebirge. In Laborexperimenten, die unter Luftabschluss durchgeführt wurden, versetzte das Forschungsteam die Wasserproben mit einer definierten Menge an Glycerin. „Wir wollten der im Grubenwasser vorhandenen Bakteriengemeinschaft natürliche Bedingungen bieten, da in der rund 2.000 Meter tiefen Grube in der Regel kaum bis kein Sauerstoff vorhanden ist“, erklärt Dr. Antonio M. Newman-Portela, ehemaliger gemeinsamer Doktorand des HZDR und der Abteilung Mikrobiologie der Universität Granada (Spanien) sowie Erstautor der Studie. Die Bakterien nahmen unter für sie optimalen Bedingungen das Glycerin als Nahrungsquelle an. „Nach 130 Tagen waren in den Proben nur noch rund fünf Prozent des im Wasser gelösten Urans vorhanden“, sagt Newman-Portela. „Wir vermuteten, dass die Bakterien das Uran in ihre Zellmembran eingebaut haben könnten. Solche Einbauprozesse sind aus der Literatur bereits bekannt.“ Und tatsächlich konnten die Forschenden in der Zellmembran der Bakterien Uran nachweisen.

Ungewöhnlicher chemischer Zustand

Doch um welche chemischen Verbindungen handelt es sich hierbei? Um das genauer zu erforschen, nutzte das Team moderne mikroskopische und spektroskopische Methoden. Die Analysen wurden sowohl an der Rossendorf Beamline (ROBL), die das HZDR an der European Synchrotron Radiation Facility in Grenoble (Frankreich) betreibt, als auch an der Universität Granada durchgeführt.

Zunächst untersuchten die Wissenschaftler*innen, in welchen chemischen Zuständen das Uran in der Bakterienmembran vorliegt. In der chemischen Fachsprache wird der Begriff „Wertigkeit“ genutzt, um zu beschreiben, mit wie vielen „Händen“ sich ein Atom innerhalb einer chemischen Verbindung festhalten kann. „Uran kommt in der Regel 4-wertig oder 6-wertig vor. Es gibt auch 5-wertiges Uran, doch das ist selten oder nur kurzzeitig vorhanden. Es galt bislang als instabiler Übergangszustand“, erläutert Newman-Portela. „Die Ergebnisse unserer Studie waren daher äußerst überraschend, denn in der untersuchten Biomasse aus unseren Versuchsansätzen lag das Uran zu einem ungewöhnlich hohen Anteil auch als 5-wertiges Uran vor.“

Auch unter Einwirkung von Sauerstoff stabil

Weiterhin fanden die Forschenden heraus, dass das 5-wertige Uran mit Eisen und Sauerstoff die Verbindung FeU(V)O4 eingegangen ist. „Einen Namen hat diese Uranverbindung allerdings noch nicht, da sie vergleichsweise neu ist. Nachgewiesen wurde sie erstmals im Jahr 2020 in einer Studie, in der man Bodenproben von mit uranhaltiger Munition kontaminierten Böden in Kroatien untersucht hat“, erklärt Krawczyk-Bärsch. „Dabei fand man heraus, dass diese Uranverbindung selbst unter Einwirkung von atmosphärischem Sauerstoff seit mehr als 25 Jahren stabil ist. Wie diese Verbindung in der Natur entsteht, und dass Bakterien zu deren Entstehung beitragen, war bislang noch unbekannt.“ In weiteren Experimenten beobachtete das HZDR-Forschungsteam, dass die Menge an FeU(V)O4 sogar zunahm, wenn die getrocknete Biomasse Sauerstoff ausgesetzt war.

„Mit unserer Studie konnten wir erstmals zeigen, dass Bakterien, denen Glycerin als Nahrungsquelle zur Verfügung gestellt wird, in der Lage sind, in Wasser gelöstes toxisches Uran in eine stabile chemische Verbindung zu überführen“, sagt Krawczyk-Bärsch. „Inwieweit künftig vielleicht auch Bakterien helfen könnten, Uran unschädlich zu machen und im Rahmen von Sanierungsprojekten genutzt werden könnten, muss noch weiter erforscht werden.“ In zukünftigen Forschungsprojekten möchte das HZDR-Team mehr über die uranbindenden Bakterien und die dahinterstehenden biochemischen und geochemischen Prozesse herausfinden.

Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf 


Originalpublikation:
Newman-Portela, A.M., Kvashnina, K.O., Bazarkina, E.F. et al. Pentavalent and tetravalent uranium formation via glycerol-stimulated bacteria in mine water. Nat Commun 17, 4030 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72560-z

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Wissenschaft Sachsen
news-39245 Mon, 13 Jul 2026 09:16:30 +0200 Die besten Biologie-Abiturientinnen und Abiturienten in Hessen wurden mit dem Karl-von-Frisch-Preis ausgezeichnet https://www.vbio.de/aktuelles/details/die-besten-biologie-abiturientinnen-und-abiturienten-in-hessen-wurden-mit-dem-karl-von-frisch-preis-ausgezeichnet Der Landesverband Hessen des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO e.V.) zeichnete erneut hessische Abiturientinnen und Abiturienten mit dem Karl von-Frisch-Preis aus. Der Preis wird nur an die hessenweit besten Abiturientinnen und Abiturienten im Fach Biologie vergeben, die von ihren Lehrkräften gemeldet werden müssen. Die Urkunden wurden im Rahmen einer zentralen Veranstaltung am Samstag, den 27. Juni 2026, im Großen Hörsaal der Biologie in Marburg überreicht. Am Ende eines mit Biologie vollgepackten Tages erhielten die Preisträger neben ihrer Urkunde eine einjährige kostenfreie Mitgliedschaft im VBIO. In diesem Jahr hatten die hessischen Lehrkräfte 117 ihrer Schützlinge für den Preis nominiert. Diejenigen, die sich nicht ganz für den Preis qualifizieren konnten, wurden mit einer „Anerkennungsurkunde für hervorragende Leistungen im Fach Biologie“ ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung waren auch Eltern, Freunde und Bekannte der Preisträgerinnen und Preisträger sowie viele der nominierenden Biologielehrerinnen und -lehrer anwesend. Es kamen jedoch nicht ganz so viele wie in den vergangenen Jahren nach Marburg, um ihre Urkunde persönlich in Empfang zu nehmen, da der Termin auf den ersten Feriensamstag gelegt werden musste und es zudem ein extrem heißer Tag war. Dennoch konnte der Vizepräsident der Uni Marburg, Gert Bange, etwa 150 Gäste begrüßen, die den Tag in einem angenehm temperierten Hörsaal verbringen konnten, weil der schnell informierte technische Notdienst vor Beginn der Veranstaltung die am Wochenende ausgeschaltete Lüftung wieder einschalten konnte. In der Biologie spielt die Wissenschaft natürlich die „erste Geige“. Deshalb gab es insgesamt vier Fachvorträge, die eine gute Balance zwischen Allgemeinverständlichkeit und wissenschaftlichem Anspruch fanden. 

Sven Bogdan (Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Marburg) erzählte, wie man aus dem Modellsystem Fruchtfliege auch etwas über die Wundheilung beim Menschen lernen kann. Mareike Lehmann (Institut für Lungenforschung, Marburg) berichtete über Modelle der alternden menschlichen Lunge in Zellkultur, Organoiden und noch lebenden Lungenschnitten, mit denen Lungenkrankheiten mit einem geringeren Einsatz von Tierversuchen erforscht werden können.

Georg Hochberg (Fachbereich Biologie, Marburg) ist, inspiriert durch den Film „Jurassic Park“, „molekularer Paläontologe“ geworden. Mit einer Kombination aus rechnerischen und synthetischen Ansätzen ist es ihm gelungen Milliarden Jahre alte Enzyme im Labor nachzubauen, zu untersuchen und daraus für die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten wichtige Schlussfolgerungen zu ziehen. Jan Kellmann (SYNMIKRO, Marburg) berichtete vor der Verleihung der Urkunden über eine heute denkbar gewordene „Spiegelwelt“. Die Bausteine des Lebens in DNA und Proteinen haben alle ein Spiegelbild. Alle Lebewesen nutzen jedoch immer nur die gleiche der beiden Spiegelvarianten. Mit Hilfe der synthetischen Biologie kann man jedoch die „anderen“  Spiegelmoleküle bauen, die zwar gleich funktionieren, aber für das existierende Leben völlig fremd sind. Stellen Spiegelmoleküle oder gar ganze Spiegelorganismen unkalkulierbare Risiken dar, und kann/muss/darf man die Forschung daran unterbinden? Die Mittagspause bot Zeit und Raum darüber zu diskutieren. Anschließend konnten die angereisten ca. 60 Preisträger an fünf Laborführungen teilnehmen. Für die Lehrkräfte gab es eine Führung durch die ansonsten geschlossenen Gewächshäuser des Botanischen Gartens. Für die Übergabe der Urkunden an die anwesenden Preisträgerinnen und Preisträger, darunter zwei aus Marburg und eine aus Kirchhain, hatte Stadträtin Sevim Yüzgülen, die den Oberbürgermeister vertrat, die kürzeste Anreise, wogegen Christopher Textor und Dr. Annette Petri vom Hessischen Ministerium für Kultus, Bildung & Chancen extra aus Wiesbaden angereist waren, um den Preisträgerinnen und Preisträgern zu gratulieren und die Urkunden zu überreichen.

Der Namensgeber des Preises, Karl von Frisch, steht für einen Wissenschaftler, der sich durch eine sehr gute Beobachtungsgabe auszeichnet, in der Lage ist, hervorragende Mitarbeiter zu gewinnen und zu motivieren sowie die Ergebnisse seiner Arbeit der Öffentlichkeit verständlich zu machen. Mit der Verleihung der Karl-von-Frisch-Preise verbindet der VBIO die Hoffnung, dass die jungen Preisträgerinnen und Preisträger im Laufe ihrer Karriere danach streben, diese Fähigkeiten auch zu erlangen – selbst dann, wenn sie sich nicht für eine Karriere in den Biowissenschaften entscheiden sollten.

Im Juli 2026
Dr. Jörg Klug (LV Hessen)

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VBIO Hessen
news-39254 Fri, 10 Jul 2026 17:25:00 +0200 Wenn Arten fliehen müssen – Vorhersagemodelle unterschätzen klimawandelbedingte Aussterberisiken https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-arten-fliehen-muessen-vorhersagemodelle-unterschaetzen-klimawandelbedingte-aussterberisiken Der Klimawandel bedroht viele Tier- und Pflanzenarten nicht nur, wenn aufgrund klimatischer Veränderungen ihre Lebensräume verschwinden, sondern auch dann, wenn sie sich „nur“ verlagern. Ein Forschungsteam hat in einer Studie gezeigt: Ob die Lebensräume der Arten verschwinden oder sich verschieben, hat einen Einfluss darauf, wie gut verschiedene Modelle das Aussterberisiko vorhersagen können. Diese Erkenntnis spiegele sich aber in den aktuellen Standardverfahren zur Abschätzung des Aussterberisikos nicht wider. Da die frühzeitige Identifizierung gefährdeter Arten für rechtzeitige Schutzmaßnahmen von entscheidender Bedeutung sei, müsste dieses Vorgehen dringend überarbeitet werden. Die Forscherinnen Raya Keuth, Susanne Fritz und Damaris Zurell haben die gegenwärtigen Richtlinien der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel systematisch untersucht. Die Rote Liste gefährdeter Arten der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) bildet seit 1964 den Zustand der weltweiten Artenvielfalt ab und hat kürzlich ihre Richtlinien für die Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel erweitert. Um diese zu testen, haben die Forscherinnen in ihrer Studie verschiedene virtuelle Arten simuliert, die sich hinsichtlich ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit, Reproduktionsgeschwindigkeit und Wärme-/Kälteanpassung unterscheiden.. Die Ergebnisse zeigen, dass die derzeit am häufigsten verwendeten Modelle, die Artverbreitungsmodelle (SDMs), die Gefahr des Aussterbens bei Arten mit räumlicher Verschiebung ihrer Lebensräume unterschätzt. Der Grund dafür liegt in der Annahme einer linearen Beziehung zwischen Populationsgröße und Lebensraumverlust, die durch empirische Daten nicht gestützt wird. Tatsächlich wurde festgestellt, dass bei wandernden Arten schon kleine Verluste im Lebensraum bereits zu starken Populationsrückgängen führen.

Weiterhin zeigen die Studienergebnisse, dass die derzeitigen Richtwerte für quantitative Aussterberisiken, wie sie mithilfe von räumlich expliziten Populationsmodellen (SEPMs) berechnet werden können, zu konservativ sind und daher zu spät warnen, um noch effektive Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Studie offenbart damit fundamentale Schwächen in der aktuellen Vorgehensweise der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unter Einfluss des Klimawandels.

Die Forschenden betonen, dass es notwendig sei, die Richtlinien der IUCN Red List zu aktualisieren, um klimabedingte Aussterberisiken in Zukunft besser abschätzen zu können. Dafür geben sie Empfehlungen, wie die bestehenden Modelle neu verknüpft werden könnten und welche Maße zielführender sind. 

„Unsere Forschung unterstreicht die Dringlichkeit, die Richtlinien der IUCN Red List zu verbessern, damit Naturschutzmaßnahmen rechtzeitig geplant und umgesetzt werden können“, erklärt die Hauptautorin der Studie Raya Keuth vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam. „Nur durch eine präzisere Vorhersage können wir dem Verlust der Artenvielfalt effektiv begegnen.“

Universität Potsdam


Originalpublikation:

Raya Keuth, Susanne A. Fritz, Damaris Zurell. Models used for Red List assessments underestimate climate-related extinction risk of range-shifting species. Nature Ecology & Evolution (2026). https://doi.org./10.1038/s41559-026-03125-y

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Wissenschaft Brandenburg
news-39252 Fri, 10 Jul 2026 13:38:00 +0200 SARS-CoV-2: Neue Hinweise auf mögliche Ursachen von Long-COVID-Fatigue https://www.vbio.de/aktuelles/details/sars-cov-2-neue-hinweise-auf-moegliche-ursachen-von-long-covid-fatigue Warum empfinden manche Menschen noch lange nach einer COVID-19-Erkrankung starke Erschöpfung? Eine bevölkerungsbasierte Beobachtungstudie mit 750 Erwachsenen zeigt, dass ein kleiner Teil der Betroffenen (ca. 2-3%) eine Kombination aus Selenmangel oder niedrigen Spiegeln des Selen-Transportproteins Selenoprotein P (SELENOP) und zusätzlich Autoantikörpern gegen SELENOP zeigt. Diese Kombinationen waren mit einem etwa doppelt so häufigen Auftreten anhaltender Fatigue verbunden. Rund 22 Monate nach einer laborbestätigten SARS-CoV-2-Infektion berichteten noch 23 Prozent der 750 Studienteilnehmer:innen über anhaltende Erschöpfung. Ein niedriger Selenspiegel oder Autoantikörper allein standen dabei nicht eindeutig mit den Beschwerden in Zusammenhang. Erst das gleichzeitige Auftreten von entweder niedrigen Selenspiegeln oder niedrigen Spiegeln des Selentransportproteins SELENOP zusammen mit dem Nachweis von Antikörpern gegen SELENOP war mit einer doppelt so hohen Häufigkeit von Fatigue assoziiert.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Zusammenspiel von Selenstoffwechsel und Immunreaktion bei einem Teil der Long-COVID-Fälle eine Rolle spielen könnte“, sagt Prof. Dr. Börge Schmidt vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und der Universitätsmedizin Essen. „Das verbessert unser Verständnis der biologischen Mechanismen hinter anhaltender Erschöpfung im Kontext von Infektionsereignissen“, so Prof. Dr. Mirko Trilling Leiter des Instituts für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen (HIV-AAD).

Die Autor:innen betonen, dass es sich zunächst um eine statistische Beobachtung handelt, die derzeit noch keinen ursächlichen Zusammenhang nachweist. Die Ergebnisse liefern jedoch wichtige Ansatzpunkte für zukünftige Forschung zu Diagnostik und Behandlung von Long-COVID.

Universität Duisburg-Essen


Originalpublikation:

Börge Schmidt, Sabrina Asaad, Laven Mavarani, Andreas Stang, Thilo S. Chillon, Waldemar B. Minich, Kostja Renko, Thorsten Brenner, Lara Maria Schöler, Ulf Dittmer, Mirko Trilling, Lutz Schomburg: Low serum selenium combined with SELENOP-autoantibodies are associated with persistent fatigue after SARS-CoV-2 infection, Redox Biology, Volume 95, 2026, doi.org/10.1016/j.redox.2026.104273.

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Coronavirus-News Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-39250 Fri, 10 Jul 2026 10:19:00 +0200 Energieschub für künstliche Zellen https://www.vbio.de/aktuelles/details/energieschub-fuer-kuenstliche-zellen Forschende haben eine „synthetisch-biologische Batterie“ entwickelt, die die Abhängigkeit synthetischer Stoffwechselwege von externen Energiequellen verringert. In Kombination mit einem CO₂-umwandelnden Reaktionsnetwork (CETCH) bezieht das integrierte System sowohl Energie als auch Kohlenstoff aus den beiden Hauptbestandteilen unserer Atmosphäre: Sauerstoff und Kohlendioxid (CO₂). Diese Studie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer vollständig selbstversorgenden künstlichen Zelle für nachhaltige Biosynthesen.  In der Synthetischen Biologie entwickeln Forschende zellfreie Systeme: miniaturisierte „Fabriken“, die spezifische Aufgaben erfüllen, ohne eine lebende Zellumgebung zu benötigen. Diese Systeme sollen nach dem Vorbild natürlicher biologischer Prozesse autonom, effizient und selbsterhaltend arbeiten.

Eine zentrale Innovation auf diesem Gebiet ist der CETCH-Zyklus – ein synthetisches Stoffwechselnetzwerk, das CO2 in organische Säuren umwandelt. Dieser Prozess ähnelt der Photosynthese in Pflanzen, bei der das Treibhausgas gebunden und in wertvolle Verbindungen umgewandelt wird.

Der Einbau von biochemischen Feed-Forward-Schleifen ermöglichen es dem System bereits, seine eigenen Enzyme zu regenerieren. Die größte Herausforderung auf dem Weg zu echter Autonomie bleibt jedoch die Energieversorgung: Ein wirklich selbsttragendes System muss seine Energie selbst erzeugen, anstatt auf externe Quellen angewiesen zu sein.

Minimale Atmungskette beschleunigt zellfreien Stoffwechselprozess

Ein internationales Team unter der Leitung von Professor Tobias Erb am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg entwickelte eine integrierte künstliche „Batterie" auf Basis der Atmungskette – jener zellulären Maschinerie, die für die Energieerzeugung zuständig ist. Zellen atmen Sauerstoff, um Energie zu gewinnen. Dabei wird eine elektrische Spannung an der Zellmembran erzeugt, die für Biosynthesen eingesetzt werden kann. Dieser Prozess, die in nahezu allen Lebewesen vorkommt, umfasst selbst in einfachen Organismen wie Bakterien mehr als 50 Komponenten.

„Die zelluläre Atmung ist unglaublich komplex und eng mit dem Stoffwechsel der Zelle verknüpft, was ihre Nutzung für neue Anwendungen erschwert,“ erklärt Dr. Owen Jarman, Erstautor der Studie. „Deshalb entwickelten wir für unser künstliches CO₂-Fixierungssystem mit den Werkzeugen der Synthetischen Biologie eine minimale Atmungskette von Grund auf neu." Die Forschenden statteten leere künstliche Zellkompartimente mit einem minimalen, sorgfältig ausgewählten Satz an Komponenten aus. „Als wir dieses maßgeschneiderte Atmungssystem mit unseren künstlichen CO₂-Stoffwechselwegen koppelten, beobachteten wir eine deutlich schnellere CO₂-Umwandlung", berichtet Owen Jarman. „Wir konnten außerdem zeigen, dass sich mehr Energie gezielt in den CO₂-Umwandlungsprozess lenken lässt."

Das Energiemodul kann zudem andere essentielle Funktionen antreiben, etwa die Transkriptions-Maschinerie, die DNA abliest, um Proteine herzustellen. Darüber hinaus ermöglichen mehrere Einstiegspunkte die Nutzung vielseitiger Ausgangsstoffe wie Formiat, ein nachhaltiger chemischer Energieträger.

Grundlagenforschung inspiriert neuartige Sensortechnologien

Obwohl die entwickelten Zellkompartimente ursprünglich für die CO₂-Fixierung konzipiert wurden, reichen mögliche Anwendungen weit darüber hinaus. Dr. Jarman untersucht derzeit, wie sich die Erkenntnisse aus dieser Grundlagenforschung in praktische Technologien überführen lassen. Er gründete das Spin-off-Projekt DynaPore mit, das elektronische Chips mit stabilen synthetischen Membranen entwickelt, in denen Proteine integriert sind. Diese ermöglichen, basierend auf der Messung von Spannungsänderungen über die Membranen, die Entwicklung neuer Biosensoren und diagnostischer Werkzeuge.

„Dieses Beispiel zeigt, wie Grundlagenforschung zu neuen Technologien in unerwarteten Bereichen führen kann", betont Projektleiter Prof. Dr. Tobias Erb. „Es verdeutlicht zugleich das transformative Potenzial der Synthetischen Biologie." Gemeinsam mit Professorin Petra Schwille, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biochemie, leitet Tobias Erb das Netzwerk SynCell nExUs, das Forschungskooperationen in ganz Europa stärken soll. „Von der Kohlenstoffbindung bis zur Entwicklung innovativer Sensortechnologien eröffnet die Forschung an synthetischen Zellen vielversprechende Wege, um einige der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit anzugehen", so Tobias Erb.

Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie


Originalpublikation:

Jarman, O. D.; Bohra, N.; Claus, P.; Erb. T.J. : Improving cell-free metabolism through direct integration of artificial respiratory chains, Proceedings of the National Academy of Sciences 123 (27) e2613483123 (2026), https://doi.org/10.1073/pnas.2613483123

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Wissenschaft Biobusiness Hessen
news-39247 Fri, 10 Jul 2026 09:45:00 +0200 Neu entdeckter „Saprotropismus“ hilft Wurzeln, verrottendes Pflanzenmaterial zu meiden – tierische Verwesung aber nicht https://www.vbio.de/aktuelles/details/neu-entdeckter-saprotropismus-hilft-wurzeln-verrottendes-pflanzenmaterial-zu-meiden-tierische-verwesung-aber-nicht Sich zersetzendes Material prägt das Leben im Boden, kann für wachsende Wurzeln aber auch lebensfeindliche Räume schaffen. Jetzt wurde von Forschenden der „Saprotropismus“ identifiziert, eine Reaktion der Wurzeln, die Pflanzen von verrottendem pflanzlichem Material wegführt – nicht jedoch von tierischen Abfällen. Die Studie zeigt, wie Wurzeln ihre Wachstumsrichtung anpassen, indem sie lokale pH-Gradienten rund um verrottendes Material wahrnehmen.  Pflanzen können nicht vor Gefahren davonlaufen oder auf etwas zulaufen, das sie haben wollen. Stattdessen passen sie die Richtung an, in die sie wachsen. Triebe biegen sich dem Licht zu (ein bekanntes Phänomen namens Phototropismus), Wurzeln und Triebe nutzen die Schwerkraft, um nach unten bzw. nach oben zu wachsen (Gravitropismus) und Wurzeln können sich auch in Richtung Wasser biegen (Hydrotropismus). Diese richtungsabhängigen Wachstumsreaktionen, bekannt als Pflanzentropismen, helfen Pflanzen, in sich verändernden Umgebungen zurechtzukommen. Nun beschreiben Forschende aus China und Österreich ein neues Mitglied dieser Familie: den Saprotropismus, abgeleitet von „sapro“, was „verfault“ oder „verrottend“ bedeutet. 

„Über die klassischen Tropismen wie Gravitropismus, Phototropismus und Hydrotropismus hinauszugehen, war Yuzhous Idee“, sagt Co-Autor Jiří Friml, Professor am Institute of Science and Technology Austria (ISTA). „Als Alum meiner Gruppe am ISTA hat er diese Frage weiterverfolgt und den Saprotropismus sowie die dahinterstehenden Mechanismen identifiziert.“

Saprotropismus: Tote Pflanzen sind pfui.

Die Forschenden zeigten zunächst, dass der direkte Kontakt mit verrottendem Pflanzengewebe das Wurzelwachstum stark hemmte und Abwehrwege aktivierte, die mit Immunität und Krankheitserregern zusammenhängen. Mit anderen Worten: Die Wurzeln behandelten diese Verrottungszonen als biologisch bedrohliche Umgebungen. „Tiere meiden instinktiv verdorbene Nahrung, weil die oft schädliche Mikroben in sich trägt“, sagt der leitende Autor Yuzhou Zhang, Professor an der Northwest A&F University in China und ehemaliges Mitglied der Friml-Gruppe am ISTA. „Wir haben uns gefragt, ob Pflanzen, obwohl sie unbeweglich sind, unter der Erde vielleicht eine vergleichbare Strategie entwickelt haben.“ Und tatsächlich tun sie das: Der neu identifizierte Tropismus ermöglicht es den Wurzeln, sich aktiv von verrottendem Pflanzenmaterial wegzubiegen. In Experimenten mieden die Wurzeln Verrottungszonen aus ‚fleischigem‘ Material wie Äpfeln oder Blättern und – entgegen anfänglichen Annahmen – auch aus holzigem Material wie Sägemehl.

Tote Tiere stören Pflanzen nicht

Als die Forschenden jedoch tierischen Verwesungsstoff, wie zum Beispiel kleine Stücke Hühnerfleisch, testeten, zeigten die Wurzeln keine gerichtete Wachstumsreaktion.

„Eine der auffälligen Erkenntnisse war daher, dass die Wurzeln nicht einfach alles vermieden, was verfault war“, sagt Friml. „Sie reagierten spezifisch auf zerfallendes Pflanzenmaterial. Das zeigt uns, dass Saprotropismus keine allgemeine Reaktion auf Verwesung ist, sondern eine gezielte Reaktion auf pflanzlichen Verwesungsstoff.“

Diese Reaktion wurde nicht nur bei der Modellpflanze Arabidopsis thaliana (Acker-Schmalwand) beobachtet, sondern auch bei Kulturpflanzen wie Raps, Tomaten und Weizen – was darauf hindeutet, dass Saprotropismus unter Pflanzen weit verbreitet ist.

Die Wirkung eines winzigen ‚Pflanzenfriedhofs‘ beobachten

Das Team fand heraus, dass ein entscheidendes Signal von Mikroorganismen, insbesondere Pilzen, ausgeht, wenn diese abgestorbenes Pflanzenmaterial zersetzen. Während der Zersetzung setzen Pilze saure Stoffwechselprodukte frei, darunter organische und phenolische Säuren. Diese Verbindungen diffundieren in den umgebenden Boden und erzeugen stabile lokale pH-Gradienten um das verrottende Material herum. Wurzeln können dieses Säuremuster bereits vor dem direkten Kontakt wahrnehmen und nutzen es als Orientierungshilfe, indem sie sich von der saureren Seite wegbiegen. Der „Pflanzenfriedhof“ sendet jedoch kein dauerhaftes Warnsignal – es hört automatisch auf, sobald das Material zu Erde geworden ist. „Sobald das Pflanzenmaterial fast vollständig zersetzt war, schwächte sich das saure Warnsignal ab – und die Wurzeln hörten auf, sich davon wegzubiegen“, erklärt Zhang.

Um den Prozess unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen, nutzten die Forschenden ein vertikales Split-Agar-System – eine flache, aufrechtstehende Platte, in der verschiedene Agar-Medien einen definierten chemischen Gradienten erzeugen. Während die Wurzeln entlang der Platte nach unten wachsen, können Wissenschafter:innen beobachten, ob sie sich auf ein bestimmtes Signal hin oder davon weg biegen, wie zum Beispiel den mit der Zersetzung verbundenen Säuregehalt. „Am ISTA nutzen wir seit vielen Jahren ähnliche Systeme, um zu untersuchen, wie Wurzeln in Richtung Wasser wachsen“, sagt Friml. Zu diesem speziellen Zweck war am Institut ein spezielles Vertikalmikroskop konstruiert worden. „Nun half dasselbe Setup dabei, ein gegenteiliges Verhalten aufzudecken: Wurzeln, die sich von einem potenziell schädlichen Reiz wegbewegen. Und anders als bei anderen Tropismen ist der Hauptakteur nicht das Pflanzenhormon Auxin.“

Wurzeln tanzen zum Klang von ABA

Innerhalb der Wurzel wird ein externes Signal in eine Wachstumsentscheidung umgewandelt: Zellen an der Wurzeloberfläche erkennen, dass eine Seite der Wurzel einem stärkeren Säuregehalt ausgesetzt ist als die andere. Dieses ungleichmäßige Signal verändert die Verteilung des Pflanzenhormons Abscisinsäure (ABA) über die Wurzelspitze hinweg. Infolgedessen wird das innere Gerüst der Wurzelzellen neu angeordnet, was dazu führt, dass eine Seite der Wurzel anders wächst als die andere. Die Wurzel biegt sich dann von dem verrottenden Pflanzenmaterial weg.

„Unsere Forschung zeigt, dass verrottendes Pflanzenmaterial nicht nur eine passive Nährstoffquelle ist“, erklärt Zhang. „Es schafft eine chemische Landschaft, die Wurzeln lesen können. Der Saprotropismus zeigt, wie Pflanzen die mikrobielle Aktivität im Boden interpretieren und entsprechend Wachstumsentscheidungen treffen.“

Grundlagenforschung mit Relevanz für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit

Die Entdeckung des Saprotropismus – ein von den Autor:innen der Studie geprägter Begriff – eröffnet neue Forschungsansätze, beispielsweise dazu, wie Wurzeln mikrobielle Aktivität im Boden interpretieren. Langfristig könnte ein besseres Verständnis solches Verhaltes von Wurzeln dazu beitragen, Ansätze in der Landwirtschaft, der Bodenbewirtschaftung und der Widerstandsfähigkeit von Kulturpflanzen zu entwickeln.

„Landwirtschaftliche Praktiken wie das übermäßige Einarbeiten von unverrotteten Ernterückständen können große Verrottungszonen schaffen, die die Fähigkeit der Wurzeln übersteigen, diese zu umgehen. Das erhöht möglicherweise die Anfälligkeit für schädliche Mikroben und begünstigt Wurzelkrankheiten“, erklärt Zhang. Das Verständnis der molekularen Grundlagen des Saprotropismus eröffnet neue Möglichkeiten, Nutzpflanzen zu entwickeln, die besser in der Lage sind, pathogenreiche Umgebungen zu erkennen und zu meiden. „In Zukunft könnten Züchtungen oder gentechnisch veränderte Sorten mit einer stärkeren Fähigkeit zur ‚Vermeidung von Verrottungszonen‘ herkömmliche Strategien zur Krankheitsresistenz ergänzen. So könnte man Begegnungen zwischen Wurzeln und Krankheitserregern verhindern, bevor es zu einer Infektion kommt“, skizziert er.

Institute of Science and Technology Austria


Originalpublikation:

Zhulatai Bao, Huihui Wang, Ai Zhang, Ruxi Gao, Wen Gu, Ni Fan, Jiří Friml, and Yuzhou Zhang. 2026. Roots navigate around decay regions by sensing local pH gradients. Science. DOI: 10.1126/science.adw6568
https://doi.org/10.1126/science.adw6568

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Wissenschaft International