VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Wed, 18 Mar 2026 17:27:16 +0100 Wed, 18 Mar 2026 17:27:16 +0100 TYPO3 news-37324 Wed, 18 Mar 2026 21:26:00 +0100 Neue Studienorientierungskampagne von "Wissenschaft verbindet" https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-studienorientierungskampagne-von-wissenschaft-verbindet Welche Rolle spielen Mathematik und Naturwissenschaften in einer sich wandelnden Welt? Und welche Perspektiven eröffnen sich jungen Menschen nach einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Studium? Mit dem Start der neuen Studienorientierungskampagne von Wissenschaft verbindet greifen die fünf beteiligten mathematisch-naturwissenschaftlichen Gesellschaften DVGeo, DMV, DPG, GDCh und VBIO genau diese Fragen auf. Angesprochen sind Schülerinnen und Schüler der Oberstufe.  Im Zentrum der Kampagne stehen zwei Poster und die Website https://wissenschaft-verbindet.de/studieren

Die Website bietet Einblicke in mathematisch-naturwissenschaftliche Studiengänge. Neben Informationen zu Aufbau und Inhalten der Fächer stehen vor allem konkrete Einblicke in berufliche Werdegänge von Absolventinnen und Absolventen („Role Models“) im Fokus: Diese berichten aus ihrem Berufsalltag und zeigen, wie vielfältig der Berufseinstieg und die Wege nach dem Studium sein können. Begleitend zur Website werden bundesweit Poster an Schulen versendet, die Aufmerksamkeit erregen und über QR-Codes direkt auf die Kampagnenwebsite verweisen.

Die Kampagne möchte Oberstufenschülerinnen und -schülern Orientierung bieten und ihnen dabei helfen, eigene Interessen einzuordnen und Studienentscheidungen auf einer belastbaren Informationsbasis zu treffen.

(VBIO)

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VBIO Schule Bundesweit
news-37358 Wed, 18 Mar 2026 19:00:00 +0100 VBIO beteiligt sich an Evaluation der EU-Verordnung zu Access and Benefit Sharing https://www.vbio.de/aktuelles/details/vbio-beteiligt-sich-an-evaluation-der-eu-verordnung-zu-access-and-benefit-sharing Seit 2015 ist die EU-ABS-Verordnung (EU) Nr. 511/2014, die sich mit der Nutzung genetischer Ressourcen und der gerechten Verteilung der daraus resultierenden Vorteile befasst, in Kraft. Diese Verordnung dient der Umsetzung des Nagoya Protokolls zu Access and Benefit Sharing (ABS) und steht nun nach zehn Jahren turnusgemäß zur Überprüfung an. Im Rahmen einer ersten Sondierung hat der VBIO aktiv an einer Stellungnahme dazu mitgearbeitet, die die Allianz der universitären und außeruniversitären Biodiversitätsforschung in Deutschland gemeinsam mit Konsortium europäischer taxonomischer Einrichtungen (CETAF) vorgelegt hat. Neben der Beantwortung der von der EU vorgegebenen Fragen geht die Stellungnahme auf weitere Beobachtungen ein und betont, dass der Zugang zu genetischen Ressourcen für die Biodiversitätsforschung essenziell ist. Es bestehen aber derzeit erhebliche rechtliche Unsicherheiten bezüglich der Nutzung und der Verantwortlichkeiten der Nutzer. 

Als Vereinfachung gedachte Instrumente wie „Registrierte Sammlungen“ und „Best Practices“ sind nur in Einzelfällen implementiert worden. Sie  konnten daher nicht die erhoffte flächendeckende  Entlastung für die akademische Forschung bringen. Eine große Herausforderung sind auch deutlich abweichende Compliance-Prüfungen in den EU-Mitgliedstaaten. Dies betrifft unter anderem unterschiedliche Interpretationen, was als „angemessene Bemühungen“ zur Einholung von Zugangsinformationen akzeptabel ist (Art. 4 der EU-VO) oder uneinheitliche Dokumentationsanforderungen in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten. Rechtliche Unsicherheiten und hohe, aber ungleichen Kosten für wissenschaftliche Einrichtungen in unterschiedlichen EU-Ländern sind die Folge.

Vor diesem Hintergrund bedarf es einer Überarbeitung der EU-ABS-Verordnung, um rechtliche Unsicherheiten zu reduzieren und die Forschung zu erleichtern. Davon könnten insbesondere groß angelegte Biodiversitätsforschungsprojekte und internationale Kooperationen profitieren. Berücksichtig werden müssen dabei auch potentielle Inkonsistenzen mit anderen völkerrechtlichen Regelungen, wie etwa jenen zu marinen genetischen Ressourcen im Rahmen des UN-Hochseeschutzabkommens (BBNJ-Abkommen).

Das Sondierungsverfahren ist nur ein erster Schritt im Rahmen der Evaluation der EU-ABS-Verordnung (EU) Nr. 511/2014, die der VBIO im Rahmen der Allianz der universitären und außeruniversitären Biodiversitätsforschung in Deutschland weiter begleiten wird. 

(VBIO)


Den Volltext der Stellungnahme finden Sie hier

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VBIO Wissenschaft Politik & Gesellschaft International
news-37784 Wed, 18 Mar 2026 11:20:54 +0100 Umfrage von NBS und DFG zur Praxis gentechnischer Arbeiten in S1/S2-Laboren https://www.vbio.de/aktuelles/details/umfrage-von-nbs-und-dfg-zur-praxis-gentechnischer-arbeiten-in-s1-s2-laboren Noch bis zum 24. April 2026 läuft eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gemeinsam mit  dem Netzwerk Biologische Sicherheit im VBIO initiierte bundesweite Umfrage, die sich an Projektleiter/-innen gentechnischer Anlagen der Sicherheitsstufen S1 und S2 wendet. Diese sind in ihrem Arbeitsalltag mit erheblichem dokumentarischem, organisatorischem und administrativem Aufwand konfrontiert. Die bundesweite Online-Umfrage erfasst erstmals systematisch, wie dieser Aufwand in der Praxis ausgestaltet ist und wo aus Sicht der Projektleiter/-innen Unterschiede in der Auslegung und Umsetzung des Gentechnikgesetzes und zugehöriger Verordnungen durch die zuständigen Behörden der Bundesländer bestehen. Die Umfrage stellt Fragen zur aktuellen Praxis im Zusammenhang mit dem Betrieb gentechnischer Anlagen der Sicherheitsstufen S1 und S2 sowie der Durchführung gentechnischer Arbeiten.
Es werden Daten erhoben zum zeitlichen, organisatorischen und administrativen Aufwand für Projektleiter/-innen und zu Unterschieden bei der Interpretation der relvanten Regularien durch die zuständigen Behörden der Bundesländer. Erbeten sind auch Einschätzungen der Projektleiter/-innen, welche Anforderungen tatsächlich zur Aufrechterhaltung oder Erhöhung der Sicherheit beitragen. Gesammelt werden auch Beispiele für effiziente und bewährte Vorgehensweisen („Best Practice“).

Die Ergebnisse der Befragung bilden die Grundlage für praxisorientierte Vorschläge zur Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens und für den Dialog mit Behörden und Politik mit dem Ziel, eine Entbürokratisierung gentechnischer Arbeiten voranzutreiben.

Aufruf zur Teilnahme von Gentechnik-Projektleiter/-innen

Die Umfrage richtet sich ausdrücklich an Gentechnik-Projektleiterinnen und -Projektleiter (§27 GenTSV) in ganz Deutschland aus allen Bereichen (z.B. Universitäten/Hochschulen, Industrie, Forschungseinrichtungen, Start-ups im Gentechnik-Bereich), da ihre praktische Erfahrung eine zentrale Grundlage für die Bewertung bestehender Regelungen darstellt.

Die Teilnahme an der Umfrage erfolgt über einen personalisierten Zugangslink. Dieser wird aus Gründen der Zielgenauigkeit und Vertraulichkeit nicht öffentlich bereitgestellt, sondern über die jeweiligen Institutionen und benannten Multiplikatoren (z. B. Institutsleitungen oder Beauftragte für die Biologische Sicherheit) an die Projektleiter*innen weitergeleitet.

Sollten Sie als Projektleiter*in bisher keinen Zugangslink erhalten haben, wenden Sie sich bitte an die zuständige Stelle an Ihrer Einrichtung oder das NBS und bitten Sie um Weiterleitung des Umfragelinks.

Formales und Kontakt:

Die Umfrage wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gemeinsam mit dem Netzwerk für Biologische Sicherheit im VBIO (NBS) durchgeführt. 
Die technische Umsetzung erfolgt durch SOKO Institut GmbH, Bielefeld.
Die Beantwortung des Fragebogens ist freiwillig. Die Teilnahme kann jederzeit abgebrochen werden. Die Antworten werden vertraulich behandelt. Die Daten der Umfrage werden statistisch ausgewertet, sodass an keiner Stelle Rückschlüsse auf Personen oder Einrichtungen möglich sind.
 

Bei inhaltlichen Fragen zum Fragenbogen oder zum Zugangslink wenden Sie sich bitte an das Netzwerk für Biologische Sicherheit im VBIO (NBS) 
>>> E-Mail

(VBIO)

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VBIO Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-37783 Wed, 18 Mar 2026 11:18:23 +0100 Forschende finden Kontrollmechanismus gegen Zellstress https://www.vbio.de/aktuelles/details/forschende-finden-kontrollmechanismus-gegen-zellstress Ein internationales Forschungsteam hat einen bislang unbekannten Kontrollmechanismus in menschlichen Zellen entschlüsselt. Sie zeigen erstmals, wie ein zentraler molekularer Schalter die „Recyclingzentren“ der Zelle reguliert. Die Ergebnisse liefern wichtige Ansätze für das Verständnis von Krebs und neurodegenerativen Erkrankungen.  Lysosomen sind die Kontrollzentren des Stoffwechsels von Zellen und Geweben einschließlich des Gehirns. Sie zerlegen defekte Eiweiße und andere Makromoleküle in ihre Bausteine. Gleichzeitig entscheiden sie, ob eine Zelle wächst oder in einen Energiesparmodus schaltet. Damit übernehmen sie eine Schlüsselrolle für Gesundheit und Krankheit. 

Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Markus Damme von der Universität Bielefeld und Prof. Volker Haucke, Direktor des Leibniz Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie (FMP), haben nun gemeinsam einen entscheidenden Mechanismus dieser Steuerung aufgeklärt. „Wir zeigen zum ersten Mal, welcher Gegenspieler den zentralen Transportschalter ARL8B wieder ausschaltet“, sagt der Biochemiker Markus Damme, der vor kurzem aus Kiel an die Universität Bielefeld berufen wurde. „Damit verstehen wir besser, wie Zellen ihre Recyclingzentren – oder noch konkreter, ihre Nachhaltigkeitszentren – räumlich organisieren und an Nährstoffmangel anpassen", ergänzt Prof. Volker Haucke, der zusammen mit Markus Damme gemeinsamer Letztautor der Studie ist.

Im Zentrum der Arbeit, die in enger Kooperation der Teams um Prof. Volker Haucke in Berlin und Prof. Markus Damme in Bielefeld sowie Forschenden der Christian-Albrechts-Universität Kiel entstanden ist, steht das Protein ARL8B. Es wirkt wie ein Motorstarter: Ist es aktiv, wandern Lysosomen entlang eines zellulären Schienennetzes – den sogenannten Mikrotubuli – an den Rand der Zelle. Dort fördern sie Wachstumsprozesse. Bisher war jedoch unklar, wie dieser Schalter wieder deaktiviert wird.

Ein neu entdeckter Gegenspieler
Die Forschenden identifizierten das Protein TBC1D9B als entscheidenden „Ausschalter“. TBC1D9B bindet an das Lysosomen-Protein TMEM55B und schaltet ARL8B gezielt ab. Fachleute sprechen von einer GAP-Funktion (GTPase-aktivierendes Protein) – einem Mechanismus, der molekulare Schalter in ihre inaktive Form zurückversetzt.

"Fehlt TBC1D9B oder sein Partner TMEM55B, verlieren Lysosomen ihre geordnete Position. Sie verteilen sich unkontrolliert in der Zelle", erläutert Doktorand Valentin Duhay von der CAU Kiel, Ko-Erstautor der Studie. Besonders dramatisch zeigt sich das bei Nährstoffmangel: "Normalerweise rücken Lysosomen dann ins Zellzentrum und kurbeln den Abbauprozess – die sogenannte Autophagie, eine Art Selbstreinigung der Zelle – an. Ohne den neu entdeckten Regulator funktioniert diese Anpassung nicht", ergänzt FMP-Forscherin und Ko-Erstautorin Dr. Miaomiao Tian.

Bedeutung für Medizin und Gesellschaft
Die Arbeit verbindet modernste Proteomanalysen, Genom-Editierung und hochauflösende Mikroskopie. Sie belegt in bisher unerreichter Detailtiefe, dass nicht nur die präzise Position von Lysosomen über ihre Funktion entscheidet. Fehlfunktionen von Lysosomen spielen bei Alzheimer, Parkinson und erblichen Stoffwechselerkrankungen ebenso eine Rolle wie bei Krebs. Wenn Lysosomen in ihrer Kontroll- und Recyclingfunktion gestört sind, sammeln sich schädliche Eiweißablagerungen z.B. im Gehirn an oder Tumorzellen nutzen die Systeme für ihr eigenes Wachstum.

Einschätzung der Professoren Damme und Haucke:
„Unsere Ergebnisse liefern den fehlenden Baustein zur Regulation von ARL8B. Diese Entdeckung eröffnet neue Perspektiven, um krankhafte Prozesse wie das Tumorwachstum gezielt zu beeinflussen", so die Einschätzung von Professor Dr. Markus Damme zum Thema. Prof. Volker Haucke ergänzt: „Durch gezielte Eingriffe in die Schaltprozesse am Lysosom könnten wir z.B. Nervenzellen widerstandsfähiger machen und so Demenz verhindern oder verzögern oder Immunzellen, die ebenfalls von ARL8 abhängig sind, scharfstellen, um Viren oder Bakterien effektiver zu bekämpfen."

Universität Bielefeld


Originalpublikation:

Duhay, V., Tian, M., Kosieradzka, K. et al. Control of lysosome function by the GTPase-activating protein TBC1D9B and its binding partner TMEM55B. Nat Commun 17, 2487 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-70345-y

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-37782 Wed, 18 Mar 2026 11:07:49 +0100 Studie zur Klimakommunikation im deutschen Fernsehen https://www.vbio.de/aktuelles/details/studie-zur-klimakommunikation-im-deutschen-fernsehen Fernsehen ist in Deutschland noch immer eines der wichtigsten Medien, um sich mit dem Thema Klimawandel auseinanderzusetzen. Zudem kann Fernsehen zur gesellschaftlichen Konsensfindung beitragen. Eine aktuelle Studie stellt jedoch fest, dass Fernsehinhalte zum Klimawandel vorrangig nachrichtenaffine Zielgruppen erreichen, während desinteressierte und skeptische Gruppen aufgrund ihrer präferierten TV-Formate kaum mit dem Thema in Kontakt kommen.  „Die Forschung hat sich bislang stark auf die problematischen Effekte sozialer Medien im Kontext des Klimawandels konzentriert – etwa Polarisierung oder Desinformation. Weniger untersucht ist dagegen, welche Rolle klassische Rundfunkmedien für eine verständigungsorientierte und demokratiestärkende Kommunikation beispielsweise beim Thema Klimawandel spielen, obwohl diese trotz fortschreitender Digitalisierung weiterhin ein breites Publikum erreichen“, erklärt Prof. Dr. Imke Hoppe von der Ludwig-Maximilians-Universität München ihre Motivation für diese Untersuchung. 

Großangelegte empirische Analyse
Die Studie untersuchte das Fernsehprogramm von 20 öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern im Zeitraum vom 1. September bis 1. November 2022 in Deutschland. Ergänzt wurde die Analyse durch eine repräsentative Zuschauerbefragung mit 1.445 Teilnehmenden. In der Studie analysierte ein interdisziplinäres Team unter Leitung der Kommunikationswissenschaftlerinnen Prof. Dr. Imke Hoppe (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Prof. Dr. Irene Neverla (Universität Hamburg/Freie Universität Berlin) rund 23.478 Stunden Fernsehprogramm – ein Studienansatz für den es bis dato kaum vergleichbare wissenschaftliche Untersuchungen gibt. 

Methodische Innovation: KI-gestützte Analyse von TV-Inhalten
Erstmals kombinierten die Forschenden klassische sozialwissenschaftliche Methoden mit hoch entwickelten KI-basierten Bild- und Audioanalyseverfahren des Fraunhofer IDMT. Dank der intelligenten Textauswertung sowie den Verfahren zur automatisierten Gesichtsanalyse und zur systematischen Transkription von gesprochenem Text konnten die riesigen Datenmengen (ungefähr 1,8 Millionen Sendeminuten) ausgewertet werden. 

Klimawandel im TV: Sichtbar, aber im Mittelfeld der Aufmerksamkeit
Die Auswertung der Sendeinhalte zum Thema Klimawandel im Fernsehen ergab unter anderem, dass etwa 80 Prozent der klimabezogenen Sendeminuten in Nachrichten- und Informationsformaten stattfinden und nur rund 20 Prozent in den unterhaltungsorientierten Formaten. 
In dem untersuchten Zeitraum lag das Thema Klimawandel im Fernsehen mit seinem Sendeanteil deutlich hinter dem von sozialen Fragen (4,5 Prozent), Krieg (4,2 Prozent) und Wirtschaft (3,4 Prozent) auf Rang 4. 
Interessant sind auch die Ergebnisse zur Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen im Fernsehen. Von insgesamt 71.971 erfassten Gesichtern waren lediglich 34 Prozent weiblich. Diese ungleiche Sichtbarkeit begrenzt nach Aussage der Autorinnen und Autoren der Studie die Fähigkeit des Fernsehens, als inklusiver demokratischer Diskussionsraum zu fungieren.

Klimawandel im Fernsehen: Sichtbar – aber vor allem für bereits Engagierte
Parallel zur Inhaltsanalyse wurde eine repräsentative Bevölkerungsbefragung mit 1.445 Teilnehmenden durchgeführt. Das Ergebnis bestätigt die inhaltliche Analyse, dass Klimaberichterstattung überwiegend in Informationsformaten stattfindet. Diese Formate werden primär von Personen genutzt, die dem Thema bereits aufgeschlossen gegenüberstehen.
Zuschauende mit einer distanzierten oder skeptischen Haltung werden mit diesen Formaten deutlich seltener erreicht.
Die Studie spricht hier von einer Reichweiten-Asymmetrie: Fernsehen erfüllt zwar seine Informationsfunktion – verstärkt jedoch vor allem bereits bestehendes Interesse. Um Klimathemen gesellschaftlich breiter zu verankern und die integrative Wirkung des Fernsehens zu stärken, braucht es daher inklusive Formate des Storytellings, vielfältigere Darstellungen für unterschiedliche soziale Gruppen sowie Programme jenseits klassischer Nachrichtenformate.

Polykrise und mediale Prioritäten
Der Untersuchungszeitraum der Studie fiel in eine Phase überlappender Krisen – Krieg in Europa, steigende Energiepreise, Inflationsdebatten und soziale Verteilungsfragen. Die Analyse zeigt deutlich, dass Klimathemen im Medienmix hinter akuten Konfliktlagen zurückbleiben. 
Vor diesem Hintergrund wirft die Studie zentrale medienpolitische Fragen auf: 
- Wie sehr setzt das duale Rundfunksystem langfristige Zukunftsthemen wie den Klimawandel auf seine Agenda, wenn kurzfristige Krisen die Berichterstattung dominieren? 
- Welche Verantwortung tragen öffentlich-rechtliche Anbieter in einer zunehmend fragmentierten Medienlandschaft – von Fernsehen über Social Media bis zu Online-Portalen – für die öffentliche Meinungsbildung und die gesellschaftliche Kohärenz? 
- Und welche Rolle spielen klassische TV-Formate im Vergleich zu sozialen Medien bei der Strukturierung gesellschaftlicher Zukunftsdebatten?

Die Datenerhebung wurde durch ARD, ZDF, Pro7Sat1 und RTL Deutschland ermöglicht. Förderpartner war die MaLisa Stiftung.

Weizenbaum-Institut


Originalpublikation:

Hoppe, I., Dörpmund, F., Weigel, C. et al. Climate change on television reaches the engaged but misses distant audiences. Nat. Clim. Chang. 16, 288–296 (2026). doi.org/10.1038/s41558-026-02575-3

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Politik & Gesellschaft Bayern Berlin
news-37781 Wed, 18 Mar 2026 11:01:10 +0100 Galápagos-Goldwaldsänger: Gesänge von Männchen und Weibchen haben unterschiedliche Funktionen https://www.vbio.de/aktuelles/details/galapagos-goldwaldsaenger-gesaenge-von-maennchen-und-weibchen-haben-unterschiedliche-funktionen Jahrzehntelang konzentrierte sich die Vogelgesangsforschung fast ausschließlich auf Männchen. Dabei singen bei vielen Vogelarten auch die Weibchen. Eine neue Studie zeigt nun, dass weibliche Galápagos-Goldwaldsänger häufig singen – jedoch offenbar aus anderen Gründen als die Männchen. In Experimenten, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden, stellten die Forschenden fest, dass der Gesang der Weibchen weder mit Konkurrenz unter Artgenossinnen noch mit der Signalisierung von Aggression zur Revierverteidigung in Verbindung steht. Die Ergebnisse werfen neue Fragen zur Funktion von Vogelgesang auf. Vogelgesang wird seit Jahrzehnten untersucht, um die Evolution der vokalen Kommunikation zu verstehen. Der Gesang von Weibchen wurde dabei lange weitgehend übersehen: Einerseits ging man lange davon aus, dass Weibchen in der sexuellen Selektion eine eher passive Rolle spielen. Andererseits konzentrierte sich die Forschung vor allem auf Arten der Nordhalbkugel, bei denen Männchen in der Regel häufiger singen als Weibchen. Neuere Studien, die auf zwei Jahrzehnten intensiver Forschung zum Gesang weiblicher Vögel aufbauen, zeigen jedoch, dass weiblicher Gesang deutlich verbreiteter ist als lange angenommen wurde. Er kommt bei mehr als der Hälfte aller Singvogelarten vor, insbesondere in tropischen Regionen. Dennoch ist die Funktion des weiblichen Gesangs bislang kaum verstanden. Nutzen Weibchen ihren Gesang ähnlich wie Männchen – etwa zur Revierverteidigung oder im Wettbewerb mit Rivalinnen?

Über die Studie

Das Forschungsteam untersuchte Galápagos-Goldwaldsänger (Setophaga petechia aureola) auf der Insel Floreana im Galápagos-Archipel. Während einer Expedition im Jahr 2023 hörten die Forschenden einen Gesang, der in bisherigen Studien und Feldführern nicht beschrieben war. Der Ursprung: Ein weiblicher Vogel. Um die Funktion dieses Gesangs zu untersuchen, führten die Forschenden Playback-Experimente durch, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden. Sowohl während als auch außerhalb der Brutzeit wurden den ansässigen Vögeln Gesänge von Männchen, Weibchen und Duettpaaren vorgespielt. Die Forschenden achteten auf aggressives Verhalten, zeichneten Gesangsreaktionen auf und beobachteten über mehrere Jahre hinweg Reviere, um zu prüfen, ob Gesang oder Aggression mit dem langfristigen Erhalt eines Reviers zusammenhängen.

Überprüfung gängiger Hypothesen zum Vogelgesang

Die Studie testete zwei verbreitete Hypothesen zur Funktion männlichen Gesangs auch für weiblichen Gesang. Eine Möglichkeit wäre, dass Weibchen Gesang im innergeschlechtlichen Wettbewerb einsetzen, beispielsweise um Aggression gegenüber anderen Weibchen zu signalisieren. Alternativ könnte weiblicher Gesang der Revierverteidigung dienen und Ressourcen vor Eindringlingen beider Geschlechter schützen. Die Daten unterstützen jedoch keine der beiden Hypothesen. Weiblicher Gesang trat vor allem außerhalb der Brutzeit auf. In dieser Zeit reagierten Weibchen zwar deutlich aggressiv auf simulierte Eindringlinge und beteiligten sich auch an vokalen Interaktionen, dennoch zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Gesang und aggressivem Verhalten. "Der Gesang der Männchen stand bei territorialen Begegnungen in engem Zusammenhang mit Aggression", erklärt Erstautor der Studie Alper Yelimlieş vom Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. "Bei den Weibchen hingegen scheinen Gesang und Aggression voneinander unabhängige Verhaltensweisen zu sein." Auffällig war außerdem, dass die Weibchen selten allein sangen. Die meisten ihrer Lautäußerungen traten vielmehr als Duette mit ihren Partnern auf und wurden in der Regel vom Männchen initiiert.

Gemeinsames Singen: Kommunikation innerhalb eines Paares

Da der Gesang der Weibchen nicht als aggressives Signal dient, vermuten die Forschenden, dass er stattdessen eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen Partnern spielt. "Die meisten Gesänge der Weibchen traten als Duette mit ihren Partnern auf. Das deutet darauf hin, dass sie eher der Kommunikation innerhalb des Paares dienen könnten als der Revierverteidigung", sagt Yelimlieş. "Die Erforschung weiblichen Gesangs ist daher entscheidend für ein vollständiges Verständnis der Evolution vokaler Kommunikation bei Vögeln." Mit der Dokumentation weiblichen Gesangs bei Galápagos-Goldwaldsängern trägt die Studie dazu bei, langjährige Vorurteile in der Verhaltensbiologie zu beseitigen.

Universität Wien


Originalpublikation:

Yelimlieş, A., Morales, K. A., Akçay, Ç., & Kleindorfer, S., Solo songs, duets and territory defence across seasons in female Galápagos yellow warblers, Setophaga petechia aureola, in Animal Behaviour (2026). DOI: 10.1016/j.anbehav.2026.123483, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347226000205

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Wissenschaft International
news-37780 Wed, 18 Mar 2026 10:55:15 +0100 Küstenchemie der Weltmeere: Menschen hinterlassen überall chemische Spuren https://www.vbio.de/aktuelles/details/kuestenchemie-der-weltmeere-menschen-hinterlassen-ueberall-chemische-spuren Vom Menschen hergestellte Chemikalien durchdringen die Küstenmeere in bislang unbekanntem Ausmaß. Keine untersuchte Stelle in den Weltmeeren ist frei von menschlichen chemischen Einflüssen, das zeigt eine internationale Studie. Ein Forschungsteam analysierte dazu mehr als 2.300 Meerwasserproben aus mehr als 20 Feldstudien, die mehr als ein Jahrzehnt lang im Pazifik, Atlantik und im Indischen Ozean gesammelt wurden. „Selbst an Orten, die wir für unberührt halten, fanden wir eindeutige chemische Fingerabdrücke menschlicher Aktivität. Obwohl die chemische Verschmutzung der Meere lange bekannt ist, hat uns das Ausmaß doch überrascht“, sagt Daniel Petras, Assistenzprofessor an der University of California und Nachwuchsgruppenleiter im Exzellenzcluster „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen“ (CMFI) an der Universität Tübingen. Selbst entlegene Korallenriffsysteme, oft als besonders ursprüngliche Meeresumgebungen betrachtet, tragen laut Petras deutliche chemische Signaturen menschlicher Aktivität – von Landwirtschaft und Küstenentwicklung bis zum Tourismus. „Es gab praktisch keinen Ort, an dem wir Proben nahmen, der keinerlei chemischen Einfluss des Menschen zeigte“, sagt Jarmo-Charles Kalinski, ehemaliger Postdoktorand in Petras' Gruppe an der UC Riverside und Erstautor der Studie.

Im globalen Maßstab eine enorme Menge

Die Forschenden stellten fest, dass anthropogene Chemikalien weit über die Küstenlinie hinaus nachweisbar sind. Selbst mehr als 20 Kilometer vor der Küste machten vom Menschen stammende Verbindungen etwa 1 Prozent der nachgewiesenen organischen Substanz aus. „In globalem Maßstab ist das eine enorme Menge an Material“, sagt Petras.

In Küstengewässern erreichten die Signalwerte menschengemachter organischer Moleküle einen Medianwert von bis zu 20 Prozent, verglichen zu den niedrigsten Werten von etwa 0,5 Prozent im offenen Ozean. Extremwerte an Flussmündungen mit unbehandeltem oder schlecht behandeltem Abwasser überstiegen zum Teil sogar Werte von 50 Prozent. Insgesamt identifizierte das Team 248 vom Menschen stammende Verbindungen, die über alle Proben hinweg einen Median von rund 2 Prozent des gesamten Signals ausmachen. Das Team erwartete Pestizide und pharmazeutische Verbindungen vor allem in Küstennähe, doch Industriechemikalien wie Weichmacher aus Kunststoffen, Schmiermittel und andere Chemikalien aus Pflege- und Konsumprodukte dominieren den menschlichen chemischen Fußabdruck in den Ozeanen. Einige dieser Verbindungen bewegen sich an der Grenze zwischen organischen Molekülen und Nanokunststoffen und verwischen damit die Trennlinie zwischen chemischer und Kunststoffverschmutzung, erklärt Daniel Petras. „Diese Chemikalien sind ein wesentlicher Bestandteil der organischen Stoffgesamtheit der Ozeane. Das bedeutet, dass sie möglicherweise eine bisher unbekannte Rolle im Kohlenstoffkreislauf und in der Funktion des marinen Ökosystems spielen.“

Tausende Proben verschiedener Studien analysiert

Die Studie stellt eine der bisher umfassendsten chemischen Metaanalysen der maritimen Küstenzonen dar. Sie stützt sich auf Proben, die für viele verschiedene Untersuchungszwecke gesammelt wurden, darunter für die Untersuchung der Gesundheit von Korallenriffen, von Algenblüten oder des Kohlenstoffkreislaufs. Eine wesentliche Innovation des Forschungsteams war die Kombination einheitlicher, hochauflösender Methoden der Massenspektrometrie über mehrere Labore hinweg sowie der Einsatz skalierbarer Computerverfahren, die in der Gruppe von Mingxun Wang, Assistenzprofessor für Informatik an der UC Riverside, entwickelt wurden. Dank dieser technologischen Fortschritte konnte die Gruppe Tausende von Proben aus nicht zusammenhängenden Studien als einheitlichen, konsolidierten Datensatz kombinieren und analysieren.

„Diese Arbeit war nur durch den Einsatz unserer Kooperationspartner rund um den Globus und deren öffentlich zugängliche Datensätze möglich“, sagt Petras. „Indem wir unsere Daten öffentlich zugänglich machen, hoffen wir, die Forschung zu beschleunigen und ein umfassenderes Verständnis der menschlichen chemischen Auswirkungen auf die Weltmeere zu ermöglichen.“ Trotz des Umfangs des Datensatzes weisen die Forscher darauf hin, dass große Teile der Welt noch wenig erforscht sind. Die Daten konzentrierten sich stark auf Nordamerika und Europa, mit begrenzter Abdeckung der Südhalbkugel und wenig Daten aus Regionen wie Südostasien, Indien und Australien. „Das Fehlen von Daten bedeutet nicht, dass das Problem nicht vorhanden ist“, sagt Kalinski. „Es bedeutet, dass wir noch nicht genau genug hingeschaut haben.“

Langfristige ökologische Folgen weitgehend unbekannt

Die Autorinnen und Autoren der Studie unterstreichen, dass diese Analysen nur einen ersten Überblick verschaffen und weitere detaillierte Analysen erforderlich sind, um die Konzentrationen genau bestimmen zu können. Zudem sind die Auswirkungen der kumulativen chemischen Konzentrationen und ihre langfristigen ökologischen Folgen weitgehend unbekannt. Die Studie belegt deutlich, dass der Mensch die Meereschemie verändert. Was das für die Meereslebewesen, Nahrungsketten oder die Ökosystemresilienz bedeutet, müssten Folgeuntersuchungen zeigen.

Die Ergebnisse verdeutlichen eine umfassendere, oft übersehene Tatsache: Alltägliche Aktivitäten wie Autofahren, Putzen und Körperpflege tragen zur Verbreitung von Chemikalien bei. Gleiches gilt für Lebensmittelverpackungen. Diese Chemikalien werden in den Abfluss gespült oder vom Regenwasser mitgeführt und gelangen über Flüsse und Abwassersysteme schließlich ins Meer.

„Was wir an Land verwenden, verschwindet nicht einfach“, sagt Kalinski. „Es landet oft im Meer, der letzten Senke.“ Die Ergebnisse haben auch Petras' eigene Gewohnheiten beeinflusst. „Ich reduziere meinen Kunststoffverbrauch, vermeide unnötige Verpackungen und konsumiere weniger hochprozessierte Lebensmittel“, sagt er. „Nicht nur um die Umwelt zu schützen, sondern auch, weil ich unnötige direkte chemische Belastungen für mich und meine Familie vermeiden möchte.“

„Die Ergebnisse dieser Studie zeigen eindrucksvoll, welche neuen Erkenntnisse die moderne Forschung hervorbringt, wenn auf internationaler Ebene kooperiert und zusammengearbeitet wird. Sie führen uns einmal mehr vor Augen, wie sehr wir als Menschheit in der Verantwortung stehen, verantwortungsvoll und insbesondere nachhaltig zu handeln“, sagt Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen.

Universität Tübingen


Originalpublikation:

Kalinski, JC.J., Pakkir Mohamed Shah, A.K., Ruiz Brandão da Costa, B. et al. Widespread presence of anthropogenic compounds in marine dissolved organic matter. Nat. Geosci. (2026). doi.org/10.1038/s41561-026-01928-z

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-37779 Wed, 18 Mar 2026 10:23:01 +0100 Chemie auf vier Pfoten: Wie Hunde unser Raumklima verändern https://www.vbio.de/aktuelles/details/chemie-auf-vier-pfoten-wie-hunde-unser-raumklima-veraendern Hunde hinterlassen nicht nur Spuren auf dem Boden, sondern auch in der Luft: Sie verändern die Zusammensetzung ihrer Umgebung, von Gasen und Partikeln bis hin zu Mikroorganismen. 
Unsichtbar und doch allgegenwärtig ist die Luft, die wir in Innenräumen atmen. Sie prägt maßgeblich unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, denn sie ist weit mehr als gefilterte Außenluft: Raumluft hat ihre eigene chemische Identität, die sich aus einer einzigartigen Kombination aus Partikeln, Gasen und Mikroorganismen zusammensetzt. Welche Bestandteile dominieren, hängt selbst in gut gelüfteten Räumen davon ab, wer sich dort aufhält, was getan wird und welche Gegenstände vorhanden sind. Da die Einflüsse auf Raumluft vielfältig sind, kann die Konzentration mancher Schadstoffe genauso hoch oder sogar höher sein als im Freien, insbesondere bei alltäglichen Aktivitäten wie Kochen oder Putzen.

Während der menschliche Einfluss auf die Luftqualität längst erforscht ist, hat sich bisher noch niemand näher mit der Rolle von Hunden befasst. Dabei gehören die Vierbeiner längst zum Alltag: Über eine halbe Million leben in Schweizer Haushalten, in Deutschland sind es sogar 10,5 Millionen.

Diese Forschungslücke schließt nun eine Studie unter der Leitung der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Maßgeblich beteiligt war das Max-Planck-Institut für Chemie, das seine langjährige Expertise zur Atmosphärenchemie in die internationale Zusammenarbeit mit der EPFL, dem Finnischen Institut für Gesundheit und Soziales sowie der Technischen Universität Dänemark einbrachte.

Quantitative Klarheit durch das HOBEL-Labor

In der neuen Studie hat ein Forschungsteam des Human-Oriented Built Environment Lab (HOBEL) an der EPFL untersucht, welche Gase, Partikel und Mikroorganismen Hunde an ihre Umgebung abgeben. „Wir wollten wissenschaftliche Klarheit über Faktoren schaffen, die bisher nicht vollständig verstanden waren“, sagt Dusan Licina, Professor am HOBEL. „Die Ergebnisse liefern erstmals quantitative ‚Emissionsfaktoren‘, mit denen sich Modelle zur Innenraumluftqualität präzisieren lassen. Forscher können künftig realistischer simulieren, wie sich das Zusammenleben von Menschen und Haustieren auf die Luft in geschlossenen Räumen auswirkt. Das ist ein wichtiger Schritt, um Quellen der Luftverschmutzung besser zu verstehen und das Wohnumfeld gesünder zu gestalten.“

Wie stark die Luft in Innenräumen belastet ist, lässt sich an bestimmten Schlüsselindikatoren ablesen. Wir Menschen selbst tragen erheblich dazu bei: Wir geben Hautzellen, Kleidungsfasern und Mikroorganismen an die Umgebung ab, unsere Atmung reichert die Luft mit CO₂ an, und über unsere Haut entweichen Spuren von Ammoniak und flüchtigen organischen Verbindungen. Hinzu kommen komplexe chemische Prozesse, beispielsweise wenn Luftmoleküle mit der Haut reagieren und sich dabei in neue Substanzen verwandeln.

Um den Einfluss von Hunden auf die Luft, die wir in Innenräumen atmen, zu bestimmen, untersuchte das Forschungsteam dieselben Faktoren wie bei Menschen. Wenig überraschend zeigte sich: Hunde stoßen ähnlich viel CO₂ aus wie Menschen. Ein großer Hund, wie ein Mastiff oder ein Neufundländer, kann genauso viel CO₂ produzieren wie ein erwachsener Mensch in Ruhe.

Auch Ammoniak, bekannt für seinen stechenden Geruch und seine reizende Wirkung, gehört zu den typischen Nebenprodukten von Menschen und Tieren. Es wird bei der Verdauung von Proteinen in geringen Mengen gebildet, kann über Haut oder Atem freigesetzt werden und reagiert in der Luft weiter zu neuen chemischen Verbindungen. In puncto abgegebener Menge ähneln sich Hunde und ihre Besitzer ebenfalls, mit einem interessanten Unterschied: „Ein Hund, der die gleiche Menge CO₂ ausatmet wie ein Mensch, produziert deutlich mehr Ammoniak. Das liegt wahrscheinlich an der proteinreicheren Ernährung, dem speziellen Stoffwechsel und der schnellen Atmung, über die Hunde ihre Körpertemperatur regulieren“, erklärt der Umweltingenieur Licina. Da Hunde einen Großteil des Tages schlafend verbringen und dabei langsamer oder unregelmäßig atmen, gleicht sich die Gesamtmenge über den Tag betrachtet aber in etwa der des Menschen an.

Hundehaare, Staub und Partikelwolken

Wenn es um Luftschadstoffe geht, hinterlassen Hunde vor allem winzige feste und flüssige Partikel in der Raumluft. Welcher Hundebesitzer hat sich nicht schon einmal gefragt, was sein Vierbeiner vom Gassigehen alles im Fell mit nach Hause bringt? Die Studie liefert darauf nun eine konkrete Antwort. Wenn Hunde sich schütteln, kratzen oder einfach nur gestreichelt werden, setzen sie beträchtliche Mengen relativ großer Partikel frei: Staub, Pollen, Pflanzenreste und Mikroben. 

Jedes Mal, wenn sich die Hunde in der Versuchskammer bewegten, registrierten die Sensoren regelrechte „Wolken” aus Innenraumverschmutzung. Die großen Hunde gaben dabei zwei- bis viermal mehr Mikroorganismen ab als die Menschen im selben Raum. Viele dieser Partikel leuchten schwach, wenn sie mit ultraviolettem Licht bestrahlt werden und verraten so ihren biologischen Ursprung. „Diese hohe mikrobielle Vielfalt ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht”, sagt Licina. „Einige Studien deuten darauf hin, dass der Kontakt mit einer Vielzahl von Mikroben die Entwicklung des Immunsystems fördern kann, besonders bei Kindern. Die genauen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind jedoch noch wenig erforscht und können von Person zu Person stark variieren. Unsere Messungen helfen aber zu quantifizieren, wie Haustiere als mobile „Träger“ fungieren: Sie bringen biologisches Material in Innenräume und verteilen es durch alltägliche Aktivitäten weiter.“

Die Wirkung von Streicheln und Ozon

Die Studie wirft auch einen Blick auf sekundäre chemische Reaktionen. Als die Forscher:innen kleine Mengen an Ozon (O₃) in einer Konzentration, wie sie typischerweise in sauberer Außenluft vorkommt, in die Versuchskammer einleiteten, veränderte sich die Zusammensetzung der Luft merklich. Ein hochsensitives TOF-Massenspektrometer des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie registrierte dabei fortlaufend winzige chemische Reaktionen. Ozon bleibt nach dem Eindringen in Innenräume nicht lange unverändert. Trifft es auf menschliche Haut, reagiert es rasch mit dem Hautfett Squalen und bildet neue chemische Verbindungen, darunter Aldehyde und Ketone sowie ultrafeine Partikel. „Weil Hundehaut keine Poren hat, nicht mit Squalen bedeckt ist und Hunde sich über Hecheln statt Schwitzen abkühlen, sind wir zunächst davon ausgegangen, dass sich die freigesetzten flüchtigen organischen Verbindungen deutlich unterscheiden würden“, erklärt Atmosphärenchemiker Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie. Tatsächlich zeigten sich bei Hunden aber ähnliche Ozonreaktionen wie beim Menschen. Ein Grund, so Williams: „Beim Streicheln übertragen wir Hautrückstände auf das Fell, die anschließend mit Ozon reagieren und wiederum Nebenprodukte und ultrafeine Partikel entstehen lassen.“

Trotz aller Streicheleinheiten produzierten die an der Studie beteiligten durchschnittlich 40 Prozent weniger Ozon-Abbauprodukte als Menschen. Ein Interaktionsweg, der in Modellen der Raumluftchemie bisher weitgehend übersehen wurde. Offen bleibt, ob Hunde darüber hinaus auch als „Ozon-Senken“ wirken, also Ozon abbauen können. Künftige Studien sollen zudem klären, inwiefern Rasse, Ernährung oder Pflegegewohnheiten eine Rolle spielen und ob andere Haustiere ähnliche Effekte zeigen. 

Eine Umweltkammer als hochpräzises Labor

Um verlässliche Daten zu gewinnen, führten die Forschenden ihre Experimente in einer streng kontrollierten Umweltkammer auf dem EPFL-Campus in Freiburg (Schweiz) durch. Die Kammer ist mit hochpräzisen Messgeräten ausgestattet, bildet einen normalen Innenraum nach und schirmt Störungen von außen ab. Da die Luft gefiltert und Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant gehalten wurden, ließen sich Veränderungen der Luftqualität klar den Hunden zuordnen und nicht anderen Umwelteinflüssen.

„Am schwierigsten war es, alle erforderlichen Genehmigungen zu erhalten und die ethischen Vorgaben einzuhalten“, sagt Licina. Die Tiere mussten miteinander vertraut sein und von einer ihnen bekannten Person begleitet werden, um Stress zu reduzieren. Die Studienpopulation bestand aus zwei Gruppen: drei großen Hunde in der einen und vier kleinen Hunden (Chihuahuas) in der anderen. 

Gemeinsam mit ihren menschlichen Begleitern wechselten die Hunde zwischen Ruhe und Aktivität– sie liefen umher, spielten ruhig und wurden gestreichelt. So konnten die Forscher:innen fast in Echtzeit und unter realitätsnahen Bedingungen verfolgen, wie die Tiere die Umgebungsluft verändern. Für die Hunde war die Umweltkammer ein Wohnzimmer auf Zeit, für die Forschenden ein hochpräzises Labor.

Max-Planck-Institut für Chemie


Originalpublikation:

Shen Yang, Nijing Wang, Tatjana Arnoldi-Meadows, Gabriel Bekö, Meixia Zhang, Marouane Merizak, Pawel Wargocki, Jonathan Williams, Martin Täubel, Dusan Licina, Our Best Friends: How Dogs Alter Indoor Air Quality. February 1 2026, Environmental Science & Technology. https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.est.5c13324

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Wissenschaft Rheinland-Pfalz
news-37748 Tue, 17 Mar 2026 12:36:34 +0100 Waldtyp prägt Vogelgemeinschaften das ganze Jahr über https://www.vbio.de/aktuelles/details/waldtyp-praegt-vogelgemeinschaften-das-ganze-jahr-ueber Vogelgemeinschaften in Wäldern verändern sich im Laufe des Jahres stark. Dennoch bleiben die Unterschiede zwischen verschiedenen Waldtypen über die Jahreszeiten hinweg deutlich erkennbar. Das zeigt eine neue Studie von Forschenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Für die Untersuchung nutzte das Forschungsteam passive akustische Aufnahmen und wertete diese mithilfe Künstlicher Intelligenz aus. Vogelmonitoring über das Frühjahr hinaus erweitert

Für das klassische Vogelmonitoring begehen Ornithologinnen und Ornithologen Untersuchungsflächen und erfassen die Arten, die sie sehen oder hören. Solche Kartierungen finden in der Regel im Frühjahr und meist rund um den Sonnenaufgang statt, wenn viele Arten besonders aktiv singen. „Dieses Verfahren liefert jedoch vor allem Einblicke in Vogelgemeinschaften während der Brutzeit“, sagt Erstautorin Esther Felgentreff, Wissenschaftlerin an der Universität Jena und bei iDiv. „Waldvogelgemeinschaften in anderen Zeiten des Jahres werden dabei nicht berücksichtigt.“ 

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit haben Esther Felgentreff und das Forschungsteam diese Perspektive nun deutlich erweitert. In Wäldern rund um Jena setzten die Forschenden auf das sogenannte passive akustische Monitoring. Dafür brachten sie auf den Untersuchungsflächen kleine Aufnahmegeräte des Typs „AudioMoth“ an, die über das Jahr verteilt regelmäßig kurze Tonsequenzen aufzeichneten – rund um die Uhr, viermal jährlich und jeweils über einen Zeitraum von 30 Tagen.

KI wertet große Mengen an Vogelstimmen aus

Die Auswertung der Tonaufnahmen erfolgte mit BirdNET, einer frei verfügbaren, KI-gestützten Methode zur Bestimmung von Vogelstimmen. Während die Anwendung vielen vor allem als App bekannt ist, lässt sie sich auch zur automatisierten Analyse großer Datensätze nutzen. In der Jenaer Studie wurden die automatisierten Ergebnisse zusätzlich stichprobenartig manuell überprüft: Für jede erfasste Art validierte das Forschungsteam bis zu 45 Detektionen. Insgesamt konnten auf diese Weise 58 Vogelarten nachgewiesen werden.

„Gerade diese Kombination aus automatisierter Auswertung und fachlicher Kontrolle macht die Methode für die Forschung besonders interessant“, unterstreicht Prof. Dr. Markus Bernhardt-Römermann, der die Doktorarbeit von Esther Felgentreff betreut. „So lassen sich Vogelgemeinschaften mit vergleichsweise geringem Aufwand über längere Zeiträume und in größerem Maßstab erfassen.“

Jahreszeiten wirken stark – Waldtypen bleiben dennoch unterscheidbar

Wie erwartet erwiesen sich die Jahreszeiten als wichtigster Einflussfaktor auf die Zusammensetzung der Vogelgemeinschaften. Das hängt vor allem mit dem Zugverhalten vieler Arten zusammen: Zahlreiche Brutvögel verlassen die Region im Herbst und überwintern in südlicheren Gebieten, während nur ein Teil der Arten ganzjährig vor Ort bleibt.
Innerhalb der einzelnen Jahreszeiten unterschieden sich die Artenzahlen zwischen Laub-, Laubmisch- und Nadelwäldern nur gering. Deutlich waren jedoch die Unterschiede in der Artenzusammensetzung. So sind etwa Haubenmeise und Tannenmeise typisch für Nadelwälder, während Höhlenbrüter wie Spechte, Baumläufer oder Kleiber stärker auf Laub- und Laubmischwälder mit Totholz angewiesen sind. 

Die Ergebnisse unterstreichen damit auch die Relevanz von Entscheidungen im Waldmanagement für Vogeldiversität, insbesondere bei der Wahl der Baumarten – gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Waldumbaus. Ein Mosaik unterschiedlicher Waldstrukturen könnte dazu beitragen, eine hohe Vogeldiversität über das gesamte Jahr hinweg zu fördern.

Vielversprechend für Forschung und Naturschutz

Nach Einschätzung der Forschenden zeigt die Studie, dass passives akustisches Monitoring großes Potenzial für die Biodiversitätsforschung hat. Besonders vorteilhaft ist das Verhältnis von Aufwand und Nutzen: Artenvorkommen lassen sich standardisiert, wiederholt und über große Zeiträume hinweg erfassen.

Gerade in Zeiten des Wandels der Artenvielfalt und schwindender Artenkenntnis könnten solche Verfahren dazu beitragen, Monitoringprogramme auszuweiten. Zugleich bleibt Fachwissen unverzichtbar – etwa für die Validierung der Daten und ihre ökologische Einordnung. Perspektivisch lässt sich der Ansatz auch auf andere lautgebende Tiergruppen wie Fledermäuse oder Heuschrecken übertragen.

Friedrich-Schiller-Universität Jena


Originalpublikation:

Felgentreff, E. S., Singer, D. & Bernhardt-Römermann, M. (2026): Forest type consistently shapes bird communities across seasons: Insights from passive acoustic monitoring. Forest Ecology and Management 609, 123617. DOI: 10.1016/j.foreco.2026.123617, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0378112726001155

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Wissenschaft Thüringen
news-37747 Tue, 17 Mar 2026 11:54:50 +0100 Schwämme im Indopazifik: ein Hotspot des Endemismus https://www.vbio.de/aktuelles/details/schwaemme-im-indopazifik-ein-hotspot-des-endemismus Der Indopazifik ist die größte marine biogeographische Region der Erde und gilt als globales Zentrum mariner Biodiversität. Dennoch ist das Verständnis von Diversität, Ausbreitung und Endemismus vieler Tiergruppen in diesem riesigen Raum bislang lückenhaft, besonders in Bezug auf Schwämme. Dieses Wissen ist jedoch entscheidend, um Veränderungen der Biodiversität langfristig erfassen und bewerten zu können. Ein Team um den LMU-Geobiologen Professor Gert Wörheide hat nun mithilfe genetischer Analysen nachgewiesen, dass es bei Schwämmen ungewöhnlich viele endemische Arten gibt, die nur in einem bestimmten Gebiet des Indopazifiks vorkommen. Schwämme spielen eine zentrale Rolle in Meeresökosystemen, insbesondere in Korallenriffen, wo sie wichtige ökologische Funktionen übernehmen. Beispielsweise schützen sie exponierte Bereiche durch Überwucherung vor bohrenden Organismen, stabilisieren Korallenfragmente in gestörten Riffen und fördern so deren Konsolidierung. Die Erforschung ihrer Biodiversität ist anspruchsvoll, da viele Arten sich äußerlich kaum unterscheiden und deshalb morphologisch nicht zuverlässig erkannt werden können.

DNA-Barcodes zur Artbestimmung

Eine zuverlässigere Identifizierung erlauben genetische Daten, sogenannte DNA-Barcodes. „Für unsere Studie haben wir die Daten zahlreicher DNA-Barcoding-Kampagnen zusammengeführt und umfassend ausgewertet“, erzählt Professor Dirk Erpenbeck, Erstautor der Studie. Das Untersuchungsgebiet erstreckte sich dabei vom Roten Meer über den Indischen Ozean bis nach Polynesien. Dadurch konnten die Forschenden das bislang größte molekulargenetische Datenset zu Korallenriff-Schwämmen im Indopazifik analysieren.
„Unsere Ergebnisse belegen einen sehr hohen Grad an Endemismus“, sagt Erpenbeck. Zwar fanden die Forschenden faunistische Überschneidungen zwischen dem Roten Meer und dem Persischen Golf, aber mit anderen Regionen des westlichen Indischen Ozeans hatten die Populationen in diesem Gebiet nur wenig gemeinsam. Darüber hinaus identifizierten die Forschenden eine deutliche biogeographische Grenze zwischen dem westlichen Indischen Ozean und dem zentralen Indopazifik. Auch die polynesischen Schwammfaunen erwiesen sich als vergleichsweise isoliert.

Kleinräumige Ausbreitung

„Auffällig ist zudem, dass sich die Ausbreitung von Schwämmen deutlich von der anderer mariner Organismengruppen unterscheidet“, sagt Erpenbeck. Dies hängt vermutlich mit ihrer vergleichsweise kurzen freischwimmenden Larvenphase zusammen: Die meisten Schwämme besitzen nur kurzlebige planktonische Larven, die innerhalb weniger Tage einen geeigneten Siedlungsplatz finden müssen. Deshalb können sie nur schwer große Distanzen überwinden. Zusätzlich fehlen häufig geeignete „Stepping Stones“ wie zusammenhängende Riffstrukturen, sodass die Populationen geographisch isoliert bleiben.
Auch historische geologische Trennungen, etwa während niedriger Meeresspiegelstände, haben nach Ansicht der Forschenden zur langfristigen genetischen Differenzierung und damit zum hohen Endemismus beigetragen.
„Unsere Ergebnisse bestätigen damit frühere Fallstudien, die das häufig postulierte Vorkommen kosmopolitischer, also weltweit verbreiteter Schwammarten infrage stellen“, sagt Erpenbeck. „Der stark ausgeprägte regionale Endemismus, den wir gefunden haben, deckt sich mit ähnlichen Beobachtungen bei anderen wirbellosen Meerestieren und unterstreicht die Notwendigkeit einer regional differenzierten Überwachung der Biodiversität.“

LMU München


Originalpublikation:

D. Erpenbeck et al.: Barcoding-inferred biodiversity of shallow-water Indo-Pacific demosponges. Journal of Biogeography 2026, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jbi.70171

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Wissenschaft Bayern