VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Tue, 09 Jun 2026 13:00:39 +0200 Tue, 09 Jun 2026 13:00:39 +0200 TYPO3 news-39011 Tue, 09 Jun 2026 12:51:31 +0200 Warum sind Faultiere so langsam? https://www.vbio.de/aktuelles/details/warum-sind-faultiere-so-langsam Faultiere sind die langsamsten Säugetiere der Welt. Da sie in dichtem Regenwald leben, ist es schwierig, sie wissenschaftlich zu untersuchen. Ein Forschungsteam hat nun erstmals das Genom des Zweifinger-Faultiers sequenziert und analysiert und dabei genetische Ursachen für ihren langsamen Stoffwechsel aufgedeckt. Das Team entdeckte faultierspezifische „springende Gene“, die seit Millionen von Jahren evolutionär erhalten geblieben sind und mit dem Stoffwechsel in Verbindung stehen. Die Ergebnisse könnten den Weg für weitere Forschungen zu Stoffwechselerkrankungen und zum Alterungsprozess bei anderen Säugetieren, einschließlich des Menschen, ebnen.  Aufbauend auf Arbeiten am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) sequenzierten und analysierten Wissenschaftler:innen des Wellcome Sanger Institute in Cambridge, des Leibniz-IZW, des Hospital Sírio Libanês in São Paulo und ihre Kooperationspartner das Genom eines in menschlicher Obhut lebenden Eigentlichen Zweifinger-Faultiers (Choloepus didactylus). Das Team extrahierte DNA aus Gewebeproben, die anschließend am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden sequenziert wurde. Anschließend analysierten die Wissenschaftler:innen das Faultiergenom und verglichen die Sequenz mit den Genomen anderer Säugetiere, darunter eines Ameisenbären und eines Gürteltiers, mithilfe einer als „vergleichende Genomik“ bekannten Technik.

Die Forschenden fanden heraus, dass das Genom des Faultiers mehrere Kopien aktiv „springender Gene“, sogenannte Transposons, enthält. Dabei handelt es sich um DNA-Sequenzen, die sich selbst kopieren und an anderer Stelle im Genom wieder einfügen können. Einige Transposons sind auch im menschlichen Genom noch nachweisbar, diese sind jedoch in der Regel inaktiv, alt und fragmentiert. Aktive Transposons verursachen im Gegensatz dazu Neuanordnungen in den Chromosomen, was beim Menschen zu Krebs führen kann.

Mithilfe der Genomik blickten die Forschenden zudem in die Vergangenheit und zeichneten die Evolution der Faultiere nach. Sie fanden heraus, dass diese „springenden Gene“ beim letzten gemeinsamen Vorfahren der heute noch lebenden Faultierarten vor etwa 30 Millionen Jahren entstanden sind. Die Gene haben sich seitdem erhalten und sind so zu fest verankerten Genombestandteilen geworden, die einzigartig für Faultiere sind. Das Team war überrascht festzustellen, dass viele dieser Gene mit den Mitochondrien – den „energieerzeugenden Kraftwerken“ der Zellen – und Stoffwechselwegen in Verbindung stehen. Da Faultiere einen für Säugetiere einzigartigen Stoffwechsel haben, glauben die Forschenden, dass diese faultierspezifischen Gene mit deren ungewöhnlichen Anpassungen an die Umwelt und der Entwicklung eines extrem langsamen Stoffwechsels zusammenhängen.

Evolutionäre Anpassungen bei den einzigen Höheren Säugetieren, die ihren Ursprung in Südamerika haben

Neben Gürteltieren und Ameisenbären gehören Faultiere zu den Xenarthra (auch Nebengelenktiere genannt), der einzigen Gruppe der Höheren Säugetiere, die ihren Ursprung in Südamerika hat. Xenarthra gibt es seit 65 Millionen Jahren; zu den ausgestorbenen Vorfahren der Faultiere zählen unter anderem Riesenfaultiere von der Größe eines Elefanten. Heute sind alle Faultiere baumbewohnend und gehören zu zwei Gruppen – den Zweifingerfaultieren und den Dreifingerfaultieren. 
Faultiere sind die langsamsten aller Säugetiere. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit regungslos und getarnt in Bäumen. Wenn sie sich zwischen den Ästen bewegen, um Blätter und Früchte zu fressen, geschieht dies für menschliche Maßstäbe in Zeitlupe. Faultiere haben den niedrigsten Stoffwechsel unter den Säugetieren, oft weniger als die Hälfte dessen, was man bei ihrer Körpergröße erwarten würde. Um Energie zu sparen, können sie zwischen der Selbstregulierung ihrer Körpertemperatur und einer Anpassung an die Umgebungstemperatur wechseln. Obwohl sie langsam sind, sind sie gute Schwimmer und legen auf der Suche nach einem Partner manchmal große Entfernungen im Wasser zurück.

Neue Perspektiven für die Erforschung von Stoffwechsel- und altersbedingten Gesundheitszuständen bei Säugetieren

Mit Methoden der Genomik versuchten das Team und dessen Kooperationspartner ein tieferes Verständnis für die ungewöhnliche Biologie von Faultieren zu erlangen. In einem nächsten Schritt können diese Gene mithilfe von Zelllinien, Laborexperimenten und Einzelzellsequenzierungen genauer untersucht werden, um deren Funktion zu bestätigen. Das Team geht davon aus, dass Faultier-Zelllinien ein hervorragendes Modell für die Erforschung von Stoffwechsel- und altersbedingten Gesundheitszuständen bei Säugetieren, einschließlich des Menschen, darstellen könnten.

Dr. Marcela Uliano-Silva, leitende Bioinformatikerin und Mitautorin am Wellcome Sanger Institute, sagt: „Die Evolution hat bereits Milliarden von Experimenten durchgeführt. Durch die Untersuchung ungewöhnlicher Tiere wie der Faultiere entdecken wir manchmal biologische Lösungen, die der Mensch nie entwickelt hat. Mithilfe der Genomik haben wir einen Blick in die Vergangenheit geworfen und ‚springende Gene‘ gefunden, die Faultiere über Millionen von Jahren hinweg bewahrt haben. Diese für Faultiere spezifischen Gene stehen in Verbindung mit Mitochondrien und Stoffwechselwegen, was darauf hindeutet, dass sie mit der Entwicklung ihres extrem langsamen Stoffwechsels zusammenhängen könnten.“

Dr. Pedro Galante, Mitautor der Studie am Hospital Sírio Libanês in São Paulo, Brasilien, sagt: „Viele Erkrankungen des Menschen – darunter Diabetes, altersbedingte Störungen, Neurodegeneration und Muskelschwund – gehen mit Problemen bei der Energieproduktion und der Mitochondrienfunktion einher. Auch wenn weitere Forschung erforderlich ist, könnten Faultierzelllinien ein natürliches Modell bieten, um zu verstehen, wie Organismen mit Energiearmut umgehen und was bei Krankheiten nicht planmäßig verläuft. Langfristig könnte dies Erkenntnisse für die Forschung in den Bereichen Gewebekonservierung, Intensivmedizin, Alterung, Stoffwechselerkrankungen und sogar für Langzeit-Raumflüge liefern.“

Dr. Camila Mazzoni, Mitautorin und Leiterin der Arbeitsgruppe für Evolutions- und Naturschutzgenomik am Leibniz-IZW in Berlin, sagt: „Faultiere haben den langsamsten Stoffwechsel aller Säugetiere, bleiben aber dennoch gesund. Zu verstehen, wie sie dies bewerkstelligen, könnte neue Erkenntnisse darüber liefern, wie Zellen Energie effizient verwalten. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Faultiere möglicherweise genetische ‚Backup-Systeme‘ entwickelt haben, die helfen, ihre ‚entspannten Mitochondrien‘ auszugleichen und ihren einzigartigen Lebensstil zu unterstützen.“ 

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung


Originalpublikation:

Uliano-Silva, M., da Conceição, H.B., Mercuri, R.L.V. et al. Elevated retrocopy burden and sloth-specific expansions illuminate mammalian genome evolution. BMC Biol (2026). doi.org/10.1186/s12915-026-02632-5

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Wissenschaft Berlin
news-39010 Tue, 09 Jun 2026 12:46:46 +0200 Menschliche Aktivitäten beschleunigen Veränderungen im globalen Wasserkreislauf https://www.vbio.de/aktuelles/details/menschliche-aktivitaeten-beschleunigen-veraenderungen-im-globalen-wasserkreislauf Klimawandel, Landnutzung und Wasserverbrauch verändern den globalen Süßwasserkreislauf immer stärker. Dies führt laute einer neuen Studie zu ausgedehnteren und häufigeren Trocken- und Feuchtperioden und treibt die Süßwassersysteme weiter über ihre planetare Belastungsgrenze hinaus. Unter Leitung der Universität Ostfinnland und mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) identifiziert das Forschungsteam die Hauptursachen für die voranschreitende Überschreitung der planetaren Grenze für Veränderung des Süßwasserkreislaufs auf globaler und regionaler Ebene.  Die Studie zeigt, dass sich der Wasserkreislauf durch den Klimawandel und großräumige menschliche Eingriffe in die Land- und Wassernutzung immer weiter von dem stabilen Zustand entfernt, der durch die planetare Belastungsgrenze für Veränderung des Süßwasserkreislaufs definiert ist. Diese Grenze gilt bereits als überschritten – ein langfristiger Trend, der die Fähigkeit des Wasserkreislaufs gefährdet, lebenswichtige klimatische und ökologische Prozesse des Erdsystems zu unterstützen.

Anhand von Daten von 1901 bis 2019 und globalen hydrologischen Modellen analysierten die Forschenden, "wie sich die Mengen von „blauem Wasser“ in Flüssen, Seen und im Grundwasser sowie von „grünen Wasser“ im Boden weltweit verändert haben. Sie unterschieden dabei zwischen den Auswirkungen menschlicher Aktivitäten durch Land- und Wassernutzung und dem Einfluss des vom Menschen verursachten Klimawandels auf Abweichungen im Wasserhaushalt.

„Die Veränderungen haben sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt, und Projektionen deuten darauf hin, dass sich dieser Trend wahrscheinlich weiter verstärken wird“, sagt der Hauptautor Vili Virkki von der Universität Ostfinnland. „Wenn sich der Wasserkreislauf schneller verändert, als die Umwelt sich anpassen kann, steigt das Risiko negativer Auswirkungen.“

Der Studie zufolge treten Trocken- und Feuchtanomalien heute etwa doppelt so häufig auf wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sowohl bei blauem als auch bei grünem Wasser. Die regionalen Muster variieren: Während in vielen tropischen und subtropischen Regionen zunehmende Trockenheit vorherrscht, sind in der nördlichen borealen Zone ungewöhnlich feuchte Bedingungen häufiger geworden, was sich in Überschwemmungen und länger anhaltenden, großräumigen Niederschlagsereignissen widerspiegelt.

Der Klimawandel ist der wichtigste globale Treiber dieser Veränderungen – und damit auch der voranschreitenden Überschreitung der planetaren Grenze im Bereich Süßwasser. Ungewöhnlich feuchte Bedingungen sind überwiegend durch klimatische Faktoren bedingt, während direkte menschliche Eingriffe wie die Land- und Wassernutzung insbesondere Trockenheit verstärken.

„Die Ergebnisse zeigen auch deutlich, dass eine ausschließliche Fokussierung auf blaues Wasser kein ausreichend ganzheitliches Bild der Veränderungen im Wasserkreislauf und ihrer potenziellen Auswirkungen liefert“, sagt Mitautorin Sofie te Wierik von der Niederländischen Umweltagentur PBL. „Die Veränderungen variieren erheblich zwischen den Regionen, im Zeitverlauf und je nachdem, welcher Bestandteil des Süßwasserkreislaufs untersucht wird.“

In einigen Regionen, wie Teilen Indiens und Zentralasiens, könnte der Klimawandel die saisonale Wasserverfügbarkeit leicht erhöhen, doch diese Effekte werden durch die Wasser- und Landnutzung überkompensiert, die zu trockeneren Bedingungen beitragen.

„Unsere Studie macht deutlich, dass es für die Einhaltung der planetaren Grenze für Veränderungen im globalen Wasserkreislauf darauf ankommen wird, den Klimawandel sowie die Land- und Wassernutzung als miteinander verknüpfte Triebkräfte des Wandels anzugehen. Die Ergebnisse unterstreichen zudem die Notwendigkeit, besser zu verstehen, wie planetare Grenzen untereinander zusammenhängen – diese Forschung werden wir weiter vorantreiben“, sagt Mitautor Dieter Gerten vom PIK.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung


Originalpublikation:

Virkki, V., Andersen, L.S., te Wierik, S. et al. Regionally divergent drivers behind transgressions of the freshwater change planetary boundary. Nat Commun 17, 5132 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-73051-x

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Brandenburg
news-39009 Tue, 09 Jun 2026 12:41:40 +0200 Neue Salamander-Art in Peru entdeckt – Fund lenkt Blick auf zerstörerischen Goldrausch https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-salamander-art-in-peru-entdeckt-fund-lenkt-blick-auf-zerstoererischen-goldrausch Die Benennung einer neu entdeckten Salamander-Art im Regenwald Zentral-Perus soll auf die Folgen des Goldabbaus aufmerksam machen.  Deutsche und peruanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine neue, lungenlose Salamander-Art im Regenwald Zentral-Perus entdeckt und sie "Bolitoglossa chrysothyma" genannt. Der Artname ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet »Gold-Opfer«. 

»Damit möchten wir auf die aktuelle Situation im privaten Schutzgebiet Panguana, aus dem die neue Art stammt, aufmerksam machen« sagt Dr. Jörn Köhler, Zoologe am Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Panguana ist akut durch eine großangelegte, illegale Goldsuche bedroht, die in dieser extremen Form vor etwa drei bis vier Jahren begonnen hat. Die Goldsucher haben seither nicht nur etliche Kilometer des angrenzenden Flusses Yuyapichis zerstört, sondern sind auch in das Schutzgebiet eingedrungen und haben dort mit massivem Maschineneinsatz Regenwald vernichtet. Und der industrielle Goldabbau in Panguana ist kein Einzelfall. 

»Auf Google Earth kann man sehr deutlich sehen, dass auch andere Flüsse in der Region in ähnlicher Weise betroffen sind. Seit vor wenigen Jahren die Goldpreise in die Höhe geschnellt sind, ist in Amazonien und in vielen anderen Regionen der Welt ein regelrechter Goldrausch ausgebrochen, der immer stärker außer Kontrolle gerät und die Umwelt- und Artenvielfalt rücksichtslos zerstört«, sagt Dr. Jörn Köhler. 

Die Methoden der Goldsuche und ihre Auswirkungen können dabei ganz unterschiedlich sein. »In Madagaskar dringen die Menschen in Schutzgebiete ein und schneiden in mühevoller Handarbeit aus den Brettwurzeln der Urwaldriesen hölzerne Pfannen für das Goldwaschen heraus und zerstören auf diese Weise jahrhundertealte Bäume für einen minimalen Nutzen« sagt Dr. Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB). 

Der neue Goldrausch und die absehbar fortschreitende Zerstörung des amazonischen Regenwaldes bedroht nicht nur den Lebensraum des neuen Salamanders, sondern unzählige weitere Arten, von denen viele bisher noch nicht erfasst wurden. Die wissenschaftliche Dokumentation der Artenvielfalt tropischer Wälder wird somit immer mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt


Originalpublikation:

Frank Glaw, Jörn Köhler, Ernesto Castillo-Urbina, Karen Siu-Ting, Roy Santa-Cruz, César Aguilar-Puntriano, Rudolf von May & Miguel Vences (2026): Translating phylogeny into taxonomy: a new plethodontid salamander species, genus Bolitoglossa, from Amazonian Peru - Studies on Neotropical Fauna and Environment, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/01650521.2026.2665359

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Wissenschaft Hessen
news-39008 Tue, 09 Jun 2026 12:27:25 +0200 Das bakterielle Sparkonto https://www.vbio.de/aktuelles/details/das-bakterielle-sparkonto Mikroben speichern Nährstoffe in extrazellulären Vesikeln – und lösen sie bei Bedarf wieder ein  Bakterien als Mini-Ökonomien

Bakterien können weitaus mehr, als nur Infektionen auslösen – sie gehen auch mit Ressourcen bemerkenswert geschickt um und verhalten sich in vieler Hinsicht wie kleine Volkswirtschaften. In einer neuen Studie in Nature Communications beschreiben Forschende der Veterinärmedizinischen Universität Wien, wie Bakterien Nährstoffe in EVs horten, wenn sie reichlich vorhanden sind, und diese Reserven später als „flexible Einlage“ nutzen, sobald Hunger einsetzt. Die Arbeit mit dem Titel „Bacterial extracellular vesicles as recyclable nutrient reservoirs“ offenbart eine bislang unerkannt gebliebene Funktion bakterieller EVs und verändert unseren Blick auf mikrobielle Überlebensstrategien.

Miniaturlagerstätte außerhalb der Zelle

Extrazelluläre Vesikel (EVs) sind winzige membranumhüllte Partikel mit einer Größe zwischen 100 und 500 nm die von allen Zellen freigesetzt werden. In Bakterien galten EVs lange vor allem als Transportmittel für Toxine, Signalmoleküle oder genetische Information. In ihrer Studie nutzte das Team den bakteriellen Erreger Bacillus cereus, um zu zeigen, dass EVs, die mit wertvollen Biomolekülen wie Lipiden, Proteinen und Nukleinsäuren beladen sind, zusätzlich als externe Nährstoffdepots dienen können.

„Auffällig war zunächst, dass sich extrazelluläre Vesikel in nährstoffreichen Umgebungen nicht – wie erwartet – einfach über die Zeit hinweg anhäufen“, sagen die Erstautorinnen Astrid Laimer-Digruber und Tanja Vanessa Edelbacher. „Stattdessen beobachteten wir, dass die Populationen extrazellulärer Vesikel, die unter nährstoffreichen Bedingungen gebildet wurden, im weiteren Verlauf wieder verschwanden. Diese unerwartete Beobachtung deutete für uns darauf hin, dass Bakterien EVs aktiv abbauen oder recyceln. Dies veranlasste uns, den zugrunde liegenden Mechanismus genauer zu untersuchen."

Wenn die Nährstoffe zur Neige gehen, wird auf Erspartes zurückgegriffen

Die Forschenden fanden heraus, dass Bakterien und EVs stark auf ihre Umwelt reagieren. Sobald die Nährstoffe in ihrer Umgebung knapp werden, verschwinden EVs, die zuvor unter nährstoffreichen Bedingungen gebildet wurden, wieder. Weiterführende Analysen der EV-Membranhülle, zeigten, dass nur EVs die unter nährstoffreichen Bedingungen gebildet wurden, das Lipid Sphingomyelin enthalten. Dadurch werden diese EVs für den Abbau durch das bakterielle Enzym Sphingomyelinase (SMase) zugänglich. Wenn die Nährstoffe zur Neige gehen, setzt Bacillus cereus die SMase ein, um diese EVs zu öffnen und so die gespeicherten Nährstoffe freizusetzen, die die Bakterien anschließend wiederverwenden können. Vereinfacht gesagt: Die Bakterien legen in guten Zeiten Vorräte an und greifen darauf zurück, wenn Ressourcen knapp werden. Diese „Auszahlungs“-Strategie verschafft ihnen unter Nährstoffstress einen klaren Überlebens- und Wachstumsvorteil.

„Dieses mikrobielle Verhalten spiegelt Prinzipien wider, die wir aus menschlichen Gesellschaften kennen: in Zeiten des Überflusses werden Rücklagen gebildet, die in Krisenzeiten wieder genutzt werden“, verdeutlicht Letztautorin Monika Ehling-Schulz vom Zentrum für Pathobiologie der Vetmeduni. „Bakterielle EVs fungieren als hochenergetische Reserven, die nicht nur die produzierende Zelle, sondern auch die gesamte Gemeinschaft unterstützen – eine starke Überlebensstrategie in herausfordernden Umgebungen.“

Implikationen für Infektion und Innovation

Die Erkenntnisse könnten weitreichende Folgen haben. Viele krankheitserregende Bakterien produzieren Sphingomyelinase, was darauf hindeutet, dass diese Form des Nährstoffrecyclings über EVs eine weit verbreitete Überlebensstrategie unter Bakterien sein könnte. Ein besseres Verständnis der Bildung und des Abbaus dieser EVs könnte dabei helfen, neue Ansätze zu entwickeln, um infektionsauslösende Bakterien gezielt zu schwächen oder die Stabilität von EVs für neuartige medizinische und biotechnologische Anwendungen zu verbessern.

Veterinärmedizinische Universität Wien


Originalpublikation:

Laimer-Digruber, A., Edelbacher, T.V., Alinaghi, M. et al. Bacterial extracellular vesicles as recyclable nutrient reservoirs. Nat Commun 17, 4901 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-71463-3

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Wissenschaft International
news-39007 Tue, 09 Jun 2026 12:22:49 +0200 Stoffwechsel-Schalter gegen Lungenkrebs https://www.vbio.de/aktuelles/details/stoffwechsel-schalter-gegen-lungenkrebs Einen vielversprechenden Mechanismus zur Bekämpfung von Lungenkrebs hat ein internationales Forschungsteam identifiziert. Die Forschenden fanden heraus, dass ein bestimmter körpereigener Stoffwechselprozess das Immunsystem dazu bringen kann, Tumorzellen direkt anzugreifen und deren Wachstum zu stoppen. Dies eröffnet neue Wege für gezielte Therapien. Lungenkrebs ist weltweit eine der häufigsten Krebserkrankungen mit einer besonders hohen Mortalitätsrate. Ein entscheidender Faktor für das Fortschreiten der Krankheit ist das Tumormikromilieu – die Umgebung, in der der Tumor wächst. Hier spielen bestimmte Immunzellen, die sogenannten Makrophagen („Fresszellen“), eine Doppelrolle: Sie können den Tumor entweder bekämpfen oder ihn sogar unterstützen und so das Krebswachstum fördern.

Der „Stoffwechsel-Schalter“: Itaconat

Das Forschungsteam um Prof. Dr. Rajkumar Savai, Professor für Lung Microenvironmental Niche in Cancerogenesis an der JLU, hat untersucht, wie eine Steuerung des Zellstoffwechsels diese Immunzellen umprogrammieren kann. Im Zentrum steht dabei das Molekül Itaconat. Die Forschenden stellten fest, dass in Lungenkrebsregionen ein natürlicher Mangel an Itaconat herrscht. Dieser Mangel führt dazu, dass die Makrophagen in eine pro-tumorale Form umschalten, die den Krebs unterstützt. Wenn das Team jedoch die Itaconat-Konzentration künstlich erhöhte, geschah etwas Entscheidendes: Die Makrophagen wechselten in einen anti-tumoralen Zustand. Sie wurden zu aktiven Verteidigern, die das Tumorwachstum bremsten, wie die Forschenden in Mausmodellen und menschlichen Gewebeproben untersucht haben.

Direkter Einfluss auf die Krebszellen

Itaconat hat noch einen weiteren positiven Effekt: Das Molekül wirkt nicht nur indirekt über das Immunsystem. Die Forschenden konnten zeigen, dass eine Variante namens Octyl-Itaconat die Krebszellen auch direkt angreift. Dieser Stoff blockiert ein wichtiges Enzym (G6PD), das für den Stoffwechsel der Krebszellen essenziell ist. Ohne dieses Enzym fehlt den Tumorzellen der nötige „Brennstoff“ für ihre schnelle Vermehrung, was das Wachstum stoppt.

Ein neuer Ansatz für die Krebstherapie

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir durch die gezielte Beeinflussung des Stoffwechsels sowohl das Immunsystem stärken als auch die Krebszellen direkt schwächen können“, so Prof. Savai, Letztautor der Studie. „Besonders bedeutsam ist, dass der Effekt auch in menschlichen Lungen-Gewebeschnitten nachgewiesen werden konnte, was die Relevanz für die klinische Anwendung unterstreicht.“ Die Studie liefert damit eine wichtige Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente, die darauf abzielen, den Stoffwechsel der Krebszellen zu auszuhungern und gleichzeitig die körpereigene Abwehr zu aktivieren.

Die Arbeit entstand in einer Kooperation zwischen der JLU, dem Institut für Lungengesundheit, dem Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim, dem Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) und weiteren internationalen Partnern. Die Forschung wurde unter anderem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Land Hessen (LOEWE-Schwerpunkt iCANx), den Europäischen Forschungsrat (ERC) und das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizont Europa (Projekt COMBAT) gefördert.

Justus-Liebig-Universität Gießen


Originalpublikation:

Siavash Mansouri etal.: IRG1/itaconate rewires macrophage and lung tumor metabolism through G6PD Inhibition. Cell Metabolism, 3. Juni 2026, https://www.cell.com/cell-metabolism/fulltext/S1550-4131(26)00190-7

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Wissenschaft Hessen
news-39006 Tue, 09 Jun 2026 11:20:35 +0200 Vom Schädling zum nützlichen Werkzeug: Wie Wachsmottenlarven helfen können, Tierversuche in der Forschung zu reduzieren https://www.vbio.de/aktuelles/details/vom-schaedling-zum-nuetzlichen-werkzeug-wie-wachsmottenlarven-helfen-koennen-tierversuche-in-der-forschung-zu-reduzieren Larven der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) eignen sich als alternatives Infektionsmodell, um die Gefährlichkeit von Bakterien im größeren Maßstab zu untersuchen. Dadurch könnten Tierversuche an Säugetieren künftig deutlich reduziert werden.  Das Erbgut von Bakterien lässt sich heute sehr schnell analysieren – und damit auch ihr Potenzial, Krankheiten auszulösen. Deutlich aufwendiger ist es jedoch zu überprüfen, wie stark virulent, also krankmachend, diese Erreger im lebenden Organismus tatsächlich sind. Solche Untersuchungen fanden bislang häufig an Mäusen oder anderen Säugetiermodellen statt und sind zeit- und ressourcenintensiv. Aus ethischen Gründen sind diese Untersuchungen zudem nicht für Testreihen im großen Durchsatz geeignet.

Ein interdisziplinäres Team des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald – einer Einrichtung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) – hat nun gezeigt, dass die Larve der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) ein robustes und ethisch vertretbares Modell ist, um das humanpathogene Bakterium Klebsiella pneumoniae in größerem Umfang zu untersuchen. Klebsiella pneumoniae zählt zu den weltweit gefährlichsten Erregern schwerer Infektionen, insbesondere im klinischen Umfeld. Anhand der Testung von 80 verschiedenen Stämmen dieses Erregers wiesen die Forschenden nach, dass sich unter standardisierten Bedingungen klassische und besonders virulente Varianten in den Wachsmottenlarven klar voneinander unterscheiden lassen.

Zuverlässige Ergebnisse durch standardisierte Bedingungen

In der Vergangenheit wurde die Forschung an Wachsmottenlarven teils kritisch betrachtet, da die Studienergebnisse aufgrund fehlender Standards oft schwer vergleichbar waren. Das Greifswalder Forschungsteam hat das Modell daher systematisch nach den ethischen Leitlinien des 3R-Prinzips (Replacement, Reduction, Refinement – Ersetzen, Reduzieren, Verfeinern von Tierversuchen) geprüft und optimiert.
Prof. Katharina Schaufler, Leiterin der Abteilung „Epidemiologie und Ökologie Antimikrobieller Resistenz“, erklärt: „Als Tierärztin ist mir das Tierwohl ein besonderes Anliegen. Um die Eigenschaften von antibiotikaresistenten Erregern besser zu verstehen, benötigen wir aber verlässliche In-vivo-Modelle. Unsere Arbeit zeigt im Detail, unter welchen Bedingungen das Insektenmodell reproduzierbare Ergebnisse liefert. Dies ermöglicht es uns, das 3R-Prinzip im Laboralltag praktisch umzusetzen und die Infektionsforschung gleichzeitig effizienter zu gestalten.“

Der entscheidende Vorteil des Modells ist seine breite Anwendbarkeit. Bevor Versuche an Säugetieren überhaupt in Betracht gezogen werden, erlaubt das Modell ein breites Screening zahlreicher Bakterienvarianten oder potenzieller neuer Wirkstoffe in einem lebenden Organismus. „Die Wachsmottenlarve bietet uns ein biologisches System, das wir sehr gut im großen Maßstab einsetzen können“, ergänzt Dr. Elias Eger, Letztautor der Studie und Wissenschaftler am HIOH. „Sie ist zwar kein vollständiger Eins-zu-eins-Ersatz für Säugetiermodelle, funktioniert aber hervorragend als Werkzeug für eine fundierte Vorauswahl. So müssen im Nachgang nur noch die wirklich aussagekräftigsten Isolate in komplexeren Säugetiermodellen validiert werden.“

Die Etablierung des Modells unterstützt den ganzheitlichen Forschungsansatz des HIOH. Ziel ist es, die Ausbreitung und Evolution von antibiotikaresistenten Erregern an den Schnittstellen zwischen Umwelt, Tier und Mensch zu entschlüsseln. Um diese Dynamiken im großen Stil analysieren zu können, benötigen Forschende praxistaugliche und skalierbare In-vivo-Modelle, also Untersuchungen im lebenden System. Das standardisierte Galleria-Modell schließt hier eine wichtige Lücke. Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Microbe veröffentlicht und ist das Ergebnis einer internationalen, interdisziplinären Zusammenarbeit. Sie unterstreicht, wie methodische Weiterentwicklungen dazu beitragen können, medizinischen Erkenntnisgewinn und Ethik erfolgreich miteinander zu verbinden.

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung


Originalpublikation:

Schaufler K, Schmidt N, Schwabe M, Heiden SE, Fickenscher H, Woh PY, Tien SB, Velavan TP, Song LH, Neumann B, Idelevich EA, Becker K, Krumbholz A, Kocer K, Boutin S, Nurjadi D, Eger E.: Rethinking virulence screening in Klebsiella pneumoniae: a case for a standardised Galleria mellonella infection model. Lancet Microbe. 2026. 101421 [Epub ahead of print]. https://doi.org/10.1016/j.lanmic.2026.101421

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Wissenschaft Niedersachsen
news-39005 Mon, 08 Jun 2026 12:40:58 +0200 Biotechnologie-Branchenverband fordert mehr Tempo bei der Umsetzung finanzpolitischer Rahmenbedingungen https://www.vbio.de/aktuelles/details/biotechnologie-branchenverband-fordert-mehr-tempo-bei-der-umsetzung-finanzpolitischer-rahmenbedingungen Anlässlich des heute in Berlin stattfindenden Biotech Finanz-Gipfel fordert der Biotechnologie-Branchenverband BIO Deutschland e. V. die Regierung auf, jetzt die Umsetzung ihrer zahlreichen Strategien und Vorhaben energisch voranzutreiben.  Nach mehr als einem Jahr im Amt ist bei den finanzpolitischen Rahmenbedingungen bisher wenig passiert, was die Schlüsselindustrie Biotechnologie finanziell stärken würde. Stattdessen werden sogar Maßnahmen ergriffen, die dem Biotech-Standort schaden. In dem aktualisierten Positionspapier der Finanzexpertinnen und -experten des Verbands, welches heute beim Finanz-Gipfel vorgestellt wird, finden sich zahlreiche Vorschläge, wie Deutschland zu einem international führenden Biotechnologie-Standort werden kann. Roland Sackers, Vorstandsvorsitzender des BIO Deutschland, sagt: „Die Bundesregierung hat mit der Hightech Agenda Deutschland richtige und wichtige Weichen für die Schlüsseltechnologie Biotechnologie gestellt. Das alleine wird aber nicht reichen, um ausreichend Veränderungen hervorzurufen. Die kürzlich veröffentlichten Meilensteine der Roadmap der Hightech Agenda gehen beispielsweise nicht auf steuerliche oder finanzpolitische Rahmenbedingungen ein. Hier sind andere Bundesministerien, insbesondere das Bundesfinanzministerium, gefordert, schnellstmöglich steuerliche Rahmenbedingungen zu setzen, die wirklich etwas bewegen können.”

Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, ergänzt: „Wir brauchen dringend mehr Tempo bei der Umsetzung von wichtigen Vorhaben. So sind beispielsweise von den 25 Milliarden, die über die Initiative Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland, kurz WIN, von institutionellen Investoren in VC investiert werden sollen, gerade einmal 12 Milliarden zugesagt und erst 2,7 wirklich geflossen. Das reicht nicht, um Unternehmen mit hohem Kapitalbedarf in der Wachstumsphase, wie beispielsweise Therapieentwicklern, zu helfen. Andere Maßnahmen, wie die Reform zur Gesetzlichen Krankenversicherung, konterkarieren sogar die Bemühungen, Deutschland zu einem attraktiven und erfolgreichen Biotech-Standort zu machen. Die jüngsten Ankündigungen von internationalen Pharmakonzernen, geplante Milliarden-Investitionen in den deutschen Standort als Reaktion auf das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz zurückzufahren, sprechen für sich.”

Das aktuelle Positionspapier des BIO Deutschland bietet konkrete, umsetzbare Empfehlungen für Politik und Verwaltung, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Biotechnologie-Branche sichern können, um Venture Kapital zu mobilisieren, das Start-up Ökosystem zu stärken, die Projektförderung zu verbessern, die Steuerpolitik wettbewerbsfähig zu gestalten und auch auf EU-Ebene Rahmenbedingungen zu reformieren.

Das Finanz-Positionspapier kann hier heruntergeladen werden: www.biodeutschland.org/.../positionspapier-des-bio-deutschland-e-v-finanz-und-steuerpolitische-handlungsempfehlungen.html

Auf dem Biotech Finanz-Gipfel treffen sich Finanzvorstände, Geschäftsführer sowie Leiterinnen und Leiter Corporate Finance und Rechnungswesen von Biotechnologie-Unternehmen. In diesem Jahr werden auf der Veranstaltung zudem der EY-Biotech-Report 2026 mit den Biotechnologie-Branchenkennzahlen in Kooperation mit EY vorgestellt.

Hier geht es zum EY-Biotech-Report: Deutscher Biotechnologie-Report 2026 | EY - Deutschland

BIO Deutschland

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Politik & Gesellschaft Biobusiness Berlin
news-39004 Mon, 08 Jun 2026 12:19:55 +0200 Handbuch erschienen: "Citizen Science – Gemeinsam Forschen" https://www.vbio.de/aktuelles/details/handbuch-erschienen-citizen-science-gemeinsam-forschen Citizen Science gewinnt im Wissenschaftsbetrieb in Deutschland, der Schweiz und Österreich an Bedeutung. Soziale Medien, Apps oder mobile Sensorik eröffnen neue Möglichkeiten, interessierte Bürgerinnen und Bürger aktiv an Forschung zu beteiligen. Allerdings fehlte bislang ein praxistauglicher Überblick über Strategien, Strukturen, Arbeitsprozesse, Potenziale und Grenzen von Citizen-Science-Projekten. Diese Lücke schließt das Open-Access-Handbuch „Citizen Science – Gemeinsam forschen!“, das ein Gremium von Herausgeber:innen verschiedenster Institutionen veröffentlicht hat, darunter das UFZ und das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).  Aktuell gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als 300 Citizen-Science-Projekte, Tendenz steigend. Viele der Vorhaben sind in den Natur-, Gesundheits- und Umweltwissenschaften angesiedelt, doch auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften hat bürgerwissenschaftliche Forschung eine lange Tradition, etwa in Museen, Bibliotheken, Archiven und Wissenschaftsläden. Und auch das gesellschaftliche Interesse an der Teilhabe an Wissenschaft ist groß: So vermeldet das Wissenschaftsbarometer 2024, dass in Deutschland 43 Prozent der Befragten gerne einmal in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt mitforschen würden. Damit offenbart sich ein riesiges Potenzial, bei der Beschaffung dringend benötigter Forschungsdaten mitzuhelfen. Prof. Aletta Bonn, eine der Herausgeberinnen des Buchs und Biologin an UFZ/iDiv/Universität Jena, sieht darüber hinaus weitere Mehrwerte, etwa den Bildungsaspekt. „Bei den Teilnehmenden entwickelt sich durch die Einbindung in die Forschung oft ein deutlich vertiefteres Verständnis als beispielsweise durch einen Vortrag und sie ändern möglicherweise ihr Umweltverhalten. Zudem wird das Vertrauen in die Wissenschaft gestärkt“, sagt sie.

Mehr als 90 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Forschungsraum haben nun ihre Erfahrungen aus Citizen-Science-Projekten zusammengetragen, kuratiert durch sieben Herausgeberinnen und Herausgeber verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen – dem UFZ, dem iDiv, der Universität Oulu (Finnland), dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, der Universität Zürich, der Universität für Bodenkultur Wien und der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft. 

Das Handbuch stellt aktuelle Fallbeispiele und Forschungsansätze vor und beantwortet zentrale Fragen der Praxis: Wie beteiligt und organisiert man Freiwillige in einem Citizen-Science-Projekt? Wie lassen sich die Daten sichern und managen? Welche rechtlichen und ethischen Aspekte sollten beachtet werden? Welche neuen Technologien und KI-Anwendungen können genutzt werden? Wie kann Citizen Science in Wissenschaft, Bildung und politische Entscheidungsprozesse integriert werden? „Wir wollen mit dem Handbuch allen, die Lust auf Citizen-Science-Projekte haben, Tipps und Tricks an die Hand geben, wie diese gelingen können“, sagt Aletta Bonn. 

Deshalb bietet das Buch im ersten Kapitel sogenannten „Gelingungsfaktoren“ einen breiten Raum. Eine der wesentlichen Herausforderungen ist das Community Management, also die Frage, wie sich unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster von Bürger:innen, Wissenschaftler:innen und weiteren Stakeholdern im Forschungsprozess zusammenbringen lassen – und zwar von der Projektkonzeption, der Ansprache und Gewinnung von Bürgerforschenden über deren Aus- und Weiterbildung bis hin zu deren Betreuung und Anerkennung für deren Engagement. Wichtig ist dabei beispielsweise, mit gesellschaftlichen Partnern zusammenzuarbeiten, die eine hohe fachliche Kompetenz mitbringen. Im bundesweiten Projekt FLOW erfassen beispielsweise rund 1.000 Teilnehmende aus Umweltverbänden und Anglervereinen gemeinsam mit Schüler:innen und anderen Gruppen in kleineren Fließgewässern standardisiert Daten zur Gewässerstruktur, zur Wasserqualität und zu wirbellosen Tieren. Mithilfe eines Bioindikators lassen sich so Rückschlüsse auf die Pestizidbelastung der Bäche in Deutschland ziehen. Einen weiteren Ansatz verfolgt das UFZ im seit mehr als 20 Jahren laufenden Tagfalter-Monitoring-Deutschland, in dem bundesweit mehr als 500 qualifizierte Ehrenamtliche Tagfalter auf ausgewählten Strecken erfassen und ihre Beobachtungen in eine online-Plattform eintragen. Es hat seitdem nicht nur viele wertvolle Informationen über die Schmetterlingswelt geliefert – sondern auch dazu, wie Landnutzung und Klimawandel den Zustand der Natur insgesamt verändern. 

Weitere Kapitel des Handbuchs thematisieren fachliche Anwendungsfelder für Citizen Science wie neuerdings die Geschichtsforschung, die Kunst oder die Medizin sowie potenzielle Techniken, Instrumente und Werkzeuge und deren Integration in Forschung und Bildung. „Wichtig ist die wertschätzende Verankerung im Wissenschaftssystem mit Reputationskriterien und guten Rahmenbedingungen“, sagt Prof. Thora Herrmann von der Universität Oulu (Finnland). Einer der entscheidenden Aspekte ist dabei die Datenqualität: Viele Citizen-Science-Projekte haben den Anspruch, mit den Ehrenamtlichen neue Daten für die Wissenschaft zu gewinnen. „Deshalb braucht jedes Citizen-Science-Projekt genauso wie ein herkömmliches Forschungsprojekt das passende Versuchsdesign“ ergänzt Thora Herrmann. Projekte sollten klar festlegen, wie die Daten erhoben, auf ihre Plausibilität geprüft sowie über Datenplattformen aufbereitet und archiviert werden. 

Das Handbuch richtet sich an Menschen in Verbänden, Museen, Bibliotheken, NGOs, Bildung- und Forschungseinrichtungen sowie interessierte Einzelpersonen, die Citizen-Science-Projekte planen, aufbauen oder umsetzen möchten. Zudem enthält es wertvolle Impulse für Mitforschende von Citizen-Science-Projekten sowie für Wissenschaftler:innen in Forschungsorganisationen, die sich mit Fragen der Bürgerbeteiligung in wissenschaftlichen Prozessen auseinandersetzen.

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ


Originalpublikation:

Thora Herrmann, Miriam Brandt, Daniel Dörler, Florian Heigl, Christin Liedtke, Mike Martin, Aletta Bonn (Hrsg): „Citizen Science – Gemeinsam forschen! Ein Handbuch für Wissenschaft und Gesellschaft“, Springer Verlag Berlin, Heidelberg, https://doi.org/10.1007/978-3-662-69703-0

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Wissenschaft Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-39003 Mon, 08 Jun 2026 12:05:57 +0200 Wissenschaftsorganisationen in den USA warnen vor politischer Kontrolle statt Peer View https://www.vbio.de/aktuelles/details/wissenschaftsorganisationen-in-den-usa-warnen-politische-kontrolle-statt-peer-view Forscherinnen und Forscher in den USA schlagen Alarm: Ein neuer Vorschlag des Weißen Hauses könnte das Herzstück wissenschaftlicher Qualitätssicherung treffen – das unabhängige Peer‑Review‑Verfahren. Künftig sollen politisch ernannte Entscheidungsträger stärker darüber bestimmen, welche Projekte Fördermittel erhalten. Kritiker warnen, dies würde die wissenschaftliche Freiheit aushöhlen und jene Forschung gefährden, die in den vergangenen Jahrzehnten bahnbrechende Fortschritte hervorgebracht hat. Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Frage, wer in Zukunft entscheidet, welche Ideen verfolgt werden dürfen: wissenschaftliche Expertise oder politische Opportunität. Ein Eingriff mit potenziell weitreichenden Folgen für die Forschungslandschaft der USA – und darüber hinaus.

Mehr dazu unter cnn.com: Researchers say this new Trump rule could destroy American science as we know it. They’re fighting back

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Politik & Gesellschaft International
news-39002 Mon, 08 Jun 2026 11:43:04 +0200 Neue Einblicke in die Proteinproduktion von Bakterien https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-einblicke-in-die-proteinproduktion-von-bakterien Wie steuern Bakterien die Herstellung ihrer Proteine? Dieser Frage sind Forschende der Universität Hamburg gemeinsam mit internationalen Partnern nachgegangen. Dabei konnten sie zeigen, wie kleine Eiweißbausteine, sogenannte Peptide, die Proteinproduktion von Bakterien gezielt beeinflussen.  Proteine sind die zentralen Bausteine und Werkzeuge jeder Zelle. Hergestellt werden sie von den Ribosomen – winzigen molekularen Fabriken. Im Mittelpunkt der Untersuchungen des internationalen Teams stand ein enger Kanal im Ribosom. Durch diesen sogenannten Peptid-Ausgangstunnel verlässt das neu gebildete Protein das Ribosom. Die Forschenden konnten zeigen, dass Interaktionen von Peptiden mit diesem Tunnel zugleich als wichtiger Kontrollpunkt dienen, der darüber entscheidet, ob die Proteinproduktion fortgesetzt oder gestoppt wird.

Zu Beginn untersuchte das Team antimikrobielle Peptide, die Bakterienwachstum hemmen können, indem sie sich an den Tunnel binden und ihn so blockieren. Mithilfe von Genomdatenbanken identifizierten die Forschenden neue Vertreter dieser Molekülklasse. Obwohl sich viele dieser Peptide stark ähneln, können bereits kleinste Veränderungen ihrer Struktur dazu führen, dass sie die Proteinproduktion auf unterschiedliche Weise blockieren.

Anschließend nahmen die Forschenden das Peptid CliM genauer unter die Lupe, das in bestimmten Bakterien aus der Spezies Clostridien vorkommt. Eine Spezies, die auch immer wieder mit einer Dysbalance des Mikrobioms im Darm in Verbindung gebracht wird. Anders als die antimikrobiellen Peptide tötet es keine Bakterien ab. Stattdessen dient es als internes Warnsignal. Wenn wichtige Proteine nicht richtig in die Zellmembran eingebaut werden, kann CliM die Proteinproduktion vorübergehend stoppen und so helfen, das Gleichgewicht innerhalb der Zelle wieder herzustellen. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Ausgangstunnel des Ribosoms weit mehr ist als ein einfacher Durchgang für neu gebildete Proteine. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Proteinproduktion“, sagt Daniel N. Wilson, Professor am Fachbereich Chemie der Universität Hamburg und Mitautor der beiden Studien.

Die Forschenden sehen in den Ergebnissen eine wichtige Grundlage für das Verständnis bakterieller Regulationsmechanismen. Langfristig könnten die Erkenntnisse zudem dazu beitragen, neue antibakterielle Wirkstoffe zu entwickeln, die gezielt an den Ribosomen von Bakterien angreifen.

Universität Hamburg


Originalpublikationen:

Huang, W., Berger, M.J., Safdari, H.A. et al. Flipping antimicrobial peptides in the exit tunnel of the bacterial ribosome. Nat Commun 17, 4914 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-74007-x

Yoshida, M., Gersteuer, F., Berendes, O. et al. Diverse mechanisms of translation arrest by a Clostridia ribosome stalling peptide CliM. Nat Commun 17, 4202 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72673-5

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Wissenschaft Hamburg