VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Wed, 08 Jul 2026 19:16:49 +0200 Wed, 08 Jul 2026 19:16:49 +0200 TYPO3 news-39237 Wed, 08 Jul 2026 12:39:13 +0200 Wie Stürme und Insektenbefall die Lebensräume für Wisent, Elch und Rothirsch verbessern https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-stuerme-und-insektenbefall-die-lebensraeume-fuer-wisent-elch-und-rothirsch-verbessern Eine neue Studie belegt, dass sich die zunehmenden Störungen von Wäldern, beispielsweise durch Stürme, Insektenbefall oder Holzernte, positiv auf große Pflanzenfresser auswirken. Eine in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlichte Studie unter der Leitung der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) zeigt, wie Störungen von Wäldern die Lebensraumqualität für große Pflanzenfresser teilweise über Jahrzehnte verbessern. Die Ergebnisse rücken damit die Wichtigkeit und ökologischen Potentiale von gestörten Waldflächen in den Fokus. Intensive forstwirtschaftliche Nutzung und die Auswirkungen des Klimawandels wie Borkenkäferausbrüche und Sturmschäden haben die Häufigkeit von Waldstörungen in Europa über die letzten Jahrzehnte massiv erhöht. Um die langfristigen Auswirkungen dieser Dynamiken auf große Pflanzenfresser besser zu verstehen, analysierte das internationale Forschungsteam GPS-Bewegungsdaten von Wildtieren und verknüpfte diese mit hochauflösenden Satellitenkarten, um zu verstehen, wie die Tiere gestörte Waldflächen nutzen.

Die groß angelegte Kooperation mit Partner*innen aus ganz Europa konnte Daten von über 3000 besenderten Tieren und insgesamt über 19 Millionen GPS-Lokalisierungen zusammenstellen, die im Zeitraum von 1997 bis 2023 erhoben wurden. „GPS-Daten von Wildtieren zu erheben ist kostspielig und zeitaufwändig. Daher können viele Studien oft nur auf Daten von wenigen Tieren aus kleinen Gebieten zurückgreifen“, sagt Dr. Julian Oeser, der die Studie als Postdoktorand am Geographischen Institut der Humboldt-Universität verfasst hat.

Gestörte Waldflächen nutzen Wisent, Elch, Rothirsch und Reh intensiver

Die Ergebnisse des 65 Köpfe umfassenden Autorenteams zeigen, dass alle untersuchten Arten (Wisent, Elch, Rothirsch und Reh) gestörte Waldflächen über mindestens 35 Jahre hinweg intensiver nutzen als ungestörte Bestände. Die zeitliche Abfolge der Nutzung hängt dabei eng mit der jeweiligen Ernährungsstrategie der Arten zusammen. Während Wisente vor allem die frühen Stadien des sich regenerierenden Waldes bevorzugen, in denen nach einer Störung Gras und junge Büsche wachsen, nutzen Elche und Rothirsche das Areal erst später. Für sie bietet der sich regenerierende Wald nach zehn bis 20 Jahren eine ideale Nahrungsgrundlage, wenn junge Bäume nachgewachsen sind. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist die Bedeutung der Flächengröße: alle Arten bevorzugen kleinere Störungsflächen. Solche kleinen und temporären Lichtungen bieten einen leichten Zugang zu hochwertiger Nahrung und erlauben es den Tieren gleichzeitig, in der Nähe von dichten Baumbeständen zu bleiben, die sie vor Raubtieren oder Wetterauswirkungen schützen können.

Für die Zukunft: Die richtige Balance von Wildtierschutz, biologischer Vielfalt und ökologischer Resilienz

Modellrechnungen der Studie zeigen, dass über die letzten Jahrzehnte Waldstörungen die Lebensraumqualität für große Pflanzenfresser in vielen Regionen Europas erheblich verbessert haben. „Populationen von Rehen und Hirschen haben sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt, und Arten wie Elch und Wisent kehren in Gebiete zurück, in denen sie historisch ausgerottet wurden“, erklärt Prof. Tobias Kümmerle, der Leiter der Studie. „Die zunehmenden Störungen unserer Wälder durch Forstwirtschaft und Klimawandel können dazu beigetragen haben, da unsere Daten einen deutlichen und langanhaltenden positiven Effekt von gestörten Waldflächen auf diese Wildtiere zeigen“. Ökologisch sei dies positiv zu bewerten, da der Einfluss großer Pflanzenfresser auf die Waldvegetation zu strukturell komplexeren Wäldern führen kann und somit die Artenvielfalt fördert. Die zunehmenden Auswirkungen von Waldstörungen auf große Pflanzenfresser bringen aber auch Herausforderungen mit sich. „Der Anziehungseffekt der Störungsflächen auf die Tiere könnte zu mehr Schäden durch Verbiss an jungen Bäumen führen und so Konflikte mit der Forstwirtschaft verstärken“, erklärt Julian Oeser. „Die Auswirkungen auf Wildtierpopulationen sollten daher auch im Wald- und Wildtiermanagement berücksichtigt werden.“ Das könne dabei helfen, Managementstrategien zu entwickeln, die eine Balance zwischen Holzproduktion, Wildtierschutz, biologischer Vielfalt und ökologischer Resilienz herstellen.

HU Berlin


Originalpublikation:

Oeser, J., Kowalczyk, R., Kuijper, D. et al. Increasing forest disturbance enhances habitat suitability for Europe’s large herbivores. Nat Ecol Evol 10, 1273–1286 (2026). doi.org/10.1038/s41559-026-03096-0

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Wissenschaft Berlin
news-39236 Wed, 08 Jul 2026 12:26:56 +0200 Neue Verpackung für Genkorrektur bei Eisenspeicherkrankheit https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-verpackung-fuer-genkorrektur-bei-eisenspeicherkrankheit Die erblich bedingte primäre Hämochromatose beruht auf einem einzelnen falschen Baustein in einem Gen. Das führt zu einer Eisenüberladung mit teils schwerwiegenden Folgen für Organe und Gelenke. In präklinischen Studien haben MHH-Forschende diesen Gendefekt bereits erfolgreich mit Hilfe einer gezielten Korrektur behandelt, der sogenannten Basen-Editierung. Jetzt haben sie ihre Methode im Labor weiter verfeinert. Sie verwenden statt viraler Vektoren nun Lipid-Nanopartikel als Transportmittel, die sicherer, effizienter und preiswerter sind. Funktioniert die Anwendung dann auch beim Menschen, könnte eine einzelne Injektion in Zukunft vor den Folgen der Erkrankung schützen.  Die erblich bedingte primäre Hämochromatose gehört zu den häufigsten angeborenen Stoffwechselerkrankungen in Europa. Bei dieser auch als Eisenspeicherkrankheit bezeichneten Störung sammelt sich zu viel Eisen in verschiedenen Organen an. Das kann zu starken Beschwerden wie Gelenkschmerzen, Diabetes und schweren Folgeerkrankungen wie etwa Leberkrebs führen. Ursache ist ein Gendefekt, der die Regulierung der Eisenaufnahme über die Dünndarmschleimhaut stört. Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Michael Ott und Dr. Dr. Simon Krooss aus der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie Infektiologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat 2022 einen Ansatz gefunden, die Erbkrankheit mit Hilfe einer gezielten Genkorrektur zu behandeln. Nun haben die Forschenden diese Methode mit Zellen von Patientinnen und Patienten und im Mausmodell weiter verfeinert. Statt die molekularbiologischen Werkzeuge mit Hilfe eines viralen Vektors – auch als „Gentaxi“ bekannt – in die Zellen zu schleusen, verwendeten sie nun sogenannte Lipid-Nanopartikel (LNP), um die therapeutische RNA in die Leber zu transportieren. Diese bieten gegenüber viralen Vektoren entscheidende Vorteile, denn sie sind sicherer, einfacher herzustellen und ermöglichen einen zeitlich begrenzten Verbleib der Genkorrekturwerkzeuge für wenige Stunden bis Tage. Die Arbeit ist in der hochrangigen Fachzeitschrift „Journal of Hepatology“ veröffentlicht worden.

Fehlerhafte Steuerung der Eisenaufnahme

„Die Eisenspeicherkrankheit beruht in den meisten Fällen auf einem Defekt im Hämochromatose-Gen HFE, das auf Chromosom 6 liegt“, sagt Professor Ott. Sie tritt nur bei Menschen auf, die diesen Defekt von beiden Elternteilen geerbt haben, also kein „gesundes“ Gen als Ausgleich besitzen. Bei mehr als 80 Prozent der Betroffenen findet sich in beiden Ausfertigungen des HFE-Gens eine bestimmte Veränderung, C282Y-Mutation genannt. Diese führt zum Austausch einer Aminosäure – also eines Eiweißbausteins – im HFE-Protein. Das HFE-Protein verliert dadurch seine Fähigkeit, die Eisenaufnahme zu regulieren. Um die Eisenspeicher zu leeren und die Eisenkonzentration im Körper zu normalisieren, müssen Patientinnen und Patienten lebenslang Aderlässe in Kauf nehmen. Das ist belastend und funktioniert zudem nicht bei allen Betroffenen. Medikamente, die das Eisen direkt im Körper binden und so neutralisieren, sind aufgrund starker Nebenwirkungen ebenfalls nicht ideal.

Zelle vollendet Gen-Reparatur selbst

Die MHH-Forschenden gehen das Problem dagegen an der Wurzel an. Sie nutzen die körpereigenen Reparaturmechanismen, um das defekte HFE-Gen zu reparieren. Mit Hilfe der als „Genschere“ bekannten CRISPR/Cas-Technologie und einem daran gekoppelten Enzym verändern sie gezielt einen winzigen fehlerhaften Baustein im mutierten HFE-Gen. In der Fachsprache wird das Verfahren als Basen-Editierung bezeichnet. Das Besondere dieser Genreparatur: Die Genschere wird so eingesetzt, dass sie nicht wie in der klassischen Anwendung einfach den DNA-Doppelstrang an der gewünschten Stelle komplett zerschneidet. „Der Doppelstrangbruch birgt immer auch ein gewisses Risiko für unerwünschte Mutationen“, erklärt Dr. Dr. Simon Krooss. Bei der Basen-Editierung werden die beiden Einzelstränge dagegen voneinander gelöst und nur einer von ihnen verändert. Dadurch startet die Zelle automatisch ihr natürliches Reparaturprogramm und baut das korrekte Gegenstück auch im zweiten Strang ein, so dass die C282Y-Mutation im gesamten Doppelstrang verschwindet.

LNPs transportieren mRNA effizient in die Leber 

Das Forschungsteam versendet dabei nur den Bauplan für das Basen-Editierungs-System als sogenannte messenger RNA (mRNA), die im Körper abgebaut wird und nach 48 Stunden wieder verschwindet. Das Verfahren wird auch bei den mRNA-Impfstoffen eingesetzt, etwa gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Bislang hatte das Team virale Vektoren als Lieferdienst genutzt. Jetzt wird der Bauplan zusammen mit einer „Navigationshilfe“, welche die Genschere exakt zu der richtigen Stelle der DNA führt, in Lipid-Nanopartikel verpackt. Diese sind ähnlich aufgebaut wie die Zellmembranen in unserem Körper. Bei Kontakt mit der Zelle verschmelzen sie mit deren Außenhülle und geben ihren Inhalt ab. „LNPs bestehen aus einer Kombination von synthetischen Fetten und gelten als sicher, was potenzielle Immunreaktionen betrifft“, sagt Professor Ott. Zudem lassen sie sich im Vergleich zu Viren sehr schnell und kostengünstig in großen Mengen herstellen.

Eisenüberladung verringert sich deutlich

„Wir haben das System zum einen in einem Mausmodell unter Eisenbelastung getestet“, sagt Dr. Dr. Krooss. „Zum anderen haben wir es in Zellkulturen aus Maus-Leberzellen untersucht, außerdem in Zellkulturen aus menschlichen Leberzellen, die wir aus zu induzierten pluripotenten Stammzellen umprogrammierten Blutzellen von Hämochromatose-Erkrankten gewonnen haben.“ Das Resultat: Im Mausmodell korrigierte das Basen-Editierung-System bis zu 67 Prozent der fehlerhaften Basen erfolgreich und die Eisenüberladung der Leber verringerte sich deutlich. In den Maus-Leberzellen lag die Erfolgsrate bei etwa 70 Prozent, in Zellkultur mit menschlichen Leberzellen bei rund 65 Prozent. Bei einer Korrekturrate von 50 Prozent an, kann der Körper auf ausreichend funktionierende HFE-Proteine zugreifen, um die Eisenaufnahme ausreichend zu regulieren. Aus diesem Grund sind Menschen mit nur einer betroffenen Genkopie, heterozygote Träger, nicht gefährdet. „Besonders bemerkenswert ist, dass die hohe Effizienz der Genkorrektur mit einer hohen Präzision einherging“, erklärt der Arzt und Naturwissenschaftler. „Wir konnten keine relevanten unerwünschten Off-Target-Effekte nachweisen. Die Genschere arbeitete somit gezielt an der vorgesehenen Stelle im Erbgut, ohne an anderen Genomregionen unerwünschte Veränderungen zu verursachen.“

Anwendungen bei weiteren Erkrankungen möglich

„Diese Ergebnisse liefern den Nachweis, dass die Genkorrektur sowohl sicher als auch effizient ist, die Eisenansammlung in der Leber wirksam reduziert und so schädliche Umbauprozesse in der Leber verhindert“, betont Professor Ott. Nun soll die Methode an der MHH möglichst schnell in klinischen Studien untersucht werden. Funktioniert die Anwendung dann auch beim Menschen, könnte eine einzelne Injektion in Zukunft Trägerinnen und Träger der Mutation vor schweren Verläufen, Leberkrebs oder gar einer Organtransplantation bewahren. „Injektion statt Transplantation“, fasst Leberforscher Ott diese Vision zusammen. Zudem arbeiten die beiden Forscher daran, die Basen-Editierung für die endgültige Therapie vieler weiterer angeborener Erkrankungen einzusetzen.

Medizinische Hochschule Hannover


Originalpublikation:

Hamann V. et al.: In vivo base editing alleviates hepatic iron accumulation and fibrosis in models of HFE-related hereditary hemochromatosis, Journal of Hepatology 2026, https://doi.org/10.1016/j.jhep.2026.05.022

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Wissenschaft Niedersachsen
news-39235 Wed, 08 Jul 2026 10:57:42 +0200 Visuelle Rosinen: Wie das Gehirn die Blickrichtung steuert https://www.vbio.de/aktuelles/details/visuelle-rosinen-wie-das-gehirn-die-blickrichtung-steuert Warum fixieren manche Menschen in einem Bild sofort Gesichter, während andere eher auf Textelemente achten? Eine neue Studie zeigt, dass unser Blickverhalten kein Zufall ist: Die Augen richten sich auf die Informationen, mit denen das individuelle Gehirn jeweils am besten zurechtkommt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass unser Blickverhalten und die Struktur unseres Gehirns eine perfekt aufeinander abgestimmte Einheit bilden. „Wir picken mit unseren Augen diejenigen ‚visuellen Rosinen‘ heraus, die unser eigenes Gehirn am besten verdauen kann“, erklärt der Wahrnehmungsforscher Prof. Dr. Benjamin de Haas von der Abteilung für Allgemeine Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er, warum Menschen bei der Betrachtung komplexer Szenen so unterschiedlich vorgehen. Während einige Beobachterinnen und Beobachter eine starke Vorliebe für Gesichter zeigen, priorisieren andere Textinformationen.

Spezialisierung im Gehirn 

Es ist bekannt, dass das menschliche Gehirn über spezialisierte Nervenzellverbände verfügt, die gezielt auf bestimmte Reize wie Gesichter oder Wörter reagieren. Diese lassen sich mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT) sichtbar machen und vermessen. Die JLU-Forschenden gingen der Frage nach, ob sich diese Verarbeitung im Gehirn je nach individueller Blickneigung unterscheidet.

Die Ergebnisse der Studie mit 61 Erwachsenen sind eindeutig: Wer eine starke Neigung hat, in einer Szene sofort Gesichter zu fixieren, bei dem sind auch die entsprechenden gesichtspräferierenden Areale im unteren Schläfenlappen des Gehirns ausgeprägter. Genau den gleichen Zusammenhang fanden die Forschenden für die Neigung, Textelemente zu fixieren: Hier korreliert die Blickpräferenz mit der Größe der entsprechenden Areale für die Wortverarbeitung. Zudem reagiert das Gehirn bei diesen Personen auf die jeweils bevorzugte Kategorie – also Gesichter oder Wörter – deutlich zuverlässiger und präziser als auf andere Reize.

Die neuronalen Unterschiede spiegeln sich auch im Verhalten wider: Versuchspersonen, in deren Gehirn präzisere Antworten auf Gesichter gemessen wurden, konnten diese in Tests auch besser unterscheiden. Bei Personen, deren Gehirn präziser auf Texte antwortete, zeigte sich eine schnellere Lesegeschwindigkeit. „Diese Ergebnisse zeigen, dass individuelle Blickpräferenzen systematische Unterschiede im visuellen Gehirn widerspiegeln und mit passenden Wahrnehmungsfähigkeiten einhergehen“, sagte die Erstautorin Diana Kollenda.

Die Frage nach dem „Warum“ konnte die Studie noch nicht beantworten. „Wir wissen noch nicht genau, wie es zu dieser Passung kommt“, sagt de Haas. „Vielleicht trimmt unser Blickverhalten im Laufe des Lebens unser Gehirn auf die jeweiligen Inhalte, vielleicht ist es auch umgekehrt – vermutlich ist es ein Wechselspiel aus beidem.“

Justus-Liebig-Universität Gießen


Originalpublikation:

Kollenda, D., Akbari, E., Broda, M.D. & de Haas, B. Active vision is linked to category selectivity in the individual brain. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02494-5

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Wissenschaft Hessen
news-39234 Tue, 07 Jul 2026 11:41:30 +0200 Klimaoszillationen prägen natürliche Rückzugsräume von Korallen im sich erwärmenden Ozean https://www.vbio.de/aktuelles/details/klimaoszillationen-praegen-natuerliche-rueckzugsraeume-von-korallen-im-sich-erwaermenden-ozean Neue Studie zeigt: Natürliche Kühlung von Korallenriffen ist nicht konstant, sondern abhängig von großräumigen tropischen Klimamustern  Warum überstehen manche Korallenriffe marine Hitzewellen besser als andere? Eine neue Studie in Scientific Reports zeigt, dass die Antwort nicht allein in lokalen ozeanographischen Bedingungen liegt, sondern wesentlich von Klimamustern geprägt wird, die ganze Ozeanbecken beeinflussen. Forschende, darunter auch Erstautorin Dr. Hana Camelia und Dr. Thomas Felis vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen, haben für die neue Studie langjährige ozeanographische Messreihen mit chemischen Archiven in Korallenskeletten kombiniert. Sie fanden heraus, wie großskalige Klimaschwankungen die natürliche Kühlung prägen, die Korallenriffe während mariner Hitzewellen schützen kann. 

Untersucht wurde ein Korallenriff in der Andamanensee im nordöstlichen Indischen Ozean, das regelmäßig von kühlem Wasser aus tieferen Schichten profitiert. Interne Wellen und eine schwankende Thermokline – die Grenze zwischen warmem Oberflächen- und kühlerem Tiefenwasser – schieben dieses Wasser in flachere Riffzonen. Diese ozeanographischen Prozesse können Hitzestress kurzfristig abschwächen und damit deutlich reduzieren, wie sich marine Hitzewellen auswirken. Die Studie zeigt jedoch, dass diese Schutzwirkung keineswegs konstant ist, sondern stark durch großräumige Klimaschwankungen im tropischen Indopazifik geprägt wird.

Korallenskelette als Archive des Ozeans
Um die Kühlung über lange Zeiträume nachzuvollziehen, hat das internationale Team Temperaturmessungen aus tieferen Wasserschichten mit geochemischen Analysen von Korallenskeletten verglichen. Korallen fungieren dabei als natürliche Umweltarchive, die während ihres Wachstums kontinuierlich Informationen über die Bedingungen des umgebenden Meerwassers speichern.

Anhand von Strontium-zu-Calcium-Verhältnissen (Sr/Ca) im Skelett konnten vergangene Wassertemperaturen im Korallenriff rekonstruiert werden. Ergänzend lieferten Kohlenstoffisotope Hinweise darauf, wie Korallen ihren Stoffwechsel unter Hitzestress anpassten. Zusammen ermöglichen diese Proxydaten einen detaillierten Einblick sowohl in die zeitliche Dynamik der Abkühlungsereignisse als auch in die biologischen Reaktionen der Korallen.

Klimamuster bestimmen die Stärke natürlicher Refugien
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Kühlung im untersuchten Riff maßgeblich von zwei großen Klimaphänomenen beeinflusst wird: der El Niño–Südlichen Oszillation (ENSO) und dem Indischen-Ozean-Dipol (IOD). Diese Klimaphänomene verändern Windmuster und die Tiefe der Thermokline und bestimmen so, wie effizient kühles Wasser aus tieferen Schichten in flache Riffbereiche transportiert wird.

Besonders ausgeprägte Abkühlung trat während des außergewöhnlichen El-Niño-Ereignisses 1997/1998 auf, das mit einem starken positiven Indischen-Ozean-Dipol zusammenfiel. In dieser Phase hob sich die Thermokline ungewöhnlich stark an, so dass interne Wellen verstärkt kühleres Wasser in Richtung Riff transportieren konnten. Obwohl dieses Ereignis eine der schwersten globalen Korallenbleichen auslöste, verringerte die verstärkte Kühlung den Hitzestress am Untersuchungsstandort deutlich.

Korallen passen ihre Ernährungsstrategie an
Die chemischen Signaturen in den Korallenskeletten zeigen auch, wie flexibel Korallen auf Stress reagieren können. Unter normalen Bedingungen beziehen riffbildende Korallen den Großteil ihrer Energie aus der Symbiose mit einzelligen Algen in ihrem Gewebe. Während Bleiche-Ereignissen kann diese Symbiose jedoch gestört werden.

Die Kohlenstoffisotopen-Analysen deuten darauf hin, dass die Korallen während vieler Bleiche-Phasen verstärkt heterotroph wurden, also zusätzliche Nahrungspartikel aus dem umgebenden Wasser aufnahmen. Interessanterweise war dieser Effekt während des Ereignisses von 1998 deutlich schwächer ausgeprägt. Das deutet darauf hin, dass die außergewöhnlich starke natürliche Kühlung den Korallen half, ihre normale Ernährungsweise weitgehend aufrechtzuerhalten.

Bedeutung für den Schutz von Korallenriffen
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Korallenrefugien nicht als dauerhaft geschützte Orte verstanden werden können. Ihre Schutzwirkung hängt vielmehr vom Zustand des großräumigen Klimasystems ab. Da sich ozeanisch-atmosphärische Zirkulationsmuster von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändern, schwankt auch die Wirksamkeit dieser natürlich gekühlten Riffe erheblich.

Ein besseres Verständnis dieser Dynamik ist entscheidend, um vorherzusagen, wo Korallenriffe zukünftige marine Hitzewellen überstehen können. Gleichzeitig liefert die Studie wichtige Grundlagen für den Schutz und das Management von Riffsystemen, die unter zukünftigen Klimabedingungen als potenzielle Refugien dienen könnten.

Ein dynamisches Verständnis von Riffresilienz
Statt dauerhaften Schutz vor dem Klimawandel zu bieten, wirken natürlich gekühlte Riffe als dynamische Systeme, deren Schutzfunktion mit der tropischen Klimavariabilität schwankt. Durch die Verbindung von Korallen-Geochemie mit langjährigen ozeanographischen Beobachtungen zeigt diese Studie, wie Prozesse auf Ozeanbecken-Skala das Schicksal einzelner Korallenriffe prägen.

Weil Hitzewellen im Meer immer häufiger werden, wird es immer wichtiger zu verstehen, wann und wo diese natürlich gekühlten Riffe wirksam helfen – für den Schutz der Korallenwelt in einer wärmer werdenden Welt.

Forschungsrahmen und Zusammenarbeit
Diese Studie entstand im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Schwerpunktprogramms „Tropische Klimavariabilität und Korallenriffe“ (SPP 2299). Unter der Leitung der MARUM-Forschenden Hana Camelia und Thomas Felis wurde die Studie in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Thailand durchgeführt. Dabei wurden Expertisen aus Korallen-Geochemie, Korallenriff-Ökologie, Ozeanographie und Klimaforschung zusammengeführt, um besser zu verstehen, wie Korallenriffe auf ein sich wandelndes Klima reagieren.

MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen


Originalpublikation:

Camelia, H., Felis, T., Hargreaves, J. A., Kölling, M., Scheffers, S., Chavanich, S., Sangmanee, C., & Wall, M. (2026). Tropical climate modes control strength and distribution of thermal stress mitigation in a coral reef refugia. Scientific Reports, 16, 19757. https://doi.org/10.1038/s41598-026-52941-6

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Bremen
news-39233 Tue, 07 Jul 2026 11:04:39 +0200 Warum Europas Bäume sterben https://www.vbio.de/aktuelles/details/warum-europas-baeume-sterben In Europa sterben Bäume zunehmend verfrüht ab. Eine neue Studie über französische Wälder zeigt nun: Nicht nur Trockenheit, sondern auch ungewöhnlich warme oder feuchte Frühlinge erhöhen das Risiko – selbst ideale Wachstumsbedingungen können später zum Verhängnis werden. Die Forstpraxis muss sich an knapper werdendes Wasser anpassen. Trockenresistentere Arten, frühere Entnahme großer Bäume und aufgelockerte Bestände werden wichtiger. Buchen mit braunen Blättern im Sommer, Fichten, die nach Borkenkäferfrass verdorren, umgeknickte Bäume nach einem starken Sturm: In ganz Europa gibt es seit rund zwanzig Jahren Anzeichen, dass immer mehr Bäume verfrüht absterben. In diversen Regionen des Kontinents ist der Waldzustand heute sogar schlechter als in den 1980er-Jahren, als die Luftverschmutzung Bäume mancherorts gravierend schädigte.

Ein internationales Team unter der gemeinsamen Leitung des französischen Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement und der Eidg. Forschungsanstalt WSL hat sich nun die Daten des französischen Forstinventars von 2015 bis 2023 genauer angeschaut. Die Forschenden wollten herausfinden, ob sie darin Muster erkennen können, warum die Bäume absterben – dass sie es tun, zeigten die Daten klar. Dank einer Kombination verschiedener Computermodelle und maschinellem Lernen konnten sie zeigen, dass neben der Baumgröße und Konkurrenzverhältnissen insbesondere Abweichungen vom üblichen saisonalen Klima das Baumsterben in Frankreich auslösten. Dabei stießen sie auf eine Überraschung: Auch ideale Wachstumsbedingungen wie warme, feuchte Frühlinge erhöhen das Risiko, dass Bäume absterben können.

Gute Bedingungen können auch schaden

Insbesondere hochwachsende Bäume wie die Weisstanne starben nach solch eigentlich guten Wachstumsbedingungen vermehrt ab. Die Forschenden vermuten, dass die Bäume in solchen Frühjahren stärker wachsen als üblich. «Das erhöht ihren Wasserbedarf und macht sie anfälliger, sobald es trocken wird. Gleichzeitig verbrauchen sie dadurch bereits früh im Jahr mehr Bodenwasser. Folgt dann ein trockener Sommer, sind die Wasservorräte im Boden schon reduziert und die Bäume geraten schneller unter Trockenstress», sagt Pascal Schneider. Er doktoriert an der WSL und ist Erstautor der in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichten Studie. Zudem könnten feuchte Frühlinge Krankheitserreger wie Pilze begünstigen und die Bäume zusätzlich schwächen. 

Mit ihrem Ensemble-Ansatz trainierten Schneider und sein Team mehrere Modelle mit unterschiedlichen Teilmengen der Waldinventurdaten. So konnten sie gezielt untersuchen, wie saisonale Abweichungen vom üblichen Klima die Baumsterblichkeit beeinflussen. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass es nicht einfach den einen ‹Trockensommer› gibt, der den Bäumen Probleme bereitet. Je nach Baumart kann ein langsam zunehmender Wassermangel stärker ins Gewicht fallen als eine kurze, intensive Dürre - oder umgekehrt», sagt Schneider. Doch nicht nur Trockenheit im Sommer kann Bäumen zusetzen. Auch ungewöhnlich milde Winter können problematisch sein, weil Schädlinge bei höheren Wintertemperaturen besser überleben. Warme Frühjahre können das Risiko weiter erhöhen, weil sie den Austrieb verfrühen und junge Blätter dadurch eher von Spätfrost getroffen werden. Die Bäume sterben also durch ein Zusammenspiel von Abweichungen vom üblichen Klima und nicht nur durch einzelne Extremereignisse.

Weniger Wasser, weniger Bäume

Für die Forstpraxis bedeutet das, dass bei künftigen Pflanzungen trockenresistentere Bäume aus südlichen Regionen stärker in den Fokus rücken sollten – sowohl aus Populationen von bereits genutzten Arten als auch bei der Auswahl neuer Baumarten. Zudem müssen sich Forstleute bewusst sein, dass die Wälder in Zukunft generell weniger Wasser zur Verfügung haben werden im Sommer, so Schneider. Große Bäume, die viel Wasser verbrauchen, müssten also etwas früher aus dem Bestand entfernt werden, damit die verbleibenden Bäume noch genügend Wasser erhalten. Auch käme der Auflockerung des Baumbestands, eine wichtige Rolle zu – insbesondere nach eigentlich guten Wachstumsbedingungen. So könne sichergestellt werden, dass das knappe Gut Wasser für den verbleibenden Bestand ausreicht.

Das französische Forstinventar eignete sich für die Untersuchungen besonders gut. Es umfasst Daten zu 500'000 Bäumen von 52 Arten. In Frankreich kommen fast alle geografischen und klimatologischen Bedingungen vor, die es in Europa gibt – von mediterranem bis zu alpinem Klima. Somit lassen sich die Erkenntnisse aus dieser Studie auch auf andere Regionen in Europa übertragen und das Waldmanagement entsprechend anpassen.

Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL


Originalpublikation:

Schneider, P., Pellissier-Tanon, A., Zhou, C. et al. Rising tree mortality in France is associated with distinct seasonal climate anomalies. Nat Commun (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-74613-9

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft International
news-39232 Tue, 07 Jul 2026 10:41:35 +0200 Polyomaviren: neue Ansatzpunkte für Schutz und Therapie https://www.vbio.de/aktuelles/details/polyomaviren-neue-ansatzpunkte-fuer-schutz-und-therapie Bei Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem kann das JC-Polyomavirus eine bisher nicht behandelbare, meist tödlich verlaufende Gehirnerkrankung auslösen. Nun hat ein internationales Forschungsteam Bindungsstellen für neutralisierende Antikörper auf der Virushülle identifiziert, über die eine Infektion mit JC-Polyomaviren gestoppt werden könnte. Unter der Leitung von Professor Thilo Stehle vom Interfakultären Institut für Biochemie der Universität Tübingen waren außerdem Forscherinnen und Forscher von der Brown University, USA, und dem Universitätsspital Zürich be-teiligt. Die neuen Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen JC-Polyomaviren und dem menschlichen Immunsystem legen den Grundstein für die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht. 

Das JC-Polyomavirus (JCPyV) aus der Familie der Polyomaviren ist weit verbreitet. „Gefährlich wird es erst, wenn das körpereigene Immunsystem stark geschwächt ist, zum Beispiel bei Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion, Patienten, die starke Immunsuppressiva einnehmen, oder Menschen nach Organtransplantationen oder mit bestimmten Krebserkrankungen“, berichtet Thilo Stehle. In diesen Fällen könne das Virus über die Blutbahn in das Zentralnervensystem gelangen und dort die Erkrankung progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML) auslösen. Diese Krankheit zerstört das Gehirn und ist nicht behandelbar. Sie hat meist einen tödlichen Verlauf.

Neutralisierende Antikörper

Für seine Studie machte sich das Forschungsteam zunutze, dass einzelne Patientinnen und Patienten die gefährliche PML-Erkrankung überleben. „Ihr Körper schafft es, die angreifenden JC-Polyomaviren zu neutralisieren, sodass sie nicht länger in die Körperzellen eindringen können und die Infektion gestoppt wird“, sagt Stehle. Die Neutralisierung erreicht das menschliche Immunsystem über die Herstellung von passgenauen Antikörpern. Die heften sich an Bindungsstellen auf der Virenhülle wie ein Verschluss an. „So ist die Bindungsstelle nicht mehr frei, um an eine Körperzelle anzudocken“, erklärt der Forscher. Am Universitätsspital Zürich seien solche speziellen Antikörper gegen die Hülle der JC-Polyomaviren von PML-Patienten isoliert und an der Brown University in den USA auf ihre Bindungseigenschaften untersucht worden. „Die Bindung der interessantesten Antikörper an das Virus haben wir dann über hochauflösende Strukturaufklärung mit atomarer Genauigkeit an der Universität Tübingen durchgeführt“, sagt Stehle.

Doch wehrt sich nicht nur der menschliche Körper gegen die JC-Polyomaviren, sondern entwickeln auch umgekehrt die Viren Strategien, um dem Immunsystem zu entgehen. „In den Bindungsstellen der Viren, die die menschlichen Antikörper zur Abwehr nutzen, treten Mutationen auf, also genetische Veränderungen. Dann können die Antikörper wirkungslos werden“, sagt der Forscher. „Das haben wir uns im Detail angesehen.“ Die Einblicke in Struktur und Wirkmechanismen zwischen den JC-Polyomaviren und dem menschlichen Immunsystem ermöglichten nun die Entwicklung von Antikörpern, die therapeutisch gegen die Infektion eingesetzt werden können, wie auch von Impfstoffen.

„Zugleich bieten sich potenzielle Ansätze für eine Kreuzschutzwirkung gegen das mit dem JC-Polyomavirus verwandte BK-Polyomavirus, welches ebenfalls schwere Krankheiten bei immunge-schwächten Personen auslösen kann“, setzt Stehle hinzu. „Eine potenzielle Impfung könnte Risikopatienten vor Infektionen mit beiden Polyomaviren schützen. Therapeutisch eingesetzte kleine Moleküle, die auf die Bindungsstelle der Antikörper abzielen, könnten potenziell gegen beide Viren wirksam sein.“

Universität Tübingen


Originalpublikation:

Christina Harprecht, Luisa J. Ströh, Bethany A. O’Hara, Jasmin Freytag, Felix Nagel, Sheila A. Ha-ley, York-Dieter Stierhof, Walter J. Atwood, and Thilo Stehle: Structural characterization of human neutralizing antibodies against JC. and BK polyomaviruses. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), https://doi.org/10.1073/pnas.2603048123

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-39231 Tue, 07 Jul 2026 10:31:47 +0200 Wie brachte Hannibal seine Elefanten über die Alpen? https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-brachte-hannibal-seine-elefanten-ueber-die-alpen Die Untersuchung eröffnet einen neuen Blick auf einen der berühmtesten Feldzüge der Geschichte: Hannibals Alpenüberquerung im Jahr 218 v. Chr. mit einer Armee von rund 40.000 Soldaten, 7.000 Pferden und 37 Kriegselefanten. Um die Wahrscheinlichkeit alternativer Routen zu bewerten, nutzte das Forschungsteam einen bioenergetischen Ansatz. Im Fokus stand der Energiebedarf der Reise, insbesondere für die Kriegselefanten. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Hannibal den Col de la Traversette überquerte und nicht den Col du Clapier, der bislang als wahrscheinlichste Route galt. Mithilfe von Routenmodellen und Höhendaten berechnete das Team den Energieaufwand für jede der infrage kommenden Routen. Genutzt wurden bioenergetische Modelle, die mit Daten heutiger afrikanischer Elefanten den Energieverbrauch in Abhängigkeit von Körpermasse und Geländeneigung berechnen.

Den Berechnungen zufolge wäre der Col de la Traversette die kürzeste und auch die energieeffizienteste Route gewesen. Der Energieaufwand für die gesamte Armee hätte bei 5,42 TJ (10^12 Joule) gelegen. Die „zweitplatzierte“ Route führt über den Col de Montgenèvre in die Poebene bei Susa und hätte 6,02 TJ erfordert. Die Route über den Col du Clapier belegte mit 6,28 TJ den dritten Platz, während die Überquerung des Col du Mont Cenis mit 6,45 TJ den höchsten Energieaufwand verursacht hätte.

Im Vergleich zur Traversette-Route hätten die Routen über den Col de Montgenèvre, den Col du Clapier und den Col du Mont Cenis für die Armee jeweils 11 %, 16 % oder 19 % mehr Energie erfordert.

Die Ergebnisse verdeutlichen zudem die enorme körperliche Belastung, die der Marsch durch die Alpen für die Armee bedeutete. Den Modellrechnungen zufolge hätten die Soldaten auf der Traversette-Route rund 19 % ihrer Körperfettreserven verloren, was die hohen Todeszahlen erklären könnte. Für die Kriegselefanten ergaben die Berechnungen hingegen einen Verlust von lediglich etwa 4 % ihrer Energiereserven. Dies könnte der Grund dafür sein, dass viele Elefanten die Alpenüberquerung überlebten.

Die Studie zeigt, wie interdisziplinäre Forschung neue Einblicke in historische Ereignisse liefern kann – durch die Verbindung antiker Quellen mit modernen Analysemethoden.

Co-Autor Dr. Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und der Friedrich-Schiller-Universität Jena sagt: „Die Frage nach Hannibals genauer Route wird seit Generationen diskutiert. Die neue Analyse beseitigt zwar nicht alle Unklarheiten, liefert aber zusätzliche Argumente für die Traversette-Route. Sie zeigt, dass diese Route den Anforderungen eines Marsches einer großen Armee mit Elefanten durch anspruchsvolles Gelände am besten entsprochen hätte.“

Bis heute ist unklar, warum Hannibal während der Punischen Kriege überhaupt Elefanten einsetzte. Möglicherweise sollten sie in den ersten Schlachten gegen die Römer einen taktischen Überraschungseffekt erzielen. Ebenso denkbar ist, dass Hannibal hoffte, mit ihnen die keltischen Stämme Norditaliens zu beeindrucken und sie als Verbündete zu gewinnen.

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv


Originalpublikation:

Berti, E. & Vollrath, F. (2026). Energy costs of Hannibal’s alpine crossing. Proceedings of the National Academy of Sciences. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2612764123

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Wissenschaft Thüringen
news-39230 Tue, 07 Jul 2026 09:58:23 +0200 Wissenschaftsrat: Kritisches Denken lässt sich nicht an eine KI delegieren https://www.vbio.de/aktuelles/details/wissenschaftsrat-kritisches-denken-laesst-sich-nicht-an-eine-ki-delegieren Der Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz eröffnet Hochschulen weitreichende Möglichkeiten, Lehre und Studium weiterzuentwickeln. Der Zugang zu Wissensinhalten kann verbessert werden. Lernunterstützung lässt sich personalisieren. Es sind neue Formen von Feedback, kreative Gestaltung von Lehrmaterialien sowie Fortschritte in Barrierefreiheit und Inklusion möglich. Dem gegenüber stehen grundsätzliche Risiken. Der Wissenschaftsrat fordert Intellektuelle Souveränität als Leitidee für den Umgang mit KI in der Hochschulbildung. So könnte der Einsatz von KI die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Denken beeinträchtigen, zu Kompetenzverlust und Fehlinformiertheit führen sowie den fachlichen und sozialen Austausch einschränken. Für die Hochschulbildung bedeutet die Einführung generativer KI mehr als nur technische und instrumentell-prozedurale Anpassungen, sie berührt den Kern akademischen Denkens und erfordert eine grundsätzliche Positionierung.

In seinen „Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten generativer KI“ plädiert der Wissenschaftsrat (WR) für „Intellektuelle Souveränität“ als Leitidee, die den Hochschulen und allen beteiligten Akteuren Orientierung bieten und für den Umgang mit generativer KI leitend sein soll. Gefordert sind Autonomie, kritische Reflexion und Widerstand gegen Vereinfachung.

„Wir müssen die unabhängige menschliche Urteilsfähigkeit in einer Welt erhalten, die immer mehr algorithmisch durchdrungenen ist. Kritisches Denken lässt sich nicht an eine KI delegieren,“ sagt der Vorsitzende des WR, Wolfgang Wick. „Generative KI in die Hochschulbildung zu integrieren wirft Grundsatzfragen auf und bringt neben technischen fachliche, soziale, ethische und ökologische Herausforderungen. Hierfür sind kluge Ansätze gefragt, wie beispielsweise KI-freie Räume als Bestandteil des Studiums.“

Der WR empfiehlt:

_KI-Kompetenzen bei Lehrenden und Studierenden aufzubauen, Fachwissen zu stärken und KI-freie Räume im Curriculum zu verankern, in denen anspruchsvolles eigenständiges Denken gepflegt und geübt werden kann;

_Prüfungsformate umzugestalten und eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens zu fördern sowie die Motivation, sich mit schwierigen Aufgaben auch ohne KI-Unterstützung auseinanderzusetzen. Die ist wichtiger als kleinteilige Vorgaben zur KI-Nutzung zu entwickeln, die oft ohnehin kaum kontrollierbar sind. Dabei soll auch das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden neu definiert werden;

_Hochschulen als soziale Lernorte wiederzubeleben, indem beispielsweise die persönliche Betreuung intensiviert wird und mehr Möglichkeiten für den sozialen und fachlichen Austausch unter den Studierenden sowie mit dem Lehrpersonal geschaffen werden;

_die Lernwirksamkeit von KI-Anwendungen wissenschaftlich zu prüfen und zu begleiten sowie Förderformate für Begleitforschung zu entwickeln;

_souveräne und leistungsfähige, verbundförmige KI-Infrastrukturen für die Hochschulbildung zu entwickeln, rechtliche Orientierung und Planungssicherheit zu schaffen. Langfristige und verlässliche Konzepte für die Finanzierung und Nutzung von Strukturen – auch hochschul- und länderübergreifend – sind essenziell.

Die notwendige Transformation der Hochschulbildung ist ressourcenintensiv. Sie ist aber nicht optional. Gefordert sind alle Ebenen – von der Hochschulleitung über Lehrende bis zu Studierenden – ebenso wie die Länder und der Bund.

Wissenschaftsrat


Originalpublikation:

Intellektuelle Souveränität: Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten von generativer KI (Drs. 3319-26), Juli 2026, https://doi.org/10.57674/1evx-t906

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Hochschule Bundesweit
news-39227 Mon, 06 Jul 2026 12:37:49 +0200 Größeres Gehirn, kleineres Gesicht: Menschliche Evolution verlief anders als gedacht https://www.vbio.de/aktuelles/details/groesseres-gehirn-kleineres-gesicht-menschliche-evolution-verlief-anders-als-gedacht Eine aktuelle Studie legt nahe, dass zwei der bekanntesten Trends der menschlichen Evolution – das Wachstum des Gehirns sowie die Verkleinerung von Gesicht und Kiefer – möglicherweise weit weniger auf gezielte natürliche Selektion zurückgehen, als Forschende lange angenommen haben. Die Ergebnisse der Studie deuten stattdessen auf einen langsameren und vermutlich stärker eingeschränkten Evolutionsprozess hin, als es die traditionelle Lehrbuchdarstellung nahelegt.  Die Gattung Homo, deren einziger heute lebender Vertreter der moderne Mensch ist, entstand vor etwa 2,5 Millionen Jahren. „Mit wenigen Ausnahmen war die Evolution der verschiedenen Homo-Arten durch eine Zunahme der Gehirngröße sowie eine Abnahme von Größe und Robustheit von Gesicht und Kiefern gekennzeichnet“, erklärt Prof. Dr. Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (SHEP) an der Universität Tübingen. „Gleichzeitig fanden bedeutende Verhaltensänderungen statt: Steinwerkzeuge wurden intensiver genutzt, Nahrung wurde zunehmend vielfältig beschafft und verarbeitet, Populationen breiteten sich über deutlich größere geografische Räume aus, und vermutlich entstanden komplexere soziale Strukturen.“

Seit Jahrzehnten gehen Forschende allgemein davon aus, dass diese Veränderungen das Ergebnis einer anhaltenden, gerichteten natürlichen Selektion waren – dass größere Gehirne begünstigt wurden, weil sie die kognitiven Fähigkeiten verbesserten, während kleinere Gesichter energetische Vorteile boten, da Werkzeuge zunehmend die Arbeit des Kauens übernahmen. 
Professor Mark Hubbe von der University of Tennessee – Knoxville und Harvati untersuchten in ihrer neuen Studie, wie gut die morphologischen Veränderungen innerhalb der Gattung Homo zu verschiedenen Evolutionsmodellen passen – und stellten fest, dass die Daten eine andere Geschichte erzählen.

„Unsere Analysen bestätigen zwar die bekannten evolutionären Trends des Wachstums des Hirnschädels und der Reduktion des Gesichts, zeigen jedoch, dass die Unterschiede innerhalb unserer Gattung deutlich besser durch neutrale evolutionäre Prozesse und lange Phasen evolutionärer Stasis erklärt werden können“, erläutert Hubbe. Anders ausgedrückt: Die allmähliche Vergrößerung des Gehirns und Verkleinerung des Gesichts scheint nicht das Ergebnis eines stetigen, fortschreitenden Weges hin zur modernen menschlichen Form zu sein. Stattdessen spielten zufällige Veränderungen im Erbgut, stabilisierende Selektion sowie biologische und ökologische Einschränkungen vermutlich eine wesentlich größere Rolle als bislang angenommen.

Hubbe und Harvati analysierten die Daten dreidimensionaler Schädelmessungen von 87 Fossilien der Gattung Homo – von frühen Vertretern wie Homo habilis und Homo rudolfensis über Homo erectus und Homo heidelbergensis bis hin zu Neandertalern sowie frühen und heutigen Populationen von Homo sapiens. Der Datensatz umfasst den Großteil der gut erhaltenen Homininenfossilien aus den vergangenen zwei Millionen Jahren und macht die Untersuchung zu einer der umfassendsten Studien zu den evolutionären Veränderungen innerhalb unserer Gattung. „Wir haben diesen außergewöhnlichen Datensatz mithilfe statistischer Analysen mit sechs verschiedenen Evolutionsmodellen verglichen, um zu bewerten, welches Modell die beobachteten Veränderungen der Kopf- und Gesichtsmorphologie innerhalb der Gattung Homo am wahrscheinlichsten erklärt“, so Harvati. Zu den Modellen gehörten der bekannte Evolutionsprozess durch natürliche Selektion sowie andere gut erforschte Mechanismen, die in der Natur vorkommen – darunter neutrale Evolution, längere Phasen kaum wahrnehmbarer Veränderung und das „Modell des punktuierten Gleichgewichts“, also die Annahme, dass Arten über lange Zeiträume relativ stabil bleiben, bevor es in vergleichsweise kurzen Phasen zu schnellen evolutionären Veränderungen kommt.

Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass in der Entwicklung der Homo-Linie eine Mischung aus neutraler und begrenzter Evolution eine Rolle spielte. Dadurch ergeben sich Möglichkeiten, wichtige Zeitabschnitte genauer zu untersuchen, in denen sich die Bedingungen offenbar verändert haben.

Größere Phasen der Gehirnvergrößerung – etwa bei Homo heidelbergensis sowie später bei Homo sapiens und Neandertalern – fallen wahrscheinlich in Zeiten, in denen diese evolutionären Einschränkungen vorübergehend weniger stark waren. Die Forschenden verweisen dabei auf eine Kombination möglicher Faktoren, darunter Entwicklungsbiologie, metabolische und energetische Bedingungen sowie – besonders wichtig – kulturelle Innovation. „Kultur wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Puffer: Sie ermöglicht es uns, neue Lebensräume zu nutzen und mehr Ressourcen zu erschließen. Dadurch wird der Druck auf bestimmte Körperstrukturen geringer, weil sie weniger stark an Umweltbedingungen angepasst sein müssen“, erklärt Hubbe und fährt fort: „Auf diese Weise können Phasen verstärkter technologischer und kultureller Innovation schnelle evolutionäre Veränderungen auslösen. Solche Veränderungen waren für die Evolution der Gattung Homo eindeutig von großer Bedeutung, da sie unseren Vorfahren ermöglichten, die ernährungsphysiologischen Anforderungen größerer Gehirne zu bewältigen und die Vorteile höherer kognitiver Fähigkeiten voll auszuschöpfen.“

Ähnliche Mechanismen könnten auch evolutionäre Veränderungen erklären, die moderne Menschen von früheren Homo-Arten unterscheiden, so das Forschungsteam. So scheint die Gesichtsmorphologie der Neandertaler über lange Zeiträume hinweg stärker eingeschränkt geblieben zu sein, während das Gesicht moderner Menschen deutlich kleiner ist als das anderer genetischer Linien. „Möglicherweise standen auch diese späteren Veränderungen mit besonders tiefgreifenden Verhaltensänderungen im Zusammenhang, die mit dem Auftreten unserer Art einhergingen“, ergänzt Harvati. 

Die Studie liefert keinen Beleg dafür, dass natürliche Selektion für die menschliche Evolution unbedeutend gewesen sei – sie verschiebt jedoch den Fokus darauf, welche Fragen besonders produktiv sein könnten. „Unsere Ergebnisse verlagern den Schwerpunkt“, resümiert Harvati. „Statt zu fragen, warum sich Menschen kontinuierlich in Richtung größerer Gehirne und kleinerer Gesichter entwickelt haben, wäre es sinnvoller zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich menschliche Populationen von bestehenden Einschränkungen lösen und neue Merkmale entwickeln konnten. Dieser Ansatz könnte besonders geeignet sein, um die Evolution unserer Gattung besser zu verstehen.“

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


Originalpublikation:

Hubbe, M., Harvati, K. Evolutionary drivers of encephalization and facial reduction in the genus Homo. Nat Commun17, 5625 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-74739-w

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-39226 Mon, 06 Jul 2026 11:16:31 +0200 Wie die Freiheit der Wissenschaften bedroht wird – und wie ihre Resilienz aktiv gestärkt werden kann https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-die-freiheit-der-wissenschaften-bedroht-wird-und-wie-ihre-resilienz-aktiv-gestaerkt-werden-kann Die DFG-Senats-AG beschreibt in ihrem aktuellen Positionspapier Gefährdungsszenarien und formuliert Handlungsoptionen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das Wissenschaftssystem sowie weitere Akteure.  Die Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft muss auch in Deutschland gegen zunehmende Anfeindungen und Angriffe verteidigt werden. Dabei kommt dem Wissenschaftssystem selbst und allen darin Beteiligten eine zentrale Rolle zu. Gerade sie können und sollten sich aktiv für die Resilienz von Wissenschaft einsetzen – in Kenntnis ihrer eigenen Verwundbarkeiten, in entschiedener Nutzung ihrer gegebenen Handlungsmöglichkeiten und auch im Schulterschluss mit anderen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Dies sind die zentralen Thesen eines Positionspapiers, das jetzt von einer Ad-hoc-Arbeitsgruppe des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vorgelegt worden ist. Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse und Entwicklungen in zahlreichen Staaten und auch in Deutschland werden darin Gefährdungsszenarien für die Wissenschaftsfreiheit und Optionen für ihren Schutz und ihre Stärkung beschrieben.

Das Papier ist die zweite Veröffentlichung der aus Mitgliedern des DFG-Senats und -Präsidiums bestehenden Arbeitsgruppe unter der Leitung der Vizepräsident*innen Professorin Dr. Britta Siegmund und Professor Dr. Johannes Grave. Sie war im vergangenen Jahr eingesetzt worden, um auf verschiedenen Feldern Vorschläge zur Resilienz der Wissenschaft und des Wissenschaftssystems zu erarbeiten. In ihrer ersten Stellungnahme hatte sie im März „Empfehlungen zur Resilienz von Forschungsdateninfrastrukturen“ formuliert.

Das jetzige „Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften“ wurde in den vergangenen Monaten von der AG und im Austausch mit in- und ausländischen Expert*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitet. Zuletzt war es Ende Juni auch auf der DFG-Jahresversammlung in den Gremien der größten Forschungsförderorganisation und zentralen Einrichtung für die Selbstverwaltung der Wissenschaft in Deutschland vorgestellt und diskutiert worden.

Vielfältige Gefährdung

In prägnanter Form beschreibt das Papier zunächst, auf welche Weise, von welchen Akteuren und mit welchen Absichten die Wissenschaftsfreiheit zunehmend unter Druck gesetzt wird. Angriffe auf einzelne Wissenschaftler*innen und deren Positionen sind hier ebenso denkbar oder bereits vielfach Realität wie solche auf bestimmte Wissenschaftsfelder und -institutionen. Andere Versuche wollen die Wissenschaften verächtlich machen oder ihnen bösartige Absichten unterstellen.

Noch darüber hinaus gehen Angriffe, die auf die Schwächung der öffentlichen Förderung von Wissenschaft abzielen, die Kontrolle über ein Wissenschaftssystem erlangen wollen oder im Zuge geopolitischer Krisen und Kriege nationale Wissenschaftssysteme in Gänze bedrohen.

Das Papier verweist hierbei jeweils auf Beispiele, etwa aus den USA und Ungarn sowie den Krieg in der Ukraine, nennt aber auch solche aus Deutschland wie die Anfeindungen von Virolog*innen während der Coronavirus-Pandemie oder das „Regierungsprogramm“ der AfD für die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.

Schwachstellen und Schutz

Begünstigt werden solche Angriffe dabei mitunter von potenziellen oder bereits realen Schwachstellen der Wissenschaft und des Wissenschaftssystems, befinden die Autor*innen im zweiten Teil des Papiers. So böten sich Gegner*innen zusätzliche Angriffspunkte, wenn etwa der Eindruck entstehe, die Wissenschaften selbst schränkten durch Selbstzensur oder Cancel-Culture die Wissenschaftsfreiheit ein. Auch der Eindruck mangelnder Qualitäts- und Selbstkontrolle mache die Wissenschaft verwundbar, ebenso der von Wissenschaft als selbstbezüglicher Elite oder als Wagenburg. Zur Selbstschwächung trügen ebenfalls Gutgläubigkeit und falsche Rationalitätserwartungen der Wissenschaft gegenüber ihren Gegner*innen bei, ebenso mangelnde interne Solidarität oder die irreführende Vorstellung, Wissenschaft sei apolitisch und könne sich schon deswegen nicht zur Wehr setzen.

Überdies benennt das Papier konkrete Schwachstellen des deutschen Wissenschaftssystems, so unter anderem individuelle Risiken, die durch Abhängigkeiten und unangemessen kurze Beschäftigungsverhältnisse entstehen können.

Trotz der vielfältigen Bedrohungen machen die Autor*innen im dritten Teil des Papiers eine Reihe von schützenden Faktoren aus. An erster Stelle sehen sie hier die im Grundgesetz als Grundrecht verankerte Freiheit von Forschung und Lehre. Wissenschaft in Deutschland sei zudem mit anderen Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft eng verbunden und genieße auch in ihrer Bedeutung für die ökonomische und soziale Entwicklung hohes Vertrauen. Gegner der Wissenschaftsfreiheit müssten daher auch mit Widerstand von außerhalb der Wissenschaft rechnen.

Wo gehandelt werden kann – und sollte

Daran anknüpfend skizziert das Positionspapier zunächst eine Reihe von Handlungsoptionen zur präventiven Stärkung von Resilienz. Eine enge und vertrauensvolle Vernetzung unter den Akteuren der Wissenschaften und des Wissenschaftssystems selbst gehört genauso hierzu wie die Bildung von Allianzen mit der Wirtschaft und Akteuren der Zivilgesellschaft. Zur besseren Vorkehr solle auch die Forschung zu Programmen und Strategien der Gegner*innen der Wissenschaftsfreiheit sowie allgemein zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ausgebaut werden.

Darüber hinaus müssten die hohen Standards der wissenschaftlichen Selbstverwaltung und Selbstkontrolle kontinuierlich geschärft und gesichert werden. Vonnöten sei ferner eine kritische Selbstreflexion der Wissenschaft, die nicht zuletzt die Unterschiede zu anderen Erkenntnisformen sowie zwischen wissenschaftlichen Positionen und allgemeinen Meinungen markiere, und eine authentische Wissenschaftskommunikation, die statt reiner Erfolgsmeldungen auch die Vorläufigkeit des Wissens sowie Erkenntnislücken und Fehlschläge thematisiere. Auf institutioneller Ebene plädieren die Autor*innen dafür, Verfahren, Satzungen und Entscheidungswege noch stärker gegen Missbrauch zu schützen, und nennen hier die Einstimmigkeitsregelungen als Beispiel. Auch in Sachen Forschungssicherheit und Forschungsinfrastrukturen sei präventiv zu handeln.

So wie das gesamte Papier richten sich auch diese Handlungsoptionen zunächst an das Wissenschaftssystem selbst und die darin Beteiligten. Die Autor*innen weisen jedoch jeweils auf mögliche weitere Akteure hin, mit denen gemeinsam sich die Freiheit der Wissenschaft schützen und ihre Resilienz stärken ließe. Dazu gehörten auch die Politik mit den für Wissenschaft zuständigen Ministerien im Bund und in den Ländern und die einschlägigen Bund-Länder-Gremien. Diese seien besonders dort gefragt, wo es um den Abbau individueller Unsicherheiten und Risiken für Wissenschaftler*innen und um den Schutz vor politischer Einwirkung mittels finanzieller Eingriffe gehe.

Im Falle konkreter Angriffe sollten die Wissenschaften und ihre Akteure nach Ansicht der Arbeitsgruppe gegebenenfalls auch Formen des öffentlichen Protests ergreifen. Darüber hinaus seien praktische Solidarität und Unterstützung gefragt, sowohl auf individueller Ebene als auch institutionell, etwa in Form einer „kollektiven Beistandspflicht“. Die grundgesetzliche Verankerung der Wissenschaftsfreiheit mache schließlich auch juristische Gegenwehr zu einer möglichen wirksamen Antwort.

DFG


Das „Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften“ in vollem Wortlaut: https://zenodo.org/records/20830205

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