VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Thu, 07 May 2026 13:02:02 +0200 Thu, 07 May 2026 13:02:02 +0200 TYPO3 news-38541 Thu, 07 May 2026 12:53:31 +0200 Geballtes Wissen zum Klimawandel – neuer Atlas der Klimaextreme https://www.vbio.de/aktuelles/details/geballtes-wissen-zum-klimawandel-neuer-atlas-der-klimaextreme Ein neuer Atlas macht Klimaextreme in Deutschland sichtbar: Das Alfred-Wegener-Institut im Helmholtz-Verbund REKLIM veranschaulicht Extreme auf Basis von Daten des Deutschen Wetterdienstes. Der Atlas zeigt anschaulich, wie sich der Klimawandel entwickelt und welche Veränderungen bereits spürbar sind.  agespolitik und Krisen binden viel Aufmerksamkeit – doch der Klimawandel bleibt eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Extremwetter, Dürren, Waldbrände, schmelzende Eisschilde und Gletscher, tauende Permafrostböden und steigender Meeresspiegel: Die Folgen des Klimawandels sind längst sichtbar und bedrohen zunehmend auch unseren Lebensraum als Menschen. Im Jahr 2025 erreichten die weltweiten CO2-Emissionen, als eine der Hauptursachen des Klimawandels, einen neuen Höchstwert. Eine Umkehr dieses Trends ist trotz internationaler Bemühungen bislang nicht absehbar. 

Aber was bedeutet das für Deutschland? Und wie lässt sich die Entwicklung des Klimas hierzulande verlässlich einordnen? Orientierung bietet der neue „Atlas der Klimaextreme“ des Helmholtz-Forschungsverbunds Regionale Klimaänderungen und Mensch (REKLIM) mit Sitz am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Auf Basis der seit dem Jahr 1881 erhobenen und frei zugänglichen Daten des Deutschen Wetterdienstes zeichnet der Atlas die Entwicklung des Klimas in Deutschland systematisch nach. Die Autor:innen haben die stationsbasierten, öffentlich zugänglichen Messdaten umfassend ausgewertet und in Karten, Grafiken und Analysen detailliert aufbereitet. So werden Klimaveränderungen über lange Zeiträume hinweg für Gesamtdeutschland und die Bundesländer sichtbar und als Grundlage für konkrete Entscheidungen vor Ort nutzbar.

Dr. Monica Ionita, Meteorologin, AWI-Klimawissenschaftlerin und Erstautorin, beschreibt die Intention den Atlas zu erstellen: „Wetter und Klima in Deutschland haben sich in den letzten 50 Jahren deutlich verändert – und diese Veränderungen verlaufen nicht einheitlich. Sie variieren von Region zu Region, und um sie zu verstehen, muss man über nationale Durchschnittswerte hinausblicken und die lokale und regionale Ebene betrachten. Dieser Atlas wurde mit diesem Ziel entwickelt.“

Durch die Darstellung von Klimadaten auf Ebene der einzelnen Bundesländer vermittelt der Atlas ein klareres Bild davon, wie sich die Bedingungen im ganzen Land verändert haben – von Temperaturtrends und Niederschlagsmustern bis hin zur Häufigkeit extremer Wetterereignisse. Jedes Bundesland erzählt seine eigene Geschichte, geprägt von Geografie, Landnutzung und lokaler Klimadynamik. Im Saarland ist beispielsweise die Jahresmitteltemperatur im Zeitraum 1881–2024 gegenüber der Referenzperiode 1971–2000 von allen Bundesländern am stärksten gestiegen, um 2,1 °C, gefolgt von den Bundesländern Bayern und Rheinland-Pfalz mit 2,0 °C. 

Für Monica Ionita und ihre Mit-Autor:innen ist klar: „Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel sollten für alle zugänglich sein, nicht nur für Fachleute. Die Übersetzung komplexer Daten in verständliche, regional spezifische Informationen ermöglicht es politischen Entscheidungsträgern, Planern und der breiten Öffentlichkeit gleichermaßen, die Situation in ihrem Teil des Landes besser zu verstehen und darauf basierend fundierte Entscheidungen zu treffen. Dieser Atlas ist ein Beitrag zu diesem Vorhaben – ein Nachschlagewerk für alle, die den aktuellen Zustand unseres Klimas verstehen möchten, datenbasiert und verständlich präsentiert.“ Monica Ionita ist zudem eine der Leitautorinnen des neuen IPCC-Berichts, der 2028 erscheinen wird und den aktuellen globalen Stand der Forschung zum Klimawandel zusammenfasst. 

Henrike Müller, Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft des Landes Bremen: „Die Autor:innen haben die Daten verständlich aufbereitet – mit Karten, Grafiken und klaren Analysen. So wird sichtbar, wie sich das Klima über viele Jahre hinweg in Deutschland und den Bundesländern verändert hat. Die Fakten sind eindeutig und lassen sich nicht schönreden. Eine wichtige Grundlage für Entscheidungen vor Ort. Ein wirklich gelungener Atlas der Klimaextreme. 
Was man nicht außer Acht lassen sollte: Obwohl Klima natürlich ein globales Thema ist, können wir vor Ort viel tun. Mehr Bäume, mehr Grünflächen und bessere Regenwasserspeicherung helfen, unsere Städte lebenswerter zu machen und die Folgen abzumildern – ganz konkret hier vor der eigenen Haustür.“ 

Dr. Hajo Eicken, der als wissenschaftlicher Direktor das AWI seit dem 20. März 2026 leitet, betont: „Für mich ist dieser Atlas ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Wissenschaft in die Gesellschaft wirkt. Er zeigt, wie sich das Klima in Deutschland entwickelt und ergänzt damit die aktuellen Zahlen des europäischen Copernicus-Programms auf nationaler und regionaler Ebene. Der Klimaatlas kann so zu Entscheidungen in der Klimaanpassung auf regionaler Ebene beitragen. Der Atlas liefert auch wichtige Eckdaten, um Klimaveränderungen in einem beherrschbaren Rahmen zu halten, wie es im UN-Klimaabkommen von Paris vereinbart wurde.“ 

Dr. Klaus Grosfeld, Leiter des Forschungsverbundes REKLIM, fügt hinzu: „Für uns ist der Atlas ein Werkzeug, um Wissen in die Gesellschaft zu bringen und Veränderungen sichtbar zu machen. Mir ist wichtig, dass nachvollziehbar wird: Wer die Entwicklungen vor Ort erkennt, entwickelt auch ein Bewusstsein für Verantwortung – und die Bereitschaft zu handeln.“

Der ‚Atlas der Klimaextreme‘ kann beim Helmholtz-Forschungsverbund REKLIM kostenlos bestellt werden und ist zudem auch als interaktives PDF abrufbar. Karten und Grafiken stehen außerdem online unter www.reklim.de/atlas-klimaextreme zur Verfügung.

Alfred-Wegener-Institut


https://www.reklim.de/wissenstransfer/informationsprodukte/atlas-der-klimaextrem... Atlas der Klimaextreme

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Politik & Gesellschaft Bremen
news-38540 Thu, 07 May 2026 12:34:37 +0200 Wie die Evolution die Gesichtsformen bei Vögeln und Säugetieren formt https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-die-evolution-die-gesichtsformen-bei-voegeln-und-saeugetieren-formt Gleiche Gene, unterschiedliche Ergebnisse: Vögel und Säugetiere nutzen dieselben Gene, um ihr Gesicht zu bilden, setzen diese aber räumlich und zeitlich unterschiedlich ein. Das undifferenzierte Gesichtsmesenchym erweist sich als wesentliche zelluläre Quelle für Variation in der Gesichtsform. Viele regulatorische Regionen, die während der Gewichtsentwicklung von Maus und Huhn aktiv sind, überschneiden sich mit Genomregionen, die beim Menschen ebenfalls mit Variationen in der Gesichtsform assoziiert werden.  Die Form von Schnäbeln und Schnauzen existieren in einer außergewöhnlichen Vielfalt, und spiegeln dabei je die Anpassung an unterschiedliche Lebensweisen und Umweltbedingungen wider. Hinter dieser Vielfalt steht jedoch ein Paradoxon: Vögel und Säugetiere nutzen dieselben konservierten Entwicklungsprogramme um ihr Gesicht zu formen. Wie also generiert die Evolution so deutliche Unterschiede, ohne die zugrunde liegenden Mechanismen neu zu erfinden?

Eine neue Studie unter der Leitung von Dr. Markéta Kaucká am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, in Zusammenarbeit mit Dr. Axel Visel und Dr. Laura Cook vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien, USA, zeigt, dass Veränderungen in der Genregulation die bemerkenswerte Vielfalt von Gesichtern bei Vögeln und Säugetieren hervorbringen.

Ein konservierter Bauplan für die Gesichtsbildung

Während der Embryonalentwicklung wird das Wachstum des Gesichts von Signalzentren gesteuert, die als Entwicklungsorganisatoren bekannt sind. Diese Zellgruppen agieren als lokale Kontrollzentren und geben Signale ab, die benachbarten Zellen mitteilen, wo sie wachsen sollen und was aus ihnen werden soll. Im Gesicht befindet sich ein solcher Organisator im Ektoderm, von wo aus dieser Signale in Form von Molekülen freisetzt, die als Morphogene bekannt sind.  Bemerkenswerterweise kommen viele dieser Morphogene sowohl bei Vögeln als auch bei Säugetieren vor. Dies wirft die grundlegende Frage auf: Wenn die Signale selbst konserviert sind, woher stammt dann die Vielfalt?

Die Evolution ändert nicht die Werkzeuge, sondern wo und wann sie genutzt werden

Die WissenschaftlerInnen zeigen, dass die Vielfalt an Gesichtsformen primär durch Veränderungen in nicht-kodierenden DNA-Sequenzen entsteht, welche, ähnlich wie Schalter, steuern, wann und wo bestimmte Gene exprimiert werden.

„Während der Embryonalentwicklung werden viele Gene wiederholt in verschiedenen Geweben als auch Entwicklungsstadien genutzt“, sagt Dr. Markéta Kaucká. „Wenn man das Gen selbst verändert, besteht die Gefahr, viele Prozesse und Körperteile gleichzeitig zu beschädigen. Wenn hingegen die regulatorischen Elemente, die steuern, wo und wann ein Gen genutzt wird, modifiziert werden, so kann die Evolution gezielt einzelne Merkmale, wie das Gesicht, umformen, ohne den gesamten Organismus zu beeinträchtigen.“

Die Evolution von cis-regulatorischen Elementen verändert die Aktivitätsmuster konservierter Gene in sich entwickelnden Embryonen und erzeugt so artspezifische Signalkarten. Die Forschenden entdeckten jedoch eine weitere, unerwartete Ebene evolutionärer Veränderung. Die deutlichsten Unterschiede in der Genregulation zwischen Maus und Huhn bestand nicht in den Signalzentren selbst, sondern in den Mesenchymzellen, welche sich in Folge von Signalen aus den Signalzentren teilen, an die richtige Stelle bewegen und schließlich ihre endgültige Funktion übernehmen.

„Diese Zellen führen beispielsweise später zu der Bildung von Knorpel und Knochen, die wiederrum als zentrale Elemente des Schädels agieren und maßgeblich für die Form des Gesichts verantwortlich sind. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Vielfalt an Gesichtern nicht nur davon abhängt, wie Signale erzeugt werden, sondern auch davon, wie sie von anderen Zellen wahrgenommen werden“, sagt Stella Kyomen, Doktorandin und Erstautorin der Studie.

Verbindung zur Variation menschlicher Gesichtsformen

Die WissenschaftlerInnen fragten sich ebenfalls, inwieweit die regulatorischen Regionen, welche die Gesichtsbildung zwischen verschiedenen Arten steuern, auch bei der Variation menschlicher Gesichter eine Rolle spielen. Hierzu verglichen sie ihre Daten mit großen genetischen Studien am Menschen, die bestimmte Regionen des Genoms mit Unterschieden in der Gesichtsform in Verbindung bringen. Dabei fokussierten sie sich auf DNA-Abschnitte, die als regulatorische Schalter fungieren und steuern, wann und wo bestimmte Gene während der Entwicklung aktiv sind.

Auffällig war, dass sich viele regulatorische Elemente, die im sich entwickelnden Gesicht aktiv sind, mit Genomregionen überschnitten, die mit menschlichen Gesichtsmerkmalen assoziiert sind.

„Das deutet darauf hin, dass dieselben regulatorischen Mechanismen, die die Evolution nutzt, um Vielfalt zwischen Arten hervorzubringen, auch zur Variation innerhalb unserer eigenen Art beitragen“, sagt Stella Kyomen.

Der Kollaborationspartner Dr. Axel Visel ergänzt: „Das sind faszinierende Daten, da sie zeigen, dass Gene zwar den Bauplan liefern, es aber die regulatorische Landschaft ist, welche bestimmt, wie diese Information genutzt werden. Durch die Integration artspezifischer epigenetischer Daten können wir nun die umfassenderen konservierten Mechanismen identifizieren, die die Gesichtsvielfalt bei Wirbeltieren prägen.“

Eine neue Ressource für die Erforschung der Evolution des Gesichts

Diese Studie stellt einen umfassenden Datensatz zur Verfügung, welcher die Genexpression und die regulatorische Aktivität in sich entwickelnden Gesichtsgeweben beschreibt und nun offen zugänglich ist. Die Daten sind außerdem über eine interaktive Online-Datenbank verfügbar und bieten damit eine benutzerfreundliche Ressource für Forschende, die die kraniofaziale Entwicklung und Evolution bei Vögeln und Säugetieren untersuchen. „Die Erstellung einzelzellbasierter epigenetischer Daten, insbesondere aus Gesichtsgeweben des Huhns, wird eine wichtige Ressource für die Erforschung kraniofazialer Evolution sein“, sagt die Kollaboratorin Dr. Laura Cook.

Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie


Originalpublikation:

Kyomen, S., Seton, L.W.G., Cook, L.E., Escamilla-Vega, E., Murillo-Rincón, A.P., Jacobsen, A., Damatac II, A., Fortmann-Grote, C., Fuss, J., Visel, A., Kaucká, M. (2026). Cis-regulatory evo-lution shapes facial diversity in birds and mammals. Science Advances. DOI: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec2511

Auf die interaktive Datenbank kann über folgenden Link zugegriffen werden: https://www.evolbio.mpg.de/kyomen-cis-regulatory-evolution

]]>
Wissenschaft Schleswig-Holstein
news-38539 Thu, 07 May 2026 10:48:02 +0200 Genetisches Bonusmaterial macht Darmbakterium Segatella copri sauerstofftolerant https://www.vbio.de/aktuelles/details/genetisches-bonusmaterial-macht-darmbakterium-segatella-copri-sauerstofftolerant Das Bakterium Segatella copri ist einer der häufigsten Bewohner des menschlichen Darms. Forschende haben in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass es Stämme dieser Bakterienart gibt, die genetisches Bonusmaterial besitzen, das sie sauerstofftoleranter macht. Dafür ist unter anderem das Vorhandensein des molekularen Regulators OxyR entscheidend. Mithilfe umfangreicher Datenanalysen fanden sie heraus, dass Stämme von Segatella copri mit OxyR insbesondere in industrialisierten Regionen der Welt vorkommen. Die Forschenden des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) vermuten, dass das Vorhandensein von OxyR hier einen Selektionsvorteil für das Bakterium bietet. Störungen des Darmmikrobioms, etwa durch Antibiotika, können zu zeitweise erhöhten Sauerstoffvorkommen im Darm führen. Wie sich die Besiedlung des Darms mit unterschiedlichen Stämmen von Segatella copri gesundheitlich auswirkt, wollen die Wissenschaftler:innen in weiterführenden Untersuchungen herausfinden.

Milliarden von Mikroorganismen – vor allem Bakterien, Viren und Pilze – besiedeln unseren Darm. Diese komplexe Lebensgemeinschaft wird als Mikrobiom bezeichnet. Ist das Mikrobiom vielfältig und im Gleichgewicht, wirkt sich das positiv auf unsere Gesundheit aus: Die Verdauung läuft rund und Krankheitserreger können uns nicht so leicht etwas anhaben. Mikrobiom ist jedoch nicht gleich Mikrobiom, es unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Doch es gibt Muster. Aus Studien ist bekannt, dass in Regionen der Welt wie etwa in Afrika oder Asien, in denen ein noch eher ursprünglicher Lebensstil vorherrscht, Bakterien der Gattung Segatella das Darmmikrobiom der Menschen dominieren. „In industrialisierten Ländern sind zwar ebenfalls Vertreter der Gattung Segatella im Darm vorhanden, doch dominiert wird das Mikrobiom von Bakterien der Gattung Bacteroides“, sagt Prof. Till Strowig, Leiter der Abteilung „Mikrobielle Immunregulation“ am HZI und Letztautor der Studie. „Der Antwort auf die Frage nach dem Warum wollten wir uns mit der vorliegenden Studie ein Stück weit nähern.“

In ihrem ersten Experiment untersuchten die Forschenden die Sauerstofftoleranz des weltweit wahrscheinlich am häufigsten vorkommenden Darmbakteriums Segatella copri. Ob in ihrem Lebensraum Sauerstoff vorhanden ist oder nicht, ist für Bakterien entscheidend. Es gibt Bakterien, die – wie wir Menschen auch – für ihren Stoffwechsel Sauerstoff benötigen. Andere wiederum benötigen Sauerstoff nicht zwingend oder gar nicht, tolerieren ihn jedoch in geringen Mengen. Für einige Bakterien kann Sauerstoff auch toxisch sein. „Bei guter Darmgesundheit ist im Darm in der Regel kaum und an den meisten Stellen gar kein Sauerstoff vorhanden. Für Bakterien, die nicht oder nicht so gut mit Sauerstoff umgehen können, ist das also ein optimaler Lebensraum“, sagt Dr. Youssef El Mouali, Wissenschaftler im Team von Till Strowig und einer der beiden Erstautor:innen der Studie. Für ihre Untersuchungen nutzten die Forschenden verschiedene Bakterienstämme der Art Segatella copri sowie den bakteriellen Modellorganismus Bacteroides thetaiotaomicron zum Vergleich. „Über einen Zeitraum von 30 Minuten setzten wir die Bakterien einer definierten Sauerstoffkonzentration aus“, erklärt Dr. Caroline Tawk, Wissenschaftlerin im Team von Till Strowig und ebenfalls Erstautorin der Studie. „Dass Bacteroides-Vertreter das Vorhandensein von Sauerstoff gut tolerieren können, ist bekannt. Im Vergleich war die Überlebensrate von Segatella copri um das 100.000-Fache geringer.“

Doch auch wenn die Sauerstofftoleranz von Segatella copri nur gering war, müssen die Bakterien eine Strategie besitzen, die ihnen dabei hilft, unter Einwirkung von Sauerstoff zu überleben, folgerten die Forschenden. Doch welche? Um das herauszufinden, setzten sie in nachfolgenden Untersuchungen Segatella copri über wenige Minuten Sauerstoff aus und führten anschließend eine sogenannte Transkriptomanalyse durch. Damit lässt sich herausfinden, welche Gene zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiv sind. „So haben wir bei Segatella copri den bekannten Transkriptionsregulator PerR aufgespürt, der ein genetisches Netzwerk kontrolliert, das wiederum für die bakterielle Sauerstoffantwort entscheidend ist“, sagt Youssef El Mouali. „Im Mausmodell konnten wir darüber hinaus zeigen, dass Segatella copri ohne das Vorhandensein von PerR den Darm nicht besiedeln kann. Für eine erfolgreiche Darmbesiedlung ist PeR für dieses Bakterium also entscheidend.“

Um zu prüfen, ob Segatella copri möglicherweise noch weitere Regulationsmechanismen besitzt, um Sauerstoffstress zu überstehen, durchforsteten die Forschenden Datenbanken und nahmen mehrere hundert Genome verschiedener Stämme von Segatella copri unter die Lupe. Ein Genom ist die Gesamtheit der Gene eines Organismus. Dabei suchten sie gezielt nach genetischen Spuren des Transkriptionsregulators OxyR, der die Sauerstoffantwort unter anderem bei Bakterien der Gattung Bacteroides reguliert. Und tatsächlich fanden sie einige Stämme von Segatella copri, die OxyR besaßen. Die Stämme, die die Forschenden für das Experiment zur Untersuchung der Sauerstofftoleranz verwendet hatten, besaßen dagegen kein OxyR. Die Forschenden wiederholten daher das Experiment gezielt mit Stämmen mit OxyR, um zu prüfen, ob diese besser mit Sauerstoff umgehen können. Und tatsächlich: Die Stämme von Segatella copri mit OxyR zeigten eine hundert- bis tausendfach höhere Sauerstofftoleranz als Stämme ohne OxyR. Doch wie kommt es, dass manche Stämme OxyR besitzen und andere nicht? „Unsere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass wahrscheinlich vor mehreren tausend Jahren ein sogenannter horizontaler Gentransfer stattgefunden hat. Dabei tauschen Bakterien – mitunter auch unterschiedlicher Arten – Gene miteinander aus“, erklärt Till Strowig. 

In weiterführenden Untersuchungen gingen die Forschenden gemeinsam mit Kollegen der Universität Trient in Italien der Frage nach, wo auf der Welt im Mikrobiom der Menschen Stämme des Darmbakteriums Segatella copri mit bzw. ohne OxyR vorkommen. Dafür führten sie umfangreiche Genomdatenanalysen durch und fanden heraus, dass Stämme von Segatella copri mit OxyR vor allem in industrialisierten Ländern vorkommen, in afrikanischen und den meisten asiatischen Ländern hingegen deutlich seltener. Doch warum ist das so? „Wir vermuten, dass Bakterienstämme von Segatella copri mit OxyR in stark industrialisierten Ländern einen Selektionsvorteil haben“, sagt Till Strowig. „Zum einen, weil es hier häufiger zu Störungen des Gleichgewichts im Darm kommt, etwa durch die Einnahme von Antibiotika, wodurch es zeitweise zu einer erhöhten Sauerstoffverfügbarkeit im Darm kommen kann. Zum anderen könnte auch die Übertragung von Mensch zu Mensch durch höhere Hygienestandards herausfordernd sein. Eine bessere Sauerstofftoleranz, um bis zur Übertragung zum nächsten Wirt längere Aufenthalte an der frischen Luft zu überstehen, könnte für das ausschließlich darmbewohnende Bakterium Segatella copri durchaus hilfreich sein.“ 

Mit ihrer Studie konnten die Forschenden eindrücklich zeigen, dass Darmbakterien derselben Art auf Stammebene entscheidende genetische Unterschiede aufweisen können, die zu gänzlich anderen Eigenschaften sowie Anpassungsfähigkeiten bei sich verändernden Umweltbedingungen führen. In zukünftigen Forschungsprojekten will das Team um Till Strowig untersuchen, wie sich die Darmbesiedlung mit Segatella copri je nach Stamm – mit oder ohne das genetische Bonusmaterial von OxyR – auf die menschliche Gesundheit auswirkt.

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)


Originalpublikation:

El Mouali, Y., Tawk, C., Huang, K.D., Sivapornnukul, P., Mengoni, C., Segata, N., Strowig T. Biogeography-associated emergence of enhanced oxygen tolerance in the abundant human gut commensal Segatella copri. Cell Host & Microbe 34, 1–15 (2026). DOI: 10.1016/j.chom.2026.04.006, https://www.cell.com/cell-host-microbe/fulltext/S1931-3128(26)00162-9

]]>
Wissenschaft Niedersachsen
news-38538 Thu, 07 May 2026 10:38:28 +0200 Nicht nur das Klima: Merkmale der Arten steuern Rhythmus der Ökosysteme https://www.vbio.de/aktuelles/details/nicht-nur-das-klima-merkmale-der-arten-steuern-rhythmus-der-oekosysteme Saisonale Ereignisse in der Natur wie das Austreiben von Blättern, das Öffnen von Blüten, das Reifen von Früchten oder die Fortpflanzung von Tieren verschieben sich infolge des Klimawandels. Doch die zeitlichen Verschiebungen – zeitigerer Frühlingsanfang, längere Fruchtperioden und veränderte Fortpflanzungszeiten – sind komplexer als der erste Blick vermuten lässt. Forschende haben jetzt eine Sonderausgabe herausgegeben in der sie in 13 Studien zeigen, wie Artmerkmale und Klimawandel gemeinsam bestimmen, wann saisonale Ereignisse stattfinden.  Eine neue Sammlung von Artikeln in der Fachzeitschrift Functional Ecology zeigt: Die Phänologie, also das zeitliche Auftreten saisonaler Ereignisse, wird maßgeblich durch die Wechselwirkung zwischen Artmerkmalen und Klimawandel bestimmt. Dies gilt für unterschiedlichste Lebewesen – von Eidechsen bis Olivenbäume – und hat weitreichende Folgen für Artinteraktionen und Ökosystemfunktionen. Die Sonderausgabe der Fachzeitschrift wurde herausgegeben von Forscherinnen und Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

In 13 Studien zeigen die Autorinnen und Autoren, dass die beobachteten Verschiebungen eng mit Merkmale wie Winteraktivität, Kohlenstoffspeicherung, genetische Ausstattung oder Samenphysiologie verknüpft sind. Zum Beispiel: Pflanzen, die ihre Blätter über den Winter behalten, können im Frühjahr oft früher mit dem Wachstum beginnen als andere. Zudem variieren die Zusammenhänge zwischen Merkmalen und Phänologie mit Klima, Höhenlage und Lebensraum. Dies verdeutlicht, wie stark der Kontext die saisonale Dynamik beeinflusst.

„In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen saisonale Verschiebungen oft als einfache Reaktionen auf die Erwärmung. Doch Arten unterscheiden sich erheblich in ihrer Reaktion auf Umweltveränderungen“, erklärt iDiv-Mitglied Christine Römermann, eine der Herausgeberinnen der Sonderausgabe und Professorin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Die Studien zeigen, wie Artmerkmale die zeitliche Dynamik von Wachstum, Blüte, Fruchtbildung und Fortpflanzung bestimmen und warum diese Variation zentral für das Verständnis der Ökosystemreaktionen ist.“

Die Studien zeigen unter anderem:

• Klimawandel und Artmerkmale invasiver Pflanzen verändern saisonale Nahrungsverfügbarkeit – Bender et al. (2025) zeigen, dass nicht heimische, früchtebildende Pflanzen in subtropischen Andenwäldern ihre Fruchtproduktion zeitlich mit einheimischen Arten überlappen, insgesamt jedoch den Großteil der Früchte in der Trockenzeit bereitstellen. Dies könnte beeinflussen, wann Tiere Nahrung finden und einheimische Pflanzen benachteiligen, die auf diese Tiere als Samenverbreiter angewiesen sind.

• Unterirdische Pflanzenteile steuern saisonale Abläufe – Schnablová et al. (2025) zeigen, dass Unterschiede in unterirdischen Knospen und gespeicherten Energiereserven beeinflussen, wann Pflanzen mit Wachstum und Blüte beginnen. Entsprechend prägen Variationen in Wurzel- und Speicherstrukturen den Zeitpunkt, zu dem Pflanzen austreiben und blühen können. Saisonale Abläufe hängen damit nicht nur von der Temperatur ab, sondern auch von den unterirdischen Eigenschaften der Pflanzen.

• Winteraktivität und Blattmerkmale steuern das Frühjahrswachstum – Lubbe et al. (2025) fanden heraus, dass einige Pflanzen, die ihre Blätter über den Winter behalten, dichtere, weniger photosynthetisch aktive und frosttolerantere Blätter besitzen. Diese Winterblatt-Eigenschaften beeinflussen, wie schnell Pflanzen im Frühjahr wieder wachsen können und prägen damit den gesamten saisonalen Ablauf.

• Mehrere Umweltfaktoren können die Fortpflanzung bei Eidechsen verschieben – Bodineau et al. (2025) zeigen, dass wärmere Nächte und begrenzte Nahrungsverfügbarkeit bestimmen, wann sich die Zauneidechse fortpflanzt. Je nach Kombination können diese Umweltbedingungen die Fortpflanzung entweder nach vorne oder nach hinten verschieben.

• Wärmesummen sagen Pflanzenphänologie voraus – Rauschkolb et al. (2025) nutzten Daten des PhenObs Netzwerks, um sogenannte „Growing Degree Days“ zu testen – ein einfaches Maß, dass tägliche Wärme summiert, um zu erklären, wann Pflanzen wachsen und blühen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass dieses Maß zuverlässige Vorhersagen ermöglicht, wie die Erwärmung auf saisonale Zeitabläufe verändert.

• Erwärmung verschiebt die Blütezeit, nicht jedoch Blütenmerkmale – Leclerc et al. (2025) zeigen, dass höhere Temperaturen den Zeitpunkt der Blüte verändern, während Merkmale wie Blütenduft oder Blütentemperatur unverändert bleiben. Die für Bestäuber relevanten Signale bleiben somit bestehen, jedoch erscheinen die Blüten zu einem anderen Zeitpunkt. Dadurch kann eine zeitliche Entkopplung entstehen, die die Interaktionen zwischen Pflanzen und Bestäubern beeinträchtigen. 

„Diese Studien zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Vielfalt, die in der Sonderausgabe vorgestellt wird. Insgesamt entsteht ein umfassenderes Bild davon, wie Artmerkmale und Klima gemeinsam die saisonale Dynamik über Arten und Ökosysteme hinweg formen“, ergänzt Robert Rauschkolb von iDiv und Universität Jena, Mitherausgeber der Sonderausgabe und Koordinator der Plattform PhenObs.

Die Studien verdeutlichen auch, wie wichtig es ist, Beobachtungsnetzwerke wie die iDiv-Plattform PhenObs mit experimentellen und modellbasierten Ansätzen zu integrieren, um die Auswirkungen von Umweltveränderungen und Artmerkmalen auf die Phänologie besser zu verstehen. 

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass das Verständnis des Zusammenspiels von Artmerkmalen und Umweltveränderungen entscheidend ist, um vorherzusagen, wie ökologische Interaktionen und Prozesse künftig reagieren.

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv


Originalpublikation:

Römermann, C., Bucher, S.F., Hensen, I., Träger, S. and Rauschkolb, R. (2026), Phenology–trait relationships across different scales and organizational levels. Funct Ecol, 40: 1122-1126. doi.org/10.1111/1365-2435.70324

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Thüringen
news-38537 Thu, 07 May 2026 09:37:59 +0200 Wie Entzündungszellen das Herz erneuern https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-entzuendungszellen-das-herz-erneuern Das Herz von Zebrafischen kann sich nach einer Verletzung vollständig regenerieren. Präzise Entzündungssignale von Immunzellen setzen den Prozess in Gang, berichten Forschende in einer aktuellen Studie. Das Wissen könnte zu neuen Therapien des Herzinfarkts führen.  Wird das menschliche Herz durch einen Infarkt geschädigt, bildet sich um die betroffenen Bereiche mit der Zeit festes Narbengewebe. Dieses verringert die Pumpkraft des Herzens und erhöht das Risiko für Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Das Herz von Zebrafischen hingegen kann sich nach einer Verletzung vollständig regenerieren. Forschende um Janita Mintcheva, Doktorandin in der Arbeitsgruppe „Quantitative Entwicklungsbiologie“ von Professor Jan Philipp Junker am Max Delbrück Center, zeigen jetzt in „Nature Communications“, dass eine fein abgestimmte Entzündungsreaktion den Heilungsprozess anstößt.

Mithilfe eines Verfahrens, das neu entstehende RNA in einzelnen Zellen analysiert, fand das Team heraus, dass bestimmte Immunzellen, die Makrophagen, nach einer Verletzung mit als erste reagieren: Sie senden Entzündungssignale, die die Regeneration in Gang setzen. Auslöser dieses Prozesses ist jedoch nicht nur die Entzündung an sich. Auch der genaue Zeitpunkt und die Stärke der Signale sind entscheidend: Erst sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass das Gewebe weiter heilt.

„Bekannt war bereits, dass eine Störung dieser frühen Reaktion auf eine Verletzung des Herzens die Regeneration des Gewebes beeinträchtigt“, erklärt Mintcheva. Man habe also schon gewusst, wie entscheidend der Zeitraum für den Heilungsprozess sei. „Es war aber nicht klar, was genau in dieser frühen Phase geschieht“, erläutert die Forscherin.

Neue Genaktivitäten in einzelnen Zellen erkennen

Um das herauszufinden, wandten die Wissenschaftler*innen eine Methode an, die als „In-vivo-Einzelzell-RNA-Metabolismus-Markierung“ bezeichnet wird. Mit ihr lassen sich neu produzierte RNA-Moleküle in einzelnen Zellen lebender Tiere markieren und so die Aktivität von Genen als deren Reaktion auf eine Schädigung des Gewebes identifizieren. 

Mintcheva und ihre Kolleg*innen analysierten Tausende von Zellen aus Zebrafischherzen in den ersten sechs Stunden nach einer Verletzung. Dabei stellten die Forschenden fest, dass Makrophagen – und möglicherweise auch Neutrophile, eine andere Art von Immunzellen – zu den ersten Reagierenden gehörten und schnell in einen proinflammatorischen Zustand übergingen.

Als das Team die Entzündungsreaktionen der Makrophagen gezielt dämpfte, wuchsen die Blutgefäße schneller und mehr Herzmuskelzellen traten in eine Proliferationsphase ein – beides Prozesse, die für die Regeneration des Herzens erforderlich sind. „Das war völlig unerwartet“, sagt Mintcheva. „Frühere Studien hatten nahegelegt, dass eine Modulation der Entzündung in Zebrafischherzen, sei es durch Verstärkung oder Dämpfung, die Regeneration grundsätzlich beeinträchtigt. Jetzt konnten wir zeigen, dass die gezielte Unterdrückung der entzündlichen Signale speziell in Makrophagen die Heilung fördert – was darauf hindeutet, dass diese Zellen bei dem Prozess eine Schlüsselrolle spielen.“

Ein Fine-Tuning der Entzündung für die Herzreparatur

Die Ergebnisse zeigen, dass es vermutlich zu einfach gedacht ist, Entzündungen entweder als nützlich oder als schädlich zu betrachten. Denn offenbar ist ihre Rolle differenzierter: Zu starke oder zu schwache Entzündungen können die Regeneration beeinträchtigen, während genau abgestimmte Reaktionen sie allem Anschein nach fördern.

„Wir waren überrascht, dass sich die Herzregeneration, die bei Zebrafischen ohnehin schon sehr effizient ist, durch die gezielte Beeinflussung von Entzündungssignalen weiter verbessern lässt“, sagt Junker, der Letztautor der Studie ist. „Indem wir bestimmte Zelltypen gezielt ansprechen, könnten wir die Heilung des Gewebes in eine vorteilhafte Richtung lenken.“ 

Junkers Arbeitsgruppe erforscht seit vielen Jahren, wie Zebrafische ihre Organe regenerieren und wie sie sich bei dieser Fähigkeit vom Menschen unterscheiden, dessen Selbstheilungskräfte deutlich geringer sind. „Nun wäre es interessant zu untersuchen“, sagt Mintcheva, „ob wir auch bei Säugetieren die Regeneration des Herzens nach einem Infarkt fördern können, indem wir die Immunreaktionen in bestimmten Zellen kontrolliert beeinflussen.“

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin


Originalpublikation:

Mintcheva, J., Tseng, TL., Goumenaki, P. et al. In vivo single-cell RNA metabolic labeling resolves early transcriptional responders in the regenerating zebrafish heart. Nat Commun 17, 4073 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72781-2

]]>
Wissenschaft Berlin
news-38536 Thu, 07 May 2026 09:32:08 +0200 Evolutionäre Prozesse formen Bakterienpopulationen im menschlichen Darm https://www.vbio.de/aktuelles/details/evolutionaere-prozesse-formen-bakterienpopulationen-im-menschlichen-darm Der menschliche Darm beherbergt ein komplexes Ökosystem aus Billionen Mikroorganismen (Mikrobiom), das Verdauung, Immunsystem und Stoffwechsel beeinflusst. Ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien zeigt mit dem Analyseansatz "Reverse Ökologie", dass viele bekannte Darmbakterienarten aus mehreren evolutionär differenzierten Gruppen bestehen, die sich an unterschiedliche Bedingungen im Darm angepasst haben. Einige dieser Populationen stehen mit höherem Alter, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Darmkrebs und Typ-2-Diabetes in Zusammenhang. Die Ergebnisse wurden nun in Nature veröffentlicht und können künftig die Suche nach Biomarkern verbessern und langfristig präzisere Therapien ermöglichen. Mikrobiomstudien ordnen Bakterien meist ganzen Arten oder genetisch ähnlichen Gruppen zu. Diese Kategorien sind praktisch, bilden aber nicht unbedingt jene Populationen ab, die an unterschiedliche Bedingungen im menschlichen Körper angepasst sind. So bleibt oft unklar, welche Bakterien mit Erkrankungen in Zusammenhang stehen, welche lediglich Begleiterscheinungen sind – und welche möglicherweise schützen. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Lassen sich präzisere biologische Einheiten finden, die durch Anpassung entstanden sind und verschiedene ökologische Nischen im Darm besetzen?

Über die Studie

Das Forschungsteam analysierte tausende bakterielle Isolate aus dem menschlichen Darm sowie umfangreiche Metagenomdaten – also die gesamte Erbinformation mikrobieller Gemeinschaften in der Probe – von Menschen aus unterschiedlichen Ländern sowie verschiedenen Alters- und Gesundheitsgruppen. Mithilfe eines neu entwickelten bioinformatischen Verfahrens im Rahmen der "Reverse Ökologie" – einem Ansatz, der aus Genomdaten auf ökologische Anpassungen schließt – suchten die Forschenden nach genetischen Spuren erfolgreicher Anpassung.

Mehr als eine Art

Besonders interessant waren Hinweise auf sogenannte "genomweite selektive Sweeps" – Prozesse, bei denen ein Individuum eine begünstigende Mutation erhält und dadurch andere, nahverwandte Individuen verdrängt. Dadurch geht einerseits Diversität verloren und andererseits entstehen Populationen von Individuen, die verwandtschaftlich und funktionell sehr homogen sind und sich daher im Datensatz klar voneinander unterscheiden. Die Analyse zeigte, dass sich viele bekannte Darmbakterienarten in mehrere solcher Linien aufgliedern. Diese Populationen unterscheiden sich offenbar darin, unter welchen Bedingungen sie besonders gut gedeihen. "Wenn man nicht nur Arten zählt, sondern evolutionäre Anpassung berücksichtigt, erkennt man die biologisch relevanten Einheiten im Mikrobiom deutlich genauer", sagt Erstautorin Xiaoqian Annie Yu, Centre for Microbiology and Environmental Systems Science (CeMESS), Universität Wien. "Selbst innerhalb derselben Bakterienart kommen manche Populationen bei bestimmten Erkrankungen häufiger vor als andere. Werden alle gemeinsam betrachtet, bleibt das oft verborgen."

Globale Ausbreitung innerhalb weniger Jahrzehnte

Die Forschenden fanden zudem Hinweise darauf, dass sich konkurrenzstarke Populationen über Kontinente hinweg rasch verbreiten können – teils innerhalb weniger Jahrzehnte. Ein solches Muster ist bislang vor allem von Krankheitserregern bekannt. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass auch Darmbakterien dynamischer sind als lange angenommen. Gut angepasste Linien können sich international verbreiten und neue ökologische Nischen besetzen", sagt Studienleiter Martin F. Polz von der Universität Wien. Das deutet darauf hin, dass nicht nur Ernährung, Medikamente oder Lebensstil das Mikrobiom formen, sondern auch Übertragungsprozesse zwischen Menschen eine wichtige Rolle spielen könnten.

Neue Perspektiven für Medizin und Diagnostik

Die Studie eröffnet neue Möglichkeiten für die Mikrobiomforschung. Statt ganze Bakterienarten mit Erkrankungen zu verknüpfen, könnten künftig gezielt jene Populationen erfasst werden, die tatsächlich von Bedeutung sind. Das könnte die Suche nach Biomarkern verbessern und langfristig präzisere Therapien ermöglichen – etwa durch die gezielte Förderung nützlicher oder die Verdrängung problematischer Bakterienlinien. Als nächsten Schritt will das Team untersuchen, welche Gene die identifizierten Populationen voneinander unterscheiden und welche biologischen Funktionen damit verbunden sind.

Universität Wien


Originalpublikation:

Yu, X.A., Strachan, C.R., Herbold, C.W. et al. Genome-wide sweeps create ecological units in the human gut microbiome. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10476-w

]]>
Wissenschaft International
news-38535 Thu, 07 May 2026 09:23:29 +0200 Abholzung senkt Amazonas Stabilität: Kritische Veränderungen schon bei unter 2°C Erwärmung möglich https://www.vbio.de/aktuelles/details/abholzung-senkt-amazonas-stabilitaet-kritische-veraenderungen-schon-bei-unter-2c-erwaermung-moeglich Rund zwei Drittel des Amazonas-Regenwaldes könnten sich bei einer globalen Erwärmung von 1,5 bis 1,9°C in stark geschwächten Regenwald oder savannenähnliche Ökosysteme verwandeln, wenn die Entwaldung auf etwa 22 bis 28 Prozent des Amazonasgebiets ansteigt. Ohne zusätzliche Abholzung würden solche großflächigen Veränderungen dagegen voraussichtlich erst bei deutlich höherer Erwärmung von etwa 3,7 bis 4°C auftreten.  „Abholzung macht den Amazonas deutlich anfälliger, als wir bisher dachten. Sie trocknet die Atmosphäre aus und schwächt die Fähigkeit des Waldes, seinen eigenen Niederschlag zu erzeugen“, sagt Nico Wunderling, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Hauptautor der Studie. „Schon eine moderate zusätzliche Erwärmung könnte dann Kettenreaktionen in großen Teilen des Waldes auslösen.“ Etwa 17 bis 18 Prozent des Amazonas-Regenwaldes sind bereits zerstört, wodurch sich das System bereits dem in der Studie identifizierten kritischen Bereich nähert.

Klimawandel und Abholzung verstärken sich gegenseitig: Folgewirkungen im Amazonas

Die Studie liefert die bislang detaillierteste Abschätzung darüber, wie sich Erwärmung und Entwaldung gleichzeitig auf die Stabilität des Amazonas auswirken. Sie kombiniert Klimaprognosen, hydrologische Modellierung und einen Netzwerkansatz zum Transport von Luftfeuchtigkeit. „Globale Erwärmung und Abholzung verändern die Niederschlagsmuster im gesamten Amazonas“, erklärt Arie Staal, Assistenzprofessor an der Utrecht University und Co-Autor der Studie. „Wenn Abholzung den Feuchtigkeitstransport in einem Teil des Amazonas unterbricht, können ganze Regionen, Hunderte oder sogar Tausende Kilometer entfernt, durch sich ausbreitende Dürreeffekte an Widerstandskraft verlieren.“

Eine Besonderheit des Amazonas ist seine Fähigkeit, einen Teil seines Niederschlags selbst zu erzeugen: Bis zur Hälfte des Niederschlags im Amazonasbecken entsteht aus Wasser, das von den Bäumen selbst in die Atmosphäre abgegeben wird. Dieser Wasserdampf fällt später wieder als Regen. Wird Regenwald zerstört, schwächt sich dieser Kreislauf ab, der Trockenstress nimmt zu und in Windrichtung gelegene Waldgebiete werden anfälliger.

Die Forschenden betonen, dass ein Abholzungsstopp und Wiederaufforstung die Widerstandsfähigkeit des Amazonas gegenüber weiterer Erwärmung deutlich stärken könnten.

„Bisher hat der Amazonas-Regenwald eine zentrale Rolle für die Stabilität des Erdsystems gespielt, als Kohlenstoffsenke, als Motor des regionalen Wasserkreislaufs und als Lebensraum der artenreichsten Ökosysteme weltweit“, sagt Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Co-Autor der Studie. „Die fortschreitende Abholzung untergräbt diese Stabilität und bringt den Wald näher an eine kritische Schwelle. Das hätte nicht nur verheerende Folgen für die Region, sondern weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Planeten.“

„Doch diese Entwicklung ist nicht unausweichlich: Wenn Abholzung gestoppt, bereits geschädigte Wälder ökologisch wiederhergestellt und die Emissionen schnell gesenkt werden, lassen sich die Risiken deutlich verringern“, so Rockström.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung


Originalpublikation:

Wunderling, N., Sakschewski, B., Rockström, J. et al. Deforestation-induced drying lowers Amazon climate threshold. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10456-0

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Brandenburg
news-38534 Thu, 07 May 2026 09:06:08 +0200 Wie ein molekulares Skalpell: Neues CRISPR-Werkzeug beseitigt unerwünschte Zellen im Handumdrehen https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-ein-molekulares-skalpell-neues-crispr-werkzeug-beseitigt-unerwuenschte-zellen-im-handumdrehen Viele Anwendungen – ob in der Medizin, der Biotechnologie oder in der Landwirtschaft – erfordern die gezielte Abtötung unerwünschter Zellen. Denn diese Zellen können beispielsweise die Gesundheit gefährden, die Produktivität beeinträchtigen oder gewünschte biologische Prozesse stören. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dies zu erreichen, ohne dabei andere Zellen zu beeinträchtigen. Das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) in Würzburg, Akribion Therapeutics in Zwingenberg sowie die University of Utah und die Utah State University in den USA haben nun gemeinsam ein CRISPR-basiertes Werkzeug entwickelt. Dieses kann anhand eines erfassten Transkripts bestimmte Zellen gezielt abtöten, wodurch sich zahlreiche Einsatzmöglichkeiten eröffnen. Die Identität und das Verhalten einer Zelle werden unter anderem dadurch bestimmt, welche ihrer Gene gerade genutzt werden und wie aktiv diese sind. Anhand dieses Aktivitätsmusters lassen sich Zellen unterscheiden und identifizieren, und das selbst in gemischten Populationen. Dies ist insbesondere dann von Nutzen, wenn bestimmte Zelltypen entfernt werden müssen. Das sind zum Beispiel solche, die mit einer Erkrankung in Verbindung stehen oder bei denen eine Genbearbeitung nicht erfolgreich war. Zwar ermöglicht das Aufspüren dieser Zellen gezielte Eingriffe, doch ihre Beseitigung ist häufig stark kontextabhängig und erfordert passgenaue Strategien. Daher sind in der Grundlagenforschung, der Medizin, der Biotechnologie und der Landwirtschaft zuverlässige und vielseitig einsetzbare Methoden zum Nachweis und zur selektiven Abtötung solcher Zellen sehr gefragt.

Geht es um Bakterien, bieten sogenannte CRISPR-Technologien bereits vielversprechende Möglichkeiten, spezifische Mikroben zu erkennen und zu eliminieren. Sie basieren auf CRISPR-Cas, einem bakteriellen Immunsystem, bei dem eine Ribonukleinsäure (RNA, von engl. ribonucleic acid) die Zielsequenz vorgibt und ein Cas-Protein (von engl. CRISPR-associated) als Nuklease wirkt – also ein Enzym, das DNA schneidet. Wählt man die Leit-RNA so, dass sie nur zur DNA eines bestimmten Bakteriums passt, wird genau dessen Erbgut erkannt. Der Schnitt in das genetische Material führt zu schweren Schäden und das betroffene Bakterium stirbt ab.

Der Einsatz derselben Nukleasen in Eukaryoten – Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern mit DNA besitzen – hat sich jedoch als wesentlich schwieriger erwiesen. Forschende am Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI), einem Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Kooperation mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), haben es sich gemeinsam mit dem Unternehmen Akribion Therapeutics in Zwingenberg sowie der University of Utah und der Utah State University in den USA zur Aufgabe gemacht, diese Nukleasen in Eukaryoten einzusetzen. Darauf basierend entwickelten sie eine eigene CRISPR-Strategie, mit der sich bestimmte Zellen gezielt beseitigen lassen.

Frühere Arbeiten mit Beteiligung des HIRI, die 2023 in Nature veröffentlicht wurden, haben gezeigt, dass die CRISPR-Nuklease namens Cas12a2 RNA-Zielsequenzen erkennt, was eine unspezifische Spaltung sämtlicher Nukleinsäuren auslöst – insbesondere RNA, einzelsträngige DNA und doppelsträngige DNA. „Das führt zu umfangreichen DNA-Schäden in Bakterien, wodurch deren Wachstum gestoppt und somit die Ausbreitung eines erkannten Eindringlings verhindert wird“, sagt Chase Beisel, affiliierter Abteilungsleiter am HIRI und Fakultätsmitglied am Botnar Institute of Immune Engineering im schweizerischen Basel. Er ist einer der korrespondierenden Autor:innen der heute in Nature erschienenen Studie. „Im Gegensatz zu aktiviertem Cas9, das eine einzelne präzise Schnittstelle in der gebundenen DNA erzeugt, zerschneidet RNA-aktiviertes Cas12a2 alle DNA, die es antrifft, und tötet so die Zelle“, sagt Ryan Jackson, Professor an der Utah State University und korrespondierender Mitautor der Studie. „Sein Ziel ist es nicht, irgendetwas zu korrigieren. Stattdessen zerstört es alles, was es sieht“, fügt Yang Liu hinzu und beschreibt die Nuklease Cas12a2 näher. Liu ist Assistenzprofessor an der University of Utah und ebenfalls korrespondierender Autor der Studie.

Es war jedoch unbekannt, was passieren würde, wenn Cas12a2 in eukaryotischen Zellen ausgelöst wird – bis jetzt. Das Team aus Wissenschaft und Industrie konnte feststellen, dass Cas12a2 in Hefe- und menschlichen Zellen jene mit dem Zieltranskript stilllegte, jedoch diejenigen verschonte, denen die Zielsequenz fehlte. „Die Zellabtötung erfolgte sequenzspezifisch, zeigte eine hohe Sensitivität gegenüber Fehlpaarungen und trat ohne messbare unbeabsichtigte Effekte auf“, sagt Beisel.

Ein weites Anwendungsfeld

„Unsere Technologie bietet uns ein leistungsstarkes Werkzeug zur sequenzspezifischen Abtötung krankheitserregender Zellen“, sagt Paul Scholz von Akribion Therapeutics, Erst- und korrespondierender Autor der Publikation. „In dieser Studie demonstrieren wir das Potenzial unserer Technologie, indem wir virusinfizierte Zellen sowie durch eine punktuelle Mutation veränderte Krebszellen ins Visier nehmen. Unsere Technologie lässt sich jedoch so programmieren, dass sie nahezu jede gewünschte RNA-Signatur adressieren kann.“ Eine weitere mögliche Anwendung ist es, nicht modifizierte Zellen selektiv auszusortieren, um erfolgreich veränderte Zellen anzureichern und so die Qualität von Genbearbeitungen zu verbessern – was das Team in dieser Studie ebenfalls umsetzen konnte.

Die Wirkung von aktiviertem Cas12a2 war angesichts seiner In-vitro-Aktivität, also unter Laborbedingungen und außerhalb von Organismen, zu erwarten. Es gab jedoch keine Garantie dafür, was passieren würde, wenn es in einer menschlichen Zelle freigesetzt würde. Anfangs hatte das Team Bedenken, dass Cas12a2 möglicherweise neben den Zielzellen auch weitere Zellen eliminieren könnte, wenn es unbeabsichtigt durch anderweitig vorhandene RNA ausgelöst wird. Das hat sich jedoch nicht bestätigt.

Von der Onkologie über chronische Infektionen bis hin zur Genbearbeitung: Die Möglichkeit, Zellen anhand ihres Transkriptoms – der Gesamtheit aller RNA-Transkripte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhanden sind – gezielt zu eliminieren, eröffnet neue Perspektiven. „Da Cas12a2 mit einer Leit-RNA so programmiert werden kann, dass es auf jede beliebige RNA-Sequenz abzielt, und da es kaum oder gar keine sogenannten Off-Target-Effekte zeigt, glauben wir, einen Weg gefunden zu haben, um Zellen in allen Bereichen der Biologie selektiv auszuschalten“, sagt Jackson. „Wir zeigen, dass es zur Verbesserung von Genom-Editierungen, zur selektiven Abtötung von Zellen, die Virusgene beherbergen, sowie zur Beseitigung von Zellen mit erworbenen Mutationen eingesetzt werden kann. Wir gehen davon aus, dass diese Technologie Wissenschaft, Landwirtschaft und Medizin auf bisher ungeahnte Weise verändern wird.“ Beisel fügt hinzu: „Wir hoffen, dass die Forschungsgemeinschaft diese neuen Möglichkeiten genauer untersuchen wird und herausfindet, wie sie über unsere Proof-of-Principle-Studie hinaus weiter verbessert und angewendet werden können.“ Das Forschungsteam selbst plant, Cas12a2 für klinische Anwendungen weiterzuentwickeln. Gleichzeitig wird es nach Wegen suchen, die Technologie zu verbessern und auszuweiten.

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung


Originalpublikation:

Scholz, P., Thompson, J., Crosby, K.T. et al. RNA-triggered cell killing with CRISPR–Cas12a2. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10466-y

]]>
Wissenschaft Biobusiness Niedersachsen
news-38533 Wed, 06 May 2026 13:47:58 +0200 Wie Immunzellen Alzheimer beeinflussen: T-Zellen rücken ins Zentrum der Forschung https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-immunzellen-alzheimer-beeinflussen-t-zellen-ruecken-ins-zentrum-der-forschung Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte T-Zellen gezielt auf Amyloid-Ablagerungen im Gehirn reagieren und Entzündungsprozesse bei Alzheimer vorantreiben könnten. Die Ergebnisse, die mithilfe eines Mausmodells mit einer Alzheimer-ähnlichen Erkrankung erzielt wurden, eröffnen neue Ansätze für zeitlich abgestimmte Therapien.  Forschende an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und am Deutschen Krebsforschungszentrum haben neue Einblicke in die Rolle des Immunsystems bei der Alzheimer-Erkrankung gewonnen. Die jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, dass nicht nur angeborene Immunzellen, sondern auch spezialisierte T-Zellen eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung entzündlicher Prozesse im erkrankten Gehirn spielen.

Ablagerungen des Proteins Amyloid-Beta gelten als ein zentrales Kennzeichen der Alzheimer-Erkrankung. Bisher lag der Fokus der Forschung vor allem auf sogenannten Mikrogliazellen – Immunzellen des Gehirns, die früh auf diese Ablagerungen reagieren. Die aktuelle Arbeit zeigt nun, dass sich das Geschehen im Verlauf der Erkrankung verändert: Mit fortschreitender Krankheit rücken T-Zellen zunehmend in den Mittelpunkt der Immunreaktion.

„Wir konnten beobachten, dass sich bestimmte Killer-T-Zellen – Immunzellen, die infizierte oder krankhaft veränderte Körperzellen erkennen – gezielt in der Nähe von Amyloid-Plaques ansammeln“, erklärt Projektleiter Professor Dr. Dr. Lukas Bunse. „Diese Zellen zeigen ein spezifisches Aktivierungsmuster, das durch sogenannte Typ-I-Interferone gesteuert wird.“

Gezielte Immunantwort im Gehirn

Mithilfe modernster Einzelzell-Analysen untersuchten die Forschenden die Immunlandschaft im Gehirn von Mausmodellen mit Alzheimer-ähnlicher Erkrankung. Dabei identifizierten sie eine spezielle Untergruppe von T-Zellen, die entzündungsfördernde Signalstoffe produziert. Besonders wichtig ist dabei das Molekül CXCL10, ein sogenanntes Chemokin, ein chemischer Botenstoff, der Immunzellen gezielt ansteuert und an den Ort der Entzündung lockt. Indem diese Immunzellen wiederum ihrerseits Signalproteine ausschütten, kann es dabei zu einer Art Kettenreaktion kommen, was die lokale Entzündungsreaktion verstärkt. 

Diese Mechanismen konnten auch in menschlichem Hirngewebe mit Amyloid-Ablagerungen nachgewiesen werden. Das deutet darauf hin, dass die Ergebnisse eine hohe Relevanz für die menschliche Erkrankung haben.

Dynamischer Wandel der Entzündung

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass sich die treibenden Kräfte der Entzündung im Krankheitsverlauf verändern: Während in frühen Stadien Mikrogliazellen dominieren, übernehmen später zunehmend T-Zellen die Kontrolle über die Immunreaktion. Dieser zeitliche Wandel könnte entscheidend für die Entwicklung neuer Therapien sein.

„Unsere Daten legen nahe, dass Therapien stärker als bisher an den jeweiligen Krankheitsverlauf angepasst werden sollten“, so Bunse. „Es könnte entscheidend sein, zu welchem Zeitpunkt in die Immunreaktion eingegriffen wird“, ergänzt Julius Michel, Doktorand und zusammen mit Khwab Sanghvi Erstautor der Studie.

Neue therapeutische Perspektiven

Die identifizierten Signalwege – insbesondere die Typ-I-Interferon-Antwort und die CXCL10-vermittelte Anlockung von T-Zellen – bieten potenzielle Ansatzpunkte für neue Behandlungsstrategien. Erste experimentelle Ansätze deuten darauf hin, dass eine gezielte Blockade dieser Signalwege entzündliche Prozesse im Gehirn abschwächen könnte.

Allerdings zeigen bisherige Studien auch, dass Eingriffe in das Immunsystem je nach Krankheitsphase unterschiedliche Effekte haben können – von schädlich bis schützend. Zukünftige Forschung soll daher klären, wann und wie solche Therapien optimal eingesetzt werden können.

Forschung an der Schnittstelle von Immunologie und Neurologie

Lukas Bunse ist seit 2026 Professor für Neuroimmunologie mit Schwerpunkt Zelltherapie an der Medizinischen Fakultät Mannheim und forscht als Teamleiter in der Klinischen Kooperationseinheit Neuroimmunologie und Hirntumorimmunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Seine Forschung zielt darauf ab, das Immunsystem gezielt gegen Erkrankungen des zentralen Nervensystems einzusetzen – sowohl bei Hirntumoren als auch bei neurodegenerativen und autoimmunen Erkrankungen.

Mit einem translationalen Ansatz verfolgt seine Arbeitsgruppe das Ziel, neue immuntherapeutische Strategien zu entwickeln und diese möglichst schnell in klinische Anwendungen zu überführen.

Universitätsmedizin Mannheim


Originalpublikation:

Michel, J.J., Sanghvi, K., Rosenbauer, J. et al. Type I interferon drives T cell responses to amyloid beta in the central nervous system. Nat Commun 17, 3737 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-72262-6

]]>
Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38532 Wed, 06 May 2026 13:27:08 +0200 Selbst der entfernteste Ozean ist mit Zink aus menschlichen Quellen belastet https://www.vbio.de/aktuelles/details/selbst-der-entfernteste-ozean-ist-mit-zink-aus-menschlichen-quellen-belastet Selbst im extrem abgelegenen Südpazifischen Ozean übersteigt Zink aus menschgemachten Emissionen mittlerweile dasjenige aus natürlichen Quellen. Das vom Menschen emittierte Zink wird durch Aerosole über riesige Distanzen verfrachtet und erreicht dadurch offene Meeresgebiete, die weit weg von der Zivilisation liegen. Die steigende Zink-Konzentration im Meerwasser könnte das sensible Gleichgewicht von Plankton-Gemeinschaften und das Nahrungsnetz des Meeres stören.  Der riesige menschenleere Südpazifik gilt als unberührte Natur. Doch so unberührt, wie wir gern glauben, ist dieser Ozean nicht. Das zeigt eine neue Studie einer Gruppe von Forschenden der ETH Zürich und des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Die Forschenden weisen nämlich nach, dass Zink, das beim Verbrennen von fossilen Brennstoffen und durch Industrieabgase freigesetzt wird, die entlegensten Winkel des Meeres erreicht hat. Das Zink aus menschlichen Quellen ist in diesen Gewässern mittlerweile viel häufiger als das aus natürlichen Quellen. «Es gibt keine unberührte Natur mehr, nicht mal mehr im Südpazifik, der so weit entfernt von der nächsten Zivilisation ist wie die Astronauten der Internationalen Raumstation», sagt Tal Ben Altabet, der Erstautor der Studie, die soeben in der Fachzeitschrift Nature Communications Earth and Environment erschienen ist. Ben Altabet ist Postdoc in der Gruppe von Derek Vance, Professor für Geochemie an der ETH Zürich. 

Zink und andere Metalle gelangen bei der Verbrennung von Öl und Kohle sowie bei der Metallverhüttung in die Atmosphäre. Dabei heften sich die ausgestossenen Metalle an winzige Aerosole in der Luft. Die Partikel können Tausende von Kilometern zurücklegen, ehe sie sich auf der Oberfläche des offenen Ozeans absetzen. Auf diesem Weg können atmosphärische Aerosole Metalle aus Industriegebieten bis in die entlegensten Meere transportieren. 

Plankton braucht Zink 

Zink und andere Spurenelemente wie Eisen und Kupfer sind für das Leben im Meer essenziell. Insbesondere brauchen mikroskopisch kleine Algen, das Phytoplankton, Zink bei der Photosynthese. Durch diesen Prozess nimmt das Phytoplankton Kohlendioxid auf und produziert daraus organische Substanzen und Sauerstoff. Somit spielen die winzigen grünen Algen eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Erdklimas. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler:innen begonnen, nicht nur die Konzentrationen der Spurenmetalle im Meerwasser zu messen, sondern auch deren Isotopenzusammensetzung. Isotope sind Varianten eines Elements, die unterschiedlich schwer sind. Ihr Verhältnis bildet einen chemischen Fingerabdruck. Die Isotopen-Fingerabdrücke helfen, Metallquellen zu identifizieren und den Prozess, den sie im Meer durchlaufen, nachzuverfolgen. Meerwasser ist natürlicherweise relativ stark mit schwereren Isotopen wie Zink-66 angereichert, während Emissionen aus menschlichen Quellen typischerweise reich an leichteren Isotopen wie Zink-64 sind. 

In den letzten zehn Jahren haben sich Meeresgeochemiker:innen intensiv mit einem ungewöhnlichen Isotopen-Fingerabdruck in der oberen Meeresschicht befasst. Einige Forschende schrieben diese Anomalien natürlichen Prozessen im Ozean zu, wie beispielsweise die Anlagerung von Zink an Partikel im Meerwasser. Vor kurzem vermuteten andere, dass die Anomalien den Eintrag von Zink aus menschlichen Quellen durch Aerosole widerspiegeln. 

Aerosole transportieren Zink zum Südpazifik 

Um diese Fragen zu klären, untersuchten die ETH-Forschenden um Ben Altabet eine der abgelegensten Meeresregionen der Erde, den Südpazifik. Würde man die Signatur von Zink aus menschlichen Emissionen feststellen, würde dies verdeutlichen, wie weit die Umweltverschmutzung durch den Menschen fortgeschritten ist. Das Team verfolgte dabei einen neuartigen Ansatz: Anstatt nur das im Meerwasser gelöste Zink zu analysieren, untersuchten sie auch die Isotopenzusammensetzung von Zink in Meerespartikeln sowie in atmosphärischen Aerosolen. Um menschliche Quellen besser zu identifizieren, massen die Forschenden zusätzlich die Isotopenzusammensetzung von Blei – einem etablierten Indikator für Umweltverschmutzung. 

Fast nur Zink aus menschlichen Quellen nachweisbar 

Die Ergebnisse der Studie waren eindeutig: Die Forschenden fanden in den oberen Wasserschichten des Südpazifiks, dass Zink aus menschlichen Emissionen stammt und mittels Aerosolen hierhergelangt. Spuren von Zink aus natürlichen Quellen waren hingegen fast nicht nachweisbar. «Praktisch das gesamte Zink in den Partikeln aus den Oberflächengewässern des Südpazifik ist unnatürlich. Diese Ergebnisse zeigen, dass selbst Elemente, die bisher als nicht stark von menschlichen Aktivitäten beeinflusst galten, mittlerweile von industrieller Verschmutzung dominiert werden, die die abgelegensten Teile des offenen Ozeans erreicht hat», sagt Ben Altabet 

Kreislauf aus der Balance?

Natürlicherweise ist die oberste Meeresschicht eher arm an Zink und anderen Spurenmetallen, da diese durch das Phytoplankton aufgezehrt werden. Damit das Phytoplankton gedeihen kann, müssen diese Mikronährstoffe im passenden Verhältnis im Meerwasser vorhanden sein. Die Forschenden rechnen damit, dass die stetige Zunahme von menschgemachten Metall-Emissionen das sensible Nährstoffgleichgewicht stören könnte. Wie das Phytoplankton darauf reagieren wird, ist jedoch schwierig vorherzusagen. Werden zusätzliche Metalle wie Zink, Eisen, Kupfer und Cadmium – alle zeigen Anzeichen einer Anreicherung im Meerwasser aufgrund menschlicher Aktivitäten – in die Meere eingetragen, könnte sich die Verfügbarkeit der Nährstoffe verändern, was sich auf die gesamte Meeresnahrungskette auswirken könnte. 

Andere Meere auf Zink-Isotope untersuchen 

Mit weiteren Studien wollen die Forschenden nun herausfinden, wie die Isotopen-Zusammensetzung von Zink und weiteren biologisch essenziellen Metallen wie Eisen und Kupfer in marinen Partikeln aus anderen Meeren ist. «Nur wenn wir verschiedene Meeressysteme untersucht haben, werden wir verstehen, wie sich Spurenmetalle über den gesamten Ozean betrachtet verhalten und wie Meeresorganismen auf Verschiebungen des Nährstoffgleichgewichts reagieren», erklärt Ben Altabet.

ETH Zürich


Originalpublikation:

Benaltabet, T., Gosnell, K.J., de Souza, G.F. et al. Pervasive contamination of the remote open ocean with anthropogenic zinc. Commun Earth Environ 7, 373 (2026). doi.org/10.1038/s43247-026-03425-y

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft International