VBIO

Biowissenschaften in der Mitte der Gesellschaft 

Der VBIO übernimmt Verantwortung, stellt sich dem Diskurs und bezieht Position.

Aktuelles aus den Biowissenschaften

Die Sprache der Purpurhühner

Purpurhuhn (Porphyrio melanotus melanotus)
Purpurhuhn (Porphyrio melanotus melanotus) Credit: Gabriella Gall, Universität Konstanz

Purpurhühner setzen Laute zu Rufen und dann zu komplexen Rufsequenzen zusammen, um die Bandbreite ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern. Bisher war dies nur von Tieren wie Primaten, Walen oder Singvögeln bekannt. 

Ein ganzes Alphabet an Buchstaben steht uns Menschen zur Verfügung, wenn wir uns sprachlich verständigen möchten. Wir kombinieren diese Buchstaben – oder präziser: lautsprachliche Elemente – zu Wörtern, die wir dann wiederum nach grammatikalischen Regeln zu Sätzen zusammenfügen. So können wir komplexe Sachverhalte ausdrücken und nahezu unbegrenzt neue Bedeutungen erzeugen. Tiere besitzen aufgrund anatomischer Einschränkungen ihres Stimmapparats meist nur eine geringe Anzahl vokaler Ausdrucksmöglichkeiten. 

Ob auch Purpurhühner (Porphyrio melanotus melanotus) die einzelnen Elemente ihres Lautrepertoires kombinieren, um sich zu verständigen, untersuchte ein Forschungsteam des Exzellenzclusters „Kollektives Verhalten“ der Universität Konstanz in seiner aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Animal Behaviour. Dabei identifizierten sie zwei aufeinander aufbauende Organisationsebenen in der Sprache der Purpurhühner – Rufe und Rufsequenzen –, die jeweils eigenen Kombinationsregeln folgen. Eine derartige Komplexität in der Lautkombination war bisher nur von Tierarten bekannt, die ihre vokalen Äußerungen im Laufe des Lebens durch Lernen verändern und anpassen. Das beinhaltet beispielsweise Primaten, Wale oder Singvögel – nicht aber Rallen, zu denen die Purpurhühner zählen. 

Ins Nest gelauscht
Um den Sprachregeln der Purpurhühner auf den Grund zu gehen, versteckten die Forschenden miniaturisierte Audiorekorder in den Nestern von 17 Purpurhuhn-Gruppen und nahmen für mehrere Tage sämtliche Lautäußerungen der Tiere auf. In dem so entstandenen Audiomaterial wurden anschließend händisch Lautereignisse identifiziert und klassifiziert. „Um die einzelnen Laute zu erkennen, haben wir uns nicht nur auf deren hörbaren Klang verlassen, sondern gleichzeitig grafische Darstellungen der Audiosignale angeschaut – sogenannte Spektrogramme. So konnten wir die Verlässlichkeit der Auswertung erhöhen“, erklärt Gabriella Gall, Erstautorin der Studie und Forscherin am Konstanzer Exzellencluster Kollektives Verhalten. „Insgesamt konnten wir weit über 5000 störungsarme Lautäußerungen aus unseren Aufnahmen isolieren, die dreizehn unterschiedlichen Lauttypen zuzuordnen waren.“

In einem nächsten Schritt nahmen die Forschenden die zeitliche Abfolge dieser Lautäußerungen genauer unter die Lupe. Sie fanden heraus, dass etwa ein Drittel der Lautelemente hauptsächlich alleinstehend geäußert wurde. Der Rest trat meist nur in Kombination mit anderen Elementen auf, wobei diese Zusammensetzung von Lautelementen zu Rufen bestimmten Regeln folgte: So finden sich manche Lautelemente hauptsächlich zu Beginn eines Rufes, andere am Ende und wieder andere – bei Rufen, die aus mehr als zwei Elementen bestehen – bevorzugt in der Mitte. Und auch die Ruflänge spielt eine Rolle, sodass manche Lautelemente in längeren Rufen ihre bevorzugte Position wechseln oder gar nicht mehr auftauchen.

Von Rufen zu Rufsequenzen
Doch damit nicht genug: Die Kombinationsmöglichkeiten sind noch komplexer. Am Beispiel von Schreifolgen (engl.: yelling sequences), welche die Purpurhühner in aggressiven Kontexten äußern, konnten die Konstanzer Forschenden zeigen, dass lediglich neun der dreizehn identifizierten Lautelemente in diesen aggressiven Rufsequenzen vorkommen – und das jeweils nur in bestimmten Abschnitten. Als weitere Regel zeigte sich, dass mit Fortschreiten der Sequenz die Anzahl an Rufen pro Zeiteinheit steigt. Außerdem werden die Rufe länger und verändern sich in ihrer Struktur, indem mehr Lautelemente eingebaut werden und die Variabilität der Rufzusammensetzung steigt.

Die Forschenden vermuten, dass Lautelemente, die stets isoliert auftreten, eine jeweils unabhängige kommunikative Funktion aufweisen. Elemente, die als Prä- oder Suffix am Anfang beziehungsweise Ende eines zusammengesetzten Rufs stehen, modifizieren dagegen den Informationsgehalt der eingeschlossenen Lautelemente. „Die anschließende Organisation der Rufe auf einer zweiten Hierarchieebene – der Ebene der Rufsequenzen – legt nahe, dass die Purpurhühner über ein sehr anspruchsvolles, strukturiertes Kommunikationssystem verfügen. Das kannten wir bisher nicht von Tieren, die sich wie die Purpurhühner ein Leben lang auf ihr angeborenes Lautrepertoire verlassen müssen“, berichtet Gall. 

Auch von der Funktion dieser zusätzlichen, zweiten Organisationsebene und ihrer Regeln haben die Forschenden bereits eine erste Vorstellung. So könnte sich beispielsweise die Information im hinteren Teil einer Rufsequenz auf den Kontext beziehen, der zu Beginn der Sequenz gesetzt wurde. Zusätzlich könnten Variationen in der Rufstruktur Informationen über Änderungen im Erregungszustand der Tiere transportieren. „Die genaue Bedeutung der Lautelemente und ihrer Kombinationen gilt es nun als nächstes herauszufinden“, so Gall.

Universität Konstanz


Originalpublikation: 

G.E.C. Gall, V. Demartsev, P. Minasandra, C. Baldoni, K.E. Cain, J.S. Quinn (2026) Examining combinatoriality within the pūkeko vocal repertoire. Animal Behaviour; https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2025.123431

weitere VBIO News
Wellen auf dem Ozean

Belüftung des Nordatlantiks nimmt ab

Weiterlesen
Grafik Das neue Modell nachhaltiger Entwicklung: Natur, Wirtschaft und Gesellschaft inkl. Rückkopplungsschleifen.

Natur, Gesellschaft und Wirtschaft zusammendenken

Weiterlesen
Punktdendrometer werden am Stamm montiert und messen kontinuierlich und im Mikrometerbereich, wie sich der Baumstamm ausdehnt und zusammenzieht.

Wälder unter Klimastress – Warum Bäume trotz Frühstart weniger wachsen

Weiterlesen