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Kleine Krebse an großen Knollen: 24 neue Tiefseearten entdeckt

Neu entdeckte Flohkkrebs-Art Pseudolepechinella apricity Horton & Lörz, 2026. Der Artname apricity stammt vom lateinischen apricitas und bedeutet „die wärmende Sonne im Winter“.
Neu entdeckte Flohkkrebs-Art Pseudolepechinella apricity Horton & Lörz, 2026. Der Artname apricity stammt vom lateinischen apricitas und bedeutet „die wärmende Sonne im Winter“. Copyright: NOC & Senckenberg

Forschende haben 24 neue Arten von Tiefsee-Flohkrebse aus der Clarion-Clipperton-Zone beschrieben, darunter erstmals eine neue Familie und zwei neue Gattungen. Die Flohkrebse übernehmen eine Schlüsselrolle im Ökosystem, indem sie organisches Material zersetzen und zahlreichen Fischen sowie anderen Meerestieren als Nahrungsquelle dienen. Der Lebensraum der neu beschriebenen winzigen Krebstiere liegt in einem potenziellen Abbaugebiet für mineralische Rohstoffe. Die Entdeckungen stammen aus einem internationalen Taxonomie-Workshop und erweitern das Wissen über die bislang wenig erforschte Tiefsee und ihre Biodiversität. 

Flohkrebse, auch als Amphipoden bezeichnet, sind kleine, krebsartige Lebewesen, die in nahezu allen marinen Lebensräumen vorkommen. Trotz ihrer geringen Größe, von einigen Millimetern bis zu wenigen Zentimetern, spielen sie eine zentrale Rolle im Ökosystem Meer. Sie zersetzen organisches Material wie Algen und abgestorbene Pflanzenreste, wodurch sie Nährstoffe wieder für andere Organismen verfügbar machen. Gleichzeitig dienen sie als wichtige Nahrungsquelle für viele Meerestiere. „Ohne Flohkrebse würde sich detritisches Material ansammeln, und viele Fischarten hätten weniger Nahrungsressourcen, was das Gleichgewicht mariner Ökosysteme erheblich stören könnte. Ihre Aktivität trägt somit entscheidend zur Stabilität, Produktivität und Biodiversität der Meere bei“, erklärt Dr. Anne Helene S. Tandberg vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.

Die Senckenberg-Meeresforscherinnen Dr. Anne Helene Tandberg und Dr. Anne-Nina Lörz haben gemeinsam mit einem internationalen Team und unter der Leitung von Dr. Anna Jażdżewska von der University of Lodz und Dr. Tammy Horton vom National Oceanography Centre 24 neue Flohkrebsarten aus der Tiefsee beschrieben. „Die Neubeschreibungen sind das Ergebnis eines 2024 stattgefundenen, einwöchigen Taxonomie-Workshops. 16 Expert*innen sowie Nachwuchswissenschaftler*innen aus aller Welt sind hier zusammengekommen, um neue Arten aus der Clarion-Clipperton-Zone zu beschreiben“, erzählt Lörz. 

Die Clarion-Clipperton-Zone im zentralen Pazifik erstreckt sich über rund sechs Millionen Quadratkilometer zwischen Hawaii und Mexiko und zählt zu den biologisch vielfältigsten, aber bislang wenig erforschten Tiefseegebieten der Welt. Der Meeresboden ist mit Milliarden polymetallischer Knollen bedeckt, die hauptsächlich aus Mangan- und Eisenoxid bestehen, aber auch Nickel, Kobalt und seltene Erden enthalten, welche für den globalen Rohstoffbedarf von wachsender Bedeutung sind. Gleichzeitig bietet die Clarion-Clipperton-Zone zahlreichen bislang unbekannten Tierarten einen Lebensraum, wie den neu entdeckten Flohkrebsen. „Das Verständnis der Biodiversität der Tiere, die auf und zwischen diesen Knollen leben, ist entscheidend, um zu wissen, wie wir unsere Ozeane – im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie – für zukünftige Generationen am besten schützen können“, so Jażdżewska.

Die Forschenden beschrieben innerhalb einer Woche 24 neue Arten aus zehn Amphipoden-Familien, darunter sowohl Räuber als auch Aasfresser. Besonders bemerkenswert ist die Entdeckung einer neuen Familie, Mirabestiidae, und einer neuen Überfamilie, Mirabestioidea, die völlig neue evolutionäre Abstammungslinien offenbaren. Außerdem wurden zwei neue Gattungen, Mirabestia und Pseudolepechinella, identifiziert, die tiefsten bisher bekannten Nachweise mehrerer Gattungen dokumentiert und erstmals molekulare DNA-Barcodes für einige seltene Arten erstellt. Die neuen Arten erhielten Namen, die teilweise persönliche, kulturelle oder kreative Bezüge widerspiegeln. So wurden die Projektleiterinnen Dr. Tammy Horton und Dr. Anna Jażdżewska geehrt: Byblis hortonae und Thrombasia ania. Eine Art der neuen Überfamilie, Mirabestia maisie, wurde nach Hortons Tochter benannt, während Pseudolepechinella apricity die Wärme der Wintersonne wiedergibt, die während des Workshops in Lodz schien. Tandberg fügt an: „Unsere Ergebnisse markieren einen entscheidenden Schritt zur Erfassung und Dokumentation der reichen Biodiversität der Clarion-Clipperton-Zone. Die Taxonomie ist zentral für das Verständnis der Tierwelt in der Tiefsee, da sie grundlegende Informationen über Arten, ihre Verbreitung und ihre Rolle im empfindlichen Ökosystem liefert.“

Die Ergebnisse des Teams liefern Informationen, die für zukünftige Naturschutz- und politische Entscheidungen von großer Bedeutung sind, heißt es in der Studie. „Das Projekt zeigt, wie effektiv koordinierte und fokussierte Taxonomie-Workshops sein kann und liefert damit ein mögliches Modell für zukünftige Forschung“, so Lörz. „Durch solche Initiativen – mit etwa 25 neu beschriebenen Arten pro Jahr – könnten die Flohkrebse im östlichen Teil der Clarion-Clipperton-Zone innerhalb von etwa zehn Jahren nahezu vollständig erfasst werden. Gleichzeitig erweitern wir damit unser Wissen über die Tiefsee, ihre bisher weitgehend unbekannten Lebensgemeinschaften und können wirkungsvolle Schutzkonzepte entwickeln“, schließt Tandberg.

Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt


Originalpublikation:

Jażdżewska AM, Horton T (2026) New deep-sea Amphipoda from the Clarion-Clipperton Zone: 24 new species described under the Sustainable Seabed Knowledge Initiative: One Thousand Reasons campaign. In: Jażdżewska AM (Ed.) New deep-sea Amphipoda from Clarion-Clipperton Zone. ZooKeys 1274: 1–16. https://doi.org/10.3897/zookeys.1274.176711

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