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Große Mausohren haben ein Lek-Paarungssystem

Großes Mausohr im Flug C. Robiller / Naturlichter.de -via Wikicommons CC BY-SA 3.0 de

Im Dunkeln alter Dachstühle spielen sich unerwartet romantische Szenen ab: Männchen des Große Mausohren (Myotis myotis), die größte einheimische Fledermausart, konkurrieren um die Gunst der Weibchen – mit komplexen Vokalisationen und viel Geduld. Eine neue Studie des Museums für Naturkunde, publiziert in der Fachzeitschrift Annals of the New York Academy of Sciences, liefert umfassende Einblicke in das Paarungsverhalten dieser Fledermäuse und zeigt, dass das Große Mausohr ein für Fledermäuse bisher selten beschriebenes Lek-Paarungssystem aufweist. Dabei handelt es sich um einen Verbund von Männchen, die gemeinsam und doch in Konkurrenz zueinander auf Partnersuche gehen. 

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit beobachtete Lisa Printz das Verhalten von über 70 Großen Mausohr Männchen in sechs Dachstühlen von Kirchen. Dabei zeigten sich klare Muster: Die Männchen besetzen kleine, immer wieder genutzte Hangplätze im Dachstuhl und verteidigen diese ausdauernd gegen andere Männchen: Mit komplexen Triller Vokalisationen schrecken die Männchen nicht nur Rivalen ab, sondern werben zugleich um die Weibchen. Ein solcher Verbund von Männchen, die gemeinsam und doch in Konkurrenz zueinander auf Partnersuche gehen, wird Lek genannt. 
„Wir konnten erstmals detailliert dokumentieren, dass das Große Mausohr ein Lek-Paarungssystem aufweist, das bislang nur bei wenigen Fledermausarten belegt ist“, erklärt Lisa Printz. 

Die Männchen zeigen bereits ab Juni eine erhöhte Standorttreue zu ihren Hangplätzen. Bis zum Höhepunkt der Paarungssaison im August, wenn die Weibchen eintreffen, kommt es unter den Männchen zu intensiver Konkurrenz um die Hangplätze, während sie geduldig auf potenzielle Partnerinnen warten. Bei der Ankunft der Weibchen ist besonders auffällig, dass sie bereits vor der Landung eine Wahl zu treffen scheinen – sie fliegen gezielt zu einem der werbenden Männchen.
Auch das Kopulationsverhalten selbst überrascht. Nachdem das Weibchen neben dem ausgewählten Männchen gelandet ist, bleiben die Tiere oft einige Zeit ruhig nebeneinander, bevor es zur Kopulation kommt. In vielen Fällen umschließt das Männchen das Weibchen nach der Kopulation mit seinen Flügeln, beide ruhen dann in engem Kontakt, bevor es zu weiteren Kopulationen kommt. Die längste dokumentierte Paarung dauerte mehr als 34 Stunden. „Diese lang andauernde Paarung und die nachfolgende Phase mit gemeinsamem Ruhen könnte eine Form des 'Mate Guarding' sein“, vermutet Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin. „Sie dient möglicherweise dazu, die erfolgreiche Reproduktion zu sichern“.

Die Ergebnisse haben auch direkte Konsequenzen für den Artenschutz: Mausohr-Männchen zeigen eine ausgeprägte Standorttreue. Umbauten oder Sanierungen an genutzten Gebäuden, etwa Kirchen oder Klöstern, könnten daher empfindlich in das Paarungsgeschehen eingreifen. „Bislang wird der Schutz von Männchenquartieren oft vernachlässigt, da man annimmt, Männchen seien flexibler“, sagt Lisa Printz. „Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass auch ihre Quartiere streng saisonal genutzt und über Jahre hinweg aufgesucht werden.“

Die Studie liefert somit nicht nur grundlegende Erkenntnisse über das Paarungsverhalten einer verbreiteten einheimischen Fledermausart, sondern fordert auch ein Umdenken im praktischen Artenschutz. Die Autorinnen plädieren dafür, Männchenquartiere künftig ebenso stark zu schützen wie Wochenstuben oder Winterquartiere, etwa durch gezielte Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen. 

Diese Forschungsarbeit wurde an freilebenden Großen Mausohren in Bayern durchgeführt, begleitet durch das Museum für Naturkunde Berlin und der Freien Universität Berlin. Das Projekt wurde durch ein Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert.

(Dr. Gesine Steiner PressestelleMuseum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung)


Publikation: 
https://nyaspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/nyas.15390

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