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Größter offener Datensatz zur Kognition von Menschenaffen

Schimpansen bei der Fellpflege.
Schimpansen bei der Fellpflege. © MPI für evolutionäre Anthropologie

Neue Ressource macht 18 Jahre Forschung zur Kognition von Menschenaffen für Wissenschaft und Lehre zugänglich. 

In einer neuen Publikation präsentiert ein Forschungsteam unter der Leitung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der University of Stirling in Großbritannien den EVApeCognition-Datensatz – eine umfangreiche Open-Access-Ressource, die die Forschung zur Kognition von Menschenaffen maßgeblich voranbringen soll. Er bündelt 262 Datensätze aus 150 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die zwischen 2004 und 2021 am Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrum in Leipzig entstanden sind.

Die Erforschung der Kognition von Menschenaffen liefert wichtige Hinweise auf die evolutionären Ursprünge der menschlichen Intelligenz. Fortschritte in diesem Forschungsfeld wurden jedoch lange durch zwei wesentliche Herausforderungen erschwert: kleine Stichproben und ein begrenzter Zugang zu relevanten Daten. Studien zur individuellen Kognition von Menschenaffen umfassen oft nur wenige Studientiere und sind in der Regel auf spezifische Fragestellungen zugeschnitten. Dadurch ist es schwierig, übergreifende Muster über längere Zeiträume, verschiedene Aufgaben hinweg oder zwischen Individuen zu erkennen.

Um diesem Problem zu begegnen, hat ein Forschungsteam Daten, die über einen Zeitraum von 18 Jahren an einem der weltweit führenden Zentren für die Erforschung der Kognition von Menschenaffen erhoben wurden, kuratiert, standardisiert und veröffentlicht. Dieses Zentrum wurde vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und dem Zoo Leipzig 2001 gegründet.

Seltener Langzeitblick auf die Kognition von Menschenaffen

Der EVApeCognition-Datensatz umfasst Daten von 81 Menschenaffen, die an 150 Studien teilgenommen haben. Die große Mehrheit dieser Tiere (78) war an mehr als einer Studie beteiligt. Gerade diese wiederholte Teilnahme macht den Datensatz besonders wertvoll, da sich damit Fragestellungen untersuchen lassen, die einzelne Studien in der Regel nicht beantworten können, beispielsweise Entwicklungsverläufe, individuelle Unterschiede oder langfristige kognitive Muster.

Die Publikation präsentiert somit nicht nur ein einzelnes experimentelles Ergebnis, sondern schafft eine Forschungsinfrastruktur für das gesamte Fachgebiet. Den Autorinnen und Autoren zufolge ist dies der weltweit größte und umfassendste öffentlich verfügbare Datensatz zur Kognition von Menschenaffen. „Indem wir diese Daten zugänglich machen, ebnet unser Projekt den Weg für künftige Metaanalysen und Korrelationsanalysen. Diese können dazu beitragen, besser zu verstehen, wie unsere nächsten lebenden Verwandten denken, lernen und sich verhalten“, sagt Alejandro Sánchez-Amaro, Erstautor der Studie und Forscher an der University of Stirling im Großbritannien und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Entstanden durch breite wissenschaftliche Zusammenarbeit

Der Datensatz ist das Ergebnis einer umfangreichen Gemeinschaftsleistung. In den vergangenen fünf Jahren hat ein Kernteam mit mehr als 100 Forschenden eng zusammengearbeitet. Diese haben entweder Daten beigesteuert oder verschiedene Aspekte des Projekts unterstützt – von der technischen Infrastruktur bis hin zu Kommunikation und Koordination.

In den meisten Fällen nahm das Team direkt Kontakt zu den ursprünglichen Autorinnen und Autoren auf und lud sie ein, ihre Daten bereitzustellen. Diese Materialien wurden anschließend geprüft, standardisiert und für eine erneute Nutzung aufbereitet. Dieser Standardisierungsprozess war entscheidend, da sich experimentelle Datensätze häufig in Struktur, Terminologie und Dokumentation unterscheiden. Um diese Daten zu einer konsistenten, wiederverwendbaren Ressource zusammenzuführen, war eine enge Zusammenarbeit im gesamten Forschungsfeld erforderlich. Der fertige Datensatz ist nun über Zenodo frei zugänglich.

Unterstützung für Forschung, Lehre und die Erforschung menschlicher Ursprünge

Von dem Datensatz dürften Forschende, Lehrende und Studierende gleichermaßen profitieren. In der Hochschullehre kann er in Projekten der Psychologie, Biologie, vergleichenden Kognitionsforschung und evolutionären Anthropologie eingesetzt werden. Er ermöglicht Studierenden den Zugang zu realen Verhaltensdaten unserer nächsten lebenden Verwandten.

„Für die Wissenschaft liegt die Bedeutung des Datensatzes in seinem Umfang, seiner Zugänglichkeit und seiner zeitlichen Kontinuität“, sagt Daniel Haun, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Seniorautor der Studie. „Indem EVApeCognition zahlreiche kleinere Studien in einer standardisierten Ressource zusammenführt, schafft es die Grundlage dafür, umfassendere Fragen zur Kognition zu beantworten, die sich bislang nur schwer untersuchen ließen. Zugleich stärkt es die vergleichende Erforschung der evolutionären Ursprünge menschlicher Intelligenz.“

Die Veröffentlichung des Datensatzes fällt mit dem 25-jährigen Bestehen des Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrums zusammen. Dies ist ein wichtiger Meilenstein für die Einrichtung und zugleich ein wesentlicher Fortschritt für Open Science in der vergleichenden Psychologie. Mit der öffentlichen Bereitstellung von Daten aus nahezu zwei Jahrzehnten Forschung zur Kognition von Menschenaffen legt der EVApeCognition-Datensatz den Grundstein für zukünftige Erkenntnisse. Er ermöglicht es Forschenden, über isolierte Einzelstudien hinauszugehen und ein umfassenderes Verständnis von Kognition, Entwicklung und Verhalten bei Menschenaffen zu erlangen.

MPI für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Sánchez-Amaro, A., Ebel van Wijk, S.J., Molenaar, C. et al. EVApeCognition: An 18-Year Dataset of Great Ape Cognition. Sci Data (2026). doi.org/10.1038/s41597-026-07191-6

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