Die Vampirschnecke Cumia intertexta erhielt bei der Online-Abstimmung zur „Molluske des Jahres 2026“ insgesamt 5.506 Klicks und sicherte sich damit den Titel vor der steinfressenden Muschel Lithoredo abatanica, der Florida-Pferdeschnecke Triplofusus giganteus, der „geflügelten“ Muschel Ephippodonta lunata und der Seychellen-Weißschnecke Filicaulis seychellensis. Insgesamt wurde beim Wettbewerb 15.096 Mal abgestimmt. Die im südlichen Mittelmeer beheimatete Vampirschnecke Cumia intertexta saugt das Blut von Fischen, die sie nachts im flachen Wasser jagt. Die nur zwei Zentimeter große Molluske ist das einzige mediterrane Mitglied einer kleinen Gruppe von Vampir-Gastropoden, die auf der ganzen Welt leben.
Für den Titel „Internationale Molluske des Jahres 2026“ vorgeschlagen wurde die winzige Meeresschnecke von Dr. Maria Vittoria Modica von der Zoologischen Station Anton Dohrn in Italien. „Die Vampirschnecke Cumia intertexta ist ein verblüffendes Tier“, berichtet Modica. „Tagsüber schläft sie zwischen küstennahen Felsen und beginnt erst nach Sonnenuntergang zu jagen. Sie wittert einen ruhenden Fisch in ihrer Nähe, nähert sich ihm so weit wie möglich und durchbohrt seine Haut mit einer winzigen, aber scharfen Radula an der Spitze ihres extrem langen Rüssels. Dann ernährt sie sich vom Blut des Fisches und sondert einen Cocktail aus Blutverdünner und Betäubungsmitteln ab, um ihre Beute ruhig zu halten. Wenn sie sich vollgesogen hat, versteckt sie sich wieder und hinterlässt einen betäubten, aber ansonsten gesunden Fisch. Ich freue mich sehr, dass dieser winzige Vampir zum ‚Internationalen Weichtier des Jahres 2026‘ gewählt wurde!“
Um die ungewöhnliche Lebensweise der blutsaugenden Meeresschnecke besser zu verstehen, wird das Erbgut von Cumia intertexta nun erstmals vollständig bei Senckenberg analysiert – der Preis für den Gewinn des Titels. „Durch die Sequenzierung des Genoms der Vampirschnecke werden wir den ersten genetischen Bauplan für die Bluternährung bei Weichtieren erhalten“ erklärt Dr. Carola Greve, Leiterin des Laborzentrums für Biodiversitätsgenomik am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „So können wir besser nachvollziehen, wie sich diese Ernährungsform entwickelt hat und wie ähnliche Strategien bei sehr unterschiedlichen Tiergruppen entstehen. Weichtiere sind die zweitartenreichste Tiergruppe der Welt und faszinierend vielfältig. Gleichzeitig sind bisher nur die Genome von vergleichsweise wenigen Mollusken vollständig sequenziert. Wir möchten dazu beitragen, diese Lücke zu verkleinern und unser Verständnis der genomischen Eigenschaften dieser außergewöhnlichen Tiere immer weiter auszubauen.“
Nachdem eine Jury aus Forschenden von Senckenberg und der Unitas Malacologica aus rund 30 Vorschlägen der internationalen Weichtier-Community fünf Arten für das Finale ausgewählt hatte, konnten alle Mollusken-Fans vom 13. bis zum 26. April online für ihren Favoriten abstimmen.
„Wir freuen uns sehr, dass sich auch dieses Jahr wieder Weichtier-Begeisterte aus der ganzen Welt an dem Wettbewerb beteiligt haben!“, ergänzt Prof. Dr. Julia Sigwart, Leiterin der Abteilung Marine Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Ein herzlicher Dank an alle Forschenden, die so wunderbare Kandidaten vorgeschlagen haben und an alle Weichtier-Fans, die bei der Abstimmung mitgemacht haben. Die Wahl der ‚Molluske des Jahres‘ ist eine großartige Gelegenheit, um dieser faszinierenden – und leider oftmals gefährdeten – Tiergruppe mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Unser Ziel ist es, diese beeindruckenden Tiere immer besser zu verstehen, um sie schützen und für kommende Generationen in ihrer Vielfalt bewahren zu können.“
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung




