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Spinnen profitieren von scheinbar einförmigen Wäldern

Lauerjäger wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) sind auf Blüten zur Tarnung angewiesen.
Lauerjäger wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) sind auf Blüten zur Tarnung angewiesen. Quelle: Louis Puille, Copyright: Universität Würzburg

In der Ökologie gilt das Prinzip: Je unterschiedlicher und heterogener ein Habitat gestaltet ist, desto mehr unterschiedlichen Arten bietet es einen Lebensraum. Um die Artenvielfalt in Wäldern zu fördern, werden daher für Naturschutzzwecke Lichtungen angelegt, oder bewusst Totholz liegen gelassen. Für viele Arten wie Vögel, Fledermäuse oder Käfer ist diese Strukturvielfalt tatsächlich ein Gewinn. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass ein abwechslungsreicher Waldaufbau die Spinnenvielfalt beeinflusst. Durch das Anlegen von Waldlücken kann die Vielfalt teilweise deutlich abnehmen. 

Eine neue Untersuchung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) offenbart eine scheinbar markante Ausnahme: Für Spinnen ist der vermeintlich monotone, geschlossene Wald das wahre Refugium. Diese Erkenntnis ist ökologisch brisant. Als bedeutende Raubtiere regulieren Spinnen die Insektenbestände und leisten einen wesentlichen Beitrag zur natürlichen Schädlingskontrolle. Dass sie als einzige der bisher untersuchten Tiergruppen negativ auf Waldveränderungen reagieren, zeigt, dass für ein vollständiges Bild ein Blick über Artgrenzen hinweg notwendig ist.

Verantwortlich für diese Studie war ein Team um Julia Rothacher und Jean-Léonard Stör, Erstautoren der Publikation, die im Rahmen des bundesweiten Forschungsprojektes BETA-FOR unter der Leitung von JMU-Professor Jörg Müller die Untersuchungen durchführten. Auch Forschende aus Kanada, Japan und Taiwan waren an der Studie beteiligt, die jetzt in der Fachzeitschrift Journal of Animal Ecology veröffentlicht wurde.

18.500 Spinnen unter der Lupe

Für seine Studie hat das Forschungsteam elf Standorte in ganz Deutschland untersucht. Dabei diente der Würzburger Universitätswald als ein zentraler Pfeiler der Untersuchung, ergänzt durch Flächen in den Nationalparken Bayerischer Wald und Hunsrück-Hochwald, im Saarland und in der Nähe von Lübeck. In den untersuchten Waldbeständen hatten die Forschenden zuvor für deutliche Unterschiede gesorgt: Während die eine Hälfte des Waldes so einfältig dicht und dunkel bleiben durfte, wie sie ursprünglich war, schufen sie in der anderen Hälfte teilweise Lücken im Blätterdach und legten unterschiedliche Totholzstrukturen an.

Das zentrale Ergebnis: „Überraschenderweise stellte sich heraus, dass Spinnen, anders als viele andere Artengruppen in heimischen Wäldern, nicht von dieser Strukturvielfalt profitieren“, erklärt Jean-Léonard Stör, der die Bestimmung der Tiere im Rahmen seiner Masterarbeit durchführte. „Dort, wo gezielt Lücken geschlagen wurden und Totholz liegen blieb, sank die Zahl der Spinnenarten um durchschnittlich fünf Arten pro Untersuchungsfläche“, ergänzt Doktorandin Julia Rothacher.

Konkret bedeutet dies:

Individuen: 18.540 erwachsene Spinnen haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit 1404 Bodenfallen an den elf Standorten gesammelt.

Artenreichtum: 206 Arten wurden nachgewiesen, was etwa 20 Prozent der deutschen Spinnenfauna entspricht. Darunter waren auch regional seltene Arten wie der Heide-Sichelspringer (Evarcha laetabunda) im Bayerischen Wald.

Der Wald: ein ökologisches Hochhaus

Zwar führten die Maßnahmen des Würzburger Forschungsteams dazu, dass sich die Zusammensetzung der Spinnengemeinschaft zwischen den einzelnen Untersuchungsflächen deutlich unterschied. Dies reichte jedoch nicht aus, um die Verluste auf lokaler Ebene auszugleichen, was insgesamt zu einer geringeren Spinnenvielfalt auf Landschaftsebene führte. Das auf den ersten Blick überraschende Ergebnishinter diesen Effekten, lässt sich aber recht einfach erklären: „Ein geschlossener Wald mit intaktem Blätterdach gleicht einem ökologischen Hochhaus“, beschreibt Stör den Effekt. „Werden Lücken in den Wald geschlagen, profitieren zwar Arten wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia), die im Erdgeschoss auf lichte Strukturen angewiesen sind, das oberste Stockwerk dieses vielfältigen, dreidimensionalen Jagdreviers wird jedoch buchstäblich abgerissen.“

Gleiches zeigt sich den Daten der Forschenden: In die neuen Lichtungen wandern schnell mobile Wolfsspinnen ein. Dabei handelt es sich jedoch um häufige Generalisten. Die leidtragenden Verlierer sind sesshafte, teils hochspezialisierte Baum- und Stammbewohner wie die Gehörnte Kreuzspinne (Araneus angulatus) oder die Glänzende Sackspinne (Clubiona caerulescens). Sie werden durch den Filter der Waldöffnung lokal aussortiert und die gesamte Spinnengesellschaft verliert so an Variabilität.

Konsequenzen für den Wald der Zukunft

Die Ergebnisse der JMU-Forschenden zeigen, dass ein einseitiger Fokus auf die Maximierung von Waldlücken die Gemeinschaft der Achtbeiner deutlich verändern kann. Gleichzeitig zeichnen sich mitteleuropäische Wälder über weite Bereiche jedoch durch geschlossene Kronendächer aus, wodurch insbesondere licht- und lückenabhängige Arten vieler anderer Organismengruppen in heimischen Wäldern selten und gefährdet sind. Zusammengenommen bedeutet dies für den Naturschutz, dass es keine pauschalen Lösungen geben kann, sondern dass die unterschiedlichen Ansprüche aller Artengruppen gezielt berücksichtigt werden müssen, um die Artenvielfalt in Wäldern zu erhalten.

Universität Würzburg


Originalpublikation:

Jean-Léonard Stör, Julia Rothacher, Marc Cadotte, Anne Chao, Maike Huszarik, Michael Junginger, Lisa Köstler-Albert, Oliver Mitesser, Akira S. Mori, Clara Wild, Jörg Müller: Temperate forest heterogeneity decreases local and landscape-scale spider diversity through habitat filtering despite increasing species turnover, Journal of Animal Ecology, https://doi.org/10.1111/1365-2656.70297

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