VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Menschliche Geburt ist nicht einzigartig schwierig unter Säugetieren

Zebras
Zebrafohlen sind bei der Geburt verhältnismäßig groß und können innerhalb von Minuten stehen sowie der Herde innerhalb einer Stunde folgen. Solch gut entwickelte Nachkommen können das Risiko von Geburtskomplikationen erhöhen. Copyright: Frank E. Zachos

Die menschliche Geburt gilt häufig als einzigartig schwierig und gefährlich. Der Grund: Die Kombination aus aufrechtem Gang und großem Gehirn führt zu einem engen Verhältnis zwischen Kind und Geburtskanal. Forschungen an der Universität Wien zeigen nun, dass viele andere Säugetiere – von Haustieren bis zu wild lebenden Arten – mit ähnlichen Geburtsproblemen und Sterblichkeit konfrontiert sind. Bei manchen Arten treten solche Komplikationen sogar ebenso häufig auf wie in einigen menschlichen Populationen, wie etwa Jägerinnen und Sammlerinnen ohne moderne medizinische Versorgung. Die Ergebnisse legen nahe, dass schwierige Geburten kein ausschließlich menschliches Phänomen sind.

Die menschliche Geburt wird seit Langem als besonders schwierig angesehen. Eine gängige Erklärung ist das sogenannte "obstetrische Dilemma": Der aufrechte Gang und das große Gehirn des Menschen führen zu einem engen Verhältnis zwischen Kind und mütterlichem Becken. Dies gilt als Grund dafür, dass Geburten beim Menschen besonders riskant sind. Diese Annahme wurde jedoch bislang kaum anhand von Daten zu Geburtsergebnissen anderer Säugetiere überprüft.

Blick über den Menschen hinaus

In der neuen Studie wertete Nicole Grunstra vom Department für Evolutionsbiologie der Universität Wien eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten aus und stellte Daten zu Geburtskomplikationen bei Säugetieren zusammen. Die Analyse umfasste Haustiere wie Kühe und Schafe ebenso wie wild lebende Arten unter natürlichen Bedingungen, etwa Robben und Hirsche.

Ziel war es zu klären, ob der Mensch tatsächlich eine Ausnahme darstellt – oder ob schwierige Geburten im Tierreich weiter verbreitet sind.

Geburtskomplikationen bei Säugetieren

Die Ergebnisse zeigen, dass Geburtsprobleme nicht auf den Menschen beschränkt sind. Sie treten bei vielen plazentalen Säugetierarten auf, auch in freier Wildbahn, wo die natürliche Selektion solche Risiken eigentlich verringern sollte. Selbst bei Walen und Delfinen kann es vorkommen, dass Kälber während der Geburt stecken bleiben – obwohl diesen Arten ein knöchernes Becken fehlt.

Bei einigen Arten, wie beispielsweise Hirschen und Antilopen, sind die Raten von Geburtskomplikationen und weiblicher Sterblichkeit mit denen beim Menschen, etwa Jägerinnen und Sammlerinnen ohne moderne medizinische Versorgung, vergleichbar. Auch die Formen der Geburtsstörungen und ihre Ursachen ähneln sich. Ein enges Verhältnis zwischen Fötus und Geburtskanal findet sich beispielsweise häufig bei Arten, die große und weit entwickelte Jungtiere zur Welt bringen, etwa bei Affen, Huftieren und Elefanten. Zudem kann Überernährung dazu führen, dass Föten beim Menschen, bei anderen Primaten und bei Nagetieren besonders groß werden.

Warum die Evolution das Problem nicht beseitigt

Wenn Geburtskomplikationen zum Tod von Mutter und Nachwuchs führen können – warum hat die Evolution dieses Problem nicht beseitigt? Die Studie legt nahe, dass hier ein evolutionärer Zielkonflikt besteht. Größere Jungtiere haben oft bessere Überlebenschancen nach der Geburt, sind aber auch schwieriger zur Welt zu bringen. Dadurch entsteht ein schmaler Spielraum: Ist das Neugeborene zu klein, kann es kurz nach der Geburt sterben (z. B. durch Krankheiten); ist es zu groß, kann es während der Geburt sterben.

Bei Arten, die mehrere – meist kleinere – Jungtiere gleichzeitig bekommen, etwa Hunde oder Schweine, zeigt sich ein weiterer Zielkonflikt. Sowohl sehr kleine als auch sehr große Würfe erhöhen das Risiko von Geburtskomplikationen. Kleine Würfe führen zu größeren Jungtieren, die stecken bleiben können, während große Würfe viele kleine Föten umfassen, die ungünstig liegen und den Geburtskanal blockieren können.

Diese Muster erklären, warum Geburtsprobleme selbst in natürlichen Populationen bestehen bleiben.

Eine neue Perspektive auf die menschliche Geburt

Die Ergebnisse ordnen die menschliche Geburt in einen breiteren evolutionären Zusammenhang ein. Statt einzigartig schwierig zu sein, folgt sie offenbar einem biologischen Muster, dass viele Säugetiere teilen. Beim Menschen ergibt sich das enge Verhältnis zwischen Kind und Geburtskanal aus der Kombination eines großen Gehirns mit einem an den aufrechten Gang angepassten Becken, während andere Arten vor eigenen Herausforderungen stehen. Kühe, Pferde und Hirsche müssen ihre Jungen beispielsweise mit Kopf und Vordergliedmaßen gleichzeitig durch ein relativ unflexibles Becken zur Welt bringen.

Die Studie stellt langjährige Annahmen infrage und unterstreicht den Wert des Vergleichs zwischen Menschen und anderen Arten. Sie rückt die menschliche Geburt aus der Rolle einer Ausnahme heraus und zeigt sie als Teil einer umfassenderen evolutionären Landschaft, in der Geburten für Säugetiermütter und ihren Nachwuchs riskanter sind als oft angenommen.
 

Universität Wien


Originalpublikation:

Grunstra, Nicole D. S. Humans are not unique: difficult birth is common in placental mammals. Biological Reviews, 2026. DOI: 10.1002/brv.70174, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/brv.70174

weitere VBIO News
Freischwimmende Zebrafischlarven

Auch Fische machen tagsüber ein Nickerchen

Weiterlesen
Grafik

KI-Modell macht Entwicklungswege biologischer Zellen nachvollziehbar

Weiterlesen
Cryo-EM-Struktur des Komplexes

Doppelt hält besser: Molekularer Kleber bindet Krebsproteine an zwei Abbausysteme gleichzeitig

Weiterlesen