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Wilde Kapuzineraffen bevorzugen Steine, die sich beim Nüsseknacken bereits bewährt haben

Dieser Kapuzineraffe knackt eine Cashewnuss mit "experimentellen Steinen". Dazu legt er die Nuss auf einen weichen Amboss und schlägt mit einem harten Hammerstein darauf.
Dieser Kapuzineraffe knackt eine Cashewnuss mit "experimentellen Steinen". Dazu legt er die Nuss auf einen weichen Amboss und schlägt mit einem harten Hammerstein darauf. Copyright: © Tiago Falótico

Wilde Kapuzineraffen orientieren sich bei der Auswahl von Steinwerkzeugen nicht allein an physikalischen Merkmalen, sondern berücksichtigen auch sichtbare Hinweise auf eine frühere Nutzung. Forschende untersuchten in einer neuen Studie, wie nussknackende Kapuzineraffen zwischen Steinen unterschiedlicher Härte und Optik wählen und ob Hinweise auf frühere Nutzung – erkennbar an Schlagspuren – einen größeren Einfluss auf die Auswahl haben als die intrinsischen Materialeigenschaften eines Steins. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kapuzineraffen aus den bleibenden Spuren lernen können, die andere Tiere in ihrem Umfeld hinterlassen haben, ohne die Nutzung der Werkzeuge selbst beobachtet zu haben.

Eine neue Studie liefert experimentelle Belege dafür, dass sich wilde Kapuzineraffen bei der Auswahl von Steinwerkzeugen nicht allein an physikalischen Merkmalen orientieren, sondern auch sichtbare Hinweise auf eine frühere Nutzung berücksichtigen. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität São Paulo untersuchten, wie nussknackende Kapuzineraffen zwischen Steinen unterschiedlicher Härte und Optik wählen und ob Hinweise auf frühere Nutzung – erkennbar an Schlagspuren – einen größeren Einfluss auf die Auswahl haben als die intrinsischen Materialeigenschaften eines Steins.

Das Team untersuchte zwei wilde Populationen von Rückenstreifen-Kapuzinern (Sapajus libidinosus) in Brasilien und präsentierte den Tieren in drei experimentellen Aufgaben standardisierte Steine. Bei jeder Aufgabe konnten die Affen zwischen unbenutzten, unmodifizierten Steinen und solchen mit sichtbaren Spuren früherer Nussknack-Aktivitäten wählen.

Material und Aufgabe im Einklang

In der ersten Aufgabe, bei der alle Steine unbenutzt waren, wählten die Affen durchgängig unterschiedliche Materialien für unterschiedliche Zwecke: Weichere Steine dienten als Ambosse, härtere Steine als Hammersteine. Dies deutet darauf hin, dass Kapuzineraffen ein Verständnis dafür haben, wie sich Materialeigenschaften auf die mechanische Funktion auswirken.

„Überraschend war, wie konsequent die Affen allein anhand der Härte zwischen den verschiedenen Steinarten unterschieden – ganz ohne erkennbare vorherige Nutzung“, sagt Johanna Henke-von der Malsburg, Erstautorin der Studie und ehemalige Postdoc-Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Inzwischen ist sie als Postdoc am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie tätig. „Das legt nahe, dass die Auswahl der Steine nicht bloß eine Gewohnheit ist, sondern ein echtes Bewusstsein der Tiere für die physikalischen Anforderungen der Aufgabe widerspiegelt.“

Wenn Nutzungsspuren die Wahl bestimmen

In einem zweiten Experiment hatten die Affen die Wahl zwischen einem vollständig unbenutzten Nussknackplatz und einem Platz, an dem sich bereits abgenutzte Steine und zerbrochene Nussschalen befanden. Sie bevorzugten den bereits genutzten Platz deutlich und wählten dort weiterhin weichere Ambosse und härtere Hammersteine sowie Steine mit sichtbaren Abnutzungsspuren.

In der dritten Aufgabe wurden unbenutzte und gebrauchte Steine direkt einander gegenübergestellt. Hier verschob sich das Muster: Bei den Ambossen bevorzugten die Affen Steine mit Spuren früherer Nutzung gegenüber der Materialhärte – sie entschieden sich für gebrauchte Steine, selbst wenn diese aus mechanischer Sicht nicht die optimale Wahl darstellten. Bei den Hammersteinen zeigte sich hingegen keine klare Präferenz hinsichtlich der Härte, sobald sichtbare Nutzungsspuren ins Spiel kamen.

„Das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie soziale Informationen die individuelle Bewertung physikalischer Eigenschaften überschreiben können“, erklärt Lydia Lunz, Seniorautorin der Studie und Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Die Affen mussten nicht beobachten, wie ein anderes Individuum eine Nuss knackt. Die zurückgebliebenen Spuren – die Schäden am Stein – reichten aus, um ihre Entscheidung zu beeinflussen. Das ist eine subtile, aber wirkungsvolle Form des sozialen Lernens.“

Lernen aus Spuren statt aus Beobachtungen

Die drei Experimente zeigen zusammen, dass soziales Lernen bei wilden Kapuzineraffen nicht immer die direkte Beobachtung des Verhaltens eines anderen Individuums voraussetzt. Stattdessen können dauerhafte physische Spuren – etwa abgenutzte Steine und zurückgelassene Nuss-Schalen – Informationen darüber vermitteln, wie und wo eine Aufgabe in der Vergangenheit erfolgreich ausgeführt wurde.

Diese Art der indirekten sozialen Informationsweitergabe könnte eine bedeutende, bislang jedoch oft übersehene Rolle bei der Übermittlung und dem Erhalt von Werkzeugtraditionen über Generationen hinweg spielen. Dadurch ist es möglich, dass sich Verhaltensweisen auch ohne direktes Lehren oder Nachahmen fortsetzen und verbreiten.

Neue Perspektiven für die Archäologie

Die Ergebnisse könnten auch Archäologinnen und Archäologen, die frühe Fundstätten von Homininen untersuchen, neue Interpretationsansätze liefern. Bislang wurden Ansammlungen veränderter Steine an bestimmten Orten vor allem im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Rohmaterialien oder die praktischen Anforderungen an die jeweilige Aufgabe interpretiert. Die vorliegende Studie legt jedoch einen zusätzlichen Faktor nahe: Die Anwesenheit von sichtbar veränderten, bereits genutzten Steinen könnte frühe Homininen aktiv dazu motiviert haben, bestimmte Orte erneut aufzusuchen und die vorhandenen Materialien wiederzuverwenden.

„Wenn sich heutige wilde Primaten von den Belegen früherer Werkzeugnutzung leiten lassen, stellt sich die wichtige Frage, wie frühe Homininen zu ihren zurückgelassenen Werkzeugen und bearbeiteten Steinen gestanden haben könnten“, sagt Lunz. „Die archäologische Landschaft selbst könnte als eine Art externes Gedächtnis gedient haben, das beeinflusste, wo und wie sich Werkzeugtraditionen entwickelten und erhalten blieben.“

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Johanna Henke-von der Malsburg et al.: Social cues on stone tools outweigh raw material properties in wild primate, Proceedings of the Royal Society B, 5 August 2026, https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0416

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