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Schnell entscheiden oder gründlich abwägen?

Großer Fadenmaulbrüter
Großer Fadenmaulbrüter, © Adrian Indermaur

Forschende haben untersucht, wie zwei eng verwandte Buntbarscharten, die im Tanganjikasee nebeneinander leben, in einfachen und komplexen Szenarien Entscheidungen treffen. Während beide Arten bei einfachen Aufgaben ähnliche Präferenzen zeigen, unterscheiden sich ihre Entscheidungen, wenn sie mit komplexeren Wahlmöglichkeiten konfrontieret werden. Die Studie verdeutlicht, wie flexibel und komplex Entscheidungsprozesse in Tieren sind und wie sich diese evolutionär entwickelt haben.

Warum treffen zwei Individuen, die dieselben Information zu Verfügung haben manchmal völlig unterschiedliche Entscheidungen?

Bekannt wurde diese Frage durch den Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der in seinem Buch „Thinking, Fast and Slow“ den Kontrast zwischen schnelleren, intuitiven Entscheidungen und langsamerem, überlegterem Denken in Menschen untersuchte.

Wissenschaftler, die Wildfische im Tanganjikasee untersuchen, haben jetzt eine auffällige Parallele zu dieser Arbeit entdeckt. In mehr als 5.000 Unterwasserversuchen haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, der Université Clermont Auvergne und des französischen Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung die Entscheidungsfindung zweier nah verwandter Arten von Federflossen-Buntbarschen untersucht. Die Fische verhielten sich bei einfacheren Entscheidungen zwar identisch, bei komplexeren Wahlmöglichkeiten traf eine der beiden Arten jedoch schnelle, entschlossene Entscheidungen, während die andere Art den Entscheidungsfindungsprozess verlangsamte und scheinbar mehr Informationen verarbeitete, bevor es zu einer Entscheidung kam. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Evolution oder die Lebensgeschichte nicht nur beeinflussen kann, wofür sich Tiere entscheiden, sondern auch, wie sie Entscheidungen treffen.

Zwei verschiedene Denkweisen

Die Wissenschaftler untersuchten männliche Exemplare von Aulonocranus dewindti, dem „Uferbuntbarsch“, und Cyathopharynx furcifer, dem „Großer Fadenmaulbrüter“ – zwei Buntbarscharten, die aufwendige Sandnester bauen, um Weibchen anzulocken. Männchen sind akribische Haushälter, die jeden Fremdkörper, der in ihre Nester gelangt, sofort entfernen. Mithilfe dieses natürlichen Verhaltens können Wissenschaftler die Entscheidungsfindung der Fische untersuchen, indem sie sorgfältig gestaltete, 3D-gedruckte Objekte in die Nester legen und aufzeichnen, welche Gegenstände zuerst entfernt werden.

Dabei wurde zunächst klar, dass beide Arten grundsätzlich dieselben Präferenzen teilen und sich bei einfachen Entscheidungen in Bezug auf Farbe und Größe der Objekte identisch verhalten. Größere Objekte wurden dabei beispielsweise stets zuerst entfernt. Beide Arten entfernten zudem bevorzugt ein Objekt, dessen Farbe sich von der Gruppe abhob – eine kognitive Verzerrung, die darauf hindeutet, dass die Aufmerksamkeit der beiden Arten in einfachen Situationen ähnlich gelenkt wurde. Diese kognitive Verzerrung, die als „Oddity-Effekt“ bezeichnet wird, ist den Autoren zufolge auch beim Menschen zu beobachten.

Im nächsten Schritt erschwerten die Wissenschaftler die Entscheidungen, indem die Fische gezwungen wurden, verschiedene Merkmale gegeneinander abzuwägen. So hatte ein Objekt möglicherweise die bevorzugte Farbe, war aber gleichzeitig kleiner, während ein anderes Objekt größer war, dafür aber eine weniger attraktive Farbe aufwies.

In diesem Fall zeigten die Arten unterschiedliche Verhaltensweisen.

Der Blaue Federflosser traf weiterhin schnelle, entschlossene Entscheidungen, die ausschließlich auf einem der Merkmale beruhten. Der Goldene Federflosser wies hingegen keine Präferenz zwischen den Alternativen auf und brauchte für seine Entscheidungen deutlich länger. Während der Goldene Federflosser durch die höhere Komplexität der Aufgaben mehr Zeit brauchte, um zu einer Entscheidung zu gelangen, wurde der Blaue Federflossler sogar schneller.

„Es war entscheidend, dies an zwei gut vergleichbaren Arten zu untersuchen“, sagt Hauptautor Dr. Maëlan Tomasek, der die Forschung im Rahmen seiner Doktorarbeit an der UCA und am MPI-AB durchgeführt hat. „Sie konnten dieselben Dinge sehen, waren gleichermaßen motiviert und waren sich einig, wenn die Entscheidungen einfach waren. Erst als wir die Entscheidungen anspruchsvoller gestalteten, gingen ihre Meinungen plötzlich auseinander. Ehrlich gesagt war das eine Überraschung. Warum sollten sich zwei so eng verwandte Arten in komplexen Situationen so unterschiedlich verhalten?“

Was „unterschiedliches Denken“ bedeutet

Dieser Kontrast spiegelt Erkenntnisse aus der menschlichen Psychologie wider, doch die Wissenschaftler betonen, dass sie nicht behaupten, Fische würden über menschenähnliche Versionen von Kahnemans „schnellem“ und „langsamem“ Denken vefügen.

„Der Vergleich ist naheliegend, weil das zugrunde liegende Problem dasselbe ist“, sagt Mitautor Dylan Naceur, Doktorand der kognitiven Psychologie an der UCA, dessen Forschungsschwerpunkt auf der menschlichen Aufmerksamkeit liegt. „Jedes Gehirn verfügt nur über begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen, daher muss es entscheiden, welche Informationen Vorrang erhalten sollten. Menschen und Fische denken zwar vielleicht nicht auf dieselbe Weise, aber beide stehen vor derselben kognitiven Herausforderung, aus einer komplexen Welt die relevantesten Informationen herauszusuchen.“

Um zu testen, ob die Art, die langsamere Entscheidungen trifft, in komplexeren Situationen verwirrt wird, griffen die Forscher auf ein weiteres klassisches Experiment aus der menschlichen Entscheidungsforschung zurück: die „Decoy-Effekt“-Aufgabe. Der Decoy-Effekt ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen ihre Präferenz zwischen zwei Optionen ändern, nachdem eine dritte, minderwertige Option eingeführt wird. Diese kognitive Verzerrung wird im Marketing häufig genutzt, um menschliche Entscheidungen zu beeinflussen.

Als die Fische der „Decoy-Effekt“-Aufgabe unterzogen wurden, behandelte der Goldfederflosser die beiden Hauptalternativen weiterhin als gleich attraktiv, während er die minderwertige Option weitgehend ignorierte. „Er hat tatsächlich mehrere Merkmale abgewogen, anstatt zufällig zu wählen, und er traf rationale Entscheidungen, was vielen Menschen bei derselben Aufgabe nicht gelingt“, fügt Tomasek hinzu, der mittlerweile als Postdoktorand an der Monash University in Australien tätig ist.

Anders – nicht besser oder schlechter

Die Ergebnisse legen die vielfältigen kognitiven Strategien offen, die von Tieren – selbst von eng verwandten Arten – genutzt werden; dennoch mahnen die Autoren zur Vorsicht bei der Interpretation dieser Unterschiede. „Die vergleichende Kognitionsforschung hat sich oft darauf konzentriert, Arten nach ihrer kognitiven Begabung, ihrer ‚Klugheit‘, einzustufen“, sagt die Co-Seniorautorin Dr. Valérie Dufour, Forschungsdirektorin für Sozial- und Kognitionspsychologie an der UCA und am CNRS. „Unsere Ergebnisse legen eine andere Perspektive nahe. Eng verwandte Arten lösen möglicherweise genau dasselbe Problem mit unterschiedlichen kognitiven Strategien, wobei die eine Strategie nicht unbedingt besser ist als die andere. Manchmal ist es besser, schneller zu entscheiden. Manchmal ist es besser, alle Informationen zu berücksichtigen. Das Verständnis dieser Strategien könnte wichtiger sein als der Versuch, abstrakte Intelligenz an sich zu messen.“

Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, um die Ursache für die Unterschiede zwischen den Arten zu ermitteln. Die Unterschiede in der Entscheidungsfindung könnten tatsächlich auf unterschiedliche Lebenserfahrungen zurückzuführen sein, aber auch auf evolutionäre Unterschiede. Sollte sich die zweite Alternative als zutreffend erweisen, so argumentieren die Autoren, würde dies viel über die Evolution der Intelligenz aussagen.

„Die Evolution führt nicht dazu, dass Tiere immer komplexere Entscheidungsprozesse entwickeln“, sagt Co-Seniorautor Dr. Alex Jordan, unabhängiger Gruppenleiter am MPI-AB. „Vielmehr verbessern sie ihre Anpassung an die Umgebungen und Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen. Das bedeutet: Wenn einfache Lösungen funktionieren, müssen sie nicht durch kompliziertere Regeln ersetzt werden. Hier haben wir zwei Lösungen, die aus unterschiedlichen Gründen zu funktionieren scheinen. Die eine berücksichtigt vor der Entscheidung einen breiten Kontext, während sich die andere schnell auf das Wesentliche konzentriert. Sie gehen von denselben Fähigkeiten aus, doch es scheint, als habe die Evolution die Entscheidungsregel so verändert, dass ähnliche Probleme auf unterschiedliche Weise gelöst werden.“ Warum das so sein könnte und welche Vorteile die jeweilige Strategie bietet, bleibt laut den Autoren eine Frage für zukünftige Forschungsarbeiten.

Die Arbeit zeigt zudem, dass anspruchsvolle kognitive Experimente, die ursprünglich für die Humanpsychologie entwickelt wurden, auch an Wildtieren in ihrer natürlichen Umgebung durchgeführt werden können. Anstatt in Gefangenschaft lebende Tiere auf künstliche Aufgaben zu trainieren, nutzten die Forscher ein Verhalten, das die Fische täglich ganz natürlich zeigen: die Reinigung ihrer Nester.

Die Autoren hoffen, dass die Studie eine engere Verbindung zwischen Psychologie, Evolutionsbiologie und Tierkognition fördert, indem natürliche Systeme genutzt werden, um nicht nur zu verstehen, ob Tiere denken, sondern auch, wie sie dies tun.

Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie


Originalpublikation:

M. Tomasek et al.: Decision rules diverge between sympatric Featherfin cichlids despite shared preferences, ecology, and evolutionary history, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (33) e2620602123, https://doi.org/10.1073/pnas.2620602123 (2026). 

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