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Rätsel der verzweigten Meereswürmer gelöst

Mikroskopaufnahme der neu identifizierten Gattung Cladosyllis
Mikroskopaufnahme der neu identifizierten Gattung Cladosyllis, gefunden in Okinawa, Japan. Es zeigt die Antenne (mit „an“ gekennzeichnet), den dorsalen Cirrus („dc“) – eine haarartige Sinnesstruktur, die dem Wurm zum Tasten dient, seinen Augenfleck („ey“) und ein Parapodium – einen von hunderten fleischigen Auswüchsen, die dem Wurm beim Tasten, Kriechen und Schwimmen helfen („pa“). Foto: Maria Teresa Aguado Molina

Verzweigte Meereswürmer gehören zu den außergewöhnlichsten Lebewesen im Tierreich. Ihr Merkmal: Hinter dem Kopf teilen sie sich baumartig in mehrere Enden auf. Die Entwicklung dieser ungewöhnlichen Tiere war lange Zeit ein Mysterium. Jetzt hat ein internationales Forschungsteam ihre Evolutionsgeschichte rekonstruiert und dabei zehn neue Arten entdeckt.

Verzweigte Meereswürmer sind weltweit in verschiedenen Meeresregionen verbreitet – von Flachwassergebieten bis hin zu Tiefen von bis zu 1.000 Metern. Dort leben sie im Inneren von Meeres-Schwämmen, wo sie sich dank ihres einzigartigen Körperbaus optimal aufhalten können. Über ein Jahrhundert lang wurden die verzweigten Würmer als eine einzige Art klassifiziert. Jetzt identifizierten die Forschenden jedoch zwei Hauptlinien: Die Gattung Ramisyllis und die völlig neue Gattung, Cladosyllis. Außerdem klassifizierte das Team dreizehn verschiedene Formen, darunter mindestens zehn vermutlich völlig neue Arten. Möglich gemacht hat das die Kombination von DNA-Sequenzierungen von Museumsexemplaren mit neu gesammelten Exemplaren und detaillierten anatomischen Analysen.

„Diese Sammlungen sind wertvolle Ressourcen, die stetig neue Entdeckungen hervorbringen“, erklärt Prof. Maria Teresa Aguado, wissenschaftliche Kuratorin des Biodiversitätsmuseum an der Universität Göttingen und Leiterin der Studie. Mitautor Dr. Ekin Tilic vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt fügt hinzu: „Einige der Schwämme, in denen sich verzweigte Würmer versteckten, stammten aus der Senckenberg-Sammlung und reichen bis ins Jahr 1914 zurück. Mithilfe der Mikro-CT-Bildgebung konnten wir Würmer freilegen, ohne die Schwämme zu beschädigen – moderne Techniken helfen uns dabei, verborgene Artenvielfalt in jahrhundertealten Sammlungen wiederzuentdecken.“

Doch wie entstand diese Vielfalt? Dr. Guillermo Ponz Segrelles, ehemaliger Forscher an der Autonomen Universität von Madrid und Mitautor der Studie, erklärt: „Wir haben gezeigt, dass der Stammbaum von verzweigten Würmern – genau wie ihre Körper – viele Verästelungen aufweist. Jede davon ist eng mit einer bestimmten Schwammart verbunden. Es ist also die Art des Wirtes, welche die Evolution von verzweigten Würmen maßgeblich geleitet hat.“

Die Forschung löst damit nicht nur das Rätsel um die Klassifizierung der bizarren Lebewesen, sondern liefert auch neue Einblicke in die Evolution tierischer Körper im Allgemeinen: Alle verzweigten Würmer stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab, was bedeutet, dass sich ihre außergewöhnliche Körperarchitektur ein einziges Mal entwickelt hat. Die beiden Hauptlinien bildeten dann ihre Verzweigungen auf unterschiedliche Weise – ein Zeugnis für die Flexibilität der Evolution. Die Forschenden gehen davon aus, dass noch viele weitere Arten verzweigter Würmer unentdeckt sind, und dass diese Tiere ein wichtiges Modell für die Entschlüsselung der Evolution komplexer Körperformen, der Symbiose und der Artenvielfalt in marinen Ökosystemen darstellen könnten.

Universität Göttingen


Originalpublikation:

Aguado Molina, MT et al.: Many Branches, One Lineage: Museomic Insights into the Diversity and Evolution of Branching Syllid Worms. Zoological Journal of the Linnean Society (2026). DOI: http://10.1093/zoolinnean/zlag120

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