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Wie Schutzgebiete wirklich schützen: Leopoldina-Diskussionspapier zu wirksamen Strategien zum Erhalt der Artenvielfalt

Hände schützen den Globus
Wie Schutzgebiete wirklich schützen, Bild: Pixabay

In Deutschland herrscht kaum noch Wildnis. Lediglich 0,6 Prozent der deutschen Landfläche ist in Nationalparks geschützt. Und in den fünf Nationalparks in Nord- und Ostsee ist nur rund ein Prozent der Fläche von der Nutzung ausgenommen. Dabei dienen gerade solche unberührten Gebiete seltenen Arten als Lebensraum. Doch auch Kulturlandschaften wie der Spreewald oder die Schwäbische Alb tragen zum Artenschutz bei. Je nach Landschaft und Schutzziel müssen unterschiedliche Maßnahmen etabliert werden, damit Schutzgebiete die bestmögliche Wirkung entfalten können, so die Autorinnen und Autoren eines Diskussionspapiers der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. 

Unter dem Titel „Schutzgebiete – Für eine wirkungsvollere Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt“ empfehlen sie dafür verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, klare Ziele und ein wirksames Management.

Mit dem globalen Naturschutzabkommen von Kunming-Montreal 2022 haben sich auch die Europäische Union und Deutschland verpflichtet, bis zum Jahr 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam zu schützen. Auf EU-Ebene wurde dafür die Verordnung über die Wiederherstellung der Natur verabschiedet. Die Autorinnen und Autoren des Diskussionspapiers legen dar, wie Deutschland in der Umsetzung hinter den Vereinbarungen zurückbleibt – sowohl bei der Ausweisung neuer als auch beim Erhalt bestehender Schutzgebiete. Denn das Ausweisen von Schutzgebieten ist noch keine Garantie für wirkungsvollen Naturschutz, so die Fachleute. Entscheidend ist vielmehr, wie die einzelnen Schutzgebiete entworfen und verwaltet werden. Unterschiedliche Schutzgebietskategorien wie Nationalparks, Biosphärenreservate oder Fauna-Flora-Habitat-Gebiete verfolgen dabei verschiedene Schutzkonzepte.

Für Schutzgebiete gibt es keine Pauschallösung: Je nach Lebensraum und Schutzziel sind unterschiedliche Maßnahmen notwendig. Zu den wichtigsten Strategien gehören der Prozessschutz und der Schutz der Kulturlandschaft. Im Prozessschutz soll die Natur sich selbst überlassen werden: Das Gebiet wird aus der Nutzung (durch Jagd, Fischerei, Infrastrukturmaßnahmen oder Energienutzung) herausgenommen; der Mensch greift nicht in die natürlichen Prozesse ein, abgestorbene Bäume zum Beispiel bleiben im Wald. Im Gegensatz dazu kombiniert der Kulturlandschaftsschutz den Schutzanspruch mit nachhaltiger Nutzung. Die Autorinnen und Autoren des Diskussionspapiers warnen davor, diese unterschiedlichen Konzepte gegeneinander auszuspielen. Stattdessen sollte je nach ökologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entschieden werden, welche Ziele mit welchen Maßnahmen zu verfolgen sind. 

Zahlreiche der in Deutschland heimischen Tier- und Pflanzenarten sind auf Wiesen, Weiden oder Streuobstwiesen spezialisiert. Für den Erhalt solcher Kulturlandschaften ist eine extensive Landwirtschaft unabdingbar. Diese Lebensräume würden sich ohne menschliches Eingreifen in Wälder verwandeln. Prozessschutz wiederum ist für Wälder und Küstengebiete geeignet. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass der Flächenanteil solcher Wildnisgebiete in Deutschland sehr gering ist und so den internationalen Vereinbarungen widerspricht. Um die Zielvorgaben zu erreichen, schlagen sie als ersten Schritt vor, den Anteil ungenutzter Wälder im öffentlichen Eigentum auf zehn Prozent zu erhöhen. Und von den Meeresgebieten sollen ebenfalls zehn Prozent aus der Nutzung herausgenommen werden; Fischerei, Jagd oder Infrastrukturprojekte wären in solchen Nullnutzungszonen untersagt.

Schutzgebiete stehen zudem stark unter dem Einfluss angrenzender Gebiete. Zum Beispiel wirken Insektizide und Düngemittel, die auf intensiv bewirtschafteten Flächen ausgebracht werden, auch in benachbarten Schutzgebieten. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Schutzgebiete den äußeren Faktoren gegenüber resilienter werden müssen. Beispielsweise können Pufferzonen die Resilienz der Schutzgebiete unterstützen. Darüber hinaus sollte der negative Einfluss von Pflanzenschutzmitteln und Düngemittelüberschüssen mit Hilfe von juristischen und politischen Lösungen auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene generell reduziert werden. 

Die Autorinnen und Autoren sprechen sich zudem dafür aus, die Naturschutzgesetze konsequenter anzuwenden. Diese schreiben Managementpläne und ein regelmäßiges Monitoring vor, um zu überprüfen, ob die Schutzgebiete tatsächlich zum Artenschutz beitragen. Wichtig ist insbesondere, im Fall von Nutzungskonflikten die unterschiedlichen Interessen frühzeitig sichtbar zu machen, diese ernst zu nehmen und in einem gut moderierten Prozess tragfähige Lösungen partizipativ zu erarbeiten.

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina


Das Diskussionspapier „Schutzgebiete – Für eine wirkungsvollere Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt“ wurde von Mitgliedern der Leopoldina-Fokusgruppe „Biodiversität – Landnutzung – Klima“ verfasst und ist auf der Website der Leopoldina veröffentlicht: https://www.leopoldina.org/schutzgebiete

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