VBIO

Do-It-Yourself-Biologie (DIYbio)

Unter „Do-it-Yourself Biologie“ (DIYbio) werden Ansätze zusammengefasst, biowissenschaftliche Untersuchungen jenseits der klassischen wissenschaftlichen Strukturen durchzuführen. Die Akteure sind meist biowissenschaftliche Laien, aber auch ausgebildete Biowissenschaftler. Sie bearbeiten in privaten oder öffentlichen Räumen mit kostengünstiger Ausstattung biowissenschaftliche Fragestellungen. Die DiYbio-Bewegung ist weltweit vernetzt und in den USA besonders stark.

 


Do it Yourself Wissenschaft

DiY Science (in diesem Fall: Biowissenschaften) wird häufig als spezielle Form der Citizen Science angesehen. So titelte 2014 eine Studie des Joint Research Centers der EU „From Citizen Science to Do It Yourself Science”. Zur Definition eines “DiY Scientists” gehört demnach, dass diese keine institutionelle Anbindung an Hochschul- oder Firmenlabore haben. Manche Initiativen sind eigenständige Institutionen, zum Beispiel Vereine, andere haben keine formale Struktur. DiY Science findet u. a. in “MakerGaragen”, Hackerspaces, Techshops, Schulen, Garagen und Wohnungen statt. Die DiY-Akteure bastelten, “hacken” und erschaffen Objekte und Systeme neu bzw. ordnen sie neu und in kreativer, unerwarteter Weise neu an. Dabei nutzen sie für gewöhnlich open-source Werkzeuge und orientieren sich am Selbstverständnis, Wissen und Ergebnisse mit anderen zu teilen.


Selbermachen in den Biowissenschaften

Ansprüche und Motive einzelner DIYbio-Akteure - auch "Biohacker"  genannt - sind vielfältig. Sie reichen von der reinen Freizeitbeschäftigung bis hin zur Entwicklung möglicher Geschäftsideen. Gemeinsames Ziel ist es aber, das gesellschaftliche Bewusstsein auf bestehende biotechnologische Praxis zu lenken und interessierten Laien einen Zugang zu wissenschaftlichen Fragestellungen zu ermöglichen. Im Mittepunkt stehen dabei Konzepte und Fragestellungen der Synthetischen Biologie. Die Laien-Forscher organisieren u. a. Projekte zum kostengünstigen Bau von Laborgeräten (z. B. OpenPCR).

So ist es mittlerweile theoretisch möglich, schon für wenige Tausend Euro ein gentechnisches Labor einzurichten. Fortschritte der Molekulargenetik – wie z B. die CRISPR/Cas-Methode – bieten vergleichsweise einfache Verfahren, mit denen DNA gezielt geschnitten und verändert werden kann. Dennoch erfordern viele Experimente ein fundiertes Fachwissen, umfängliche Vorbereitungen und nicht zuletzt die Beachtung des Gentechnikgesetzes, das gentechnische Arbeiten außerhalb von Sicherheitslaboren verbietet.


Demokratisierung der Wissenschaft?

Durch DiYbio erhalten deutlich mehr Menschen Zugang zu Laborplätzen und –geräten um Ihrem Interesse für biowissenschaftliche bzw. biotechnologische Fragen nachzugehen. Damit verbunden ist häufig der Anspruch einer Demokratisierung von Wissenschaft und Forschung. DiYbio könne vor dem Hintergrund sinkender Preise, immer einfacherer Verfahren und Labortechnik werde die Gentechnik zukünftig der Kontrolle öffentlich finanzierter Forschungseinrichtungen, Biotechnologieunternehmen und Großkonzernen entgleiten, hoffen viele Befürworter von DiYbio.

So könnten in DiYbio Laboren auch diejenigen wissenschaftlichen Fragestellungen von gesellschaftlichem Interesse bearbeitet werden, die gerade nicht im Fokus der Forschungsförderung stünden. Außerdem – so die Hoffnung – könnten in den DiYbio-Laboren abseits der eingefahrenen Strukturen neue Denk- und Forschungsansätze entstehen, von denen auch die Wissenschaft profitieren könnte. Letztlich besteht auch hier die Hoffnung, langfristig Forschungsagenden beeinflussen zu können.

Ob die DiYBio-Akteure tatsächlich die Interessen der Gesamtgesellschaft besser repräsentieren als andere Vertreter der Zivilgesellschaft, oder nur eine weitere Interessensgruppe darstellen, sei dahin gestellt. Vertreter der Zivilgesellschaft, die der Biotechnologie im Allgemeinen und der Synthetischen Biologie im Besonderen kritisch gegenüber stehen, sehen sich gleichwohl in einem keineswegs erfreulichen Dilemma. Einerseits möchte man entsprechende Forschung möglichst zurückfahren, zumindest aber noch stärker als ohnehin schon, regulieren. Damit erhöht man aber nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Akteure der DiYbio den regulatorischen Aufwand. Letzteres läuft allerdings dem Ziel der Demokratisierung der Wissenschaft durch stärkere Teilhabe zuwider. Auch fällt es argumentativ schwer, Freiräume für Akteure der DiYbio zu fordern, gleichzeitig aber die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Forschung in umstrittenen Gebieten der Biowissenschaften zur Disposition zu stellen.

Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestages stellt sich in seinem Bericht von 2015 (Langfassung) „die Frage, ob zu einer umfassenden Beteiligung der Gesellschaft am wissenschaftlichen Fortschritt in der Synbio auch die gezielte Unterstützung von Biohackerspaces gehören sollte. Erkundet werden könnten auch Varianten von »Bürgerlaboren«, die enger an Universitäts- oder sonstige Forschungsinstitute angegliedert sind, aber Raum für Ideen der Nutzer lassen“.

Derzeit ist völlig unklar, ob DiYbio die Erwartungen hinsichtlich einer Demokratisierung der Biowissenschaften jemals erfüllen kann.


Sicherheitsaspekte

Nicht selten führen die sogenannten Biohacker ihre Versuche unter unzureichenden biotechnologischen Sicherheitsbedingungen durch. Diskutiert wird daher die Entwicklung einer Hacker-Ethik, die sich an den Grundsätzen der Biologischen Sicherheit orientiert, um nicht in Konflikt mit gesetzlichen Vorgaben zu kommen und die Gefährdung der Beteiligten zu minimieren.
Interne Diskussionen und Projektvorschläge beschäftigen sich daher häufig mit Risikominderung und öffentlicher Wahrnehmung. Beispielsweise ist die Suche nach einem sicheren Modellorganismus ein wichtiges Thema.

Diskutiert wird auch eine Art gestufter „Führerschein“ für DiYbio-Akteure, der grundlegende Techniken einer großen Zahl von Interessenten zugänglich machen würde, während für weitergehende genetische Veränderungen von Organismen ein Biowissenschaftliches Studium Voraussetzung wäre


Regulative Aspekte

Von den Überwachungsbehörden wird die Biohacker-Szene kritisch gesehen, da im Gegensatz zu üblichen Citizen Science-Projekten i.d.R. die unmittelbare Begleitung durch Wissenschaftler fehlt. Untersuchungen mit Mikroorganismen bedürfen einer professionellen Gefährdungsbeurteilung und gentechnische Versuche sind ausschließlich unter Berücksichtigung der Vorschriften der GenTSV in geeigneten und genehmigten Räumlichkeiten durchzuführen. Auch aus dem Ausland importierte „Gentechnik-Baukästen“ unterliegen den Vorschriften des Gentechnikgesetzes. Darauf hat das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 2017 noch einmal ausdrücklich hingewiesen.

Momentan sind die rechtlichen Hürden für Biohacker hoch. Es gibt daher Vorschläge, aus den Reihen der Biohacker, beispielsweise die Sicherheitsstufe 1 des geltenden Gentechnikgesetzes neu zu bewerten. Schon heute könne man Experimente aus den strengen Regelungen heraus nehmen, die etabliert sind und als sicher bewertet wurden. Für diese Experimente sei dann nur noch eine Anmeldung erforderlich.


Der Standpunkt des VBIO

Der VBIO begrüßt DiYbio als eine hervorragende Möglichkeit, breiteren Interessentenkreisen Zugang zur praktischen Arbeit mit modernen molekularbiologischen Methoden zu bieten. Dies fördert durch praktisches „Selber-Tun“ das Verständnis der modernen Biologie und ihrer Methoden und bildet so die notwendige Grundlage für wissensbasierte Bewertungen gesellschaftlich kontrovers diskutierter biowissenschaftlicher Themen.

Wir weisen nachdrücklich darauf hin, dass selbstverständlich auch DiYbio-Labore allen regulatorischen Anforderungen genügen müssen; insbesondere natürlich denjenigen des Gentechnikgesetztes. Hier darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Viele unserer Mitglieder haben umfängliche Erfahrungen mit Einrichtung und Betrieb gentechnischer Sicherheitslabore. Sie können den damit verbundenen, erheblichen organisatorischen Aufwand gut einschätzen. DiY-Labore sind aber im Vergleich zu Forschungsinstitutionen und Unternehmen schlechter erfassbar und kontrollierbar. Vor diesem Hintergrund bestehen Bedenken, dass zumindest einzelne Akteure in einer rechtlichen Grauzone arbeiten bzw. unbeabsichtigt in diese hineingeraten könnten.

Wir unterstützen daher die vom Büro des Bundestagsausschuss für Technikfolgenabschätzung (TAB) angeregte engere Anbindung von Hackerspaces an Hochschulen. So kann eine gewisse Professionalisierung bei gleichzeitig möglichst weitreichender Autonomie erreicht werden. Um diese Konstruktion zu ermöglichen geeignet Finanzierungsmodelle erst noch entwickelt werden.

Auch die Einführung eines gestuften „Führerscheins“ könnte zur Professionalisierung beitragen.

Der VBIO unterstützt auch die von DiYbio-Akteuren erhobene Forderung nach Herausnahme bestimmter gut etablierter Experimente aus dem Sicherheitseinstufung S1, die selbstverständlich nicht nur für den Bereich DiYbio gelten würde. Der VBIO hatte hierzu im Jahre 2010 eine Entbürokratisierung des Gentechnikgesetzes für gentechnische Labore und darin insbesondere Erleichterungen im Bereich von S1-Laboren angeregt.

Weitere Informationen

Synthetische Biologie – die nächste Stufe der Bio- und Gentechnologie
Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag:

‘Do It Yourself Biotechnology’ (DIYBio) for open, inclusive, responsible Biotechnology
Policy Brief des europäischen Projektes "Do it together Science"

Biohacking-Aktivitäten in Europa
Verrschiedene Video-Blogs bei YouTube