Wer im Krankenhaus als Patientin oder Patient ist, vertraut in der Regel den Pflegekräften. Schließlich durchlaufen diese eine Ausbildung und bringen gegebenenfalls mehrere Jahre Berufserfahrung mit. Bei Rossameisen entscheidet nicht die Pflege-Expertise, wer die Patientinnen versorgt: „In den Kolonien gibt es keine spezialisierten ‚Krankenpflegerinnen‘. Vielmehr übernehmen diese Aufgabe Arbeiterinnen, die sich im Übergang von der Brutpflege zur Nahrungssuche befinden“, so Dr. Erik Frank, Seniorautor der Studie und Leiter einer Emmy Noether-Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg. Diese Übergangsphase der Ameisen dauert in der Regel 20 Tage.
Entscheidend sei zudem, wie viele vorherige Interaktionen die Pflegerin mit der verletzten Ameise gehabt habe, sagt Alba Motes-Rodrigo, Co-Autorin von der Universität Lausanne (Schweiz). Dazu zählen soziale Interaktionen wie sich gegenseitig zu säubern oder sich zufällig im Nest zu begegnen und sich gegenseitig zu antennieren, also sich mit den Fühlern abzutasten. Ameisen im Übergang zwischen Innen- und Außendienst streifen durch das ganze Nest und sind dadurch besser vernetzt als andere Artgenossinnen. Die Beobachtungen veröffentlichte das Forschungsteam in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Vollautomatisches Tracking: 660 Ameisen genauestens im Blick
Für die Studie untersuchte das Team sechs Kolonien mit je 110 Ameisen der Art Camponotus fellah, die zur Gattung der Rossameisen zählt und vor allem im Nahen Osten lebt. Mithilfe eines vollautomatischen Trackingsystems konnten die Forschenden über Wochen die Bewegungen und hunderttausende von Interaktionen einer jeden Ameise sowie deren Wundversorgungen genauestens nachvollziehen.
„Wir wissen seit Langem, dass die räumliche Organisation einer Kolonie alltägliche Aufgaben wie Brutpflege oder Nahrungssuche steuert. Unsere Ergebnisse gehen aber noch weiter“, erklärt Dr. Ebi George, Co-Autor von der Universität Lausanne. Sie zeigen, dass auch die alltägliche räumliche und soziale Überschneidung zwischen den Arbeiterinnen vorübergehende Aufgaben wie die lebensrettende Wundversorgung bestimme, führt George aus.
Rossameisen: Meister der Amputation
In einer vorherigen Studie hat Frank mit seinem Team bereits beobachtet, wie Rossameisen Wunden versorgen: Sie amputieren die verletzten Beine ihrer Artgenossinnen, indem sie diese abbeißen und mit antimikrobiellen Stoffen behandeln. Dabei gilt stets die Devise: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Die Ameisen nehmen prophylaktische Amputationen vor. Das schützt nicht nur die Kolonie vor Infektionen, sondern verdoppelt auch die Überlebensrate der verletzten Arbeiterinnen. „Wir konnten damals zeigen, wie die Wunden behandelt werden. Unsere aktuelle Studie zeigt nun, wer sich vorwiegend darum kümmert“, so Frank.
Universität Würzburg
Originalpublikation:
Ebi Antony George, Alba Motes-Rodrigo, Laurent Keller, Erik T. Frank: “Social and Spatial Affinity Drive Wound Care in Ants”; in PNAS, 1. Juli 2026, https://doi.org/10.1073/pnas.2614400123




