VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Elektrosmog stört die Orientierung von Mückenfledermäusen

Die Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) wiegt nur so viel wie eine 20-Cent-Münze, legt auf Wanderungen aber weite Strecken zurück.
Die Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) wiegt nur so viel wie eine 20-Cent-Münze, legt auf Wanderungen aber weite Strecken zurück. Quelle: Christian Giese

Elektromagnetische Störfelder bringen die Orientierung von Mückenfledermäuse durcheinander. Dies hat möglicherweise größere Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere, als bislang gedacht, berichtet ein internationales Forscherteam in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science. 

Welche Effekte die vom Menschen verursachte elektromagnetische Strahlung auf wildlebende Tiere hat, ist kaum bekannt. In einer in der Zeitschrift Science veröffentlichten Studie berichtet ein internationales Team um den Biologen Dr. Oliver Lindecke von der Universität Oldenburg, dass schwache Breitbandstrahlung im Bereich von Langwellen bis Ultrakurzwellen die Orientierung von Mückenfledermäuse durcheinanderbringt. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass elektromagnetisches Rauschen möglicherweise größere Auswirkungen auf das Verhalten von Tieren hat als bislang angenommen“, erklärt Lindecke.

Dass schwacher Elektrosmog, wie er von Haushaltsgeräten oder Radioantennen verursacht wird, den Magnetkompass von Zugvögeln stören kann, ist seit 2014 bekannt. Wie elektromagnetisches Rauschen das Navigationsverhalten anderer Tiere, insbesondere von Säugetieren, beeinflusst, war bislang jedoch wenig erforscht. 

Zu den Tieren, die das Erdmagnetfeld auf ihren Wanderungen nutzen, zählen auch Mückenfledermäuse (Pipistrellus pygmaeus). Das hatte Lindecke 2023 zusammen mit Kollegen von der Bangor University (Großbritannien) und der Universität Lettlands herausgefunden. Nun untersuchte ein Team aus Deutschland, Großbritannien und Lettland, wie die Tiere auf schwache, breitbandige elektromagnetische Störfelder im Frequenzbereich von 10 Kilohertz bis 300 Megahertz reagieren. 

Frühere Studien des Teams hatten gezeigt, dass die wenige Gramm schweren Mückenfledermäuse ihren Magnetkompass nach Möglichkeit bei Sonnenuntergang neu justieren: Sie nutzen den Punkt, an dem die Sonne untergeht, um ihre Flugroute auch später in der Nacht bestimmen zu können. In der aktuellen Studie, die sich über vier Herbst-Zugzeiten von 2021 bis 2024 erstreckte, setzte das Team zunächst 34 Tiere für 30 Minuten schwachem Elektrosmog aus, während diese den Sonnenuntergang beobachteten. Einige Stunden später ließen die Forschenden die Fledermäuse bei Nacht einzeln in einem Feldlabor frei und bestimmten dabei ihre Abflugrichtung. Aus dieser können sie auf die Zugrichtung schließen, da die Tiere die bevorzugte Richtung schon beim Abheben wählen. Die Untersuchungen fanden an der lettischen Ostseeküste statt, einem wichtigen Zuggebiet der Tiere.

Das Team nahm zunächst an, dass elektromagnetisches Rauschen bei Sonnenuntergang verhindern würde, dass die Tiere ihr Kompasssystem neu kalibrieren können. Tatsächlich wählten die Fledermäuse, die dem Rauschen ausgesetzt waren, ihre Abflugrichtung später rein zufällig. Die Tiere aus einer ungestörten Kontrollgruppe flogen hingegen in eine bevorzugte Richtung ab. 

In weiteren Versuchen setzten die Forschenden 28 Fledermäuse einem elektromagnetischen Rauschen erst nach Sonnenuntergang aus. Tatsächlich funktionierte die Orientierung später ebenfalls nicht. Diese Wirkung hielt über mehrere Stunden an, obwohl die Tiere dem Störfeld nur für kurze Zeit und nach ihrer Kompasskalibrierung ausgesetzt waren. 

„Dieser Effekt hat uns sehr überrascht“, sagt Lindecke. „Untersuchungen an Zugvögeln deuten darauf hin, dass deren Magnetsinn sofort wieder funktioniert, wenn kein elektromagnetisches Rauschen mehr vorhanden ist. Wir hatten erwartet, dass der Fledermauskompass kalibriert und von dem Rauschen unbeeinflusst bleiben würde.“ Das Team schließt aus den Feldversuchen, dass Elektrosmog sich möglicherweise auf komplexere Art auf das Verhalten von Tieren auswirkt als bislang gedacht.

Bisher nahm man an, dass elektromagnetische Störfelder, wie sie etwa für Städte typisch sind, wandernde Tiere höchstens unmittelbar beeinträchtigen könnten. Das heißt nur dann, wenn Tiere ihnen während des Zuges nahekommen. „Unsere Ergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass selbst eine kurze Exposition gravierende Auswirkungen haben kann, die länger anhalten als das elektromagnetische Rauschen selbst“, sagt Richard Holland, Professor für Tierverhalten an der Bangor University.

Nach Ansicht der Forschenden zeige der Versuch zudem, dass das Orientierungssystem der Fledermäuse, möglicherweise ihr Magnetsinn, anders auf elektromagnetisches Rauschen reagiert als das der Vögel. Dies könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass der Magnetsinn bei Säugetieren auf andere Weise funktioniert, als man es bislang von einigen Zugvogelarten kennt. Ein nachwirkender Effekt wäre nach den gängigen Modellen, mit denen Forschende den lichtabhängigen Magnetkompass der Vögel beschreiben, nicht zu erwarten, denn diese beruhen auf sehr kurzlebigen quantenphysikalischen Prozessen. 

Lindecke betont, dass sich anhand der Experimente noch nicht abschließend beurteilen lässt, ob zusätzliche natürliche Orientierungsmöglichkeiten in der Umwelt die beobachteten Effekte im freien Flug abmildern würden. Die Forschenden befürchten jedoch, dass zunehmende Urbanisierung und steigende weltweite Verbreitung drahtloser Technik die elektromagnetische Belastung erhöhen und damit das Zugverhalten von Wildtieren künftig zusätzlich beeinflussen könnten. „Die geltenden Grenzwerte sollen uns Menschen schützen, berücksichtigen aber nicht die Tierwelt“, sagt Lindecke. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Wildtiere schon weit unterhalb dieser Schwellen beeinträchtigt werden können.“

Die Studie wurde teilweise durch den Sonderforschungsbereich (SFB) „Magnetrezeption und Navigation in Vertebraten“ der Universität Oldenburg finanziert, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2018 fördert. Lindecke ist dem SFB seit 2021 als Fellow angeschlossen und leitet seit 2023 ein Teilprojekt, das sich auf wandernde Fledermäuse konzentriert.

Universität Oldenburg


Originalpublikation:

Oliver Lindecke et al.: „Disruptive effects of brief radiofrequency noise exposure on migratory bat migration”, Science 28. Mai 2026, DOI: 10.1126/science.adq4418

weitere VBIO News
Menschliche Zelle mit Mitochondrien-Netzwerk (gelb) und Zellkern (blau).

Tempokontrolle bei der mitochondrialen Proteinproduktion entdeckt

Weiterlesen
Grafik Genomic Architecture

VBIO Online-Webinarreihe: „Das Altern und die Kommunikation von zellulärem Metabolismus und Epigenetik“

Weiterlesen
Auge

Wie das Gedächtnis unsere Blicke steuert

Weiterlesen