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Wenn Evolution die Regeln bricht: Eine „Hulk“-Mauereidechse löscht Farbformen aus, die Millionen Jahre überdauert haben

Profilbild einer männlichen Mauereidechse mit „Hulk“-Aussehen.
Profilbild einer männlichen Mauereidechse mit „Hulk“-Aussehen. Copyright: Roberto Garcia-Roa

Ein Evolutionsthriller in Echtzeit: Eine neu auftauchende „Hulk“-Mauereidechse breitet sich von Rom aus – und innerhalb kurzer Zeit kippt ein System, das seit Millionen Jahren stabil war. Aus drei wird eins: Wo „Hulk“ ankommt, verschwinden Gelb und Orange – übrig bleibt fast nur noch Weiß. Die Studie zeigt das Muster anhand von 220 Populationen in Italien.

Seit Millionen von Jahren folgen mediterrane Mauereidechsen denselben Spielregeln. In ihren Populationen zeigen die Männchen eine von drei auffälligen Kehlfarben – weiß, gelb oder orange – und diese Farben sind weit mehr als bloße Zierde. Sie stehen in Verbindung mit Unterschieden im Verhalten, in sozialen Interaktionen und in der Fortpflanzung; sie bilden alternative Strategien, die innerhalb derselben Art nebeneinander bestehen können.

Nun haben Forschende festgestellt, dass diese lange bestehende Vielfalt in großen Teilen Italiens zusammenbricht. Eine neu entstandene Form der Mauereidechse – größer, ausgesprochen aggressiv und mit einem markanten grün-schwarzen Muster – breitet sich seit einiger Zeit aus der Gegend um das heutige Rom heraus aus. Das Team gab ihr wegen ihres Aussehens und ihres Verhaltens den Spitznamen „Hulk“. Doch diese Eidechse hat eine entscheidende Besonderheit: Sie zeigt nur eine Kehlfarbe – weiß.

Auf Grundlage von Daten aus 220 Mauereidechsen-Populationen stießen die Forschenden auf ein eindeutiges Muster: „Überall, wo sich diese grün-schwarzen „Hulk“-Eidechsen ausbreiten, verschwinden die gelben und orangenen Kehlfarben“, sagt der Erstautor Prof. Tobias Uller von der Lund University (Schweden). In mehreren Regionen werden Populationen, die einst alle drei Farbvarianten umfassten, inzwischen von Weiß dominiert – oder sind sogar ausschließlich auf Weiß festgelegt.

Der Verlust beschränkt sich dabei nicht auf die evolutionäre Linie der „Hulk“-Form selbst. Auch in benachbarten Linien, die das grün-schwarze Erscheinungsbild durch Hybridisierung übernommen haben, zeigt sich derselbe Zusammenbruch der Kehlfarbenvielfalt – ein Hinweis darauf, dass sich die evolutionsbiologischen Dynamiken dieser Eidechsen großflächig verändern sobald die neue Form einmarschiert.
Mit anderen Worten: Eine Farbpolymorphie, die sowohl Millionen Jahre Evolution und große Umweltveränderungen – wie etwa Eiszeiten oder das Entstehen des modernen Menschen – überstanden hat, scheint sich nach der Ausbreitung einer einzigen neuen Variante überraschend schnell aufzulösen.

Was treibt diesen Zusammenbruch an?

Um zu verstehen, was hier geschieht, analysierte das Team detaillierte Genomdaten. Die Ergebnisse zeigen: Während sich die grün-schwarze Form ausbreitet, gehen genetische Varianten verloren, die mit gelben und orangenen Kehlfarben verbunden sind.
„Nur weil wir über detailliertes Wissen darüber verfügten, wie die grün-schwarze Form und die Kehlfarbe genetisch kodiert sind, konnten wir die Zusammenhänge herstellen“, sagt Dr. Nathalie Feiner vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Deutschland, die die Studie mitverfasst hat. Es zeigte sich dass es sich nicht um einen einfachen Fall genetischen „Mitziehens“ (genetic hitchhiking) handelt – also kein Szenario, in dem die Kehlfarben-Gene rein physisch an jene Gene gekoppelt sind, die die grün-schwarze Form steuern. Stattdessen sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich das Kräfteverhältnis innerhalb der Population verschiebt – mit Folgen für Konkurrenz und Fortpflanzung.

„Während sich die „Hulk“-Form ausbreitet, scheint sie grundlegend zu verändern, wie Eidechsen miteinander interagieren“, sagt Associate Professor Geoff While von der University of Tasmania, der die Studie leitete. Gesteigerte Aggressivität und Dominanz könnten das soziale Gleichgewicht stören, das zuvor mehrere Farbstrategien nebeneinander bestehen ließ. „Als sich die Regeln des Spiels änderten, brach das Spiel selbst zusammen.“

Warum das wichtig ist

Farbpolymorphismen gelten oft als Lehrbuchbeispiele dafür, wie Evolution Vielfalt über lange Zeiträume erhalten kann – etwa durch frequenzabhängige Selektion, alternative Paarungsstrategien oder wechselnde Umweltbedingungen. Diese Studie zeigt eine unerwartete Gegenperspektive: Selbst sehr alte evolutionäre Gleichgewichte können erstaunlich fragil sein.

Vielfalt, die Millionen Jahre Bestand hatte, kann verschwinden, wenn neue Merkmale – insbesondere solche, die Verhalten und soziale Konkurrenz prägen – die Bedingungen dafür verändern, wer sich durchsetzt, wer sich paart und welche Strategien überleben. Evolution bewahrt nicht immer ein Gleichgewicht – manchmal genügt ein einziger starker Neuankömmling, um es zu brechen.

Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie


Originalpublikation:

Tobias Uller et al. Adaptive spread of a sexually selected syndrome eliminates an ancient color polymorphism in wall lizards. Science391,64-68(2026). DOI: 10.1126/science.adx3708

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