Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat heute ihr neues Jahresgutachten an die Bundesregierung übergeben. Die EFI würdigt darin die Hightech Agenda, mit der die Bundesregierung frühzeitig nach Amtsantritt ein wichtiges Signal gesetzt hat.
Prioritätensetzung statt Gießkannenprinzip
Die EFI-Vorsitzende, Prof. Irene Bertschek vom ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, hebt zudem die Entscheidung der Bundesregierung positiv hervor, einzelne Schlüsseltechnologien zu priorisieren: „Durch die Priorisierung von Schlüssel-technologien ermöglicht die Bundesregierung eine Fokussierung öffentlicher Fördermittel und schafft Orientierung für Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Konsequent umgesetzt, würde auf diese Weise eine Abkehr von der Förderung nach dem Gießkannenprinzip eingeleitet.“
Schlüsseltechnologien haben aufgrund ihres hohen Innovationspotenzials eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und für die Souveränität Deutschlands. Zu den in der HTAD priorisierten Schlüsseltechnologien zählen künstliche Intelligenz (KI), Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie sowie Technologien für klimaneutrale Energieerzeugung und Mobilität.
Schlüsseltechnologien: Stärken in der Forschung, Schwächen in der Anwendung
Um die Leistungsfähigkeit des deutschen F&I-Systems in diesen Schlüsseltechnologien einzuordnen, hat die EFI sowohl die Leistungsfähigkeit in der Forschung anhand wissenschaftlicher Publikationen als auch die Fähigkeit zur Entwicklung von Technologien anhand transnationaler Patentanmeldungen erfasst und international verglichen. Bei KI und Mikroelektronik ist Deutschland relativ schwach positioniert. Das gilt allerdings weniger für die Publikationen als für die Patentanmeldungen.
Eine starke Position bei den Patentierungsaktivitäten nimmt Deutschland dagegen in den Schlüsseltechnologien klimaneutrale Mobilität und klimaneutrale Energieerzeugung ein. Im Bereich der klimaneutralen Mobilität erreicht Deutschland hinter China Platz zwei und im Bereich der klimaneutralen Energieerzeugung hinter China und den USA Platz drei. Allerdings erreicht Deutschland in beiden Technologiebereichen bei Weitem nicht die Entwicklungsdynamik Chinas.
Auch in den Bereichen Mikroelektronik und Biotechnologie weisen die Patentanmeldungen eine geringe Entwicklungsdynamik auf. Deutschland fällt damit in diesen Schlüsseltechnologien gegenüber den meisten Vergleichsländern zurück. „Wir sehen unsere früheren Analysen bestätigt: Die Herausforderungen für Deutschland liegen weniger in der Forschung als vielmehr in der Entwicklung und Anwendung von Schlüsseltechnologien“, betont Bertschek.
Ein ähnliches Muster zeigt sich auf europäischer Ebene. Die EU als Ganzes steht bei den Publikationen in nahezu allen Schlüsseltechnologien an der Spitze, jedoch können die EU-Länder diese Stärke nicht in gleichem Maße in Patentanmeldungen umsetzen. Dieses Phänomen kann nach Auffassung der EFI ein Hinweis auf eine Transferschwäche sein.
Monitoring von Schlüsseltechnologien sollte Anwendungsseite einbeziehen
Die Umsetzung der HTAD wird mit Hilfe eines sogenannten 360-Grad-Hightech-Monitorings begleitet. Dadurch sollen auch die Entwicklungen bei den priorisierten Schlüsseltechnologien transparent gemacht und evidenzbasierte Anpassungen der Förderpolitik ermöglicht werden.
„Beim Monitoring ist es besonders herausfordernd, die Anwendungsseite der Schlüsseltechnologien zu erfassen. Die gängigen Indikatoren geben keine Auskunft darüber, wo und von wem Schlüsseltechnologien eingesetzt werden“, gibt Bertschek zu bedenken. „Die EFI empfiehlt die Anwendungsseite, also die Diffusion der Schlüsseltechnologien, mittels webbasierter semantischer Verfahren systematisch zu untersuchen.“ Für zwei Schlüsseltechnologien der HTAD hat die EFI eine solche Analyse in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse zeigen, dass deutsche Organisationen in geringerem Umfang als französische, britische oder US-amerikanische Organisationen KI anwenden, allerdings bei Aktivitäten im Bereich der alter-nativen Antriebe und klimaneutralen Kraftstoffe an der Spitze stehen.
HTAD als Kommunikationsinstrument nutzen
„Die Hightech Agenda Deutschland wird ihr großes Potenzial nur dann entfalten können, wenn von ihr kräftige Impulse für massive private Investitionen in Forschung und Innovation ausgehen, vor allem in Schlüsseltechnologien“, betont Bertschek. Der Erfolg der Hightech Agenda hängt also nicht allein vom Handeln der Bundesregierung ab. Mitentscheidend ist das Engagement der Unternehmen und Forschungsorganisationen. Diese gilt es zu mobilisieren. „Die Hightech-Agenda ist nicht nur eine Strategie, sondern auch ein Kommunikationsinstrument, das aktiv genutzt werden muss, um die gesetzten Ziele zu erreichen“, konstatiert Bertschek. Voraussetzung dafür ist eine klare und glaubwürdige Kommunikation der HTAD. Und Glaubwürdigkeit erfordert, dass neben Erfolgen auch Verzögerungen offen benannt werden.
Um die Akteure des Forschungs- und Innovationssystems – allen voran die Unternehmen – davon zu überzeugen, dass die HTAD keine unverbindliche politische Absichtserklärung ist, sollte die Bundesregierung die aufgeführten Fördermaßnahmen mit konkreten Angaben zu den Fördermitteln hinterlegen. Durch eine Quantifizierung der Investitionen in einzelne Technologien und Maßnahmen würden die Prioritäten der Bundesregierung noch deutlicher gemacht, was die Verbindlichkeit der Agenda stärken und zur dringend benötigten Mobilisierung der Akteure im Forschungs- und Innovationssystem beitragen könnte.
Zum Gutachten:
https://www.e-fi.de/fileadmin/Assets/Gutachten/2026/EFI_Gutachten_2026_27126.pdf
Expertenkommission Forschung und Innovation
Lesen Sie dazu auch von unserem kooperierenden Mitglied BIO Deutschland:
Biotechnologie-Branche begrüßt Empfehlungen der EFI-Kommission zum Technologietransfer
Die EFI-Kommission macht in ihrem heute vorgestelltem Gutachten 2026 wichtige Empfehlungen, um den Technologietransfer an Hochschulen zu verbessern, und nimmt verschiedene Forderungen der Arbeitsgruppe Technologietransfer des Biotechnologie-Industrie-Verbands BIO Deutschland e. V. auf. Die Rolle des Wissenstransfers als dritte Kernaufgabe („Third Mission“) neben Forschung und Lehre sollte weiter gestärkt werden. Transferaktivitäten müssen als dauerhafte Aufgaben der Hochschulen verstanden und entsprechend aus regulären Budgets finanziert werden, so die Kommission. Eine ganzheitliche, akteursoffene Gesamtstrategie für den Transfer ist wichtig, in der unterschiedliche Transferpfade berücksichtigt werden. Die Verhandlungen um Schutzrechte bei Ausgründungen sollten zudem beschleunigt werden.
Thomas Hanke, Co-Leiter der AG Technologietransfer des BIO Deutschland kommentiert: „Das EFI-Gutachten 2026 befasst sich mit dem sehr wichtigen Thema Technologietransfer. Gerade in der Biotechnologie, einer der Schlüsseltechnologien der Hightech-Agenda, sind Ausgründungen aus der akademischen Forschung als Innovationsmotor unersetzbar. Deshalb muss der Technologietransfer als dritte Säule der Hochschulen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe gestärkt und verstetigt werden. Es gibt schon einige sehr positive Beispiele, wie das gelingen kann. Wichtig ist, die Technologietransferabteilungen an Hochschulen langfristig finanziell gut genug auszustatten, um so auch Expertinnen und Experten mit Industrie-Erfahrung gewinnen zu können.“
Birgit Kerber, ebenfalls Leiterin der AG Technologietransfer, ergänzt: „In der Biotechnologie gibt es zahlreiche Beispiele für den gelungenen Transfer von Forschungsergebnissen aus Hochschulen in die Anwendung, am besten bekannt ist allgemein das Unternehmen BioNTech. Eine ganzheitliche Strategie ist daher sinnvoll, um den Technologietransfer in Deutschland zu verbessern. Dabei ist es besonders wichtig, auf bestehende gut funktionierende Strukturen aufzubauen und diese zu stärken. Beim Technologietransfer hakt es zudem oft beim Transfer von IP, der sich als langwierig gestalten kann. Deshalb plädieren auch wir für standardisierte Prozesse bzw. Modell-Verträge. Allerdings kann es keine one-size-fits-all Lösung für alle Sektoren geben. Aber es lassen sich Leitplanken für Technologien erarbeiten, die IP-Verhandlungen vereinfachen können.“
Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, kommentiert: „Die EFI-Kommission beschäftigt sich erfreulicherweise eingehend mit der Hightech-Agenda und den sechs Schlüsseltechnologien, zu denen die Biotechnologie gehört. Wie die Analyse zeigt, liegt Deutschland bei der Zahl der Patentanmeldungen in der Biotechnologie im internationalen Vergleich relativ abgeschlagen mit kaum Veränderung in den letzten zehn Jahren; ein deutliches Zeichen, dass der Transfer verbessert werden muss. Wir begrüßen die Empfehlungen der Kommission, um die Hightech Agenda erfolgreich in die Praxis umzusetzen.“




