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Globaler Wandel dezimiert das biokulturelle Erbe Amazoniens stärker als vermutet

Im Amazonas-Gebiet, dem wichtigsten Ökosystem der Erde, leben über 400 indigene Gesellschaften, die Tausende von Pflanzen des Regenwaldes nutzen. Ihre Kenntnisse der Flora geben sie vorwiegend mündlich weiter – meist von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern an die Kinder. So bildet sich eine «lebende Bibliothek des Wissens» darüber, wie man die einheimische Flora nutzt. Bisher war nicht bekannt, wie dieser Wissensschatz durch die Kombination von Klimawandel und Sprachensterben beeinflusst wird. Eine Studie der Universität Zürich (UZH) liefert nun erstmals wissenschaftlich fundierte Zahlen zum Einfluss des globalen Wandels auf das biokulturelle Erbe des Amazonas-Gebiets.

Im Bild tragen Macuna-Männer frisch geerntete Früchte  der Pfirsichpalme (Bactris gasipaes) in ihr Dorf im kolumbianischen Amazonas-Gebiet nahe des Apaporis-Flusses.

Im Bild tragen Macuna-Männer frisch geerntete Früchte der Pfirsichpalme (Bactris gasipaes) in ihr Dorf im kolumbianischen Amazonas-Gebiet nahe des Apaporis-Flusses. (Foto: Rodrigo Cámara Leret)

Um den Wert des biokulturellen Erbes des Amazonas-Gebiets zu erforschen, erstellte die Forschungsgruppe um Rodrigo Cámara Leret, Professor für Tropische Pflanzenvielfalt und Ethnobotanik an der UZH, in einem ersten Schritt eine Datenbank, in der sämtliche Berichte zur Nutzung von Pflanzen in den Ländern Amazoniens (Brasilien, Peru, Kolumbien, Bolivien, Ecuador, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana) dokumentiert wurden. Die Forschenden arbeiteten dabei mit Dr. Patrick Roehrdanz vom Moore Center for Science, Conservation International, USA, zusammen. Studienleiter Rodrigo Cámara Leret zur Bedeutung der Datenbank: «Die Studie hat zum ersten Mal Informationen aus 700 Quellen aus einem Zeitraum von mehr als 500 Jahren zusammengestellt. Wir konnten feststellen, dass die Völker des Amazonas-Gebiets mindestens ein Drittel der bekannten Pflanzenarten der Region nutzen.» In absoluten Zahlen sind das 5796 Pflanzenarten.

5796 Pflanzenarten werden genutzt
Obwohl die Datenbank einen grossen Fortschritt darstellt, werden weitere ethnobotanische Feldforschungen zweifellos zu bemerkenswerten neuen Entdeckungen führen, ist Cámara Leret überzeugt. «So konnten wir beispielsweise dank unserer partizipativen Zusammenarbeit mit dem indigenen Volk der Cacua eine neue Kronenpalmenart beschreiben, die der Wissenschaft bislang unbekannt war, obwohl sie vor Ort reichlich vorkommt und von den Cacua seit langem schon als zentral für ihre Ernährungssicherheit erachtet wird.»

Generell ist die Flora für die indigenen Gesellschaften in vielerlei Hinsicht wichtig: als Nahrung (Hülsenfrüchte, Pfirsichpalmen, Patauá-Öl u.v.a.), bei kulturellen Praktiken wie gemeinschaftliche Bräuche oder die Jagd, für Bauten sowie als Heilmittel. «Tabak zum Beispiel ist eine Pflanze, die vielfältig im Alltag genutzt wird», erzählt Cámara Leret. Die Indigenen kauen die Blätter der Tabakpflanze nicht nur als anregende Substanz, sondern verbrennen sie vor dem Betreten des Regenwalds, um die menschlichen Eindringlinge anzukündigen. Der spezielle Geruch soll die Waldgeister besänftigen und gefährlichen Tieren wie Schlangen Zeit für den Rückzug geben. «Solche Alltagsrituale zeugen vom Respekt vor der Natur und dem Wissen um die Abhängigkeit des Menschen vom Regenwald», betont Letztautor Jordi Bascompte, Professor für Ökologie an der UZH. Mehr noch, sie machen die kulturelle Identität der indigenen Gruppen aus – so wie etwa die französische oder italienische Küche identitätsstiftend für die entsprechenden Länder ist.

Ein Drittel weniger genutzte Pflanzen
In einem zweiten Schritt speisten die Forschenden die gesammelten Daten zu den genutzten Pflanzen in 8429 Modelle der Artenverbreitung ein und simulierten die Entwicklung der genutzten Pflanzen auf dem Hintergrund dreier Klimaszenarien des Weltklimarates. Wobei anzumerken ist, dass viele der genutzten Pflanzenarten bereits heute selten und nur in wenigen Gebieten verbreitet sind, wo sie zunehmend von hyperdominanten Arten verdrängt werden. 

Die Forschenden konnten nun zeigen, dass der Klimawandel die Verbreitungsgebiete jener Pflanzenarten, die von Menschen genutzt werden, von 2060 bis 2080 stärker verringern wird als jene von nicht genutzten Pflanzenarten. Konkret heisst dies: Durch den Klimawandel werden indigene Kulturen durchschnittlich 28 bis 34 Prozent der genutzten Pflanzenarten verlieren und 18 bis 23 Prozent der damit verbundenen Ökosystemleistungen.

Das biokulturelle Erbe vermindert sich um 26 Prozent
Durch die Fokussierung auf die genutzten Pflanzen konnten die Forschenden in ihrer Studie die Auswirkungen des Artenverlusts mit dem Sprachensterben in Amazonien kombinieren. Stirbt eine Pflanzenart aus, gehen damit immer auch der indigene Name der Pflanze, deren Anwendungen und Nutzen und das Wissen um die Stellung der Pflanze im Ökosystem Regenwald verloren. Damit schwindet auch nach und nach der wertvolle und identitätsstiftende Wissensschatz über die reichste Flora der Welt. 

Die Studie kann erstmals beziffern, wie stark das biokulturelle Erbe des Amazonas-Gebiets aufgrund des Arten- und Sprachensterbens ab 2060 bis 2080 voraussichtlich geschmälert wird – nämlich um minus 26 Prozent. «Es stellte sich heraus, dass jene Pflanzen, welche die indigenen Gemeinschaften nutzen, stärker verschwinden könnten, als bisher vermutet», sagt Cámara Leret und fügt an: «Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der klimatische Kipppunkt für den Amazonas-Raum nicht nur Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben wird. Er wird auch bereits gefährdete Sprachen verstärkt unter Druck setzen, sodass das einzigartige kulturelle Erbe dieses Lebensraums kaskadenartig in Mitleidenschaft gezogen wird.»

Renaturierung und kulturelle Wiederherstellung
Die Studienergebnisse sollen – zusammen mit dem öffentlich zugänglichen Datensatz – als Leitfaden für die biologische Renaturierung und die kulturelle Wiederherstellung des Wissensschatzes im Amazonas-Gebiet dienen, sagt Cámara Leret. «Wir wollen mit den neuen Erkenntnissen dazu beitragen, die negativen Auswirkungen des globalen Wandels auf Ökosysteme und kulturelle Traditionen zu stoppen oder den Trend gar umzukehren.» Es sei wichtig, zusammen mit den indigenen Gesellschaften vor Ort die schriftliche Dokumentation des Wissens zur Flora in Amazonien weiter voranzutreiben und die Tradition der mündlichen Weitergabe zu erhalten. 

Universität Zürich


Originalpublikation: 
Cámara-Leret, R., Roehrdanz, P.R. & Bascompte, J. The forest of knowledge under global change. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10741-y

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