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Neandertaler in Nordwesteuropa im Fokus

Eingang zu den Höhlen von Goyet in Belgien.
Eingang zu den Höhlen von Goyet in Belgien. Copyright: Mateja Hajdinjak

Eine neue genetische Studie liefert das bislang detaillierteste Bild der Vielfalt später Neandertaler in Nordwesteuropa. Ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnte durch die Analyse von alter DNA, die in Belgien und Frankreich gefundenen Überresten entnommen wurde, die genetischen Verbindungen von 27 Neandertalern rekonstruieren. Diese lebten kurz bevor die Neandertaler vor rund 40.000 Jahren ausstarben. Die Forschenden haben die genetischen Daten von 27 späten Neandertalerfossilien aus Belgien und Frankreich gewonnen – darunter ein Genom mit hoher Abdeckung aus der Goyet-Höhle, das auf ein Alter von rund 45.000 Jahren datiert wird.

Die Forschenden analysierten die Genome von Neandertalern aus zehn archäologischen Fundstätten. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Maasbecken in Belgien, einer Region mit einer hohen Dichte an Fundorten später Neandertaler – also jener Neandertaler, die kurz vor dem Aussterben ihrer Art lebten. Der Datensatz umfasst unter anderem ein neues Genom mit hoher Abdeckung eines vor etwa 45.000 Jahren lebenden Individuums aus der Goyet-Höhle. „Bislang verfügten wir nur über vier hochwertige Neandertaler-Genome sowie eine begrenzte Zahl weniger gut erhaltener Genome. Deshalb waren die meisten Fragen zur regionalen Vielfalt der Neandertaler nur schwer zu beantworten“, sagt Alba Bossoms Mesa, Erstautorin der Studie und Promovierende am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Indem wir genetische Daten von mehreren Individuen aus dem Gebiet des heutigen Belgien und Frankreich gewinnen konnten, können wir späte Neandertaler-Populationen nun wesentlich genauer untersuchen.“

Eine vernetzte, aber vielfältige Population

Frühere Analysen von qualitativ hochwertigen Genomen hatten gezeigt, dass einige Neandertalergruppen – insbesondere jene in der Altai-Region Sibiriens – in kleinen, genetisch isolierten Gemeinschaften lebten. Dabei gab es Hinweise auf Paarungen zwischen nahen Verwandten. In der neuen Studie fanden die Forschenden hingegen keine Hinweise auf solche Paarungen bei diesen späten Neandertalern aus Nordwesteuropa. Stattdessen waren sie Teil einer größeren, breiter vernetzten regionalen Population – ein deutlich anderes Bild als das, was zuvor für Neandertaler in Sibirien beschrieben wurde. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich das Bild aus einer Region nicht einfach auf alle Neandertaler übertragen lässt“, sagt Benjamin M. Peter, Seniorautor der Studie und Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Die späten Neandertaler aus Nordwesteuropa scheinen Teil einer vernetzten regionalen Population gewesen zu sein und nicht kleiner, isolierter Gruppen, in denen es häufig zu Paarungen zwischen nahen Verwandten kam.“

Die Studie offenbart zudem eine komplexere Populationsgeschichte der Neandertaler als bislang angenommen. „Die genetischen Daten zeigen sowohl Vernetzung als auch Komplexität“, sagt Mateja Hajdinjak, Seniorautorin der Studie und Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Die meisten späten Neandertaler aus Nordwesteuropa sind auf Populationsebene eng miteinander verwandt. Einige Abstammungslinien verweisen jedoch auf eine deutlich ältere und vielfältigere Geschichte der Neandertaler.“

Die in dieser Studie untersuchten Neandertaler lebten zu einer Zeit, in der frühe moderne Menschen bereits in Teilen Europas vorkamen. Während genetische Befunde zeigen, dass Neandertaler genetisches Material an frühe moderne Menschen weitergaben, fanden die Forschenden keine Hinweise auf einen Genfluss in umgekehrter Richtung. „Unsere Ergebnisse bestätigen ein auffälliges Ungleichgewicht“, sagt Bossoms Mesa. „Wir finden immer wieder Neandertaler-Abstammung bei frühen modernen Menschen. Bislang haben wir jedoch keine eindeutigen Hinweise auf eine rezente Abstammung von modernen Menschen bei späten Neandertalern gefunden.“

Das Aussterben der Neandertaler neu betrachtet

Das Verschwinden der Neandertaler wurde häufig mit kleinen Populationsgrößen, Paarung zwischen nahe Verwandten und der Anhäufung schädlicher genetischer Varianten in Verbindung gebracht. In der neuen Studie haben die Forschenden diese Theorie überprüft, indem sie das Ausmaß der genetischen Vielfalt und erblichen Belastung in Neandertaler-Genomen aus unterschiedlichen Zeiträumen und Regionen verglichen haben. Zwar wiesen alle Neandertaler eine sehr geringe genetische Vielfalt auf. Die Forschenden fanden jedoch keine Hinweise darauf, dass späte Neandertaler eine zunehmende Last schädlicher Mutationen trugen. Auch im Vergleich zeigte das Genom der Neandertalerin aus Goyet keine geringere Vielfalt als die Genome früherer Neandertaler.

Diese Ergebnisse schließen eine demografische Vulnerabilität zwar nicht aus. Sie stellen jedoch die Vorstellung infrage, dass die Neandertaler vor allem deshalb verschwanden, weil ihre Genome schrittweise degradierten. Stattdessen scheinen die späten Neandertaler in Belgien und Frankreich während einer Phase tiefgreifender ökologischer und demografischer Veränderungen Teil einer vernetzten, genetisch vielfältigen regionalen Population gewesen zu sein.

„Unsere Studie zeigt, wie aussagekräftig alte DNA ist, um Unterschiede zwischen Neandertalerpopulationen mit einer bislang ungekannten Detailgenauigkeit sichtbar zu machen“, sagt Co-Autorin Janet Kelso, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Statt späte Neandertaler als eine einzige, im Niedergang begriffene Population zu betrachten, erkennen wir zunehmend ein komplexeres Bild regionaler Vielfalt, Vernetzung und Populationsgeschichte.“

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Bossoms Mesa, A., Essel, E., Peyrégne, S. et al. Genetic diversity of late Neanderthals in northwestern Europe. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10625-1

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