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Der Insektentaschenrechner: Wie drastisch sich Mähen auswirkt

Wiese und zwei Taschenrechner
Unterschiede zwischen einer ungemähten und einer gemähten Wiese in Darmstadt am 18. Juni (auf Basis des Spaziermodus des Insektentaschenrechners). Bild: Nico Blüthgen

Wie viele Insekten und Spinnen leben in einem Quadratmeter Wiese? Welchen Einfluss haben Menschen auf diese Vielfalt in gemähten Wiesen, Rasenflächen und Straßenrandstreifen? Diese Fragen beantwortet ein neues Online-Tool: Der von Forschenden der TU Darmstadt entwickelte Insektentaschenrechner. 

Der Rechner (https://insektentaschenrechner.de) sagt die Anzahl und Vielfalt von Insekten und Spinnen vorher – und macht dieses Wissen direkt erfahrbar. Eindrucksvoll zeigt der Taschenrechner den dramatischen Einfluss des Mähens: Ein Mähvorgang kann die Anzahl von Insekten und Spinnen auf einer Wiese um bis zu 73 Prozent reduzieren. Bereits seit dem vergangenen Jahr können Nutzer:innen selbst herausfinden, welchen Einfluss verschiedene Mähtechniken haben. Nun erschien auch die entsprechende wissenschaftliche Studie im Fachjournal „Ecological Solutions and Evidence“. In dieser Veröffentlichung wird die Formel mit zwölf Einflussfaktoren zur Berechnung der Insekten pro Quadratmeter hergeleitet. Sie basiert auf den bislang verfügbaren Daten aus verschiedenen Regionen Deutschlands und der Schweiz, die auch den Taschenrechner speisen.

“Unser Wissen über die Biodiversitätskrise wird immer größer, aber trotzdem mangelt es immer noch an wirksamen Maßnahmen und Umsetzungen”, erklärt Erstautorin Johanna Berger, die die umfangreichen Analysen und Visualisierungen für das Webtool im Rahmen ihrer Promotion an der Technischen Universität Darmstadt durchführte. "Eine entscheidende Lösung für uns aus der Wissenschaft besteht darin, unsere Erkenntnisse mit der Praxis zu verbinden und sie besser zu vermitteln, beispielsweise durch digitale und datengestützte Tools wie unseren Insektentaschenrechner." Dieser soll einen Beitrag zur heimischen Artenvielfalt leisten, denn Wiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. 

Entstanden ist der Insektentaschenrechner im Rahmen des Projekts BioDivKultur, bestehend aus einem interdisziplinären Forschungsteam der TU Darmstadt mit Projektpartnern aus der Praxis. Das Projekt ist Teil der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FedA), die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMBFTR, ehemals BMBF) gefördert wird. Umgesetzt wurde die Studie zusammen mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland und der Schweiz. In Darmstadt und Umgebung weisen von BioDivKultur entwickelte Schilder mit 'Points of Insects' an vielen Orten auf die Bedeutung verschiedener Grünflächen für Insekten hin – und sind per QR-Code mit dem Insektentaschenrechner verbunden.

Seniorautor Nico Blüthgen, Projektsprecher von BioDivKultur, erklärt: „Für den Insektentaschenrechner haben wir einen umfangreichen Datensatz aus standardisierten Ein-Quadratmeter-Proben von Insekten und Spinnen aus Deutschland und der Schweiz zusammengestellt. Auf dieser Grundlage lässt sich anschaulich zeigen, wie verschiedene Parameter des Mähens und die versiegelte Fläche um Grünflächen sich auf die Anzahl und Vielfalt von Insekten und Spinnen auswirken.“

Der Insektentaschenrechner präsentiert einen „Spaziermodus“ für Interessierte und einen „Profimodus“ für Fachleute im Bereich der Grünlandbewirtschaftung. In der Studie kommen auf ungemähten Wiesen beispielsweise 73 Prozent mehr Arthropoden vor als auf gemähten Flächen, und dieser Effekt zeigt sich deutlich im Taschenrechner. Dies gilt für Spinnen, Zikaden, Wanzen, Heuschrecken und andere Gruppen in ähnlicher Weise – aber unterschiedlich stark. 

In weniger isolierten ländlichen Bereichen ist die Dichte der Insekten und Spinnen höher als in stärker versiegelten städtischen Bereichen, Mulcher führen im Vergleich zu Balkenmähern zu einem stärkeren Rückgang der Insektenpopulationen und die unterschiedlich starken Auswirkungen der Mahdfrequenz, Schnitthöhe und anderer Parameter werden sichtbar. Ko-Autorin Margarita Hartlieb, die ebenfalls an der Implementierung des Online-Tools beteiligt war, fügt hinzu: "Unser Webtool bietet zusätzliche Informationen, etwa die Verknüpfung mit Beobachtungen aus dem Citizen-Science-Projekt iNaturalist vom angegebenen Standort, FAQs und Einblicke in die Forschungsprozesse."

Erstautorin Berger erklärt: „Ein Hauptaspekt zeigt, dass Änderungen am Mähverhalten zwar etwas bewirken können, etwa insektenschonendere Mäher oder weniger Schnitte, das Mähen selbst jedoch den größten Einfluss hat. Dies unterstreicht die Bedeutung von ungemäht gelassenen Flächen – sogenannten Refugien. Sie sind eine wirkungsvolle Maßnahme für den Schutz von Insekten und Spinnen, in denen Ressourcen erhalten bleiben und in die sie während beziehungsweise nach dem Mähen flüchten können.” 

Refugien lassen sich auch mit Konzepten wie der Rotationsmahd gut verwirklichen, indem immer nur ein Teil der Fläche gemäht wird, während der andere Teil dann zu einem späteren Zeitpunkt gemäht wird. Zu diesem Thema stellt das Webtool Insektentaschenrechner auch eine Beispiel-Rechnung unter https://insektentaschenrechner.de/refuge vor. Nach dem Mähen einer 100 Quadratmeter großen Fläche finden sich etwa 13.000 Insekten und Spinnen. Bleiben jedoch zehn Prozent der Fläche ungemäht, steigt die Zahl auf 14.350, bei 20 Prozent auf 15.700 und bei 30 Prozent auf 17.050. Eine vollständig ungemähte Wiese beherbergt sogar 26.500 Insekten und Spinnen.

Ungemähte Refugien schaffen Lebensraumvielfalt, Schutz vor dem Mähen, sowie Entwicklungsräume für Larven und Winterquartiere. Der Insektentaschenrechner ermöglicht es also, Argumente mit belastbaren Daten zu stützen und so eine sachliche, wissensbasierte Kommunikation über die Nutzung von Grünflächen zu unterstützen.

TU Darmstadt


Originalpublikation:

Berger, J.L., Hartlieb, M., von Berg, L., Brion, A., Entling, M. H., Frank, J., Humbert, J.-Y., Mody, K., Sann, M., Staab, M., Weisser, W.W., & Blüthgen, N.: “The Insect Calculator: A web tool to predict meadow arthropods based on mowing impacts”, in: “Ecological Solutions and Evidence”, 2026, e70271, Volume7, Issue 3, https://doi.org/10.1002/2688-8319.70271

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