„Wir picken mit unseren Augen diejenigen ‚visuellen Rosinen‘ heraus, die unser eigenes Gehirn am besten verdauen kann“, erklärt der Wahrnehmungsforscher Prof. Dr. Benjamin de Haas von der Abteilung für Allgemeine Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er, warum Menschen bei der Betrachtung komplexer Szenen so unterschiedlich vorgehen. Während einige Beobachterinnen und Beobachter eine starke Vorliebe für Gesichter zeigen, priorisieren andere Textinformationen.
Spezialisierung im Gehirn
Es ist bekannt, dass das menschliche Gehirn über spezialisierte Nervenzellverbände verfügt, die gezielt auf bestimmte Reize wie Gesichter oder Wörter reagieren. Diese lassen sich mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT) sichtbar machen und vermessen. Die JLU-Forschenden gingen der Frage nach, ob sich diese Verarbeitung im Gehirn je nach individueller Blickneigung unterscheidet.
Die Ergebnisse der Studie mit 61 Erwachsenen sind eindeutig: Wer eine starke Neigung hat, in einer Szene sofort Gesichter zu fixieren, bei dem sind auch die entsprechenden gesichtspräferierenden Areale im unteren Schläfenlappen des Gehirns ausgeprägter. Genau den gleichen Zusammenhang fanden die Forschenden für die Neigung, Textelemente zu fixieren: Hier korreliert die Blickpräferenz mit der Größe der entsprechenden Areale für die Wortverarbeitung. Zudem reagiert das Gehirn bei diesen Personen auf die jeweils bevorzugte Kategorie – also Gesichter oder Wörter – deutlich zuverlässiger und präziser als auf andere Reize.
Die neuronalen Unterschiede spiegeln sich auch im Verhalten wider: Versuchspersonen, in deren Gehirn präzisere Antworten auf Gesichter gemessen wurden, konnten diese in Tests auch besser unterscheiden. Bei Personen, deren Gehirn präziser auf Texte antwortete, zeigte sich eine schnellere Lesegeschwindigkeit. „Diese Ergebnisse zeigen, dass individuelle Blickpräferenzen systematische Unterschiede im visuellen Gehirn widerspiegeln und mit passenden Wahrnehmungsfähigkeiten einhergehen“, sagte die Erstautorin Diana Kollenda.
Die Frage nach dem „Warum“ konnte die Studie noch nicht beantworten. „Wir wissen noch nicht genau, wie es zu dieser Passung kommt“, sagt de Haas. „Vielleicht trimmt unser Blickverhalten im Laufe des Lebens unser Gehirn auf die jeweiligen Inhalte, vielleicht ist es auch umgekehrt – vermutlich ist es ein Wechselspiel aus beidem.“
Justus-Liebig-Universität Gießen
Originalpublikation:
Kollenda, D., Akbari, E., Broda, M.D. & de Haas, B. Active vision is linked to category selectivity in the individual brain. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02494-5




