VBIO

Biowissenschaften in der Mitte der Gesellschaft 

Der VBIO übernimmt Verantwortung, stellt sich dem Diskurs und bezieht Position.

Aktuelles aus den Biowissenschaften

Neuseeländische Doppelband-Regenpfeifer erreichen Australien jedes Jahr später

Der Doppelband-Regenpfeifer ist in Neuseeland endemisch.
Der Doppelband-Regenpfeifer ist in Neuseeland endemisch. Während einige Individuen das ganze Jahr über dortbleiben, ziehen die meisten wegen der wärmeren Winter nach Australien. Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Bashar Jarayseh

Citizen Science Daten zeigen, dass neuseeländische Doppelband-Regenpfeifer nach der Herbstwanderung jedes Jahr im Durchschnitt etwa vier Tage später in Australien eintreffen. Dadurch hat sich die geschätzte Verweildauer in ihren Überwinterungsgebieten in etwa einem Jahrzehnt um circa ein Viertel verkürzt. Dies hängt womöglich mit Veränderungen der Westwinde im Südlichen Ozean zusammen, die Neuseeland im Winter milderes Wetter bescheren. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte die Migration fast vollständig verschwinden. Die meisten Vögel würden wohl das ganze Jahr über in Neuseeland bleiben. 

An offenen Stränden, auf kiesigen Flussbetten und kahlen Vulkanplateaus sind Doppelband-Regenpfeifer ein vertrauter und beliebter Anblick in ganz Neuseeland – dem einzigen Land, in dem diese charismatischen Vögel brüten. Während einige das ganze Jahr über dortbleiben, unternehmen schätzungsweise 70 Prozent von ihnen eine eher ungewöhnliche Reise: Anstatt wie die meisten Zugvögel nach Norden in wärmere Gefilde zu fliegen, ziehen sie nach Westen. Sie legen dabei fast 3.000 Kilometer über die Tasmanische See zurück, um in Australien zu überwintern.

Eine neue Studie der Abteilung Ornithologie am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz (MPI-BI) legt nahe, dass diese seit jeher praktizierte Überquerung des Ozeans aufgrund des Klimawandels verschwinden könnte. Eine Analyse von Beobachtungen auf der Citizen Science Plattform eBird zeigt, dass die Vögel zwischen 2014 und 2025 im Durchschnitt jedes Jahr etwa vier Tage später in Australien eintrafen. Gleichzeitig konnte keine deutliche Veränderung beim Zeitpunkt ihrer Rückreise in die Brutgebiete nach Neuseeland im Frühjahr festgestellt werden. Demnach verkürzte sich ihre geschätzte Gesamtaufenthaltsdauer in den australischen Überwinterungsgebieten in etwas mehr als einem Jahrzehnt um rund ein Viertel.

Die in der internationalen ornithologischen Fachzeitschrift Ibis veröffentlichte Studie führt die Verzögerung auf die vom Menschen verursachte globale Erwärmung zurück: Eine Verschiebung von Winden rund um die Antarktis nach Süden führt dazu, dass seit den 1950er-Jahren das Herbst- und Winterwetter in Neuseeland zunehmend ruhig und milder ist.

„Angesichts des rasanten Tempos dieser Veränderung fragen wir uns, wohin sie führen könnte“, sagte Bashar Jarayseh, Erstautor und Doktorand am MPI-BI. „Die meisten Doppelband-Regenpfeifer, die nach Australien ziehen, stammen aus raueren alpinen Lebensräumen im Landesinneren. Sie entfliehen dem neuseeländischen Winter, um in Australien mildere Bedingungen zu finden. Doch die Überquerung des Ozeans ist gefährlich. Verkürzt sich ihr Aufenthalt in Australien, könnten die Vorteile der Migration schwinden, während das Risiko gleichbleibt – sodass wandernde Individuen innerhalb weniger Jahrzehnte im Nachteil sein könnten. Wir sagen voraus, dass dies letztendlich zum Aussterben des Zugverhaltens führen könnte. Die gesamte Population würde dann in Neuseeland bleiben und dies könnte die Art anfälliger machen, beispielsweise gegenüber einem ungewöhnlich strengen Winter.“

Beobachtung von Regenpfeifern über einen Kontinent hinweg

Die Forscher verwendeten eine Karte des australischen Überwinterungsgebiets der Vögel und unterteilten dieses in Gebiete von etwa 23.000 km2. Für jedes dieser Gebiete analysierten sie, wie sich die Sichtungen in eBird aufbauten und wieder abnahmen. So konnten sie abschätzen, wann die Vögel ankamen und wieder abflogen. Dieser Ansatz ergab eine geschätzte durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 173 Tagen im Jahr 2014 und 129 Tagen im Jahr 2025 – eine Verringerung um etwa 25 %. Die Wissenschaftler verglichen anschließend das Ankunftsdatum jedes Jahres mit den monatlichen Messwerten des „Southern Annular Mode“, einem umfassenden Klimaindex für die Region. So stellten sie fest, dass die Vögel in Jahren mit milderem Wetter in Neuseeland am Ende ihrer Brutzeit später in Australien eintrafen.

„Vieles von dem, was wir über den Klimawandel und den Vogelzug wissen, stammt aus der nördlichen Hemisphäre, wo Vögel ihre Brutgebiete im Frühjahr früher erreichen. Unsere Ergebnisse ergänzen dies mit Daten aus der weniger erforschten südlichen Hemisphäre, wo die Doppelband-Regenpfeifer ihre Überwinterungsgebiete jedes Jahr eher später erreichen“, sagt Luke Eberhart-Hertel, Mitautor der Studie. „Dank der Beobachtungen der Bürgerinnen und Bürger konnten wir dieses Muster über einen ganzen Kontinent hinweg erkennen. Nun verfolgen wir einzelne Regenpfeifer mit Satellitensendern, Datenloggern zur Registrierung der Lichtintensität oder auch nur einer Kombination aus Farbringen, um zu untersuchen, wie sich ihre Bewegungen von Jahr zu Jahr verändern.“

„Wir möchten herausfinden, ob einzelne Vögel den Zeitpunkt ihrer Migration verschieben, und ob einige von ihnen ihre Strategie ändern und von Zugvögeln zu ganzjährigen Bewohnern Neuseelands werden. Es bleibt abzuwarten, ob es einen Punkt gibt, jenseits dessen die Überquerung gänzlich aufgegeben wird“, sagt Bart Kempenaers, Leiter der Abteilung für Ornithologie am MPI-BI. „Wir müssen besser verstehen, ob der vom Menschen verursachte Klimawandel die saisonalen Signale stört, anhand derer die Vögel den Zeitpunkt ihrer Reise bestimmen, und wie sich dies auf ihre Überlebenschancen auswirkt. Die Antworten darauf können für den Artenschutz relevant sein, da der Doppelband-Regenpfeifer in Neuseeland bereits durch eingeschleppte Raubtiere bedroht ist.“

MPI für biologische Intelligenz


Originalpublikation:

Jarayseh, B., Eberhart-Hertel, L. and Kempenaers, B. (2026), A rapid shift in migration schedule of an Austral shorebird is linked to a changing southern climate oscillation. Ibis. https://doi.org/10.1111/ibi.70128

weitere VBIO News
Kalifornischer Zweipunkt-Oktopus (Octopus bimaculoides). Embryo im letzten Stadium vor dem Schlüpfen.

3D Struktur von DNA könnte erklären, wie Kopffüßer komplexe Gehirne entwickelten

Weiterlesen
Zelle mit KI erstellt

Mit KI und Mikroskopie zellulären Genen auf der Spur

Weiterlesen

Optogenetik: Nobelpreis für Medizin 2026

Weiterlesen