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Europas Naturschutzgebiete neu denken

Natura 2000 gilt als Meilenstein des Naturschutzes: In dem EU-weiten Netz aus rund 27.000 Schutzgebieten sollen wildlebende Pflanzen- und Tierarten und ihre Lebensräume erhalten bleiben. Es ist das weltweit größte Schutzgebietsnetz über Ländergrenzen hinweg. Doch viele der dort geschützten Arten und Lebensräume sind nicht in einem günstigen Erhaltungszustand, sagen Fachleute. Und mancherorts fehle es an gesellschaftlicher Unterstützung. Deswegen plädieren Forschende für eine Stärkung des Natura-2000-Netzwerks durch einen biokulturellen Ansatz.

Niederwald in einem Schutzgebiet im Landkreis Göttingen

Niederwald in einem Schutzgebiet im Landkreis Göttingen, das zum Natura-2000-Netzwerk gehört: Die Niederwaldwirtschaft schafft einen Wald, in dem viel Licht auf den Boden gelangt. So erhält sie geschützte licht- und wärmeliebende Pflanzen- und Tierarten. Copyright: Tobias Plieninger/Universität Göttingen

Forschende der Universitäten Göttingen und Kassel zeigen nun, wie ein biokultureller Ansatz neue Wege eröffnen kann, indem Aspekte wie Traditionen, Werte und Wissen der lokalen Bevölkerung in den Naturschutz einfließen. Vor dem Ziel der EU, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Flächen von Land und Meer unter Schutz zu stellen, könne dies zur Weiterentwicklung des Natura-2000-Netzwerks beitragen. In einem Artikel stellen die Forschenden Maßnahmen vor, mit denen Natur- und Kulturlandschaften gemeinsam gedacht und Menschen eingebunden werden. Er wurde in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlicht.

Fünf Handlungsfelder zeigen die Forschenden in ihrem Beitrag auf: die Rolle der Menschen vor Ort, die Gestaltung des Schutzgebietsnetzwerks, das Monitoring, die finanzielle Förderung und die Forschung. An Fallbeispielen aus Deutschland, Rumänien und Spanien machen sie deutlich, dass viele geschützte Arten auf traditionelle Praktiken der extensiven Landnutzung angewiesen sind. „Zahlreiche Lebensräume von europäischer Bedeutung, wie Streuobstwiesen und orchideenreiche Kalkmagerrasen, sind durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung entstanden. Sie bleiben nur erhalten, wenn die Wirtschaftsweisen fortgeführt werden“, erklärt Erstautor Prof. Dr. Tobias Plieninger. Ein biokultureller Ansatz mache dieses Zusammenspiel von Landnutzung und Naturschutz für Schutzgebiete nutzbar. Er folgt dem Grundsatz, dass Natur und Kultur eng verbunden sind und sich in Landschaften gegenseitig beeinflussen. Wirksamer Naturschutz gelingt demnach nur in Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. 

„Der Perspektivwechsel erfordert keine grundlegende Änderung der Naturschutzgesetze, wohl aber ein Umdenken in der Umsetzung“, so Mitautorin Dr. Marion Jay. So könnten Pläne für das Management eines Schutzgebietes gemeinsam mit der lokalen Gemeinschaft entstehen und biokulturelle Aspekte in das Monitoring einfließen – etwa das ökologische Wissen der Menschen und die von ihnen genutzten Tier- und Pflanzenarten. Förderprogramme könnten zudem verstärkt kooperativen und ergebnisorientierten Naturschutz unterstützen. Die Gesellschaft einzubinden, sei wichtig, wie Plieninger betont: „Wenn Menschen sich als Teil der Landschaft verstehen und Verantwortung übernehmen, stärkt das den Naturschutz langfristig.“

Georg-August Universität Göttingen


Originalpublikation:

Plieninger, T.; Jay, M.; Hartel, T. Future-proofing Natura 2000 through a biocultural approach. Conservation Letters (2026). https://doi.org/10.1111/con4.70038

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