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Menschen und Schimpansen in Führungspositionen setzen auf Risiko

KI generiertes Bild Schimpansen
Schimpansen, Copyright: MPI für Bildungsforschung

Menschen in Führungspositionen schätzen sich im Durchschnitt risikobereiter ein als Menschen ohne Führungsverantwortung. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei Schimpansen: Tiere mit hohem sozialem Rang werden als risikofreudiger eingeschätzt als rangniedrigere Artgenossen. Grundlage der aktuellen Studie sind Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) sowie aus Beobachtungsdaten aus Auffangstationen für Schimpansen in Uganda und Kenia. Dabei wurden mehr als 40.000 Menschen und 86 Schimpansen untersucht. Die Parallelen zwischen Menschen und Schimpansen deuten darauf hin, dass Risikobereitschaft ein grundlegender Bestandteil von Führungs- und Rangstrukturen sein könnte.

Die Ergebnisse sind aus Sicht der Forschenden des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der Technischen Universität Dresden und der University of Portsmouth besonders interessant, weil sich der Zusammenhang zwischen Führungsposition und Risikobereitschaft sowohl bei Menschen als auch bei Schimpansen zeigt. Da beide Arten auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen, könnte dieser Zusammenhang tiefe evolutionäre Wurzeln haben. Die Studie liefert damit neue Hinweise darauf, dass Eigenschaften, die mit Führung und sozialem Einfluss zusammenhängen, nicht ausschließlich durch moderne gesellschaftliche Strukturen geprägt sind, sondern möglicherweise bereits in frühen Formen sozialen Zusammenlebens eine Rolle spielten. 

Für die Untersuchung analysierte das Forschungsteam Daten von mehr als 40.000 Teilnehmenden des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Langzeitstudie in Deutschland. Die Forschenden verglichen die selbst berichtete allgemeine Risikobereitschaft der Befragten mit ihrer beruflichen Position und ihrem Einkommen. Dabei zeigte sich: Menschen mit Führungsverantwortung gaben im Durchschnitt eine höhere Risikobereitschaft an als Personen ohne Führungsaufgaben. Auch ein höheres Einkommen ging mit einer höheren Risikobereitschaft einher. Der Zusammenhang zwischen Führungsverantwortung und Risikobereitschaft unterschied sich nicht zwischen den Geschlechtern. 

Um zu untersuchen, ob sich ein ähnliches Muster auch bei unseren nächsten lebenden Verwandten findet, analysierte das Team zusätzlich Daten von 86 Schimpansen aus Auffangstationen in Uganda und Kenia. Erfahrene Tierpfleger*innen bewerteten die Tiere hinsichtlich ihrer Risikobereitschaft. Diese Einschätzungen wurden mit Informationen über die soziale Position der Schimpansen innerhalb ihrer Gruppen verglichen. Höherrangige Schimpansen wurden dabei als risikofreudiger eingeschätzt als Tiere mit niedrigerem Rang. 

„Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verbindung zwischen Führungsposition und Risikobereitschaft tiefe evolutionäre Wurzeln haben könnte. Die Parallelen zwischen der Risikobereitschaft bei Menschen und Schimpansen in Führungspositionen deuten darauf hin, dass sich diese Eigenschaft bei beiden Arten möglicherweise als Anpassungsstrategie entwickelt hat, um mit dem Wettbewerb in sozialen Hierarchien sowie mit den Anforderungen ungewisser und oft feindlicher Umgebungen fertigzuwerden", sagt die Erstautorin der Studie Lou Marie Haux. Sie ist Postdoktorandin am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. 

Interessanterweise fiel der Zusammenhang bei Schimpansen stärker aus als bei Menschen. Nach Ansicht der Forschenden spräche das dafür, dass in modernen menschlichen Gesellschaften neben individuellen Eigenschaften weitere Faktoren eine wichtige Rolle für das Erreichen von Führungspositionen spielen. Dazu zählen beispielsweise Bildung, berufliche Qualifikationen oder institutionelle Rahmenbedingungen. In Schimpansengruppen dagegen spielen direkte Konkurrenz und soziale Auseinandersetzungen eine größere Rolle. Dort könnte Risikobereitschaft daher stärker zum sozialen Aufstieg beitragen. 

„Unsere Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keine Kausalität“, sagt Haux. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob risikofreudige Menschen eher in Führungspositionen gelangen oder ob Führungsrollen Menschen risikobereiter machen.“ Die im SOEP verfügbaren Längsschnittdaten sprächen allerdings eher für die erste Erklärung: Demnach scheint eine höhere Risikobereitschaft häufig bereits vorhanden zu sein, bevor Menschen Führungsverantwortung übernehmen. Dies müsse jedoch in weiteren Studien untersucht werden. 

Die Autor*innen betonen, dass ihre Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitere Forschung verstanden werden sollten. Zukünftige Längsschnitt- und Experimentalstudien könnten dazu beitragen, die komplexen Wechselwirkungen zwischen Risikobereitschaft, sozialem Status und Führungsposition besser zu verstehen und die evolutionären Ursprünge dieser Zusammenhänge genauer zu beleuchten. Darüber hinaus wollen die Forschenden untersuchen, ob ähnliche Muster auch bei anderen Menschenaffenarten wie Bonobos auftreten. 

MPI für Bildungsforschung


Originalpublikation:

Haux, L. M., Fulawka, K., Wagner, G. G., Hertwig, R., & Herrmann, E. (2026). Human and chimpanzee leaders are more risk-loving. The Leadership Quarterly, 37(6), Article 101992. https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2026.101992

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