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Noch keine Nachteule: Außergewöhnliches Vogelfossil aus der Grube Messel beschrieben

Das Fossil nach der Umbettung in Kunstharz, bei der das Insekt entfernt wurde. Im Bild rechts wurde die Platte mit Ammoniumchlorid bedampft, um die Knochen besser sichtbar zu machen.
Das Fossil nach der Umbettung in Kunstharz, bei der das Insekt entfernt wurde. Im Bild rechts wurde die Platte mit Ammoniumchlorid bedampft, um die Knochen besser sichtbar zu machen. Copyright: Senckenberg/Sven Tränkner

Ein außergewöhnlich gut erhaltenes, rund 47 Millionen Jahre altes Eulenfossil aus dem UNESCO-Welterbe Grube Messel liefert neue Hinweise darauf, wann Eulen nachtaktiv wurden. Die neu beschriebene Art Masillastrix blattophaga war vermutlich noch tagaktiv – darauf deuten eine schillernde Schabe in ihrem Magen sowie die Struktur ihrer Federn und des Flügelskeletts hin. Das Senckenberg-Forschungsteam vermutet in seiner nun im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlichten Studie, dass Eulen erst gegen Ende des Eozäns, vor etwa 47 bis 34 Millionen Jahren, zu nachtaktiven Jägern wurden. 

Wenn es dunkel wird, beginnt für die meisten Eulen der Tag. Mit ihrem außergewöhnlich guten Gehör spüren sie ihre Beute selbst bei schwachem Licht auf und gleiten dank ihrer besonderen Flügel nahezu lautlos durch die Nacht. 
„Wann sich in der Entwicklungsgeschichte der Eulen der Wechsel von einer tagaktiven zu einer nachtaktiven Lebensweise vollzog, ist bisher unklar“, erklärt Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Das liegt auch daran, dass zwar recht viele fossile Eulen bekannt sind, meist aber nur einzelne Knochen erhalten geblieben sind.“

Anders ist es bei dem Fossil, das während der Grabungssaison 2025 in der hessischen Fossillagerstätte und UNESCO-Welterbe Grube Messel geborgen und nun von dem Frankfurter Ornithologen und seinen Kolleg*innen als Masillastrix blattophaga neu beschrieben wurde. „Bis auf den Schädel ist das Skelett des Vogels vollständig und außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Mayr. „Es handelt sich um eine etwa 12 Zentimeter große Eule aus dem mittleren Eozän, die vor rund 47 Millionen Jahren lebte. Es ist erst die zweite bekannte Eulenart aus Messel, deren Fundort damals ein See inmitten eines dichten Waldes war.“

Der Erhaltungszustand des Eulenfossils ist einzigartig: Flügel- und Schwanzfedern sind überliefert und im Bereich des Magens fanden die Forschenden die Überreste eines grünlich-blau schillernden Insekts – offenbar die letzte Mahlzeit des Vogels. „Die Form und Struktur der Flügelreste – unter anderem ihre kräftigen Längsadern und zahlreichen Queradern – zeigen, dass es sich bei dem Insekt um eine fossile Schabe handelt“, erläutert Messel-Grabungsleiterin Dr. Sonja Wedmann vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fügt hinzu: „Nur einige Meter vom Eulenfossil entfernt haben wir in der gleichen Grabungsstelle eine sehr ähnliche, allerdings wesentlich besser erhaltene Schabe gefunden. Sie bestätigt, dass die grünlich-bläulich schillernden Reste im Magen der Eule tatsächlich von Schabenflügeln stammen.“ 
Bei Schaben und anderen Insekten entstanden schillernde Flügel im Zusammenhang einer tagaktiven Lebensweise. „Damit liefert die Schabe im Magen der kleinen Eule einen wichtigen Hinweis auf deren eigene Aktivitätszeit“, schlussfolgert Mayr. Und nicht nur das verschlungene Insekt spricht gegen eine Nachtaktivität der neu entdeckten Messel-Eule: Auch bei ihren Schwungfedern fehlen die typischen Merkmale heutiger nachtaktiver Eulen. „Zudem ist der Oberarmknochen der fossilen Eule deutlich kräftiger als bei heutigen Eulen. Das deutet darauf hin, dass ihre Flügel noch nicht so lang und auf den lautlosen Flug spezialisiert waren“, fügt Mayr hinzu.
Wann Eulen im Laufe ihrer Evolution von einer tagaktiven zu einer nachtaktiven Lebensweise wechselten, lässt sich anhand der Fossilien nur schwer bestimmen. Die Form des Oberarmknochens liefert jedoch einen wichtigen Hinweis: Die älteste Eule mit den für heutige Eulen typischen Oberarm-Proportionen lebte vor etwa 35 Millionen Jahren in Frankreich. Demnach entwickelte sich die Nachtaktivität vermutlich zwischen dem mittleren und späten Eozän, also vor etwa 47 bis 34 Millionen Jahren, so das Forschungsteam.

„Der Fund der neuen Eulenart zeigt eindrucksvoll, was die Grube Messel so einzigartig macht: Ihre außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen bewahren selbst feinste Details wie Federn und Mageninhalt über 47 Millionen Jahre. So können wir heute nicht nur sehen, wie der Vogel aussah, sondern auch nachvollziehen, wie er lebte und den Zeitraum eingrenzen, in dem die Eulen ihre nächtliche Lebensweise entwickelten“, schließt Wedmann.

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


Originalpublikation:

Gerald Mayr, Lucia Šmídová, Adrian Richter, Sonja Wedmann (2026): Evidence for diurnal habits in an exceptionally preserved Eocene owl, Current Biology. https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.09.079

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