VBIO

Biowissenschaften in der Mitte der Gesellschaft 

Der VBIO übernimmt Verantwortung, stellt sich dem Diskurs und bezieht Position.

Aktuelles aus den Biowissenschaften

Kleine Felder, große Vielfalt: Wie ein Mosaik aus kleinen, diversen Anbauflächen Vögeln hilft

Schafstelze
Schafstelze, Quelle: Franco Ehlert

Vögel sind nicht nur schön anzusehen und zu hören, sie erfüllen auch wichtige Aufgaben in der Natur. Sie fressen Schädlinge oder verbreiten Samen. Allgemein gelten sie als Indikator für eine intakte Umwelt. Wenn es den Vögeln gut geht, profitiert oft auch die Qualität der Böden und Gewässer. Eine neue Studie zeigt eindrücklich, dass eine kleinteilige und vielfältige Bewirtschaftung von Ackerflächen bessere Lebensräume für Vögel schafft. 

Die Studie wurde unter der Leitung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) durchgeführt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten über drei Jahre hinweg, wie sich kleinteilig diversifizierte Anbaumethoden auf die Vogelwelt auswirken. Das vielfältig bewirtschaftete Versuchsfeld wurde rund 70 Prozent häufiger von Vögeln aufgesucht als die benachbarten, herkömmlich bewirtschafteten großen Vergleichsfelder. Das Ergebnis ist klar: Wo weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden und verschiedene Kulturpflanzen dicht nebeneinander wachsen, fühlen sich Vögel wohler und kommen häufiger vor. 

Die Analyse ergab, dass auf den vielfältig bewirtschafteten Flächen die Vögel nicht nur häufiger anzutreffen waren, sondern sich auch anders verhielten. Sie bildeten kleine Gruppen und hielten sich bevorzugt in Bereichen auf, die durch eine geringere Nutzung von Pestiziden und eine höhere Pflanzenvielfalt gekennzeichnet waren. Besonders die Feldlerche, ein Vogel, der auf offenen Flächen brütet und oft als Charaktervogel der Agrarlandschaft gilt, profitierte von diesen Bedingungen. In den Bereichen mit weniger chemisch-synthetischem Pflanzenschutz, benachbarten Blühstreifen und mehr Wildkräutern kam sie signifikant häufiger vor.

„Unsere Daten zeigen deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, was angebaut wird, sondern wie die Fläche gestaltet und gepflegt wird“, erklärt Jenny Kröcher, Erstautorin der Studie am ZALF. „Wenn wir die Felder kleiner machen, verschiedene Kulturen kombinieren und chemisch-synthetischen Pflanzenschutz, wo immer möglich, reduzieren oder durch nicht chemische Verfahren ersetzen, schaffen wir Lebensräume, die den Vögeln Nahrung und Schutz bieten. Das ist wie ein Buffet und ein Sicherheitsnetz in einem.“ Andere Forschungsgruppen kommen zu ähnlichen Schlüssen: Eine vielfältige Landschaft ist widerstandsfähiger und artenreicher.

Das Besondere an dieser Studie ist der Ansatz, nicht nur einzelne Maßnahmen zu betrachten, sondern das gesamte Mosaik der Landschaft. Während andere Studien oft nur den Effekt von einzelnen Blühstreifen untersuchen, zeigt das patchCROP-Experiment, wie das Zusammenspiel von kleinen Teilflächen, unterschiedlichen Kulturpflanzen und schonendem Pflanzenschutz wirkt. Die Ergebnisse bestätigen frühere Beobachtungen, liefern aber durch die hohe räumliche Auflösung der Daten ein noch detaillierteres Bild.

Im Zentrum der Untersuchung stand das „patchCROP“-Experiment. Dabei wurden in einem großen Feld viele kleine Patches, also Teilflächen, kombiniert, auf denen unterschiedliche Pflanzen angebaut und verschiedene Methoden der Bewirtschaftung angewendet wurden. Im Vergleich dazu wurden benachbarte herkömmlich bewirtschaftete große Felder beobachtet. Die Forschenden kartierten über einen Zeitraum von September 2020 bis August 2023 das Vorkommen sämtlicher Vögel auf den kleinen Teilflächen und auf den Kontrollflächen in der direkten Umgebung.

Möglich wurde diese Auswertung durch eine Methode, die in dieser Form bisher kaum auf Vogeldaten angewendet wurde: die sogenannte „Spatial Point Pattern Analysis“ (SPPA[HS1.1]), zu Deutsch Punktmusteranalyse. Der Hintergrund: Forschung auf echten landwirtschaftlichen Flächen in landwirtschaftlichen Betrieben lässt sich nur schwer nach klassischem wissenschaftlichem Standard auswerten. Anders als im kontrollierten Feldversuch gibt es hier keine identischen, unabhängigen Wiederholungsflächen – jede Teilfläche liegt anders in der Landschaft und unterscheidet sich in ihrer Umgebung oder den Bodenverhältnissen. Klassische statistische Verfahren setzen aber genau solche vergleichbaren Wiederholungen voraus.

Die SPPA-Methode umgeht dieses Problem, indem sie nicht auf vorab festgelegten Vergleichsflächen aufbaut, sondern die räumliche Verteilung der Beobachtungen selbst als Grundlage nimmt und prüft, ob diese zufällig ist oder Regelmäßigkeiten aufzeigt. Dadurch lassen sich verschiedene Umweltfaktoren – etwa Pflanzenschutzeinsatz, Bodenbeschaffenheit oder Vegetationsstruktur – gleichzeitig berücksichtigen und ihre jeweiligen Effekte auseinanderhalten. Die Studie zeigt damit, dass sich auch aus nicht wiederholbaren, praxisnahen Feldversuchen belastbare wissenschaftliche Aussagen ableiten lassen – ein Ansatz, der Forschung auf landwirtschaftlichen Betriebsflächen künftig auf eine wissenschaftlich fundiertere Basis stellen könnte.

Viele verschiedene Kulturen auf vielen kleinen Teilflächen anzubauen, ist mit den aktuell üblichen großen Maschinen schwer umzusetzen. Das könnte sich in der Zukunft ändern, wenn autonome Feldroboter praxisreif werden, wie sie auch im patchCROP-Experiment erprobt werden.

Die Integration von Naturschutz in die bewirtschaftete Fläche, wie im patchCROP-Ansatz gezeigt, bietet einen vielversprechenden Weg, Ernährungssicherheit und Artenschutz zu verbinden. Weitere Forschung ist nötig, um zu klären, wie sich diese Systeme langfristig auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebe auswirken und wie sie flächendeckend umgesetzt werden können.

Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung


Originalpublikation:

Kröcher, J., Grahmann, K., Glemnitz, M. et al. From points to patterns: effects of small-scale diversification of arable land use on bird habitat use. Landsc Ecol41, 148 (2026). doi.org/10.1007/s10980-026-02435-7

weitere VBIO News
Grafik Planetare Grenzen: Sieben von neun sind überschritten.

Planetary Health Check 2026: Druck auf planetare Grenzen nimmt zu

Weiterlesen
Im Bild tragen Macuna-Männer frisch geerntete Früchte  der Pfirsichpalme (Bactris gasipaes) in ihr Dorf im kolumbianischen Amazonas-Gebiet nahe des Apaporis-Flusses.

Globaler Wandel dezimiert das biokulturelle Erbe Amazoniens stärker als vermutet

Weiterlesen

Was wir über marine Hitzewellen in der Arktis wissen

Weiterlesen