Das BfR hat mit Hilfe verschiedener konzeptioneller Ansätze die Gründe für den Rückgang und dabei auch mögliche Auswirkungen auf die lebenswissenschaftliche Grundlagenforschung wie auch die translationale und angewandte Forschung untersucht.
Der Rückgang der Versuchstierzahlen in Deutschland ist mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre statistisch signifikant und insbesondere für den Bereich der regulatorischen Tierversuche, aber auch für die translationale und angewandte Forschung zu beobachten. Die Ursache für die Reduktion der Versuchstierzahlen lässt sich nicht auf einen Faktor zurückführen, sondern ist sehr wahrscheinlich multifaktoriell.
Die Ausgaben des Bundes für die Grundfinanzierung der Hochschulen und für Projektförderungen im Bereich der Gesundheitsforschung und -wirtschaft sind besonders in den letzten drei bis vier Jahren nicht im gleichen Maße angestiegen wie in anderen Bereichen (z. B. Informations- und Kommunikationstechnologien oder wehrwissenschaftliche Forschung). Teilweise sind sie sogar zurückgegangen. Auch die Bewilligung von DFG-geförderten Projekten im Bereich der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung ist nicht parallel zum Gesamtfördervolumen angewachsen. Eine verringerte finanzielle Förderung im Bereich der Lebenswissenschaften kann Auswirkungen auf die tierexperimentelle biomedizinische Forschung haben und somit zu einer Reduktion der Versuchstierzahlen beitragen.
Über die letzten zehn Jahre zeigt sich zudem ein Trend, dass in Deutschland in den zwei Forschungsbereichen Neurowissenschaften und Immunologie, für die auch ein Großteil der Versuchstiere verwendet wird, vermehrt in-vitro-Methoden zum Einsatz kommen und die tierbasierte Forschung leicht zurückgeht. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass in Deutschland vermehrt Alternativmethoden zum Einsatz kommen und dies zum Rückgang von Tierversuchen beiträgt. Dieser Trend ist jedoch für den Forschungsbereich Onkologie nicht zu beobachten.
Eine Verlagerung von Tierversuchen ins Ausland könnte ebenfalls zum Absinken der Versuchstierzahlen beitragen. Dies zeigt die exemplarische Analyse von Publikationen aus Deutschland, in denen Versuche mit Ratten beschrieben wurden. Hier konnte über den Verlauf der letzten zehn Jahre ein leichter, aber signifikanter Anstieg des Anteils der Versuche, die außerhalb Deutschlands durchgeführt wurden, beobachtet werden. Es müsste aber untersucht werden, ob der Trend anhält und auch für andere Stichproben, z. B. andere Tierarten wie Mäuse, beobachtet werden kann.
Der oft angeführte Grund, dass Tierversuchsvorhaben in Deutschland sehr stark reglementiert sind und lange Bearbeitungszeiten dazu führen, dass immer weniger Tierversuche durchgeführt werden können, lässt sich mit diesen Untersuchungen weder bestätigen noch belegen. Die Analyse der in Deutschland genehmigten Tierversuchsvorhaben zeigt, dass die Anzahl der genehmigten Vorhaben zwar in den letzten Jahren gesunken ist, die Zahl der genehmigten Versuchstiere aber höchstens schwach rückläufig ist und nach wie vor weit über den Zahlen der tatsächlich verwendeten Tiere liegt.
Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern ist innerhalb der letzten zehn Jahre ein Rückgang der Versuchstierzahlen zu beobachten. Dieser Rückgang ist grundsätzlich zu begrüßen und zeigt, dass die Bemühungen der Europäischen Kommission, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken, Früchte tragen. Die Gründe für die europaweite Reduktion sind allerdings sehr unterschiedlich, wahrscheinlich landesspezifisch und aufgrund der Komplexität des Themas nur sehr schwierig zu ermitteln.
Bundesinstitut für Risikobewertung
Link zum Bericht: Sinkende Versuchstierzahlen in Deutschland




