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Wenn Arten fliehen müssen – Vorhersagemodelle unterschätzen klimawandelbedingte Aussterberisiken

Der Polarfuchs zählt zu den Arten, die durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht sind.
Der Polarfuchs zählt zu den Arten, die durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht sind. Foto: AdobeStock/397261409/_Alexey Seafarer

Der Klimawandel bedroht viele Tier- und Pflanzenarten nicht nur, wenn aufgrund klimatischer Veränderungen ihre Lebensräume verschwinden, sondern auch dann, wenn sie sich „nur“ verlagern. Ein Forschungsteam hat in einer Studie gezeigt: Ob die Lebensräume der Arten verschwinden oder sich verschieben, hat einen Einfluss darauf, wie gut verschiedene Modelle das Aussterberisiko vorhersagen können. Diese Erkenntnis spiegele sich aber in den aktuellen Standardverfahren zur Abschätzung des Aussterberisikos nicht wider. Da die frühzeitige Identifizierung gefährdeter Arten für rechtzeitige Schutzmaßnahmen von entscheidender Bedeutung sei, müsste dieses Vorgehen dringend überarbeitet werden.

Die Forscherinnen Raya Keuth, Susanne Fritz und Damaris Zurell haben die gegenwärtigen Richtlinien der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel systematisch untersucht. Die Rote Liste gefährdeter Arten der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) bildet seit 1964 den Zustand der weltweiten Artenvielfalt ab und hat kürzlich ihre Richtlinien für die Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel erweitert. Um diese zu testen, haben die Forscherinnen in ihrer Studie verschiedene virtuelle Arten simuliert, die sich hinsichtlich ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit, Reproduktionsgeschwindigkeit und Wärme-/Kälteanpassung unterscheiden.. Die Ergebnisse zeigen, dass die derzeit am häufigsten verwendeten Modelle, die Artverbreitungsmodelle (SDMs), die Gefahr des Aussterbens bei Arten mit räumlicher Verschiebung ihrer Lebensräume unterschätzt. Der Grund dafür liegt in der Annahme einer linearen Beziehung zwischen Populationsgröße und Lebensraumverlust, die durch empirische Daten nicht gestützt wird. Tatsächlich wurde festgestellt, dass bei wandernden Arten schon kleine Verluste im Lebensraum bereits zu starken Populationsrückgängen führen.

Weiterhin zeigen die Studienergebnisse, dass die derzeitigen Richtwerte für quantitative Aussterberisiken, wie sie mithilfe von räumlich expliziten Populationsmodellen (SEPMs) berechnet werden können, zu konservativ sind und daher zu spät warnen, um noch effektive Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Studie offenbart damit fundamentale Schwächen in der aktuellen Vorgehensweise der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unter Einfluss des Klimawandels.

Die Forschenden betonen, dass es notwendig sei, die Richtlinien der IUCN Red List zu aktualisieren, um klimabedingte Aussterberisiken in Zukunft besser abschätzen zu können. Dafür geben sie Empfehlungen, wie die bestehenden Modelle neu verknüpft werden könnten und welche Maße zielführender sind. 

„Unsere Forschung unterstreicht die Dringlichkeit, die Richtlinien der IUCN Red List zu verbessern, damit Naturschutzmaßnahmen rechtzeitig geplant und umgesetzt werden können“, erklärt die Hauptautorin der Studie Raya Keuth vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam. „Nur durch eine präzisere Vorhersage können wir dem Verlust der Artenvielfalt effektiv begegnen.“

Universität Potsdam


Originalpublikation:

Raya Keuth, Susanne A. Fritz, Damaris Zurell. Models used for Red List assessments underestimate climate-related extinction risk of range-shifting species. Nature Ecology & Evolution (2026). https://doi.org./10.1038/s41559-026-03125-y

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