VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Astrozyten: ambivalente Rolle bei Autoimmunkrankheiten

Mikrobild einer Astrozyte
Mikrobild einer Astrozyte (Bild: Adobe Stock/Justlight)

Astrozyten können zu Entzündungsprozessen im Gehirn beitragen, aber auch ihr Abklingen begünstigen. Ein entscheidender Faktor in diesem Prozess ist das gewebeschützende und wundheilende Protein HB-EGF. Das zeigen Neuroimmunologinnen und -immunologen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sowie anderer Universitäten in Deutschland, Schweden und den USA in einer gemeinsamen Studie. Ihre Erkenntnisse, die zu neuen Therapieansätzen etwa bei Multipler Sklerose führen könnten, wurden im renommierten Fachjournal „Nature Immunology“ veröffentlicht.

Wodurch Autoimmunkrankheiten des Zentralnervensystems (ZNS), etwa Multiple Sklerose (MS), ausgelöst werden und welche Mechanismen die Erkrankung voranschreiten lassen, ist noch nicht hinreichend erforscht. Zunehmend in den Fokus rücken hierbei Gliazellen, bestimmte Zellen im ZNS, darunter insbesondere sogenannte Astrozyten. Astrozyten sind ein wichtiger Bestandteil des ZNS und tragen unter anderem zur Versorgung von Nervenzellen mit Nährstoffen bei.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Astrozyten den Verlauf von Entzündungserkrankungen des ZNS wesentlich beeinflussen und MS befördern können. „Erst in jüngster Zeit ist jedoch klar geworden, dass Astrozyten die Entzündungsprozesse im ZNS nicht nur unterhalten, sondern auch zu ihrer Auflösung beitragen können“, sagt Prof. Dr. Veit Rothhammer, Heisenberg-Professor für Neuroimmunologie an der FAU und Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Erlangen. „Ein Versagen dieser gewebeschützenden Mechanismen kann die Krankheit verstärken und zu Verläufen führen, die derzeit nur begrenzt behandelbar sind.“

Gemeinsam mit Forschenden aus Deutschland, Schweden und den USA haben Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der FAU diesen Mechanismus näher untersucht und dafür die Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit von MS-Patienten analysiert. „Uns ist aufgefallen, dass im Krankheitsverlauf das Protein HB-EGF, der sogenannte Heparin-bindende EGF-ähnliche Wachstumsfaktor, in deutlich geringerer Konzentration vorhanden ist als im frühen Entzündungsstadium“, sagt Dr. Mathias Linnerbauer, Postdoktorand an der FAU und Erstautor der Studie.

HB-EGF kann durch Astrozyten gebildet werden und spielt eine zentrale Rolle bei der Erholung von entzündlichen Reaktionen – auch im ZNS. Die Forschenden gehen davon aus, dass im Verlauf der Erkrankung die Bildung von HB-EGF durch epigenetische Veränderungen, also spezifischen Veränderungen der Erbinformation, unterdrückt wird. Dadurch wird HB-EGF vermindert produziert und kann seine entzündungshemmende und gewebeschützende Wirkung nicht entfalten.

Die Erkenntnisse könnten in der Zukunft zu neuartigen Strategien der Behandlung von MS führen. „Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob HB-EGF und dessen epigenetische Regulation neue Wege in der Therapie der MS beschreiten lassen – hier haben wir noch viel Forschungsarbeit vor uns“, sagt Veit Rothhammer.

FAU


Originalpublikation:

Linnerbauer, M., Lößlein, L., Vandrey, O. et al. The astrocyte-produced growth factor HB-EGF limits autoimmune CNS pathology. Nat Immunol (2024). doi.org/10.1038/s41590-024-01756-6

weitere VBIO News
  Keimzellen der Braunalgenart Ectocarpus während der Befruchtung.

Wie Braunalgen ihre Partner auswählen

Weiterlesen
Die neu beschriebene Art Cleonardo helga aus der Amphipodenfamilie Eusiridae. Dieses neun Millimeter große Männchen wurde unmittelbar nach dem Fang an Bord aufgenommen.

Meer Leben: Unerwartet hohe Biodiversität im Tiefsee-Schutzgebiet

Weiterlesen
Würfelqualle (Tripedalia cystophora): Die wenige Zentimeter große Art lebt in Mangrovengewässern und dient als Modellorganismus in der Forschung.

Was Quallen am Aufsteigen hindert

Weiterlesen