VBIO

Zukunft Biowissenschaften gemeinsam gestalten! 

Als VBIO sind wir überzeugt: Die Biowissenschaften liefern wichtige Beiträge, um Zukunftsprobleme zu erforschen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Wurmmittel für Weidetiere bringen Nahrungsketten durcheinander

Ein gängiges Mittel gegen Parasiten gelangt über den Boden zu Pflanzen und Insekten – und stört dort das ökologische Gleichgewicht. 

Aufbau des Semi-Field-Experiments: Die Hälfte der Käfige enthielt Erdbeertöpfe mit wurmmittelbelastetem Boden, die andere Hälfte unbelastete Kontrollpflanzen.

Aufbau des Semi-Field-Experiments: Die Hälfte der Käfige enthielt Erdbeertöpfe mit wurmmittelbelastetem Boden, die andere Hälfte unbelastete Kontrollpflanzen. Copyright: © Andrés García, Uni Kiel

Forschende der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Universität Trier weisen erstmals nach, dass ein weitverbreitetes Wurmmittel für Weidetiere nicht nur einzelne Pflanzen und Insekten schädigt, sondern ganze ökologische Beziehungsgefüge verändert. Untersucht wurde der Wirkstoff Moxidectin im Präparat Cydectin®, das Landwirt*innen häufig gegen Parasiten bei Weidetieren einsetzen.

Bislang war bekannt, dass Wurmmittel einzelne Arten beeinflussen können: Samen von typischen Grünlandpflanzen verändern zum Beispiel ihr Keimungsverhalten, wenn sie mit Wurmmitteln in Kontakt kommen. Käfer- und Fliegenlarven, die im Kot behandelter Weidetiere leben, zeigen geringere Überlebensraten. Wie sich diese Effekte auf das Zusammenspiel mehrerer Arten auswirken, hatte bisher niemand untersucht.

Weidetierhalter*innen setzen Wurmmittel ein, um ihre Tiere gesund zu halten und wirtschaftlich zu arbeiten. Ein Verzicht auf die Mittel ist daher meist keine Option. Das untersuchte Präparat enthält den Wirkstoff Moxidectin. Dieser gehört zur Gruppe der makrozyklischen Laktone – das sind Antiparasitika mit Langzeitwirkung. Der Körper der Tiere baut den Wirkstoff kaum ab. Er gelangt deshalb zu großen Teilen über den Kot behandelter Tiere in den Boden – oder wenn Landwirt*innen ihre Felder mit Gülle oder Festmist düngen.

Weniger Früchte, mehr Blattläuse

Für ihre Untersuchung bauten die Forschenden in einem einfachen Modell eine Nahrungskette nach. Sie kombinierten drei Arten: die Kultur-Erdbeere, die Grüne Pfirsichblattlaus und die Hainschwebfliege. Die Erdbeerpflanze diente den beiden Insekten als Nahrung. Die Blattlaus saugte Pflanzensaft. Die Schwebfliege nutzte im ausgewachsenen Stadium Pollen und Nektar der Blüten und fraß im Larvenstadium die Blattläuse. Das Team setzte die Tiere und Pflanzen in kleine, insektendichte Käfige. Die Hälfte der Käfige enthielt Erdbeertöpfe mit wurmmittelbelastetem Boden, die andere Hälfte unbelastete Kontrollpflanzen. Anschließend erfassten die Forschenden, wie viele Früchte die Pflanzen bildeten, wie viele Blattläuse an den Pflanzen auftraten und wie viele Eier die Schwebfliegen legten.

Alle drei Arten reagierten auf das Wurmmittel: Die Erdbeerpflanzen bildeten unter Wurmmitteleinfluss rund ein Viertel weniger Früchte und die Blattläuse vermehrten sich zehnmal stärker – allerdings nur, wenn keine Schwebfliegenlarven anwesend waren. Eine mögliche Erklärung: Das Wurmmittel schwächt die Abwehrkräfte der Pflanze gegen die Blattläuse. Auch die Schwebfliegen reagierten: Weibchen, die Blüten wurmmittelbehandelter Pflanzen besuchten, legten viermal mehr Eier. Diese Eier waren jedoch ungleichmäßiger in der Größe und wirkten optisch weniger vital. Unter dem Strich könnte das den Fortpflanzungserfolg der Schwebfliegen verringern.

„Wir waren überrascht, wie weitreichend ein einzelnes Präparat das Zusammenspiel zwischen Pflanze und Insekt verändern kann", sagt Dr. Andrés García. „Das zeigt, dass wir bei der Bewertung von Tierarzneimitteln nicht nur einzelne Arten, sondern ganze ökologische Beziehungen im Blick behalten müssen."

Offen ist bisher, wie das Wurmmittel diese Effekte genau auslöst. Weitere Studien sollen zeigen, welchen Anteil der Wirkstoff Moxidectin, die übrigen Inhaltsstoffe und deren Abbauprodukte an diesen Effekten haben und wie sie in der Nahrungskette weitergegeben werden. Die Autor*innen der Studie fordern, komplexe ökologische Beziehungen zwischen Arten künftig stärker zu berücksichtigen, wenn die Wirkung von Tierarzneimitteln auf die Umwelt untersucht wird.

Andrés García, Tim Diekötter, Jitin Sabu, Laura Olivia Greene, Lilli Kuhtz, Tobias W. Donath und Carsten Eichberg veröffentlichten ihre Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift Science of the Total Environment. Erstautor Andrés García führte die Untersuchung im Rahmen eines Georg Forster-Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung durch.

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Originalpublikation:
García A, Diekötter T, Sabu J, Greene LO, Kuhtz L, Donath TW, Eichberg C (2026): Effects of a formulation of the veterinary drug moxidectin on the performance of a plant-insect food chain. Science of the Total Environment 1031, https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2026.181822

Geschädigter Wald

Forschende haben mithilfe von Satellitendaten herausgefunden, dass in Europas Wäldern seit 2018 ein beispielloser Verlust an oberirdischer Biomasse…

Weiterlesen
Wald

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg schlägt erstmals einen Index vor, der Moose,…

Weiterlesen
Grafik Stoffwechsel der ersten Zellen.

Wie entstand das früheste Leben und wie entwickelte sich? Mit diesen fundamentalen Fragen befassen sich die Biologinnen und Biologen am Institut für…

Weiterlesen