VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Ein Atlas des Hummelgehirns

3D-Modell des Hummelgehirns
3D-Modell des Hummelgehirns, basierend auf Mikro-CT. Lisa Rother, Universität Würzburg

Vom Gehirn der Erdhummel gibt es jetzt einen dreidimensionalen Atlas. Mit ihm lässt sich künftig noch besser erforschen, wie Nervenzellen miteinander verschaltet sind und wie sie Informationen verarbeiten.

Die Erdhummel Bombus terrestris gehört zu den häufigsten Hummelarten in Europa. Sie ist nicht nur in der Natur als Bestäuberin aktiv – der Mensch setzt sie auch in Gewächshäusern und Folientunneln ein, um gute Ernten bei Tomaten oder Erdbeeren zu bekommen.

In der Wissenschaft wird die Erdhummel ebenfalls genutzt: „Der Grundlagenforschung dient sie zunehmend als Modellorganismus, um Lernen und Gedächtnis, das Sehsystem, Flugkontrolle und Navigationsfähigkeiten zu analysieren“, sagt Professor Keram Pfeiffer, Neurobiologe vom Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

Pfeiffer erforscht die neuronalen Grundlagen der räumlichen Orientierung von Insekten. Zusammen mit seiner Doktorandin Lisa Rother und einem internationalen Team stellt er im Fachjournal Cell and Tissue Research jetzt den ersten Atlas eines Erdhummelgehirns vor, der auf computertomographischen (CT) Daten basiert.

Beteiligt an der Arbeit waren auch Nadine Kraft und Emmy-Noether Gruppenleiter Dr. Basil el Jundi (beide JMU) sowie die Forscher Dr. Richard J. Gill und Dr. Dylan Smith vom Imperial College in London.

Daten von zehn Hummelgehirnen gemittelt

Zur Erstellung des Atlas nahm das Forschungsteam zehn Köpfe von Erdhummeln mittels Mikro-CT auf. Daraus extrahierte es zunächst die Bilddaten, die die Gehirne zeigen. In jedem dieser Bilddatenstapel wurden manuell 30 Gehirnregionen der Hummel dreidimensional rekonstruiert. Auf dem Hochleistungsrechner-Cluster Julia der JMU wurde dann aus den zehn Datensätzen eine Art „Standardgehirn“ berechnet, das auf den Mittelwerten basiert.

Das Ergebnis kann man in der öffentlich zugänglichen Datenbank insectbraindb ansehen: https://hdl.handle.net/20.500.12158/SIN-0000010.3

„Der Atlas dient Forschungsarbeiten, bei denen neuronale Schaltkreise analysiert werden. Die Funktionsprinzipien solcher Schaltkreise sind oft allgemeingültig, sie treten also zum Beispiel auch beim Menschen auf“, erklärt Pfeiffer.

Mikro-CT bietet Vorteile

Ähnliche Gehirnatlanten gibt es bereits von einer Reihe anderer Insektenarten. Sie alle haben aber nicht Mikro-CT-Aufnahmen als Datenbasis, sondern eine Kombination aus Immunfärbungen von Synapsenregionen und Konfokalmikroskopie.

Gegenüber der Mikro-CT hat diese Technik zwei Nachteile: Erstens ist die Auflösung in der z-Richtung (von vorne nach hinten) viel geringer als die seitliche Auflösung. Zweitens muss ein Gehirn für Immunfärbungen präpariert werden. Dabei können vor allem die äußeren Hirnregionen beschädigt werden und sich in ihrer Lage verschieben.

Die Mikro-CT erlaubt es, das Gehirn im Tier zu lassen. Dadurch bleiben alle Teile intakt und in ihrer natürlichen Lage. Zudem ist die Auflösung von Mikro-CT-Aufnahmen in allen Richtungen gleich. Das vereinfacht das spätere Einfügen neuronaler Daten und bietet mehr Details bei seitlicher Betrachtung.

Ziel: Beide Methoden vereinen

„Wir arbeiten zurzeit auch an einem Atlas des Hummelgehirns, der mit der herkömmlichen Methode der Konfokalmikroskopie erstellt wird“, sagt Pfeiffer. Diese Methode habe – jedenfalls im Moment noch – den Vorteil, dass der Kontrast und die Auflösung der Daten besser sind.

Um die Vorteile aus beiden Methoden zu vereinen, wird der herkömmlich erstellte Atlas am Ende in den Mikro-CT-Atlas „hineingerechnet“. Das Ergebnis wird ein Atlas sein, der sowohl eine hohe Auflösung und einen hohen Kontrast als auch eine wirklichkeitsgetreue räumliche Lage der einzelnen Gehirngebiete zueinander bietet.

Zur Färbung einzelner Nervenzellen stehen im Moment nur mikroskopische Standardmethoden zur Verfügung. Die hiermit erhobenen Daten können nur mit Einschränkungen in das Standardgehirn eingefügt werden. „Wir wollen daher Färbeprotokolle entwickeln, die es erlauben, neuronale Strukturen direkt mit Mikro-CT aufzunehmen“, kündigt der JMU-Neurobiologe an.

JMU


Originalpublikation:

Lisa Rother, Nadine Kraft, Dylan B. Smith, Basil el Jundi, Richard J. Gill, Keram Pfeiffer: A micro-CT-based standard brain atlas of the bumblebee. Cell and Tissue Research, 28. Juni 2021, Open Access: https://doi.org/10.1007/s00441-021-03482-z

weitere VBIO News
Mithilfe des Düngers konnten diese Wasserlinsen erfolgreich herangezüchtet werden.

Düngemittel aus Cyanobakterien ermöglicht Pflanzenanbau auf dem Mars

Weiterlesen
Ansammlungen von Immunzellen in einer Influenza-infizierten Lunge einer Maus. B-Zellen sind in Cyan dargestellt, T-Zellen in Magenta, und grüne Bereiche kennzeichnen Regionen mit niedrigem Sauerstoffgehalt.

Wie die Lunge ihre Immunabwehr lokal organisiert

Weiterlesen
Steinhummeln können Wirte für ein gefährliches Bienenvirus sein.

Hummeln sind Wirte für gefährliches Bienenvirus

Weiterlesen