VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Mehr Hirn als Wesenszug: Entschlüsselung neuronalen Bahnen der Neugier

Mann mit Fernglas
Bild: Pixabay

Die Faszination für das Unbekannte treibt den Fortschritt an. Dank ihr behaupten sich Lebewesen in einer sich stetig wandelnden Umwelt. Somit prägt Neugier die menschliche Entwicklung wesentlich. Doch was steckt dahinter? Forschende vermuten, dass Neugier weniger eine feste Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen. Dr. Petra Mocellin und das Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Remy am Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) haben erstmals einen neuronalen Schaltkreis im Gehirn entschlüsselt, der der Neugier zugrunde liegt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Neurobiologie (LIN) in Magdeburg konnten erstmals einen bisher nur vermuteten neuronalen Schaltkreis zwischen zwei Schlüsselregionen des Gehirns nachweisen. Zwischen diesen beiden Hirnarealen besteht ein dynamisches Gleichgewicht, das darüber entscheidet, ob die Angst vor Neuem oder dessen Anziehungskraft überwiegt. Der neu entdeckte Schaltkreis vermittelt den Antrieb, die Umgebung zu erkunden und damit der Neugier nachzugehen.

Diese Entdeckung wirft ein neues Licht auf die biologischen Grundlagen menschlicher Neugier und könnte weitreichende Auswirkungen auf die Erforschung und Behandlung von Krankheiten haben, die die Fähigkeit und Motivation einschränken, neue Informationen zu suchen und zu verarbeiten. Dazu zählen psychische Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Autismus-Spektrum-Störungen, sowie Lernstörungen.

Die aktuelle Studie konzentriert sich auf die Wechselwirkung zwischen dem medialen Septum, einer Schnittstelle zwischen Emotionen, Gedächtnis und nicht-willkürlichen Körperfunktionen, und dem ventralen tegmentalen Areal, das eine zentrale Rolle bei Belohnung und Motivation spielt. Das Zusammenspiel dieser beiden Hirnareale treibt den Organismus dazu an, die Umwelt zu erforschen, selbst wenn es keine unmittelbare Notwendigkeit oder Belohnung gibt. Diese ungerichtete Suche nach Informationen, also Neugier, hat eine wichtige evolutionäre Bedeutung, da das Wissen über die Umwelt die Überlebenschancen erhöht.

Durch den Einsatz optogenetischer Methoden bei Mäusen, also das gezielten An- und Ausschalten eines neuronalen Schaltkreises, konnten Dr. Petra Mocellin und ihr Team beobachten, wie die Aktivität der Nervenzellen die Neugier vorantreibt, während sie gehemmt wird, wenn der Schaltkreis inaktiv ist.

Das Team der Abteilung Zelluläre Neurowissenschaften am LIN konnte genau dieses von Neugier getriebene Erkundungsverhalten bei Mäusen auslösen. Die Mäuse, bei denen dieser Schaltkreis aktiviert wurde, zeigten ein deutlich gesteigertes Interesse an unbekannten und potenziell angstauslösenden Umgebungen. Um das zu erkennen, nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler künstliche Intelligenz, die das Verhalten der Mäuse besser analysierte als jeder Mensch es könnte. Das LIN untersucht nun, wie diese Erkenntnisse für Mensch und Gesellschaft eingesetzt werden können.

LIN


Originalpublikation:

Mocellin, Petra et al.: A septal-ventral tegmental area circuit drives exploratory behavior, Neuron 2024, https://doi.org/10.1016/j.neuron.2023.12.016

weitere VBIO News
  Keimzellen der Braunalgenart Ectocarpus während der Befruchtung.

Wie Braunalgen ihre Partner auswählen

Weiterlesen
Die neu beschriebene Art Cleonardo helga aus der Amphipodenfamilie Eusiridae. Dieses neun Millimeter große Männchen wurde unmittelbar nach dem Fang an Bord aufgenommen.

Meer Leben: Unerwartet hohe Biodiversität im Tiefsee-Schutzgebiet

Weiterlesen
Würfelqualle (Tripedalia cystophora): Die wenige Zentimeter große Art lebt in Mangrovengewässern und dient als Modellorganismus in der Forschung.

Was Quallen am Aufsteigen hindert

Weiterlesen