VBIO

Gemeinsam für die Biowissenschaften

Werden Sie Mitglied im VBIO und machen Sie mit!

Sinkende Versuchstierzahlen: Auf Spurensuche nach den Gründen

Eine weiße Maus
Sinkende Versuchstierzahlen, Bild Pixabay

Die Zahl der Tiere, die in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke verwendet oder getötet wurden, ging zwischen den Jahren 2020 bis 2024 das fünfte Jahr in Folge zurück und sank zuletzt erstmals unter 2 Millionen Tiere. Das zum Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gehörende Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) hat analysiert, ob sich dieser deutliche Rückgang auf konkrete Ursachen zurückführen lässt. Dafür betrachtete das Zentrum einen zehnjährigen Zeitraum von 2015 bis 2024. „Die Ursache für den Rückgang der Versuchstierzahlen ist sehr wahrscheinlich multifaktoriell und nicht allein mit einer Verlagerung der Forschung ins Ausland oder nur mit einer überbordenden Bürokratie zu erklären“, sagt BfR-Präsident Professor Andreas Hensel. „Die Daten zeigen auch veränderte Prioritäten bei der Forschungsfinanzierung und mögliche Erfolge beim Einsatz von Alternativmethoden“.

Das BfR hat mit Hilfe verschiedener konzeptioneller Ansätze die Gründe für den Rückgang und dabei auch mögliche Auswirkungen auf die lebenswissenschaftliche Grundlagenforschung wie auch die translationale und angewandte Forschung untersucht.

Der Rückgang der Versuchstierzahlen in Deutschland ist mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre statistisch signifikant und insbesondere für den Bereich der regulatorischen Tierversuche, aber auch für die translationale und angewandte Forschung zu beobachten. Die Ursache für die Reduktion der Versuchstierzahlen lässt sich nicht auf einen Faktor zurückführen, sondern ist sehr wahrscheinlich multifaktoriell.

Die Ausgaben des Bundes für die Grundfinanzierung der Hochschulen und für Projektförderungen im Bereich der Gesundheitsforschung und -wirtschaft sind besonders in den letzten drei bis vier Jahren nicht im gleichen Maße angestiegen wie in anderen Bereichen (z. B. Informations- und Kommunikationstechnologien oder wehrwissenschaftliche Forschung). Teilweise sind sie sogar zurückgegangen. Auch die Bewilligung von DFG-geförderten Projekten im Bereich der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung ist nicht parallel zum Gesamtfördervolumen angewachsen. Eine verringerte finanzielle Förderung im Bereich der Lebenswissenschaften kann Auswirkungen auf die tierexperimentelle biomedizinische Forschung haben und somit zu einer Reduktion der Versuchstierzahlen beitragen.

Über die letzten zehn Jahre zeigt sich zudem ein Trend, dass in Deutschland in den zwei Forschungsbereichen Neurowissenschaften und Immunologie, für die auch ein Großteil der Versuchstiere verwendet wird, vermehrt in-vitro-Methoden zum Einsatz kommen und die tierbasierte Forschung leicht zurückgeht. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass in Deutschland vermehrt Alternativmethoden zum Einsatz kommen und dies zum Rückgang von Tierversuchen beiträgt. Dieser Trend ist jedoch für den Forschungsbereich Onkologie nicht zu beobachten.

Eine Verlagerung von Tierversuchen ins Ausland könnte ebenfalls zum Absinken der Versuchstierzahlen beitragen. Dies zeigt die exemplarische Analyse von Publikationen aus Deutschland, in denen Versuche mit Ratten beschrieben wurden. Hier konnte über den Verlauf der letzten zehn Jahre ein leichter, aber signifikanter Anstieg des Anteils der Versuche, die außerhalb Deutschlands durchgeführt wurden, beobachtet werden. Es müsste aber untersucht werden, ob der Trend anhält und auch für andere Stichproben, z. B. andere Tierarten wie Mäuse, beobachtet werden kann.

Der oft angeführte Grund, dass Tierversuchsvorhaben in Deutschland sehr stark reglementiert sind und lange Bearbeitungszeiten dazu führen, dass immer weniger Tierversuche durchgeführt werden können, lässt sich mit diesen Untersuchungen weder bestätigen noch belegen. Die Analyse der in Deutschland genehmigten Tierversuchsvorhaben zeigt, dass die Anzahl der genehmigten Vorhaben zwar in den letzten Jahren gesunken ist, die Zahl der genehmigten Versuchstiere aber höchstens schwach rückläufig ist und nach wie vor weit über den Zahlen der tatsächlich verwendeten Tiere liegt.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern ist innerhalb der letzten zehn Jahre ein Rückgang der Versuchstierzahlen zu beobachten. Dieser Rückgang ist grundsätzlich zu begrüßen und zeigt, dass die Bemühungen der Europäischen Kommission, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken, Früchte tragen. Die Gründe für die europaweite Reduktion sind allerdings sehr unterschiedlich, wahrscheinlich landesspezifisch und aufgrund der Komplexität des Themas nur sehr schwierig zu ermitteln.

Bundesinstitut für Risikobewertung 


Link zum Bericht: Sinkende Versuchstierzahlen in Deutschland

weitere VBIO News
Zellen

Mit KI designte Proteine machen neue RNA-Transporter möglich

Weiterlesen
Küstenregion entlang der Magellanstraße

Datenlücken an antarktischen Küsten beschränken Prognosen zum Meeresspiegelanstieg

Weiterlesen
Mikroskopaufnahme der neu identifizierten Gattung Cladosyllis

Rätsel der verzweigten Meereswürmer gelöst

Weiterlesen