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Biologische Vielfalt: Zeit, endlich zu handeln

Aufbruch im internationalen Bemühen zum Schutz der Biodiversität
Forschende fordern einen neuen Aufbruch im internationalen Bemühen zum Schutz der Biodiversität. Das Foto zeigt einen amerikanischen Goldspecht (Colaptes auratus L.). Marten Winter, iDiv

Um die globalen Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt zu erreichen, muss die Umsetzung auf nationaler Ebene deutlich verbessert werden. Verbindliche Maßnahmen und verantwortliche Akteure müssen klar definiert und die Umsetzung durch systematisches Monitoring überwacht werden. Diese Empfehlungen stehen im Zentrum eines dreistufigen Rahmenplans, den ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlicht hat. Um ein erneutes Scheitern der internationalen Vereinbarungen zu vermeiden, dürfe vor allem ein Fehler nicht mehr passieren.

Im kommenden Frühjahr treffen sich Regierungsvertreter in Kunming, China, um im Rahmen der Biodiversitätskonvention (CBD) neue globale Biodiversitätsziele auszuhandeln. In der Vergangenheit hat die internationale Gemeinschaft viele ihrer Ziele zum Schutz der Biodiversität verfehlt. So sind zum Beispiel laut Eurostat die Bestände typischer Vogelarten der europäischen Kulturlandschaft seit 2000 um 17 Prozent zurückgegangen. Der fortgesetzte Rückgang biologischer Vielfalt verändert das Funktionieren der Ökosysteme und gefährdet das Wohlergehen der Menschen.

Ein Team von 55 Forschenden hat nun einen Rahmenplan vorgeschlagen, wie die internationalen Biodiversitätsziele auf nationaler und subnationaler Ebene effektiv umgesetzt werden könnten. Der Plan umfasst drei Stufen:

In der ersten Stufe müssen die internationalen in nationale Ziele und Aktionspläne übersetzt werden und die für die Umsetzung zuständigen Sektoren (Landwirtschaft, Infrastruktur, Handel, Finanzen …) klar benannt werden. Laut den Autoren sollten diese Aktionspläne von den verantwortlichen Akteuren aus den verschiedenen Sektoren mit entwickelt werden. So könne die gemeinsame Verantwortung für die Aktionspläne gestärkt und Verantwortungslücken könnten vermieden werden. Beispielsweise sollten Bauernverbände Maßnahmen festlegen, die wichtig sind für die biologische Vielfalt in der Landwirtschaft und für Bestäubungsleistungen, oder der Finanzsektor sollte Investitionsentscheidungen zur Förderung des sozialen und ökologischen Wandels anstoßen.

In Stufe zwei geht es um die sektorübergreifende Umsetzung der Maßnahmen. Dazu müssten laut den Autorinnen und Autoren verschiedene Instrumente zur Förderung von Verhaltensänderungen genutzt werden. Eine große Herausforderung bestehe darin, rechtliche Rahmenbedingungen, Finanzströme und Netzwerkstrukturen so zu erneuern, dass biodiversitätsschädliche Maßnahmen nicht mehr gefördert würden. Dies gelte u. a. für viele Subventionen – z. B. in der Landwirtschaft. Nach Ansicht der Forschenden werden Finanzierungsmechanismen benötigt, um die Renaturierung von Ökosystemen zu fördern. Nach den aktuellen CBD-Plänen sollen 20 % der geschädigten Ökosysteme bis 2030 renaturiert werden. „Wir brauchen ehrgeizige Renaturierungsmaßnahmen, um die Biodiversitätsverluste der Vergangenheit wiedergutzumachen und den negativen Trend umzukehren“, sagt Dr. Andrea Perino, Forscherin bei iDiv und Erstautorin der Veröffentlichung. „Dazu beitragen können substanzielle Investments verschiedener Sektoren und umfassende Renaturierungspläne, durch die wir die Gesundheit von Menschen und Ökosystemen auch in Zukunft schützen können.“

In der dritten Stufe geht es darum, die erzielten Fortschritte zu evaluieren. Um zu überprüfen, dass die Akteure ihre Verpflichtungen auch erfüllen, müssten die Vertragsstaaten nationale Monitoring-Systeme einführen. Mit ihnen könnten Veränderungen der biologischen Vielfalt verfolgt und den verschiedenen Sektoren zugeordnet werden. „Es gibt einen Fehler, den wir nicht wiederholen dürfen. Wir müssen diesmal sehr konkrete Zielergebnisse vereinbaren und auch die verantwortlichen Akteure genau definieren“, sagt Co-Autor Prof. Henrique Pereira, Forschungsgruppenleiter bei iDiv und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Ein neuer Rahmenplan, der keine Rechenschaftspflicht vorsieht, ist zum Scheitern verurteilt. Deshalb brauchen wir ein systematisches und effektives Biodiversitäts-Monitoring. Nur so können wir die Akteure effektiv in die Verantwortung nehmen.“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass die drei Stufen des vorgeschlagenen Rahmenplans eng miteinander verknüpft sind und im Laufe der Umsetzung angepasst werden müssen. Sie sind überzeugt, dass eine Übernahme ihres Vorschlags den Schutz der Biodiversität voranbringen würde. „Wir müssen jetzt mutig handeln, um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und umzukehren“, sagt Co-Autorin Prof. Aletta Bonn, Forschungsgruppenleiterin beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und iDiv. „Die Regierungen müssen die globalen Biodiversitätsziele systematisch in konkrete nationale Maßnahmen umsetzen und die verantwortlichen Akteure sektorübergreifend in die Pflicht nehmen. Wir brauchen schnelle und substanzielle Investitionen in die Sicherung unserer Lebensgrundlagen – für die Zukunft unserer Kinder.“

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung


Originalpublikation:

Perino, A. et al. (2021): Biodiversity post-2020: Closing the gap between global targets and national-level implementation. Conservation Letters, https://doi.org/10.1111/conl.12848

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