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Onur Güntürkün erhält die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille 2026 der Deutschen Zoologischen Gesellschaft

Prof. Dr. Dr. h. c. Onur Güntürkün ist Träger der Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille 2026 der Deutschen Zoologischen Gesellschaft.
Prof. Dr. Dr. h. c. Onur Güntürkün ist Träger der Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille 2026 der Deutschen Zoologischen Gesellschaft. Quelle: RUB, Marquard

Der Bochumer Biopsychologe und Neurowissenschaftler Onur Güntürkün wird mit dem Wissenschaftspreis der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) ausgezeichnet. Die DZG würdigt damit seine herausragenden Beiträge zum Verständnis der Evolution von Gehirn und Kognition. Die Preisverleihung findet am 10. September 2026 im Rahmen der 118. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Münster statt. Die Laudatio hält Bertram Gerber. 

Wie entsteht komplexes Denken? Welche Eigenschaften muss ein Gehirn besitzen, damit Menschen und andere Tiere planen, Regeln lernen, Entscheidungen treffen und flexibel auf neue Situationen reagieren können? Und muss ein Gehirn dafür tatsächlich so aufgebaut sein wie das eines Menschen oder eines anderen Säugetiers?
Mit solchen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Dr. h. c. Onur Güntürkün seit Jahrzehnten. Seine Forschung hat wesentlich dazu beigetragen, etablierte Vorstellungen über den Zusammenhang zwischen Gehirnaufbau und Intelligenz zu verändern. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen verleiht ihm die DZG 2026 ihren Wissenschaftspreis, die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille. Güntürküns Forschung verbindet Zoologie und Evolutionsbiologie mit Verhaltensforschung, Neuroanatomie, Psychologie und kognitiver Neurowissenschaft.

Ein frühes Interesse am Verhalten von Tieren

Onur Güntürkün wurde 1958 in Izmir in der Türkei geboren. Sein Interesse an Tieren und ihrem Verhalten entwickelte sich früh. Bereits als Kind experimentierte er mit Rüsselkäfern, für die er kleine Labyrinthe baute. Später untersuchte er Lernprozesse bei Aquarienfischen. Aus dieser frühen Neugier entwickelte sich eine wissenschaftliche Frage, die seine Forschung bis heute prägt: Wie entstehen Wahrnehmung, Lernen und komplexes Verhalten aus der Aktivität eines Gehirns?
1975 begann Güntürkün an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie zu studieren. 1984 promovierte er mit einer Arbeit zur funktionellen Organisation des visuellen Systems von Tauben. Es folgten Forschungsaufenthalte unter anderem in Paris und an der University of California in San Diego. An der Universität Konstanz habilitierte er sich für Psychologie. 1993 kehrte er an die Ruhr-Universität Bochum zurück; seit 1997 ist er dort Professor für Biopsychologie. Heute zählt Güntürkün international zu den profiliertesten Forschern auf dem Gebiet der vergleichenden kognitiven Neurowissenschaften.

Können vollkommen unterschiedliche Gehirne ähnlich denken?

Eine der zentralen Fragen seiner Forschung betrifft den Vergleich von Vogel- und Säugetiergehirnen. Menschenaffen wie Schimpansen verfügen über große Gehirne mit einem ausgeprägten Neokortex. Dieser Teil des Säugetiergehirns galt lange als wesentliche Voraussetzung für komplexe kognitive Fähigkeiten. Die Gehirne von Rabenvögeln und Papageien dagegen sind viel kleiner und besitzen keinen Neokortex nach dem Bauplan der Säugetiere. Trotzdem zeigen gerade diese Vögel erstaunlich komplexe kognitive Leistungen. Sie können Regeln lernen, Informationen flexibel einsetzen, Probleme lösen und Verhaltensweisen zeigen, die lange Zeit vor allem Primaten zugeschrieben wurden. Für die vergleichende Hirnforschung ergibt sich daraus ein grundlegendes Problem: Wie können Gehirne, die sich in Größe, Aufbau und Evolutionsgeschichte so stark unterscheiden, zu vergleichbaren kognitiven Leistungen gelangen?

Güntürküns Forschung zeigt, dass unterschiedliche anatomische Strukturen vergleichbare Funktionen übernehmen können. Gleichzeitig lassen sich in Vogel- und Säugetiergehirnen fundamentale Gemeinsamkeiten der neuronalen Organisation erkennen. Die Evolution komplexer Kognition scheint daher nicht an einen einzigen anatomischen Bauplan gebunden zu sein und die Fähigkeit zur Intelligenz ist mindestens zweimal unabhängig voneinander in der Evolution entstanden. Damit berührt seine Arbeit eine der großen Fragen der Evolutionsbiologie: Welche Eigenschaften eines Nervensystems sind tatsächlich notwendig, damit komplexes Denken entstehen kann?

International anerkannter Forscher und Wissenschaftsvermittler

Güntürkün wurde für seine Forschung vielfach ausgezeichnet. Seit 2006 ist er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. 2013 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die wichtigste deutsche Forschungsförderauszeichnung. 2014 folgte der Communicator-Preis von DFG und Stifterverband für seine herausragende Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an die Öffentlichkeit. Darüber hinaus erhielt Güntürkün unter anderem zwei Ehrendoktorwürden, den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und einen ERC Advanced Grant.
2025 wurde er beim Wettbewerb „Professor des Jahres“ mit einem ersten Preis in der Kategorie Naturwissenschaften und Medizin für sein besonderes Engagement in Lehre und Mentoring ausgezeichnet.
Neben seiner Forschung ist Güntürkün damit auch für seine Fähigkeit bekannt, komplexe Zusammenhänge der Hirnforschung verständlich und anschaulich zu vermitteln.

Die Evolution findet unterschiedliche Lösungen

Dieser Gedanke steht auch im Mittelpunkt von Güntürküns Festvortrag in Münster. Unter dem Titel „The Parallel Evolution of Complex Cognition“ nimmt er das Publikum mit auf eine Reise weit zurück in die Evolution der Wirbeltiere. Ausgangspunkt ist ein scheinbares Paradox: Ein Schimpansengehirn wiegt etwa 400 Gramm und verfügt über einen großen Neokortex. Die Gehirne von Rabenvögeln und Papageien wiegen dagegen nur wenige bis einige Dutzend Gramm und sind anatomisch vollkommen anders organisiert. Dennoch können Vertreter beider Gruppen bemerkenswert ähnliche kognitive Leistungen hervorbringen. Für Güntürkün stellt sich deshalb die Frage, welche neuronalen Mechanismen im Verlauf der Evolution so entscheidend waren, dass komplexe Kognition unabhängig voneinander entstehen konnte.

Deutsche Zoologische Gesellschaft

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