Über 3,6 Millionen Herbarbelege – getrocknete und wissenschaftlich dokumentierte Pflanzenproben – befinden sich in den Sammlungsschränken am Senckenberg Institut für Pflanzenvielfalt in Jena (SIP). „Das Herbarium Haussknecht gehört zu den europaweit bedeutendsten Herbarien und ist zugleich die größte botanische Regionalsammlung Deutschlands“, erklärt Dr. Sebastian Gebauer vom SIP und fährt fort: „Naturhistorische Sammlungen wie diese liefern einzigartige zeitlich und räumlich aufgelöste Daten darüber, wo Arten vorkommen, wie Ökosysteme vernetzt sind und zur Wechselwirkung zwischen der Natur und uns Menschen. Mit dem rasch zunehmenden Verlust der Biodiversität steigt auch die Erwartung, dass diese Sammlungen einen stärkeren Beitrag zur Planung von nachhaltigen Schutzmaßnahmen und zur Umweltpolitik leisten.“
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, gewinnt der neue Forschungsansatz „Collectomics“ zunehmend an Bedeutung. Unter „Collectomics“ versteht man die großskalige Erfassung, Verknüpfung und Auswertung von Daten, die direkt aus Sammlungsobjekten und allen dazugehörigen Informationen jetzt und in Zukunft gewonnen werden. Objekte und zugehörige Metadaten werden zum „Extended Specimen“, also zu einem erweiterten Sammlungsobjekt, das neben dem physischen Exemplar sämtliche damit verbundenen Informationen und Forschungsdaten umfasst. Diese Daten stammen aus naturhistorischen Sammlungen, deren vielfältige Sammlungsobjekte künftig in verschiedenen, räumlich verteilten Datenbanken verknüpft werden. Der Zugang zu diesen vernetzten Forschungsinfrastrukturen orientiert sich an den FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable). Zum Einsatz kommen moderne Technologien wie Digitalisierung, Bildanalyse, Genomik, Spektroskopie, vernetzte Dateninfrastrukturen, automatisierte Arbeitsabläufe – und Künstliche Intelligenz. „KI eröffnet viele neue Möglichkeiten, um wichtige globale Probleme besser zu verstehen, etwa den Verlust von Artenvielfalt, die Veränderung von Lebensräumen oder Fragen der Ernährungssicherheit. Gleichzeitig wirft diese technologische Entwicklung auch viele ethische Fragen auf“, erläutert Gebauer. „Ohne sorgfältige Aufsicht birgt KI-gestützte Forschung das Risiko, historische Ungleichheiten in Bezug auf Zugang, Autorität und wissenschaftliche Nutzung zu reproduzieren und zu verfestigen“, gibt er zu Bedenken.
In der neu veröffentlichten Studie fasst der Jenaer Botaniker und Kurator am Herbarium Haussknecht gemeinsam mit dem Erstautor Dr. Kamil E. Frankiewicz von der Universität Warschau und einem internationalen Forschungsteam die Ergebnisse einer Konferenz zusammen, die Ende 2025 an der Universität Warschau stattfand und an der Forschende aus einigen der weltweit bedeutendsten Pflanzensammlungen teilnahmen – darunter die Royal Botanic Gardens Kew, das Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris und der Missouri Botanical Garden.
„Eines unserer Ergebnisse ist, dass viele Objekte in wissenschaftlichen Sammlungen aus kolonialen und imperialen Kontexten stammen. Deshalb stellt sich heute die Frage, wer über Objekte und Daten verfügen darf, wer von ihrer Nutzung profitiert und wie die rechtlichen und ethischen Ansprüche der Herkunftsgesellschaften berücksichtigt werden können. Besonders in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche gewinnt die Verantwortung der beteiligten Institutionen an Bedeutung“, fasst Gebauer den Kern der Arbeit zusammen. Mit dem Einsatz von KI bestehe zudem die Gefahr, dass frühere Ungleichheiten unbewusst fortgeführt oder sogar neue Ungerechtigkeiten geschaffen werden, so die Forschenden.
Die Autor*innen fordern in ihrer neuen Publikation eine „ethische Sammlungsmobilisierung“ und betonen dabei Transparenz, gleichberechtigte Partnerschaften, die Rechte indigener Gruppen und lokaler Gemeinschaften, faire Vorteilsteilung sowie langfristige Investitionen in Expertise und Infrastruktur in biodiversitätsreichen Regionen. Als Beispiel verweisen sie auf erfolgreiche Initiativen der „digitalen Rückgabe“ wie das brasilianische REFLORA-Programm oder das „African Plants Portal“, die einen digitalen Zugang zu Sammlungsobjekten im Sinne des Konzepts des „shared heritage“ ermöglichen, der Forschenden aus den Herkunftsregionen zuvor oft verwehrt war. „Wir empfehlen zudem eine stärkere Einbindung der Herkunftsländer durch vertrauensvolle gemeinsame Sammlungsarbeit, den Aufbau einheitlicher Standards und Schulungsprogramme, die konsequente Prüfung rechtlich-ethischer Rahmenbedingungen sowie den Schutz sensibler Fundortdaten bei zugleich möglichst offenem Zugang zu Forschungsdaten“, so Gebauer. Ergänzend sollen auch bislang wenig beachtete Materialien wie Bodenproben oder Begleitorganismen systematisch erhalten werden, da sie künftig durch neue Technologien zusätzliche Erkenntnisse liefern können. In der Forschung sollen Projekte auf Partnerschaften, gemeinsame Autorenschaft und transparente Datenpraktiken nach FAIR- und CARE-Prinzipien setzen, heißt es in der Studie. Förderinstitutionen und Politik werden von dem Forschungsteam aufgefordert, naturhistorische Sammlungen als globales Kulturerbe anzuerkennen, langfristig in Infrastruktur und Sicherheit zu investieren und internationale Kooperationen zu stärken.
„Ziel ist es, naturhistorische Sammlungen verantwortungsvoll zu nutzen –wissenschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, ohne Fairness, Transparenz und globale Gerechtigkeit zu vernachlässigen. Sammlungen müssen als Teil eines gemeinsamen Erbes der Menschheit betrachtet werden, ihre öffentliche Zugänglichkeit, im Sinne von ‚Ethical Collectomics‘, ist eine der drängendsten wissenschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit“, schließt Gebauer.
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Originalpublikation:
Kamil E Frankiewicz, Ana Rita Giraldes Simões, Magdalena Grenda-Kurmanow, Annika Engelhardt, Natalia M Shiyan, Sergei L Mosyakin, Marcelo R Pace, M Alejandra Jaramillo, Anthony R Magee, A Muthama Muasya, Oscar A Perez-Escobar, Carmen R Marcati, Melania Muñoz-García, Diego Sotto Podadera, Sebastian Gebauer, Ethical collectomics: A guide to the responsible and fair mobilization of natural history collections, BioScience, 2026;, biag069, https://doi.org/10.1093/biosci/biag069




