Seit mehr als einem halben Jahrhundert greifen Wissenschafter:innen, die das Selbst von Tieren erforschen, häufig auf Spiegel zurück. Im klassischen Spiegel-Markierungstest muss ein Tier sein Spiegelbild mit dem eigenen Körper in Verbindung bringen und den Spiegel nutzen, um eine versteckte Markierung zu inspizieren.
Die Studie des Messerli Forschungsinstituts (MFI) an der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht Selbstrepräsentation durch Handlung. Im ersten „Körper-als-Hindernis“-Test, der mit Vögeln durchgeführt wurde, erkannten Goffinkakadus, wenn ihr eigenes Gewicht sie an der Lösung einer Aufgabe hinderte und traten zur Seite.
„Wahrscheinlich müssen alle Tiere sich in der einen oder anderen Weise selbst repräsentieren“, sagt der Studien-Co-Autor Antonio J. Osuna-Mascaró. „Wie Frans de Waal einst argumentierte, muss ein Affe wissen, ob ein Ast sein Gewicht trägt, bevor er darauf landet, oder ob er die Stärke und Fähigkeiten hat, einen Kampf zu gewinnen, bevor er einen anderen herausfordert. Der Spiegeltest erfasst eine Dimension des Selbstwissens (das visuelle Erscheinungsbild) innerhalb eines viel breiteren Spektrums, das Geruch, Größe, Position, Gewicht und andere Merkmale umfasst, die Tieren helfen, physische und soziale Herausforderungen zu bewältigen.“
Ein Ball, eine Matte und ein gefiederter Stolperstein
Die Forschenden testeten 15 Goffinkakadus im Goffin Lab in Niederösterreich. Die Vögel hatten gelernt, auf die Aufforderung „Gib mir“ eine kleine Kugel aufzunehmen und einer Versuchsperson zu übergeben.
Im entscheidenden Test war die Kugel mit der Matte unter den Füßen des Kakadus verbunden. Wenn der Vogel an der Kugel zog, bewegte sich die Matte mit – während das Eigengewicht des Vogels alles an Ort und Stelle hielt. Um erfolgreich zu sein, musste der Kakadu von der Matte herabsteigen und die Übergabe neben der Matte fortsetzen.
Zwei Kontrollbedingungen sollten zeigen, ob die Vögel auf ihre eigene ursächliche Rolle im Problem reagierten. In einer Kontrolle war die Kugel nicht befestigt und konnte normal übergeben werden. In der anderen war sie am Tisch fixiert. Diese zweite Anordnung erzeugte Widerstand, aber das Verlassen der Matte hatte keinen Einfluss auf das Hindernis. Ein Vortest bestätigte zudem, dass Bewegungen unter den Füßen der Vögel sie nur selten veranlassten, wegzutreten.
„Die Lösung entfaltete sich oft in einer sehr klaren Abfolge“, sagt Studienerstautorin Paula Hundegger, die die Experimente durchführte. „Ein Kakadu nahm die Kugel auf, spürte den Widerstand, stieg von der Matte und vollendete die Übergabe. Dieses Muster sahen wir bereits in der ersten Sitzung.“
Die Kakadus stiegen in 97,8 % der Testdurchgänge von der Matte. In nur 0,7 % der Durchgänge taten sie dies, wenn die Kugel nicht befestigt war, und in 39,1 %, wenn sie am Tisch fixiert war. Das bedingungsabhängige Muster zeigte sich bereits in der ersten Sitzung und blieb über den gesamten Versuchsverlauf stabil. Im Vortest blieben die Vögel in 179 von 180 Durchgängen auf der sich bewegenden Matte stehen.
Insgesamt deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Kakadus zwischen einem Problem, das durch ihren eigenen Körper verursacht wurde, und einer externen Blockade unterscheiden konnten.
Ein neues Fenster auf das tierische Selbst
Die „Körper-als-Hindernis“-Aufgabe nahm ihren Anfang in Studien mit Kleinkindern. In einer Version versucht ein Kind, eine Matte zu übergeben, während es darauf steht. Kinder beginnen im Allgemeinen im zweiten Lebensjahr damit, solche Probleme zu lösen – etwa zu der Zeit, in der auch die Selbsterkennung im Spiegel auftritt. Die beiden Aufgaben zeigen jedoch nur geringe Zusammenhänge, und kulturvergleichende Studien haben unterschiedliche Entwicklungsverläufe festgestellt. Das deutet darauf hin, dass sie unterschiedliche Aspekte der Selbstrepräsentation erfassen.
Später wurde die Aufgabe für Asiatische Elefanten, Hunde, Schimpansen und Gorillas adaptiert. Elefanten zeigten Evidenz sowohl im Spiegel- als auch im „Körper-als-Hindernis“-Test. Hunde bestehen die „Körper-als-Hindernis“-Aufgabe, obwohl sie in konventionellen Spiegeltests scheitern. Auch Schimpansen und Gorillas schnitten in „Körper-als-Hindernis“-Tests gut ab, ohne klaren Zusammenhang zu ihren Reaktionen auf Spiegel.
Goffinkakadus fügen diesem vergleichenden Bild den ersten avianen Befund hinzu. Diese hochgradig innovativen Papageien erkunden Objekte intensiv mit Schnabel, Zunge und Füßen. Ihre taktile, handlungszentrierte Art der Auseinandersetzung mit der Welt macht sie zu starken Kandidaten für Tests, die auf Körper-Umwelt-Beziehungen beruhen. Frühere Experimente konnten in dieser Art keine konventionelle Spiegel-Selbsterkennung nachweisen, wobei die Forschenden allerdings einige mögliche Kontingenzprüfungen beobachteten.
„Wir lernen, wie Selbstrepräsentation bei sehr unterschiedlichen Arten von Geist untersucht werden kann“, sagt Osuna-Mascaró. „Das entstehende Bild ist modular: Verschiedene Arten stützen sich auf die Formen des Selbstwissens, die für ihre Art der Fortbewegung und des Handelns am wichtigsten sind.“
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kakadus sensibel für ihre eigene ursächliche Rolle in einem physikalischen Problem waren. Die Forschenden betonen, dass die Befunde nicht als Hinweis zu verstehen sind, dass Kakadus ein menschenähnliches, reflektiertes Selbstkonzept besitzen. Ihre Art der Selbstrepräsentation wird wahrscheinlich durch die physischen und sozialen Herausforderungen geprägt, denen sie ausgesetzt sind. Die Resultate tragen zu der Evidenz bei, dass Selbstrepräsentation aus mehreren Komponenten bestehen kann, die sich je nach Art unterschiedlich ausdrücken und am besten mit komplementären Methoden untersucht werden, die an die jeweilige Wahrnehmung und Handlungsmöglichkeiten der Tiere angepasst sind.
„Anstatt Selbstbewusstsein als einzelne Schwelle zu behandeln, können wir fragen, welche Informationen Tiere über sich selbst nutzen, unter welchen Umständen und zu welchem Zweck“, fügt Osuna-Mascaró hinzu. „Die Erprobung des ‚Körper-als-Hindernis‘-Paradigmas bei Vögeln fügt diesem weitaus größeren Puzzle ein neues Teil hinzu.“
Veterinärmedizinische Universität Wien
Originalpublikation:
Hundegger, P., Folkertsma, R., Dale, R. et al. Body awareness in Goffin’s cockatoos (Cacatua goffiniana). Sci Rep16, 28981 (2026). doi.org/10.1038/s41598-026-57500-7



