An der im Fachblatt „Scientific Data“ veröffentlichte Studie unter Leitautorschaft von Inès Otosaka (Northumbria University, Großbritannien) haben vier Wissenschaftler der TU Dresden mitgewirkt. Die Dresdener Beiträge bestehen zum einen in der Auswertung von Messungen der Eisoberflächenhöhen durch Altimetersatelliten. Zum anderen wurden Änderungen der Erdanziehungskraft, die von speziellen geodätischen Satellitenmissionen ermittelt werden, ausgewertet, um auf kontinentale Eismassenänderungen rückzuschließen. Weitere Autoren aus dem Team aus insgesamt 37 Institutionen trugen Ergebnisse zum Gletscherfließen, zum Schneefall, zum Oberflächenschmelzen und zu weiteren Einflussgrößen bei.
Das internationale Team von Polarforschern hat das bislang vollständigste Bild des Eisverlusts der Eisschilde in Grönland und der Antarktis erstellt. Das „Ice Sheet Mass Balance Inter-comparison Exercise“ (IMBIE)-Team kombinierte dazu die Ergebnisse von 42 unabhängigen Satellitendatenanalysen, die sich auf 27 verschiedene Satellitenmissionen stützen. Mithilfe des Landsat-Archivs reichen die Daten für Grönland bis ins Jahr 1972, für die Antarktis bis ins Jahr 1979 zurück.
Die Ergebnisse zeigen, dass die beiden Eisschilde zwischen 1979 und 2023 11 Billionen Tonnen Eis verloren haben, wodurch der globale Meeresspiegel um 3,1 Zentimeter angestiegen ist. Grönland trägt mit 1,8 Zentimetern den größeren Anteil bei, die Antarktis 1,3 Zentimeter. Bemerkenswert ist, dass 84 % des kombinierten Eisverlusts auf die Beschleunigung von Gletschern zurückzuführen ist, die mehr Eis in den Ozean befördern, während lediglich 16 % auf Oberflächenschmelze entfallen. Die polaren Eisschilde tragen heute etwa ein Viertel zum gesamten globalen Meeresspiegelanstieg bei.
Martin Horwath, Professor für Geodätische Erdsystemforschung an der TU Dresden, Mitautor und Mitglied im Leitungsausschuss (Executive Committee) der IMBIE-Studie, sagte: "Die hier aggregierten Zahlen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung von Messsystemen und Auswerteexpertise. Sie vermitteln ein umfassendes Bild nicht nur über die Eismassenverluste, sondern auch die zugrundeliegenden Prozesse. Der Methodenvergleich macht gleichzeitig weiteren Forschungsbedarf deutlich, zum Beispiel für die Ostantarktis. Das ist ein Antrieb für laufende geodätische Forschungsprojekte an der TU Dresden.“
Die Ergebnisse zeigen, dass die Eisverluste seit den 1990er Jahren steil ansteigen. Grönland, das in den 1970er Jahren nahezu im Gleichgewicht war, verzeichnete einen Anstieg seiner Verlustrate von rund 60 Milliarden Tonnen pro Jahr in den 1980er Jahren auf jährlich 264 Milliarden Tonnen in den 2010er Jahren – einem Jahrzehnt, das durch wiederholt extreme sommerliche Schmelzereignisse geprägt war. Die Verlustrate der Antarktis stieg demnach von rund 48 Milliarden Tonnen pro Jahr in den 1980er Jahren auf 202 Milliarden Tonnen in den 2010er Jahren; sämtliche Nettoverluste gehen dabei auf beschleunigte Auslassgletscher, bedingt durch die Interaktion mit erwärmtem Ozeanwasser, zurück. Die Eisdynamik der Westantarktis, angeführt vom Pine-Island- und Thwaites-Gletscher, hat in jedem Jahrzehnt der Messreihe zugenommen.
Die jüngsten Jahre (2020–2023) brachten eine vorübergehende Verlangsamung der Eisverluste. Rekordschneefälle über der Ostantarktis haben einen Teil der Gletscherverluste des Kontinents andernorts ausgeglichen, während eine Reihe milderer Grönlandsommer die dortige Oberflächenschmelze in etwa halbierte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass es sich dabei um kurzfristige Schwankungen vor dem Hintergrund eines klaren langfristigen Trends handelt – nicht um eine Umkehr der Eisverluste.
Dr. Inès Otosaka (Northumbria University, Newcastle, Großbritannien), Leitautorin der Studie, sagte: „Indem wir bis in die 1970er Jahre zurückblicken, können wir nun sehen, wie sich die Eisschilde über ein halbes Jahrhundert hinweg verändert haben. Mehr als vier Fünftel des verlorenen Eises wurden von schneller fließenden Gletschern in den Ozean transportiert, anstatt an der Oberfläche zu schmelzen – was uns zeigt, dass der langfristige Trend durch die dynamische Reaktion der Eisschilde auf einen sich erwärmenden Ozean angetrieben wird.“
Die Ergebnisse unterstreichen auch die zentrale Rolle der Eisschilde für den zukünftigen Meeresspiegelanstieg. Ihre Reaktion auf ein sich erwärmendes Klima ist die größte Unsicherheitsquelle in den Projektionen des Meeresspiegels. Ein kontinuierlicher, über ein halbes Jahrhundert reichender Datensatz darüber, wie sich die Eisschilde verhalten, ist daher wichtig, um die Risiken für die Hunderten Millionen Menschen vorherzusehen, die in tief liegenden Küstengebieten leben.
TU Dresden
Originalpublikation:
Otosaka, I.N., Shepherd, A., Amory, C. et al. Mass balance of the Greenland and Antarctic ice sheets from the 1970s to 2023. Sci Data13, 1301 (2026). doi.org/10.1038/s41597-026-08088-0



