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Wie Seescheiden Unterwasserlärm wahrnehmen

Seescheiden
Seescheiden, Bild Pixabay

Schifffahrt, Bauarbeiten und andere menschliche Aktivitäten verändern die akustischen Bedingungen im Meer. Welche Auswirkungen der Unterwasserlärm auf marine Organismen hat, wird häufig anhand des Schalldrucks untersucht. Für Tiere, die fest mit dem Untergrund verbunden sind, könnte diese Betrachtung jedoch zu kurz greifen. Ein Fordchungsteam wollte daher wissen, wie Seescheiden auf Unterwasserlärm reagieren. Die Forschenden fanden heraus, dass die Tiere nicht so sehr auf den Schalldruck, sondern auf Vibrationen reagieren.

„Wir haben an der Seescheide Halocynthia papillosa untersucht, welche Komponenten niederfrequenter vibroakustischer Reize Verhaltensreaktionen auslösen“, berichtet Til Böttner im Rahmen seiner Doktorarbeit. „In Feldexperimenten im Mittelmeer und unter kontrollierten Laborbedingungen haben die Tiere vor allem zwischen 50 und 800 Hertz mit Kontraktionen reagiert. Interessanterweise waren diese Reaktionen mit erhöhten Vibrationen im Substrat verbunden.“

Erstaunlicherweise zeigten die Seescheiden selbst bei Unterwasserschalldruckpegeln von mehr als 130 Dezibell keine vergleichbaren Reaktionen, solange die Vibrationen des Untergrunds unterhalb der ermittelten Reaktionsschwellen lagen. „Die Ergebnisse zeigen damit, dass Schalldruck allein die beobachteten Verhaltensreaktionen nicht erklären kann“, fasst Dr. Mareike Huhn zusammen. Bei Seescheiden handelt es sich um kleine Manteltiere, die sesshaft leben, indem sie sich am Meeresboden, auf Felsen oder anderen Untergründen festhalten.

Das Nervensystem im Fokus

Welche sensorischen Strukturen die mechanischen Reize wahrnehmen, ist bislang nicht geklärt. Seescheiden besitzen jedoch spezialisierte bewimperte Mechanorezeptorzellen im Bereich der Siphone, insbesondere im sogenannten Koronalorgan. Diese könnten lokale Wasserbewegungen oder mechanische Verformungen registrieren. „Ob die Rezeptoren durch Partikelbewegungen im Wasser oder durch über den Untergrund und den Mantel übertragene Vibrationen stimuliert werden, muss durch weitere physiologische und neurobiologische Untersuchungen geklärt werden“, so Til Böttner.

Schalldruck, Partikelbewegung und substratgebundene Vibrationen sind unter Wasser, insbesondere bei niedrigen Frequenzen, physikalisch eng miteinander gekoppelt. Eine vollständige Trennung dieser Komponenten war daher auch in der aktuellen Studie nicht möglich. „Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass mechanische Komponenten des Unterwasserschalls bei der Untersuchung benthischer Organismen stärker berücksichtigt werden müssen“, sind sich die Bochumer Forschenden sicher. 

Zukünftige Studien sollen klären, welche mechanischen Reize tatsächlich wahrgenommen werden und wie diese sensorisch und neuronal verarbeitet werden. Damit verbindet die Forschung am Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum Meeresbiologie, Bioakustik und Neurobiologie, um die Auswirkungen anthropogenen Unterwasserlärms differenzierter zu verstehen. Auch international fand die Arbeit Anerkennung: Für die Präsentation der Forschung auf dem International Tunicate Meeting (ITM) erhielt Til Böttner den Preis für den besten Vortrag eines Nachwuchswissenschaftlers.

Ruhr-Universität Bochum


Originalpublikation:

Til Böttner, Lukas Hessel, René Ortmann, Wolfgang H. Kirchner, Stefan Herlitze, Mareike Huhn: Feeling the noise: Behavioural Responses in Ascidians Are Associated With Substrate-Borne Vibrations Rather Than Sound Pressure Alone, Marine Biology, 2026, DOI: 10.1007/s00227-026-04943-1

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