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Stille Verluste im Berliner Stadtwasser

Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula).
Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula). Foto: Jörg Freyhof, Museum für Naturkunde Berlin

Eine neue Studie unter Leitung von Forschenden des Museums für Naturkunde Berlin zeigt: Die Bestände Berliner Libellen sind seit 1963 um mehr als die Hälfte zurückgegangen, die Bestände von Fröschen, Kröten und Molchen seit 1981 sogar um über drei Viertel. Für die Untersuchung wurden erstmals Jahrzehnte an Berliner Monitoringdaten mit dem international etablierten „Living Planet Index“ (LPI) ausgewertet - jenem Indikator, mit dem der WWF sonst globale Wildtierbestände misst. An der Studie waren zudem die Berliner Experten Falk Petzold und Klaus-Detlef Kühnel beteiligt, die die Datenreihen koordinieren. Die Studie, die innerhalb des von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt geförderten Projektes “Vielfalt verstehen - Natur erforschen und erleben” entstand, wurde in der Fachzeitschrift Global Change Biology Communications veröffentlicht.

Zwei Tiergruppen, ein gemeinsames Schicksal

Libellen und Amphibien leben doppelt: Als Larven im Wasser, als Erwachsene an Land. Genau diese Abhängigkeit von zwei Lebensräumen macht sie so empfindlich. Für die Studie werteten die Forschenden zwei umfangreiche, bislang unveröffentlichte Datensätze aus: die Berliner Libellendatenbank mit fast 24.000 Beobachtungen seit 1850 sowie den Berliner Amphibiendatensatz mit über 16.000 Einträgen seit 1970, zusammengetragen von Naturschutzverbänden und Fachgesellschaften. Einbezogen wurden 16 Gewässer, die über Jahrzehnte hinweg regelmäßig und vergleichbar untersucht worden waren: von Waldseen im Grunewald über Moorgewässer in Köpenick bis zu Teichen in Marienfelde und Tegel.

Das Ergebnis ist eindeutig: Zwischen 1963 und 2023 gingen die Libellenbestände im Mittel um 51 Prozent zurück. Bei den Amphibien war der Rückgang zwischen 1981 und 2022 mit 76 Prozent noch stärker.

„Dass beide Gruppen zurückgehen, überrascht angesichts des allgemeinen Trends beim Artenschwund leider nicht. Bemerkenswert ist aber, wie viel stärker die Amphibien betroffen sind“, sagt Silvia Keinath, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Museum für Naturkunde Berlin. „Frösche, Kröten und Molche sind deutlich weniger mobil als Libellen und daher besonders empfindlich, wenn Wanderwege zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen durch Straßen, Bebauung oder trockenfallende Kleingewässer unterbrochen werden.“ Libellen dagegen können als gute Flieger leichter neue Gewässer besiedeln, bleiben aber ebenfalls anfällig für Veränderungen wie zu früh austrocknende Teiche und den Verlust geeigneter Lebensräume.

Ein neuer Blick auf städtische Artenvielfalt

Der Living Planet Index fasst die Entwicklung vieler einzelner Populationen zu einem einzigen Trendwert zusammen – ähnlich einem Aktienindex, der nicht die absolute Zahl der Tiere, sondern die durchschnittliche Veränderung ihrer Bestände abbildet. Damit lässt sich sichtbar machen, wie sich die Bestände verschiedener Arten über lange Zeiträume entwickeln, selbst wenn die zugrundeliegenden Daten lückenhaft und uneinheitlich erhoben wurden.

Trockene Teiche als Warnsignal

Ein Grund für die beobachteten Rückgänge könnte im wahrsten Sinne vor der Haustür liegen: Beim Abgleich mit aktuellen Berichten zu Berliner Kleingewässern stellte das Team fest, dass 36 der ursprünglich untersuchten Gewässer inzwischen komplett ausgetrocknet sind, etwa infolge sinkender Grundwasserstände und ausbleibender Niederschläge. Solche dauerhaft verschwundenen Gewässer konnten in die Berechnung des Index gar nicht mehr einfließen, weil keine durchgehende Zeitreihe mehr vorlag. Die tatsächlichen Verluste dürften deshalb sogar noch höher liegen, als es die Studie zeigt.

Stadtnatur braucht dauerhafte Beobachtung

Die Untersuchung reiht sich ein in ein wachsendes Engagement des Museums für Naturkunde Berlin für die Erforschung und den Erhalt der Berliner Stadtnatur. Erst 2024 hat ein Team des Museums berechnet, dass in Berlin seit dem Jahr 1700 rund 16 Prozent aller einst heimischen Arten bereits komplett verschwunden sind. Die aktuelle Studie ergänzt dieses Bild um eine zeitlich viel feinere Perspektive: Sie zeigt nicht nur, welche Arten verschwinden, sondern wie sich ihre Bestände über Jahrzehnte hinweg entwickeln – lange bevor eine Art ganz aus der Stadt verschwindet.

„Unsere Ergebnisse sind ein Werkzeug“, so Keinath. „Sie zeigen, dass sich Bestandstrends auch auf der Ebene einer einzelnen Stadt sinnvoll erfassen lassen. Vorausgesetzt, es gibt kontinuierliche, gut dokumentierte Langzeitdaten und diese werden auch zur Analyse zur Verfügung gestellt. Genau solche Daten sind in Berlin bislang selten, weil ein strukturiertes, dauerhaftes Biodiversitätsmonitoring fehlt.“ Das Museum für Naturkunde Berlin setzt sich dafür ein, ein solches Monitoring gemeinsam mit Naturschutzverbänden, Bürgerwissenschaftler:innen und der Stadt aufzubauen – auch als Beitrag zur „Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt 2030+“ des Landes Berlin.

Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung


Originalpublikation:

Keinath, S., Griesbaum, F., Sommerwerk, N., Petzold, F., Kühnel, K.-D., & Freyhof, J. (2026). Long-term population declines of habitat-shifting species in urban waters: A Living Planet Index approach for Berlin, Germany. Global Change Biology Communications 1(3), e70039. https://doi.org/10.1002/gcb4.70039

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