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Heimvorteil oder neue Ufer? Watvögel in der Arktis kehren selten zu denselben Brutplätzen zurück

Graubruststrandläufer im Flug
Graubruststrandläufer legen auf ihrer Wanderung lange Strecken von ihren Überwinterungsgebieten zu ihren Brutplätzen an den Küsten der Arktis zurück. Zur Brut kehren sie jedoch selten an dieselben Orte zurück, in dem sie zuvor gebrütet haben. Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Kaspar Delhey

Rund ein Drittel der in der Tundra brütenden Watvögel kehrt jährlich an den früheren Brutplatz zurück. In Wäldern, Graslandschaften und Trockengebieten sind es dagegen rund zwei Drittel. Am südlichen Rand der Arktis kehrt etwa die Hälfte der Individuen zurück, in der hohen Arktis, weit im Norden, jedoch nur rund jedes zehnte Tier. In anderen Lebensräumen hat der Breitengrad hingegen kaum Einfluss auf die Rückkehrrate.

Watvögel sind zu einigen der längsten Tierwanderungen der Erde fähig und kehren doch oft zur Brut in dieselben Gebiete zurück. Die Rückkehr hat deutliche Vorteile, darunter die Kenntnis der besten Futter- und Rastplätze, Informationen darüber, wo Raubtiere lauern, und – hoffentlich – die Chance, den Partner aus dem Vorjahr wieder zu finden. Jedoch kehren einige Arten, wie zum Beispiel der Graubruststrandläufer oder der Tundraschlammläufer, so gut wie gar nicht in dasselbe Gebiet zurück. Und selbst unter zuverlässigen Rückkehrern, wie den Austernfischern, entscheiden sich manche Individuen dafür, sich in der nächsten Saison an einem neuen Ort niederzulassen. Wie aber beeinflusst der frühere geografische Brutort eines Watvogels seine Entscheidung, zurückzukehren oder lieber anderswo zu brüten? 

Ein Team von Wissenschaftler*innen unter der Leitung von Bart Kempenaers, Direktor der Abteilung für Ornithologie am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz (MPI-BI), hat nun in einer Studie in „Ecography“ Licht auf diese Frage geworfen. Die Grundlage dafür bildeten veröffentlichte Felddaten zu Watvogelpopulationen der gesamten nördlichen Hemisphäre aus den letzten Jahrzehnten. Das Team stellte fest, dass in der arktischen Tundra brütende Watvögel weitaus seltener zurückkehren als Vögel, die in Wald- und Trockengebieten oder Graslandschaften brüten. Dieses Muster verstärkt sich dabei noch innerhalb der Tundra Richtung Norden. Für alle anderen Lebensräume spielt es für die Rückkehrwahrscheinlichkeit dagegen kaum eine Rolle, wie weit im Norden ein Individuum gebrütet hatte.

„Es ist bekannt, dass mehrere Faktoren beeinflussen, ob ein Vogel zum Brüten an denselben Ort zurückkehrt oder nicht. Dazu gehören beispielsweise, wie eine Art die Brutpflege aufteilt, das Geschlecht, oder die Körpergröße eines Individuums. Inwieweit die geografische Lage eine Rolle spielt, war bisher jedoch nicht systematisch untersucht worden“, sagt Peter Santema, Postdoktorand am MPI-BI und Erstautor der Studie. „Zunächst schienen die Daten ein einfaches Muster zu zeigen: Je weiter nördlich Vögel brüten, desto weniger häufig kehren sie zurück. Doch dieser Eindruck erwies sich als irreführend, da Tundra-Vögel nun einmal in den höchsten Breitengraden brüten und am seltensten zurückkehren, was den scheinbaren Zusammenhang zwischen Breitengrad und Rückkehrraten erklärte. Als wir die Lebensräume jedoch separat verglichen wurde deutlich, dass dieser Effekt ausschließlich auf die Tundra zurückzuführen ist.“

Ein Blick in die Zahlen

In der weiten arktischen Tundra können die Bedingungen von Jahr zu Jahr stark schwanken. Ein Brutplatz, der im Juni eines Jahres noch perfekte Bedingungen geboten haben mag, kann im Folgejahr noch schneebedeckt, oder einer größeren Bedrohung durch Raubtiere ausgesetzt sein. Da den Watvögeln für die Brut nur ein relativ enges Zeitfenster zur Verfügung steht, haben sie kaum Zeit, auf eine Verbesserung der Bedingungen zu warten. 

Mitautorin Eunbi Kwon, Wissenschaftlerin am MPI-BI, hatte jahrelang Schätzungen zu Rückkehrraten für 120 Populationen von 55 Watvogelarten aus der gesamten nördlichen Hemisphäre zusammengetragen. Die Daten stammten aus veröffentlichten Feldstudien und Aufzeichnungen, die von Forschenden zur Verfügung gestellt wurden. Frühere Auswertungen hatten bereits gezeigt, dass Arten, bei denen sich beide Partner die elterlichen Pflichten teilen, zuverlässiger zu ihren Brutplätzen zurückkehren als solche, bei denen nur ein Elternteil die Eier bebrütet und die Jungvögel versorgt. Die Rolle der geografischen Lage blieb jedoch eine offene Frage. Bei der Durchsicht der Aufzeichnungen fiel Peter Santema auf, dass viele der Arten mit den niedrigsten Rückkehrraten in der Tundra brüteten. Dies veranlasste das Team, zu untersuchen, ob der Lebensraum – und nicht allein der Breitengrad – dieses Muster erklären könnte.

Die neue Auswertung zeigte zunächst einen allgemeinen Zusammenhang zwischen nördlicheren Brutgebieten und geringeren Rückkehrraten. Als jedoch Mihai Valcu, ein weiterer Wissenschaftler aus der Abteilung und Mitautor, die Analyse nach Lebensraum aufschlüsselte, wurde deutlich: Dieser Effekt beschränkt sich auf die Tundra. Dort kehrt am südlichen Rand, etwa auf der Breite von Oslo, rund die Hälfte der Vögel zurück; in der hohen Arktis ist es nur etwa jeder Zehnte. In Wald-, Grasland- und Trockengebieten kehren dagegen unabhängig vom Breitengrad etwa zwei von drei Individuen zu früheren Brutplätzen zurück. Das Muster zeigte sich auch innerhalb einzelner Arten: Unter den Vögeln, die sowohl in der Tundra als auch in anderen Lebensräumen brüteten, kehrten die Individuen in den Tundra-Populationen durchweg seltener zurück.

„Die Erkenntnis, dass ein einziger Lebensraum einen so großen Teil dieser Variation bestimmt, wirft faszinierende Fragen auf“, sagt Kempenaers. „Begünstigen auch andere, in der Studie nicht berücksichtigte Lebensräume – zum Beispiel temporäre Feuchtgebiete – nomadische Brutvögel? Was veranlasst einen einzelnen Vogel, zurückzukehren oder weiterzuziehen? Und da Brutlebensräume weltweit zunehmend unter Druck geraten: Trägt die Bereitschaft zum Umzug dazu bei, dass diese Vögel stabile Populationen aufrechterhalten können? Es liegt auf der Hand, dass der Ort, an dem ein Vogel von einem Jahr zum nächsten brütet, Einfluss darauf hat, in welchem Umfang sich Gene zwischen Populationen vermischen und wie schnell sich Krankheiten mit ihnen ausbreiten. Die Kombination umfassender Vergleichsstudien mit dem Tracking einzelner Vögel hat das Potenzial, noch viel mehr über diese Prozesse aufzudecken.“

MPI für biologische Intelligenz


Originalpublikation:

Peter Santema, Eunbi Kwon, Luke Eberhart-Hertel, Mihai Valcu, Bart Kempenaers: A global latitudinal decline in breeding site fidelity emerges from a single biome, Ecography, online 14.09.2026, 
DOI: http://doi.org/10.1002/ecog.08440

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