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Ein Geist aus der Vergangenheit: Seit zwei Jahrhunderten übersehene afrikanische Fledermaus in Europa entdeckt

Schlitznasenfledermaus Nycteris thebaica beim Verlassen eines Baumquartiers
Schlitznasenfledermaus Nycteris thebaica beim Verlassen eines Baumquartiers Foto: © Piotr Naskrecki

Eine afrikanische Fledermaus, deren Vorkommen auf Sizilien fast zwei Jahrhunderte lang ein ungelöstes zoologisches Rätsel geblieben war, wurde nun auf der italienischen Insel Pantelleria durch ein Forschungsteam der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des Nationalparks Pantelleria dokumentiert. Eine aktuelle Studie liefert den ersten belastbaren Nachweis der Ägyptischen Schlitznase (Nycteris thebaica) in Europa. Damit kommt nicht nur eine weitere Fledermausart zur europäischen Fauna hinzu, sondern erstmals auch ein Vertreter der Familie der Schlitznasen (Nycteridae). 

Pantelleria ist Vulkaninsel im Sizilianischen Kanal zwischen Tunesien und Sizilien. Die Insel nimmt als Bindeglied zwischen Nordafrika und Europa eine biogeografische Schlüsselposition ein und hat sich bereits als wichtig für das Verständnis erwiesen, wie afrikanische Fledermäuse den zentralen Mittelmeerraum erreicht haben könnten.
„Manche zoologischen Nachweise sind nicht deshalb verloren, weil die Tiere verschwunden sind, sondern weil wir aufgehört haben, mit den richtigen Methoden nach ihnen zu suchen“, sagt Erstautor Danilo Russo von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin. „Nycteris thebaica wurde bereits in der sizilianischen Literatur des 19. Jahrhunderts unter uneindeutigen Bezeichnungen erwähnt. Diesen Angaben fehlten jedoch Belegexemplare, genaue Fundortdaten oder diagnostische Beschreibungen. Fast zwei Jahrhunderte lang konnten wir diese historischen Nachweise weder bestätigen noch verwerfen.“

Die Ägyptische Schlitznase ist in Afrika südlich der Sahara weit verbreitet und besitzt zusätzlich ein lückenhaftes nördliches Verbreitungsgebiet in Nordafrika und dem Nahen Osten. Sie ist eine bodennah fliegende, an strukturreiche Lebensräume angepasste „Flüsterfledermaus“, die sehr leise, hochfrequente Echoortungsrufe aussendet. Diese Rufe lassen sich nur schwer aufzeichnen, wenn das Tier nicht sehr nah am Mikrofon vorbeifliegt. Daher kann die Art bei standardmäßigen akustischen Erfassungen leicht übersehen werden.

Nachdem das Team bei einem passiven akustischen Monitoring ungewöhnliche Fledermausrufe entdeckt hatte, führte es in der Nähe des ursprünglichen Aufnahmeortes eine gezielte Erfassung durch. Die Aufnahmegeräte wurden weniger als einen halben Meter über dem Boden angebracht und auf hohe Empfindlichkeit eingestellt, um die schwachen Rufe einer bodennah fliegenden Fledermaus erfassen zu können. So erhielten die Forschenden hochwertige Rufsequenzen, die der Ägyptischen Schlitznasenfledermaus zugeordnet werden konnten. Darunter waren sehr kurze, multiharmonische, frequenzmodulierte Echoortungsrufe, verschiedene Soziallaute sowie eine Sequenz, in der zwei Fledermäuse gemeinsam flogen.

„Diese Aufnahmen sprechen dagegen, dass es sich auf Pantelleria lediglich um ein einzelnes verirrtes Tier handelt“, erklärt Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. „Das gemeinsame Auftreten zweier Fledermäuse und die Soziallaute deuten vielmehr auf eine kleine, bislang unentdeckte Population auf der Insel hin.“

Der Fund erklärt auch, warum die Art bei früheren Erfassungen übersehen wurde. Beim üblichen Fledermausmonitoring werden Mikrofone häufig in größerer Höhe über dem Boden angebracht. Zudem kommen oft Schwellenwerte für die automatische Auslösung von Aufnahmen zum Einsatz, die sehr schwache Signale möglicherweise nicht erfassen, oder automatisierte Arterkennungsprogramme, welche Arten nicht erkennen können, wenn diese in ihren Referenzbibliotheken fehlen. Die Studie auf Pantelleria zeigt, dass schwer nachweisbare Fledermäuse angepasste Erfassungsdesigns erfordern können, darunter bodennahe Mikrofone, empfindliche Aufnahmeeinstellungen und eine manuelle Durchsicht der Aufnahmen.

Aus biogeografischer Sicht stützt der Fund die Annahme, dass Pantelleria und die Inseln im Sizilianischen Kanal nordafrikanischen Fledermäusen als Trittsteine gedient haben könnten. Während früherer Meeresspiegeltiefstände waren die Strecken über offenes Wasser im zentralen Mittelmeer vermutlich kürzer und zwischen dem Maghreb und Sizilien lagen mehr Landflächen über dem Meeresspiegel. Dies könnte selbst Fledermäusen mit langsamem Flug die Besiedlung erleichtert haben.

„Unsere Studie macht aus einer historischen Ungewissheit eine Frage des Artenschutzes“, sagt Russo. „Während Nycteris thebaica auf Pantelleria offenbar lange unbemerkt überdauert hat, müssen wir nun die Größe dieser Population bestimmen, ihre Quartiere finden, untersuchen, ob die Art auch andernorts auf Sizilien oder den Inseln im Sizilianischen Kanal vorkommt, und klären, wie sie geschützt werden sollte.“

Künftige Arbeiten werden sich darauf konzentrieren, die Quartiere zu finden, die genetische Herkunft der Population auf Pantelleria zu bestätigen, ihre Größe abzuschätzen und mögliche Bedrohungen zu untersuchen, darunter Waldbrände und freilaufende Hauskatzen. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass gezielte akustische Erfassungen bislang übersehene Bestandteile regionaler Säugetierfaunen sichtbar machen können, insbesondere Randpopulationen leise rufender Fledermausarten.

Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung


Originalpublikation:

Danilo Russo, Luca Cistrone, Andrea Biddittu, Mirjam Knörnschild: A ghost from the past: Acoustic evidence for the long-overlooked occurrence of the African bat Nycteris thebaica in Europe, Global Ecology and Conservation, Volume 70, 2026, https://doi.org/10.1016/j.gecco.2026.e04377

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