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Kluft zwischen Gesetz und Realität:Wissenschaftlicher Beirat des NAP fordert Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes

Klatschmohfeld
In naturnah bewirtschafteten Kulturlandschaften kann sich Ackerwildkraut wie der Klatschmohn ausbreiten. Wo auf Herbizide verzichtet wird, bestimmen im Frühsommer die leuchtend roten Blüten das Ackerbild wie hier auf einem Feld in Ostdeutschland. Quelle: Carsten Brühl

Der Wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP) fordert eine stringente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes (IPS) in Deutschland. In seiner aktuellen Stellungnahme „Integrierter Pflanzenschutz: Kluft zwischen Anspruch und Realität“ kommt das Gremium zu dem Schluss, dass die seit 2012 gesetzlich vorgeschriebene Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes bislang nicht die erhoffte Entlastung für die Natur entfaltet hat. Ohne ein konsequentes und sofortiges Umsteuern seien die internationalen Umwelt- und Biodiversitätsziele bis zum Jahr 2030 nicht mehr zu erreichen. 

Der Integrierte Pflanzenschutz verfolgt das Ziel, Schädlinge und Krankheiten vorrangig durch vorbeugende, biologische und kulturtechnische Maßnahmen zu kontrollieren. Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollen nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Nach Einschätzung des zwölfköpfigen Expertengremiums wird dieses Prinzip jedoch in vielen Bereichen der landwirtschaftlichen Praxis nicht ausreichend umgesetzt. 

„Trotz der gesetzlichen Verankerung des Integrierten Pflanzenschutzes vor mehr als einem Jahrzehnt ist weder eine deutliche Verringerung der eingesetzten Wirkstoffmengen an Pflanzenschutzmitteln noch eine umfassende Reduktion der Risiken für Umwelt und Biodiversität festzustellen“, betont Carsten Brühl, federführender Autor der Stellungnahme und Professor an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Verkaufszahlen und Anwendungsdaten zeigten, dass der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel weiterhin auf hohem Niveau liege. Gleichzeitig habe sich die toxische Belastung für einige Organismengruppen, darunter Fische, Bodenlebewesen und Pflanzen, sogar erhöht, wie aktuelle Studien belegen.

Der Beirat sieht die Ursachen unter anderem in einer unzureichenden Förderung nicht-chemischer Verfahren, mangelnder Beratung, wirtschaftlichen Zwängen sowie fehlenden Anreizen für resiliente Anbausysteme. Er fordert daher ein Bündel aus ordnungsrechtlichen und förderpolitischen Maßnahmen, um die Umsetzung des IPS flächendeckend zu stärken. Dazu zählen vielfältigere Fruchtfolgen, der verstärkte Einsatz resistenter Sorten, der Ausbau biologischer Verfahren sowie die Nutzung neuer Technologien wie Robotik, Drohnen und Präzisionslandwirtschaft. 

Besondere Bedeutung misst der Beirat dem flächenmäßigen Ausbau und der Entwicklung von Anbausystemen bei, die vollständig ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auskommen, wie in der Ökologischen Landwirtschaft seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert, oder die in einzelnen Kulturen darauf verzichten. Gleichzeitig müsse Landwirtinnen und Landwirten die wirtschaftliche und technische Umsetzung entsprechender Maßnahmen ermöglicht und Umstellungen gefördert werden. 

Mit Blick auf die europäischen und internationalen Biodiversitätsziele warnt der Beirat vor weiterem Zeitverlust. Sowohl die Europäische Union als auch das globale Biodiversitätsabkommen von Kunming-Montreal sehen eine Halbierung der Risiken durch Pflanzenschutzmittel bis 2030 vor. Nach Einschätzung des Gremiums sind diese Ziele ohne eine konsequente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes und eine stärkere politische Unterstützung der Landwirtschaft nicht erreichbar.

RPTU Kaiserslautern-Landau


Zur Stellungnahme (PDF)

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