VBIO

Zukunft Biowissenschaften gemeinsam gestalten! 

Als VBIO sind wir überzeugt: Die Biowissenschaften liefern wichtige Beiträge, um Zukunftsprobleme zu erforschen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Bonobo-Weibchen jagen häufiger als Männchen

Eine Studie zeigt, dass Bonobos geschickte und flexible Jäger sind. Weibliche Bonobos führten 60 Prozent der Jagden an. Weibchen jagten Huftiere etwa dreimal häufiger als Männchen und jagten baumbewohnende Primaten in ähnlichem Umfang wie Männchen. Die Ergebnisse stellen das Paradigma in Frage, dass die Jagd bei den Vorfahren des Menschen in erster Linie ein männliches Verhalten war.

Weibliche Bonobos jagen Affen

Weibliche Bonobos jagen Affen, was eine risikoreiche Verfolgungsjagd durch die Baumkronen erfordert. © Victor Ammann / Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie

Beim Menschen gilt die Jagd als Männerdomäne. Bei einem unserer nächsten lebenden Verwandten hingegen ist die Jagd in erster Linie Frauensache. Eine zehnjährige Studie an wildlebenden Bonobos zeigt, dass die Jagd überwiegend von Weibchen durchgeführt wird, unabhängig davon, ob sie Säuglinge bei sich tragen. Sie sind bei der gefährlichen Aufgabe, Affen im Baumkronendach zu jagen, genauso geschickt wie Männchen und erlegen mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männchen große, am Boden lebende Beutetiere.

Die von Forschern des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie geleitete Studie ist die erste, die das Jagdverhalten in zwei wildlebenden Bonobo-Gemeinschaften über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht und damit den Ruf der Art als weitgehend nicht jagende Tierart endgültig widerlegt. „Bonobos erbeuten nicht nur eine große Vielfalt an Tieren“, sagt Erstautor Gottfried Hohmann, „ihre Gemeinschaften entwickeln auch ausgeprägte Jagdkulturen.“ Die Ergebnisse der Studie stellen zudem gängige Vorstellungen der Geschlechterrollen bei Menschen aus der Vorzeit infrage. „Bonobos sind ein Fenster in die Vergangenheit der Menschheit“, sagt die leitende Autorin Barbara Fruth. „Dank dieser Weibchen können wir das Bild, das wir uns von unseren jagenden und sammelnden Vorfahren gemacht haben, neu überdenken.“

Ein unerwarteter Jäger

Bonobos gelten nicht als die großen Jäger. Unter den Menschenaffen ist es ihr nächster Verwandter - der Schimpanse -, der als berühmt-berüchtigter Jäger gilt. Einzelne Tiere können bei hochkoordinierten Angriffen zusammenarbeiten, um große, in Baumkronen lebende Primaten zu erlegen. Diese Jagden werden von Männchen durchgeführt, die eng miteinander kooperieren und die Beute anschließend untereinander aufteilen. „Bei Schimpansen ist die Jagd eine Angelegenheit der Männchen, da der Besitz und die Kontrolle der Beute mit Dominanz zusammenhängt“, sagt Fruth. „Aber was passiert in einer Gesellschaft, in der Weibchen einen hohen Status genießen?“

Bonobos sind unter den Menschenaffen einzigartig, da Weibchen den Männchen in ihrer Dominanz gleichgestellt, ja meist sogar überlegen sind. Fruth und Hohmann fragten sich, ob diese mächtigen Weibchen den für Schimpansengesellschaften typischen Trend der von Männchen dominierten Jagd umkehren würden.

Jagen ist Dominanz

Nach der Analyse von 415 erfolgreichen Jagden von Bonobos im Forschungsgebiet LuiKotale in der Demokratischen Republik Kongo, stellten die beiden genau das fest. Anders als bei Schimpansen war die Jagd bei Bonobos weiblich dominiert. Ihr Team untersuchte alle erfolgreichen Beutefänge, die in zwei an die Beobachtung des Menschen gewöhnten Bonobo-Gruppen über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachtet wurden. Da es nicht immer möglich ist, den ursprünglichen Jäger zu erkennen, analysierte das Team jede aufgezeichnete Jagd, bei der die Jäger identifiziert werden konnten, und erfasste dabei Geschlecht und Alter der Jäger sowie die erlegte Beute.

In 60 Prozent der dokumentierten Jagden wurden Weibchen als Jägerinnen identifiziert. „Sie waren die Initiatorinnen der Jagden“, sagt Mitautor Mattia Bessone, Postdoktorand an der Uni Konstanz und dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, der die Analyse leitete. „Sie haben den Männchen nicht opportunistisch Beute weggenommen.“

Weibchen jagten zudem unabhängig davon, ob sie abhängigen Nachwuchs hatten oder nicht, was die Vorstellung widerlegt, dass Mütter die Jagd meiden, um ihre Jungen zu schützen. Die Beute mit dem höchsten Risiko - baumbewohnende Affen wie der Rote Stummelaffe - wurde von Männchen und Weibchen gleichermaßen gejagt. Für Hohmann war dies bemerkenswert. „Junge Weibchen jagen Affen in Baumkronen hinterher, die sich verteidigen. Das ist eine wirklich gefährliche Angelegenheit“, sagt er.

Auch das Alter beeinflusste, was die Weibchen jagten. Jüngere Weibchen verfolgten Primaten in den Baumkronen, während ältere Weibchen große, am Boden lebende Huftiere wie Waldantilopen ins Visier nahmen und diese dreimal häufiger erlegten als Männchen. Haben sie die Antilope gefangen, genießen die Weibchen das Privileg, ihre beachtliche Beute zu behalten. Die Macht der Weibchen, so die Autoren, ist das Geheimnis ihres Erfolgs. „Beute zu fangen ist eine Sache, die Kontrolle darüber zu haben, eine andere“, sagt Hohmann. „Möglicherweise fangen Männchen keine große Beute, um Konflikte mit Weibchen um das Fleisch zu vermeiden.“

Jenseits von „der Mann als Jäger“

Die Ergebnisse werfen Fragen zur Jagd des letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen, Bonobos und Schimpansen auf, der vor fünf bis sieben Millionen Jahren lebte. „Das Verhalten von Schimpansen allein liefert möglicherweise kein verlässliches Bild davon, wie dieser Vorfahr jagte“, sagt Fruth. Die Erkenntnisse stellen somit eine gängige Erzählung über die menschliche Evolution in Frage: dass die Jagd in erster Linie eine männliche Tätigkeit war. Wenn weibliche Bonobos in einer Gesellschaft, in der Weibchen einen hohen Status innehaben, die Hauptjägerinnen sein können, war die von Männchen dominierte Jagd nicht unbedingt der einzige Weg, der unseren Vorfahren offenstand.

Das Team verglich zudem das Jagdverhalten der beiden benachbarten Bonobogruppen. Trotz des Zugangs zu denselben Beutetieren unterschieden sie sich in dem, was sie jagten. Während die eine Gruppe hauptsächlich terrestrische Säugetiere jagte, spezialisierte sich die andere auf die Jagd von Affen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Jagd der Bonobos eher von lokalen Traditionen als von der Verfügbarkeit von Beute geprägt ist.

Das Team plant, diese Unterschiede weiter zu untersuchen. Es möchte erforschen, wie sich die Jagdstrategien zwischen den Gemeinschaften unterscheiden und wie sie sich im Laufe der Zeit verändern.

Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie


Originalpublikation:

Gottfried Hohmann, Mattia Bessone, Nadia Balduccio, Francesca Decina, Tanguy Deville, Sonya Pashchevskaya, Valeska Soliday, Kathrine Stewart, Barbara Fruth: Females shape hunting of vertebrates in wild bonobos, Current Biology 2026, DOI: 10.1016/j.cub.2026.09.082

3D Darstellung Untereinheit des neu entdeckten Tandem-Kaliumkanals, in der zwei porenbildende Proteindomänen direkt miteinander verbunden sind.

Forschende haben in einem Algenvirus ein Gen für einen Tandem-Kaliumkanal entdeckt. Der Fund stützt die Annahme, dass Riesenviren wesentlich zur…

Weiterlesen
Die Studie stellt ein neues Hybridsystem vor, das elektrochemische CO₂-Reduktion mit der mikrobieller Biosynthese einer wertvollen Chemikalie in einem einzigen Reaktor vereint.

Um den fortschreitenden Klimawandel nicht weiter zu befeuern, wird nach Technologien gesucht, die CO2 aus der Atmosphäre nutzbar machen. Forschende…

Weiterlesen
Neue Blutgefäße, die aus einer mit menschlichen Endothelzellen ausgekleideten künstlichen Vene aussprossen.

Wie sich die Zellen, die Blutgefäße von innen auskleiden, im Laufe des Lebens verändern, zeigt ein internationales Forschungsteam am CeMM…

Weiterlesen