In der Studie führten 34 Teilnehmende ihre rechte Hand zu ihrer linken Hand, während sie ihre Hände nicht sehen konnten. Während der Bewegung wurde am bewegten Zeigefinger eine kurze Vibration konstanter Stärke appliziert. Nach Abschluss der Bewegung erhielten die Probandinnen und Probanden eine Vergleichsvibration variierender Intensität am Brustbein und mussten urteilen, welcher der beiden Reize stärker empfunden wurde. Derselbe Test wurde durchgeführt, während die Hände ruhig auf dem Tisch lagen, um individuelle Unterschiede in der taktilen Empfindlichkeit auszuschließen.
Die psychophysikalischen Ergebnisse bestätigten das bekannte Phänomen der taktilen Unterdrückung: Während der Handbewegung war die taktile Empfindlichkeit insgesamt vermindert. Bemerkenswert war jedoch ihre zeitliche Dynamik – um die maximale Bewegungsgeschwindigkeit herum, also genau dann, wenn die Feinjustierung der Bewegung der Hand auf ihr Ziel erfolgt, erholt sich die Empfindlichkeit vorübergehend gegenüber der späten Bewegungsphase.
Das EEG zeigte, dass die Wahrnehmungsänderung bereits 45 Millisekunden nach der Vibration im primären somatosensorischen Kortex entsteht – also in dem Hirnareal, wo taktile Reize verarbeitet werden. So hat die Feinsteuerung offenbar nichts mit höheren Gehirnprozessen zu tun: Ein späteres Hirnsignal, das bei Bewertung und Entscheidung mitarbeitet, war zwar ebenfalls gedämpft – aber gleichmäßig über die gesamte Bewegung, ohne Auf- und Ab. Es folgte dem Muster der Wahrnehmung also nicht. Die Anpassung des Tastsinns findet demnach ganz am Anfang der Berührungsverarbeitung statt, lange bevor der Reiz bewertet wird. Und je stärker die Gehirnantwort bei einer Person gedämpft war, desto schwächer empfand sie die Vibration – ein direkter Zusammenhang zwischen frühem Hirnsignal und Erleben.
„Unser Gehirn schaltet den Tastsinn also nicht einfach ab, während wir uns bewegen“, erklärt die Studienleiterin Prof. Dr. Katja Fiehler von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). „Es passt die Verarbeitung von Berührungen gezielt an die Phase der Bewegung an und lässt genau dann wieder sensorische Informationen durch, wenn sie für die Steuerung entscheidend sind." So bleibe das taktile System auf die jeweilige Situation abgestimmt und unterstütze präzise Handlungen, die ohne visuelle Kontrolle allein auf das eigene Tasten angewiesen sind. „Ob dieselbe Feinsteuerung auch bei Bewegungen stattfindet, die mit dem Auge verfolgt werden, müssen weitere Untersuchungen zeigen“, ergänzt Prof. Fiehler.
Justus-Liebig-Universität Gießen
Originalpublikation:
Elena Fuehrer, Dimitris Voudouris, Lisa K. Maurer, Katja Fiehler: Temporal dynamics of early somatosensory processing in goal-directed actions. Journal of Neuroscience 6 October 2026, https://www.jneurosci.org/content/early/2026/10/05/JNEUROSCI.0349-26.2026




