Indonesien kämpft mit den schwersten Waldbränden seit über einem Jahrzehnt. Einige der am stärksten betroffenen Gebiete liegen auf der Insel Borneo. Torfmoore in West-, Zentral- und Südkalimantan schwelen unterirdisch und setzen große Mengen Rauch frei. Doch die Katastrophe ist nicht zu Ende, sobald die Flammen gelöscht sind oder sich der Qualm lichtet. Brände können die Wälder und die in ihm lebenden Tiere schädigen – mit Folgen, die jahrelang andauern können.
Wie sich die Feuersbrunst auf die Orang-Utans auf Borneo auswirkt, können Forschende mithilfe von Langzeitaufzeichnungen an der Tuanan-Orang-Utan-Forschungsstation dokumentieren. 2015 sind sie Zeugen der damals wütenden Brände geworden. An der Forschungsstation hielt sich der Rauch fast hundert Tage lang. „Der Qualm war überall“, erzählt Maria van Noordwijk, eine Max-Planck-Forschungsstipendiatin, die beim Aufbau von Tuanan mitgeholfen hat. Als Folge schienen die Orang-Utans unter Atemwegsproblemen zu leiden. „Man hörte sie husten“, sagt van Noordwijk.
Nach dem Feuer
In den folgenden Jahren dokumentierten die Forschenden, wie sich die Orang-Utans an das Leben in ihrem veränderten Lebensraum anpassten. Sie stellten fest, dass die Pflanzen des Regenwaldes noch zweieinhalb Jahre nach den Bränden weniger Früchte bildeten – möglicherweise weil der Smog die Fotosynthese einschränkte und Bestäubern wie Vögeln und Insekten schadete.
Da ihre Hauptnahrung knapp war, verlegten sich die Orang-Utan-Weibchen aufs Energiesparen: Sie zogen weniger umher, ruhten sich häufiger aus und griffen auf minderwertigere Ersatznahrung zurück. Untersuchungen ergaben zudem, dass die Tiere Gewicht verloren. Sie schienen also die körpereigenen Reserven anzuzapfen.
Auch der Wald selbst hatte sich verändert. Rund 15 Prozent des Waldes von Tuanan wurden durch die Brände von 2015 zerstört. Dies zwang einige Orang-Utans, ihre Reviere zu verlassen und in Gebiete vorzudringen, die bereits von anderen besetzt waren. Dadurch verschärfte sich der Wettbewerb um Ressourcen untereinander. „Tiere, die ihre Heimat verloren hatten, mussten umziehen. Alle anderen mussten ihre Reviere mit den Flüchtlingen teilen. Letztlich waren also alle von den Bränden betroffen“, sagt van Noordwijk.
Dadurch begannen die sozialen Beziehungen zu bröckeln. Erwachsene Weibchen verbrachten weniger Zeit damit, gemeinsam mit weiblichen Verwandten und sogar ihren eigenen, bereits selbstständigen Jungtieren nach Nahrung zu suchen. Unter nicht verwandten erwachsenen Weibchen ging der Wettbewerb um knappe Ressourcen mit größerer sozialer Intoleranz und Aggression einher.
Dies könnte sich auf die Fortpflanzung und das Überleben der Tiere ausgewirkt haben. In den zweieinhalb Jahren nach den Bränden wurden bei den Weibchen keine Schwangerschaften verzeichnet, und drei der ältesten Weibchen der Studie waren bis Ende 2017 verschwunden. Es ist nicht klar, ob die Brände das Verschwinden der Weibchen tatsächlich verursacht haben, doch der zeitliche Zusammenhang war auffällig. „Nach den Bränden haben wir drei ältere Weibchen verloren – weit mehr als aufgrund der extrem hohen Überlebensraten erwachsener Orang-Utan-Weibchen, die im Rahmen der Langzeitstudie festgestellt wurden, zu erwarten war““, sagt van Noordwijk.
Was könnten die aktuellen Brände für die Orang-Utans bedeuten?
Die Erkenntnisse aus den Bränden von 2015 und deren Folgen bieten eine einzigartige Perspektive auf die Brände, die heute auf Borneo wüten. Die unmittelbaren Gefahren durch Flammen und Rauch sind nur ein Teil der Geschichte. Der Waldverlust kann die Nahrungsverfügbarkeit verringern, soziale Beziehungen stören und Orang-Utans dazu zwingen, Energie für die Anpassung an eine veränderte Umwelt aufzuwenden. „Brände wirken sich also noch Monate oder sogar Jahre nach dem Erlöschen der Flammen auf die Tiere aus“, sagt van Noordwijk.
Die Brände von 2026 haben bislang schätzungsweise 30 Prozent des Untersuchungsgebiets zerstört. „Dieser Verlust wird zu vielen der gleichen Belastungen führen, die nach den Bränden von 2015 dokumentiert wurden“, sagt van Noordwijk. „Gleichzeitig befürchte ich, dass die Folgen schlimmer sein werden als beim letzten Mal.“
Die Bedrohung durch die diesjährigen Brände erreichte im Oktober ihren Höhepunkt, als Einsatzkräfte in Tuanan Tag und Nacht damit beschäftigt waren, Brandschneisen anzulegen und Wasser auf die aktiven Brände zu pumpen. „Natürlich beobachtet niemand Orang-Utans während der Zeit mit dem höchsten Brandrisiko“, sagt Maria van Noordwijk, eine Max-Planck-Forschungsstipendiatin, die beim Aufbau von Tuanan mitgeholfen hat.
Deshalb sind Langzeitbeobachtungsstandorte wie Tuanan von unschätzbarem Wert. Sie liefern Aufzeichnungen darüber, wie der Wald und seine Orang-Utans vor Ausbruch der Brände aussahen. Durch die fortgesetzte Beobachtung des Bestands können Wissenschaftler die Folgen der aktuellen Brände mit ihren Beobachtungen von vor einem Jahrzehnt vergleichen. „Nur dank Forschungsstationen wie Tuanan können wir herausfinden, welche Auswirkungen Brände haben und wie lange die Orang-Utans brauchen werden, um sich zu erholen“, sagt Meg Crofoot, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Tierverhalten.
Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie
Originalpublikation:
Ashbury, A.M., Meric de Bellefon, J., Kunz, J.A. et al. After the smoke has cleared: Extended low fruit productivity following forest fires decreased gregariousness and social tolerance among wild female Bornean orangutans (Pongo pygmaeus wurmbii). Int J Primatol43, 189–215 (2022). doi.org/10.1007/s10764-021-00263-x




