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Kleiner RNA-Schalter, großes Potenzial

Sequenzierung erlaubt einen Einblick in die Selektion von Aptameren, links dreidimensionale Struktur eines Aptamers, rechts Analyse von Sequenzierdaten
Sequenzierung erlaubt einen Einblick in die Selektion von Aptameren, links dreidimensionale Struktur eines Aptamers, rechts Analyse von Sequenzierdaten, Bild: Beatrix Süß

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von TU-Professorin Beatrix Süß hat in enger Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern in Deutschland und Dänemark aufgeklärt, wie ein neu an der TU Darmstadt entwickelter RNA-Schalter das Antibiotikum Doxycyclin erkennt und damit gezielt an- oder abschaltet, ob ein Gen abgelesen wird. Das macht Doxycyclin zu einer vielversprechenden Basis für die Synthetische Biologie und womöglich auch für Gentherapien. 

Doxycyclin wird seit Jahrzehnten gegen bakterielle Infektionen eingesetzt, ist gut verträglich und gelangt leicht in Zellen. Genau das macht es zu einem idealen Signalstoff: Wer es einer Zelle zuführt, kann einen bestimmten RNA-Schalter (Riboswitch) von außen bedienen. Der Schalter mit der kurzen Bezeichnung „G12“ ist klein, im Labor entwickelt und arbeitet zuverlässig in Hefe wie in menschlichen Zellen. Die Studie zeigt erstmals, warum er so gut funktioniert – und macht ihn damit zu einer vielversprechenden Basis für die Synthetische Biologie und womöglich auch für Gentherapien.

Wie regulieren RNA-Schalter die Genexpression?

RNA ist vor allem dafür bekannt, genetische Information zu transportieren – doch sie kann weit mehr. Indem sie sich zu komplexen dreidimensionalen Strukturen faltet, können RNA-Moleküle auch als Sensoren und Regulatoren in der Zelle wirken. Riboswitches (Riboschalter) finden sich seit Jahrmilliarden vor allem in Bakterien und anderen Mikroorganismen, wo sie den Zellen helfen, ihren Stoffwechsel an eine sich verändernde Umwelt anzupassen. Ein natürlicher Riboswitch erkennt in der Regel ein spezifisches Stoffwechselprodukt. Bindet dieses Molekül, verändert die RNA ihre Form und beeinflusst damit, ob eine genetische Botschaft in ein Protein und damit meist in eine Funktion oder Eigenschaft übersetzt wird. Ein Riboswitch wirkt auf diese Weise wie ein molekularer Schaltknopf, der die Genexpression als Antwort auf ein chemisches Signal justiert. Künstlich hergestellte Riboswitches übertragen dasselbe Prinzip auf Substanzen, die von den Forschenden frei gewählt werden können. Doxycyclin wird seit Jahrzehnten als Antibiotikum eingesetzt. In der nun in Nature Communications publizierten Studie übernimmt es jedoch eine zweite Rolle: Es dient als chemischer Auslöser, der den künstlichen RNA-Schalter G12 bedient.

Von Tetracyclin zu Doxycyclin: ein neuer Star der Riboswitches

Viele RNA-Moleküle können kleine Verbindungen binden, doch nur wenige lassen sich in wirksame Riboswitches umwandeln. Denn Bindung allein genügt nicht: Die RNA muss die molekulare Erkennung auch in eine Strukturänderung übersetzen, die stark genug ist, um die Genexpression zu beeinflussen. Solche seltenen Kandidaten zu finden erfordert deshalb das umfangreiche Durchmustern großer RNA-Bibliotheken, extrem umfangreiche Sequenzierung und vor allem funktionelle Tests in lebenden Zellen. Bereits 2003 zeigten Süß und ihre Kolleginnen und Kollegen, dass sich Aptamere – kurze RNA-Stücke, die einen bestimmten Stoff passgenau erkennen – auf das Antibiotikum Tetracyclin anwenden und nutzen lassen, um die Proteinproduktion in Hefe bedingt zu regulieren. Diese in „Nucleic Acids Research“ veröffentlichte Arbeit begründete eine der wegweisenden Plattformen für synthetische RNA-Schalter. Die neue Studie knüpft daran an und fügt dem molekularen Werkzeugkasten einen weiteren hochleistungsfähigen Regulator hinzu – nun mit Doxycyclin als Auslöser und wirkungsvoller wie der Tetracyclin-basierte Schalter. 

Über den Schalter hinaus: Wohin G12 führen könnte

Das Forschungsteam untersucht derzeit weiter die dreidimensionale Struktur von G12, um dessen Funktionsweise besser zu verstehen. Diese Erkenntnisse könnten helfen, künftige RNA-Schalter gezielt zu entwerfen. Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie lotet das Team außerdem aus, wie sich G12 für breitere Anwendungen in der Synthetischen Biologie anpassen lässt – einschließlich der kontrollierten Expression ausgewählter Gene in Pflanzen. 
Eine weitere vielversprechende Richtung ist die Kombination von G12 mit selbstspaltenden RNA-Enzymen, den sogenannten Ribozymen. Solche Hybridkonstrukte, häufig als Aptazyme bezeichnet, ließen sich so gestalten, dass Doxycyclin darüber entscheidet, ob eine Boten-RNA (mRNA) intakt bleibt oder gespalten und anschließend abgebaut wird. Langfristig könnte dieses Prinzip eine zusätzliche Kontroll- und Sicherheitsebene für mRNA-basierte Medikamente – darunter Impfstoffe – sowie für Gentherapien bieten. Eine solche RNA-basierte „Notbremse“ könnte es eines Tages erlauben, die Produktion eines therapeutischen Proteins zu drosseln oder zu stoppen, falls unerwünschte Effekte auftreten. Auch wenn diese Anwendungen noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen, ist das Team überzeugt, dass G12 den Weg zur Entwicklung solcher Schutzmechanismen in naher Zukunft ebnen kann.

TU Darmstadt


Originalpublikation:

Hoetzel, J., Walbrun, A., Schäfer, M. et al. Mechanism underlying the high regulatory performance of the doxycycline riboswitch G12. Nat Commun17, 7697 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-76256-2

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