Die Skelettmuskulatur setzt an den Knochen unseres Skeletts an und ermöglicht es uns, Bewegungen oder Kraft auszuüben. Sie besteht aus langen mehrkernigen Muskelfasern. Deren Vorstufen, die Myotuben, entstehen durch die Fusion von einzelnen Myoblasten.
Bislang hatte sich die Forschung dazu, wie diese Fusion reguliert wird, auf das Verständnis der molekularen Signale konzentriert. In jüngerer Zeit hat sich jedoch gezeigt: Zellen reagieren auch auf physikalische Kräfte und mechanische Eigenschaften ihrer Umgebung. Wie solche mechanischen Signale im sich entwickelnden Muskelgewebe organisiert sind und ob sie Einfluss darauf haben, wo Myoblasten verschmelzen, war kaum erforscht.
Muskelzellen organisieren sich wie ein aktives Material
Das Team um Prof. Benoît Ladoux, Leiter der Abteilung Mechanobiologie von Geweben am MPZPM, beschreibt die Organisation von Myoblasten mit Konzepten aus der Physik. Denn: Wenn Myoblasten wachsen, ordnen sie sich nicht zufällig an. Vielmehr organisieren sie sich selbst zu Bereichen mit einer bestimmten Zellausrichtung. Gemeinsam bilden diese Domänen Muster.
Sogenannte aktive Nematen sind Modellsysteme, die die Wissenschaftler*innen unterstützen, diesen selbstorganisierten Prozess zu verstehen. In der Physik kennt man als aktive Nematen beispielsweise Flüssigkristalle, bei denen sich Moleküle parallel zueinander anordnen und ein geordnetes Muster bilden. Die Myoblasten formen kometen- und kleeblattförmig Muster. In speziellen Punkten, den sogenannten topologischen Defekten, löst sich die einheitliche Ausrichtung der Zellen auf. Die Defekte stehen nachweislich in Zusammenhang mit Bereichen hoher mechanischer Druckbelastung. An diesen Stellen fusionieren Myoblasten bevorzugt.
„Mithilfe eines In-vitro-Modells von Hühnermyoblasten sowie modernster Techniken zur Kraftmessung und zur Live-Zell-Bildgebung konnten wir nachweisen, dass Myoblasten nicht gleichmäßig im gesamten Gewebe fusionieren. Stattdessen sammeln sie sich bevorzugt in Bereichen an, in denen eine hohe mechanische Kraftbelastung wirkt“, erklärt Dr. Sushil Dubey, Autor der Studie und Postdoktorand am MPZPM.
Die Umgebung „merkt“ sich die Ordnung der Zellen
Der Mechanismus beschränkt sich nicht nur auf die Myoblasten selbst, sondern umfasst auch den umgebenden interzellularen Raum, die extrazelluläre Matrix (ECM). Während ihrer Ausrichtung gestalten die Myoblasten diesen mit. Die ECM ist ein Netzwerk aus Proteinen, welches die Zellen stützt und Kräfte überträgt. Sie folgt bei ihrer Organisation dem Muster der Zellausrichtung sehr genau. Die Forschenden konnten zeigen: Myoblasten ordnen die Matrix entlang ihrer eigenen Ausrichtung an. So spiegelt die ECM das Muster der Zellschicht wider.
Diese Kopplung stabilisiert topologische Defekte und verstärkt die damit verbundenen mechanischen Spannungsmuster. Nachdem die ursprüngliche Zellpopulation entfernt und frische Myoblasten auf die verbleibende extrazelluläre Matrix aufgebracht wurden, behielt die ECM Aspekte des ursprünglichen mechanischen Spannungsmusters bei und reproduzierte diese.
Dies liefert einen physikalischen Mechanismus: Die Erinnerung der zellulären Organisation kann das zukünftige Verhalten benachbarter Zellen beeinflussen.
Eine Rückkopplungsschleife prägt das Muskelwachstum
Die Studie zeigt, dass mechanische Kräfte nicht einfach die passive Folge von Muskelzellaktivität sind. Vielmehr sind sie Teil einer Rückkopplungsschleife. Verschmelzen Myoblasten, bilden sie längliche Myotuben. Während ihrer Entwicklung richten diese sich zunehmend aus, was die nematische Organisation des Gewebes verändert. Dadurch nehmen mechanische Spannungen zu. Gleichzeitig bauen die Zellen die ECM um, was in der Folge die Spannungsmuster stabilisiert. Diese mechanisch organisierten Bereiche bestimmen, wo später Myoblasten fusionieren.
„Die Muskelbildung wird nicht nur durch biochemische Signale gesteuert. Auch die mechanische Umgebung, die von den Zellen und ihrer umgebenden Matrix geschaffen wird, kann mitbestimmen, wo eine Fusion stattfindet“, sagt Ladoux.
Von einzelnen Zellen zum organisierten Muskel
Die Ergebnisse erklären physikalisch, wie lokale zelluläre Wechselwirkungen während der Muskelbildung zu einer großräumigen Organisation führen können. Die Studie legt nahe, dass molekulare Mechanismen die Fusion von Muskelzellen zwar ermöglichen, die mechanische Organisation der Umgebung aber mitbestimmt, wo sie am wahrscheinlichsten stattfindet.
Diese sich selbst verstärkende Wechselwirkung zwischen Zellaktivität, extrazellulärer Matrix und mechanischer Belastung könnte nicht nur für die Entwicklung der Skelettmuskulatur relevant sein, sondern auch für Prozesse, bei denen sich Gewebe während des Wachstums und der Regeneration selbst organisiert.
Die Arbeit unterstreicht einen wichtigen Gedanken in der Entwicklungsbiologie, wonach mechanische Kräfte nicht lediglich eine Folge der Gewebeentwicklung sind, sondern zu deren Organisation beitragen können.
Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin
Originalpublikation:
Le Toquin, Y., Dubey, S., Ardaševa, A. et al. “Extracellular-matrix mediated stresses spatially bias myoblast fusion and myotube growth.” Nature Communications (2026).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-026-76967-6




