Forschende der Universität Salford analysierten für ihre Studie die Genome von 11 Brüllaffenarten aus Süd- und Mittelamerika in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, darunter SNSB Zoologin Anneke van Heteren. Sie fanden darunter überraschend gleich zwei neue Arten: den Pantepui-Brüllaffen Alouatta iroi im nördlichen Amazonasgebiet Brasiliens, Guyanas und Venezuelas, sowie den Mato-Grosso-Brüllaffen Alouatta matogrossensis im brasilianischen Amazonasgebiet, südlich des Unterlaufs des Amazonas. Das Forscherteam kombinierte seine Genomanalysen mit morphologischen Daten von Sammlungsexemplaren, unter anderem aus der Zoologischen Abteilung der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Ergebnis ist die Rekonstruktion der bislang umfassendsten Evolutionsgeschichte der ausschließlich in Mittel- und Südamerika heimischen Brüllaffen.
Die Ergebnisse kommen 85 Jahre nach der Beschreibung der letzten Brüllaffenart im Jahr 1941. Die Studie ist ein wichtiger Baustein für das Verständnis, wie sich diese Primatengattung entwickelt und in der Amazonas-Region ausgebreitet hat. Die Forschenden fanden heraus, dass große Flüsse wie der Amazonas sowie der Rio Branco und der Rio Xingu seit Millionen von Jahren als natürliche Barrieren fungieren. Sie verhindern, dass sich Populationen vermischen, und sich stattdessen unterschiedliche Arten entwickeln. Diese geografischen Barrieren haben maßgeblich zur Entfaltung der enormen Artenvielfalt beigetragen, die heute im gesamten Amazonasbecken zu beobachten ist.
Die Forschenden fanden auch Hinweise, dass mehrere der untersuchten Populationen einem akuten Aussterberisiko ausgesetzt sind, darunter auch die beiden neu erkannten Arten. Insbesondere die großflächige Vernichtung von Regenwald zur Gewinnung von Ackerland nimmt den Tieren ihren nötigen Lebensraum.
Jean Boubli, Professor für Primatenökologie und -evolution an der Universität Salford und einer der Hauptautoren, sagt: „Diese Entdeckung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, da zunehmende Entwaldung, Klimawandel und Lebensraumverlust viele amazonische Arten bedrohen, noch bevor sie von der Wissenschaft vollständig erforscht oder gar entdeckt wurden. Wir hoffen, dass diese Erkenntnisse Naturschutzorganisationen dabei helfen werden, die am stärksten gefährdeten Populationen zu identifizieren und Schutzmaßnahmen im gesamten Amazonasbecken zu priorisieren.“
Romina Batista, ebenfalls von der Universität Salford, sagt: „Unsere Studie zeigt, dass der Amazonas noch immer bemerkenswerte biologische Geheimnisse birgt, selbst bei relativ bekannten Tieren wie den Primaten – darunter die beiden Brüllaffenarten. Seit 2000 wurden 26 neue Arten entdeckt. Diese Erkenntnisse sind besonders wichtig, da viele dieser Populationen einem zunehmenden Druck durch Lebensraumverlust und Umweltveränderungen ausgesetzt sind. Das Verständnis der verschiedenen existierenden Arten ist der erste Schritt zu ihrem Schutz.“
Co-Autorin Anneke van Heteren von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns sagt: „Unsere Arbeit belegt einmal mehr, wie wichtig große wissenschaftliche Sammlungen sind, um den aktuellen Zustand des Lebens auf unserem Planeten beurteilen zu können. Das Leben auf der Erde verändert sich stetig - Sammlungen helfen diese Veränderungen zu entdecken und zu verstehen. Auch Neuentdeckungen wie hier die beiden Brüllaffenarten lassen sich nur durch den Vergleich mit bereits bekannten Arten sicher erkennen.”
Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Originalpublikation:
Batista, R., Semedo, T.B.F., Beck, R.M.D. et al. Genome-wide analyses reveal recent diversification and hidden diversity in Amazonian howler monkeys, including two new species. Commun Biol (2026). https://doi.org/10.1038/s42003-026-11187-8




